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Schüsse auf den ersten & zweiten Pfosten

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Spielverlagerung bringt in diesem Beitrag dem Leser etwas Statistik näher – wie erfolgreich sind Schüsse aus unterschiedlichen Positionen auf den ersten oder zweiten Pfosten? Dabei wurde eine interessante Entdeckung gemacht.

Dieser Artikel wurde übrigens ursprünglich von  Colin Trainor auf Englisch verfasst und von mir nur übersetzt. Es gibt viele weitere interessante statistische Analysen von Colin und anderen Autoren bei der Seite Statsbomb. Zeitnah werden wir bei Gelegenheit einige weitere interessante Analysen übersetzen.

In einem vorherigen Artikel habe ich Untersuchungen zum Prozentsatz der Erfolgswahrscheinlichkeit bei Schüssen und Kopfbällen vorgenommen, die der abschließende Spieler erwarten kann, wenn er in eine bestimmte Zone des Tores trifft. Da dies mein erster Versuch eines Blicks auf das Platzieren von Schüssen war habe ich alle Schüsse zusammengezählt, aber die Schwierigkeit bei Statistiken und Daten ist, dass man nie das erste Messsystem für bare Münze nehmen darf, da weitere Analysen vorgenommen werden können. Die zweite Analyseebene kann zwangsläufig interessante Einsichten gewähren, die zuvor auf einem höheren Level der Datenbetrachtung untergingen.

Zur Erinnerung sind hier nochmal die Prozentzahlen des Erfolgs für jeden Schuss und Kopfball:

Erfolgsverteilung aller Schüsse aufs Tor aus Sicht des Stürmers

Wir blicken hierbei auf das Tor aus der Stürmerperspektive. Ich will nun weitere Analysen vornehmen um zu sehen, welche weiteren Informationen man daraus ziehen kann und darum werde ich die Platzierung der Schüsse auch darauf basieren, von wo die Schüsse oder Kopfbälle gemacht wurden.

Ich habe dafür alle nicht-geblockten Schüsse und Kopfbälle in drei Zonen auf dem Platz unterteilt, nämlich rechts, links und zentral, wie im folgendem Bild zu sehen:

Einteilung in die Spielfelddrittel

Die Grenzen der drei Zonen wurden bewusst so gezogen um sicherzugehen, dass 50% der Schüsse aus der Stichprobe in die zentrale Zone fallen und die anderen 50% fast gleich auf links und rechts aufgeteilt sind.

Die zentrale Schusszone

Sehen wir uns zuerst alle Schüsse an, die aus der zentralen Zone vorgenommen wurden.

Erfolgsrate aller Schüsse aus dem Zentrum

Es ist keine Überraschung, dass die generelle Gestalt dieser Heatmap der Schusserfolgsraten ziemlich ähnlich zu jener Grafik ganz oben im Artikel für alle Schüsse ist. Der größte Unterschied ist, dass die Erfolgsraten flächendeckend höher sind, weswegen es deutlich mehr von „Rot“ zu sehen gibt. Da wir uns die Schüsse aus den besten Positionen ansehen, nämlich direkt vor dem Tor, passt das zu unserer Erwartung.

Schüsse von rechts

Wir blicken nun auf die Schüsse, die von der rechten Schusszone (nach Definition der zweiten Grafik im Artikel) gekommen sind.

Erfolgsrate aller Schüsse von rechts

Jetzt wird es interessant! Dieses Bild oben zeigt die Erfolgsraten für Schüsse von der rechten Seite des Platzes und ein klares Bild zeigt sich. Wie erwartet gibt es deutlich mehr Blau statt Rot auf diesem Bild als bei der vorherigen Heatmap, weil wir nun auf Versuche aus weniger attraktiveren Schusspositionen blicken. Das ist aber nicht das verblüffende daran.

Die Heatmap ist sehr unbalanciert, die roten und orangen Zonen konzentrieren sich auf die linke Seite. Diese mangelnde Balance ist so groß, dass bei einer hypothetischen Teilung des Tors in drei Teile die durchschnittliche Verwertungsrate für Schüsse aufs Tor ganz links (der zweite Pfosten) bei 32% liegt, im zentralen Drittel bei 7% und im rechten Drittel (dem kurzen Pfosten) bei 14%.

Wie bei meinem vorherigen Artikel gesehen und wie es die Logik diktiert sollten Schüsse in die Mitte des Tores die geringste Verwertungsrate haben. Aber eine 2,25mal so hohe Verwertungsrate für Schüsse aufs Tor auf den zweiten Pfosten  im Vergleich zu Schüssen auf den ersten Pfosten wirkt auf mich sehr signifikant.

Und was ist bei Schüssen von der anderen Seite?

Schüsse von links

Erfolgsrate der Schüsse von der linken Seite

Man erkannt die gleiche Verteilung, nur verkehrt herum. Von links hat das Drittel am zweiten Pfosten (rechts) eine Verwertungsrate von 30%, die Mitte kommt auf 8% und 15% sind es beim linken Teil, dem kurzen Pfosten. Das bedeutet, dass Schüsse aufs Tor auf den zweiten Pfosten von links mit doppelt so hoher Erfolgsrate verwertet werden

Das passt ziemlich gut zu den Ergebnissen der anderen Seite des Platzes. In Anbetracht der Ergebnisse lässt sich mit hoher Sicherheit schlussfolgern, dass Schüsse auf den zweiten Pfosten circa doppelt so viel Erfolg bringen wie Schüsse auf den ersten Pfosten. Auch ohne noch tiefere Betrachtung empfinde ich das als ziemlich wichtiges Stück Information.

Verfahrensfrage

Für den Rest dieses Artikels wird als „zweiter Pfosten“ jener Bereich bezeichnet, wo der Ball über die Torlinie von Beginn des zweiten Drittels des ballfernen Pfostens bis Ende geht; beim ballnahen Pfosten dann natürlich das Gegenteil. Der verbleibende Artikel konzentriert sich auf Schüsse von rechts und links, da ich dieses Phänomen näher mit mehr Details untersuchen möchte.

Der zweite Pfosten ist überlegen

Was bedeutet das also? Mein erster Gedanke war, dass Andy Grays Klischee „er hätte den Torwart kreuzen sollen“ korrekt ist. Aber ich gebe ihm nur half marks, denn ich glaube seine Einschätzung basiert auf dem Fakt, dass bei einem fehlgeschlagenen Schuss auf den zweiten Pfosten bei einer erfolgreichen Parade des Torwarts das angreifende Team noch die Möglichkeit auf einen gefährlichen Abpraller und einen zweiten Abschluss hat. Schüsse auf den kurzen Pfosten haben diesen Luxus nicht.

Aber nicht für eine Sekunde glaube ich, dass Andy Gray sich über die 2- bis 2,25mal so hohe Erfolgsrate bei Schüssen auf den zweiten Pfosten bewusst war. Und wenn er sich dessen bewusst war, dann behielt er – wie jeder andere im Fußball – diesen bestimmten Goldnugget gut für sich.

Mögliche Gründe für diese Diskrepanz

Die erste mögliche Erklärung für diesen Unterschied liegt womöglich in meiner Einschränkung auf Schüsse aufs Tor. Damit ignoriere ich natürlich Schüsse, die daneben oder darüber gehen. Vielleicht wäre eine Betrachtung der Tore als Prozentsatz aller nicht geblockten Schüsse dafür besser geeignet, da es womöglich schwieriger das Tor zu treffen ist, wenn man quer auf den zweiten Pfosten schießt, anstatt auf den ersten Pfosten.

Nach weiterer Untersuchung fand ich heraus, dass 68% aller Schüsse auf den zweiten Pfosten daneben gingen, verglichen mit 64% der Schüsse auf den ersten Pfosten. Dieser geringe Unterschied reicht aber nicht ansatzweise aus, um den Unterschied in den erzielten Toren der nicht geblockten Schüsse zu erklären.

Inklusive der Schüsse neben oder über das Tor landen 9,9% aller nicht geblockten Schüsse auf den zweiten Pfosten im Tor, während diese Erfolgsrate bei nicht geblockten Schüssen auf den kurzen Pfosten auf 5,3% fällt. Wir kommen also letztlich auf eine 1,8mal so hohe Erfolgsrate bei nicht geblockten Schüssen auf den zweiten Pfosten im Vergleich mit den nicht geblockten Schüssen auf den ersten Pfosten. Somit bleiben wir auch nach der Bereinigung der Differenz bezüglich Schüssen neben das Tor mit einem signifikanten und ungeklärten Unterschied bei den Erfolgsraten.

Die zweite Möglichkeit: Kann es sein, dass Torhüter übermäßig besorgt sind ein Gegentor am kurzen Pfosten zu erhalten? Kein Zweifel, dass der Torwart schlecht aussieht, wenn er ein Gegentor an seinem kurzen Pfosten erhält. Aber vielleicht stehen sie zu sehr am kurzen Pfosten auf Kosten eines langen Schusses?

Zurzeit kann ich diesen Punkt leider nicht belegen oder widerlegen, da ich keinen Zugang zu Positionierungen des Torwarts zum Zeitpunkt des Schusses habe. Darum muss ich mich leider zum nächsten Punkt begeben.

Eine dritte Möglichkeit für die Differenz könnte das Ausschließen der geblockten Schüsse aus der Analyse sein. Wir wissen zwar nicht, wohin sie gehen, aber ein Schuss quer auf den zweiten Pfosten muss durch die Mitte des Platzes. Damit erscheint es wahrscheinlich, dass diese Schüsse eher geblockt werden als Schüsse auf den kurzen Pfosten. Aber ist die fast doppelt so große Differenz in den Erfolgsraten wirklich durch geblockte Schüsse zu erklären?

Das ist eine ziemlich schwer zu beantwortende Frage, denn wir haben keine Möglichkeit zu wissen, wohin die geblockten Schüsse gegangen wären. Allerdings wurde mir so manche potenziell unmögliche mentale Gymnastik erspart, denn selbst wenn jeder geblockte Schuss auf den zweiten Pfosten gegangen wäre (und keiner in die Mitte oder auf den ersten Pfosten), so wäre die Erfolgsrate aller Schüsse auf den zweiten Pfosten nach wie vor größer. Und das ist ziemlich besonders.

Obwohl das eine gute Nachricht ist, habe ich als Mann der Nummern einen inneren Wunsch diese Effektive zu quantifizieren und werde versuchen eine fundierte Vermutung nach dem Ort, wohin die geblockten Schüsse gegangen wären, zu machen.

Darum werden wir zuerst die nicht geblockten Schüsse aufteilen.

Aufteilung aller Schüsse nach Zonen

Wie bereits erwähnt würde ich annehmen, dass Schüsse auf den kurzen Pfosten seltener geblockt werden als Schüsse auf den zweiten Pfosten. Aber ich würde ebenfalls davon ausgehen, dass Schüsse in die zentrale Zone ähnlich oft geblockt werden wie die Schüsse auf den langen Pfosten. Setzen wir dies voraus, dann können wir hypothetisch annehmen, dass die Schüsse auf den zweiten Pfosten und in die Mitte doppelt so oft geblockt werden wie die Schüsse auf den ersten Pfosten. Das ist zwar nur geraten, aber es erscheint vernünftig und ich muss eine Nummer wählen.

Diese Gewichtung der geblockten Schüsse mit dem Volumen der nicht geblockten Schüsse resultiert in einer hypothetischen Verteilung geblockter Schüsse wie folgt:

  • Zweiter Pfosten: 53%
  • Zentrale Zone: 21%
  • Erster Pfosten:  26%
  • Gesamt: 100%

Darum werde ich die geblockten Schüsse in meinem Datensatz in den oben angeführten Verhältnissen aufteilen. Hierbei möchte ich anführen, dass der einzige Zweck der zuvor geschriebenen Paragraphen war, die Nummer der geblockten Schüsse für die jeweiligen Zonen schätzen zu können. Ohne diese könnte die Analyse nämlich nicht ordentlich beendet werden können.

Natürlich können diese Annahmen angezweifelt werden, aber ich denke nicht, dass ich zu weit weg bin mit meinen benutzten Schätzungen. Und noch wichtiger: Die Zweifel sind sicherlich nicht ausreichend, um die Kernaspekte meiner Erkenntnisse in der Analyse beanstanden zu können.

Verwertungsrate aller Schüsse

Ausgerüstet mit einer Einschätzung der geblockten Schüsse für alle Torzonen können wir nun zu einer Einschätzung gelangen, die sämtliche zu Toren führenden Schüsse von der Seite beinhaltet und unterscheidet, ob der Ball am ersten oder zweiten Pfosten oder im Zentrum im Tor gelandet wäre. 6,8% der Schüsse auf den zweiten Pfosten waren dabei letztlich erfolgreich; bei den Schüssen auf den ersten Pfosten waren es nur 4,4%. In rohen Zahlen wirken die beiden Verwertungsraten sehr gering, aber wir dürfen nicht vergessen, dass über Schüsse aus weniger attraktiven Zonen sprechen, also außerhalb des Mittelstreifens der ersten Grafik.

Fazit

Was ich in diesem Artikel dargelegt habe, wirkt ziemlich fundamental. Wenn aus weniger attraktiveren Positionen geschossen wird, dann hat der Spieler im Schnitt eine 1,5mal so hohe Verwertungsrate bei Schüssen auf den ballfernen als auf den ballnahen Pfosten.

Dieser Fakt an sich ist nicht so besonders, aber wenn man auch noch bedenkt, dass beim Schuss auf den zweiten Pfosten der Ball gehalten wird und die Mannschaft noch einen Abstauber erhält, ist der Vorteil noch größer als der 1,5-Multiplikator von oben.

Warum?

Die Frage, die ich nicht ordentlich beantworten konnte, ist, wieso dieses Phänomen in professionellem Fußball existiert, wo die Vereine Zugriff zu besseren Daten und größere Hirne als meines haben? Ich glaube nicht, dass es an der Varianz liegt, denn mein Datensatz hat eine riesige Anzahl an Schüssen. Er beinhaltet jeden Schuss in den Top-5-Ligen während der 2012/13-Saison; insgesamt also fast 50‘000 Schüsse.

Nach der Arbeit an meinem Artikel kann ich nur zu der Lösung kommen, es liegt an der Positionierung des Torhüters. Ich habe die meisten Sachen berücksichtigt, wie zum Beispiel die Schwierigkeit das Tor zu treffen oder die Anzahl der geblockten Schüsse. Kann es sein, dass die Torhüter wirklich so bewusst sind bezüglich ihres Stolzes am nahen Pfosten sind, dass sie es überkompensieren? Ich bin zurzeit nicht im Stande kohärente, weitere Gründe anzubringen.

Um Reaktionen zu diesem Artikel zu erhalten sendete ich eine Vorlage zu David Sally und Chris Anderson, den Co-Autoren von „The Numbers Game“. David schrieb davon, dass die höhere Erfolgsrate bei Schüssen auf den ballfernen Pfosten einen weiteren Aspekt der Art, wie Torhüter spielen, indizieren könnte. Wenn sie langsam beim Herauskommen von der Linie sind, dann würden sie aus einfachen geometrischen Gründen öfter Schüssen auf den langen Pfosten als auf den kurzen Pfosten ausgesetzt sein.

Wie in meinem Vorwort zu diesem Beitrag erwähnt kann man eine Facette des Spiels untersuchen, indem man nur ein headline measurement nimmt, wie zum Beispiel die Verwertungsrate für alle Schüsse in diesem Fall. Wir können aber noch eine Stufe weitergehen und die Daten auf die Spielfeldseiten aufteilen, aber selbst das könnte nicht ausreichen. Chris Anderson meinte, ich sollte wahrscheinlich die Daten noch auf die Schussdistanzen aufteilen. Das würde aber noch ein tieferes Level der Betrachtung der Daten bedeuten. Vielleicht könnte ich die Daten in einem künftigen Artikel ncoh weiter unterteilen und so die Auswirkung der Schussdistanz auf dieses Phänomen untersuchen. Aber meiner Meinung nach beschränkt die mangelnde weitere Unterteilung der Daten nicht die Wichtigkeit der hier gefundenen Erkenntnisse.

Nebenbei demonstriert dies auch deutlich, wieso die Basisstatistiken zu Spielen so viel bezüglich Details fehlt, um den Fans ein wirkliches Verständnis davon zu geben, was in einem Spiel passiert. Obwohl ich Daten in einem Format genutzt habe, dass ich nie gesehen habe (Erfolgsquoten der Schussplatzierung) kann ich eine Stufe weitergehen und finde mich wiederum in einer Position wieder, wo ich abermals eine Ebene weitergehen könnte, um unser Verständnis dieses Quirk zu verstehen.

Was auch immer der Grund ist, es gibt keine Flucht vor dem Fakt, dass Schüsse auf den zweiten Pfosten eine signifikant größere Erwartung eines Tores bedeuten als bei Schüssen auf den ersten Pfosten. In einem Spiel mit so geringen Unterschieden, wo die Teams versuchen jeden möglichen Vorteil zu haben, wollen wir sehen, ob Spieler und Vereine davon lernen werden und wir bald eine höhere Anzahl von Schüssen in Richtung des zweiten Pfostens sehen gehen oder ob die Torhüter ihrem kurzen Pfosten etwas weniger Aufmerksamkeit schenken werden.


Beispielhafte Pressingfallen beim 4-1-4-1

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Dieser Artikel beschreibt drei Möglichkeiten eine Pressingfalle aufzubauen, wenn aus einer 4-1-4-1-Defensivformation ins Pressing übergegangen wird.

Eine Pressingfalle bezeichnet dabei die Provokation einer Aktion des Gegners in einer bestimmten Zone in der eigenen Formation. Wird die Defensivformation im Pressing nicht verändert (oder wird nicht gepresst), ist dies natürlich schwieriger, da man entweder keine Lücke öffnen kann, ohne dem Gegner die eigene Intention offensichtlich zu machen, oder man ist wegen der geringeren Dynamik instabiler beim Zuklappen dieser Pressingfalle.

Das 4-1-4-1 ermöglicht hierbei einfache Transformationen in eine andere Formation, dabei bieten sich mehrere Möglichkeiten und Varianten. Durch diese Veränderung entsteht dann mehr Dynamik, die genutzt werden kann, um bestimmte Löcher zu öffnen, sie schnell zu verschließen und die „Falle“ zuklappen zu lassen. Dabei beginnen wir mit einer der gängigsten Varianten dazu.

Das 4-1-4-1 wird zum 4-1-3-1-1/4-1-3-2

In dieser Situation gehen wir von einem Angriffspressing aus. Zuerst wirkt die mannschaftliche Ausrichtung trotz der Höhe passiv. Das 4-1-4-1 ist positionsorientiert und der Mittelstürmer orientiert sich als Einziger mannorientiert auf einem der Innenverteidiger. Der zweite Innenverteidiger wird bewusst freigelassen.

Grundlegende 4-1-4-1-Defensivformation

Grundlegende 4-1-4-1-Defensivformation

Sobald der Pass auf den freien Innenverteidiger kommt, rückt der Achter auf seiner vertikalen Höhe auf und presst ihn. Der Mittelstürmer bleibt beim Innenverteidiger als Manndecker oder kann ihn auch in den Deckungsschatten nehmen, je nach später folgenden Mechanismen. Lässt er sich zum Beispiel diagonal zurückfallen, hat er noch immer Zugriff auf den Innenverteidiger, aber kann in der Mitte helfen. Allerdings kann sich der Innenverteidiger unter Umständen bei einem Rückpass auf den Torwart womöglich freilaufen.

Der Innenverteidiger sollte übrigens so angelaufen werden, dass er sich noch drehen kann, aber sofort nach erfolgter Drehung unter Druck ist. Dadurch kann er nicht zurückspielen und wird zu Fehlern gezwungen. Der Innenverteidiger ist – insbesondere, wenn er richtigfüßig agiert – unter Druck und kann schwer einen Pass nach vorne spielen. Der Außenstürmer schiebt auf den Außenverteidiger und kann auch etwas weiter innen stehen, um die spätere Pressingfalle noch effektiver zu machen.

Ballnaher ZM rückt auf, es entsteht eine 4-1-3-2-Pressingformation.

Ballnaher ZM rückt auf, es entsteht eine 4-1-3-2-Pressingformation.

Nun muss der Innenverteidiger einen langen Ball spielen. Ein präziser diagonaler Ball ist wegen des Drucks und im Idealfall wegen eines leicht bogenartigen Laufs des aufrückenden zentralen Mittelfeldspielers kaum möglich. Dieser Aspekt im Verbund mit dem offenen Raum in seinem Sichtfeld sollte ihn normalerweise zu einem Pass in das geöffnete Loch zwingen. Hierbei tappt er aber gleich mehrfach in eine Falle.

Ballfern kann sich der Flügelstürmer etwas zurück- und hineinfallen lassen, um den zweiten zentralen Mittelfeldspieler einrücken zu lassen; dies erzeugt dann mehr lokale Kompaktheit und noch mehr Dynamik. Außerdem hat es einen Grund, wieso die verbliebenen zentralen Mittelfeldspieler leicht asymmetrisch stehen. Sie können einerseits auf zwei unterschiedlichen Ebenen horizontal Druck erzeugen, andererseits haben sie die Möglichkeit mit viel Dynamik reinzuschieben und auch auf spezielle Begebenheiten des Gegners zu reagieren.

Hier wurde ein langer Ball auf den Flügel gespielt, der Außenverteidiger rückt heraus, die anderen Spieler verschieben. Je nach Entwicklung der Situation kann sich der Sechser zurückfallen lassen, wenn es nötig wäre.

Hier wurde ein langer Ball auf den Flügel gespielt, der Außenverteidiger rückt heraus, die anderen Spieler verschieben. Je nach Entwicklung der Situation kann sich der Sechser zurückfallen lassen, wenn es nötig wäre.

Wenn der Pass angeschnitten Richtung Mitte gespielt wird, so kann der Sechser mit Dynamik in den Zweikampf gehen. Spielt er sehr vertikal ins Loch, dann kann der Innenverteidiger herausrücken und der Sechser sich notfalls auch in die Kette zurückfallen lassen.

Bei einem Pass auf den Flügel kann der Sechser dies ebenfalls tun, um dem Außenverteidiger das Herausrücken zu ermöglichen.Sobald sich der Akteur des Gegners hier den Ball stoppt, ist er umzingelt. Er wird von allen Seiten gepresst, es konzentriert sich eine große Anzahl von Deckungsschatten auf ihn und der aufgerückte Achter kann sich ebenfalls daran beteiligen. Einen Ausweg zu finden ist schwierig, sehr schwierig. Alleine die Ballannahme könnte zu großen Problemen führen. Theoretisch könnte man dies sogar als Gegenpressingfalle bezeichnen.

Ein langer Ball in die Mitte. Es entsteht eine lokale Kompaktheit, sechs Spieler stehen um den gegnerischen Passempfänger.

Ein langer Ball in die Mitte. Es entsteht eine lokale Kompaktheit, sechs Spieler stehen um den gegnerischen Passempfänger.

Die Asymmetrie der verbliebenen Mittelfeldspieler hat übrigens auch einen anderen Grund. Bei einer Staffelung in einer Art 4-4-2 würde nämlich entweder ein 4-4-0-2, ein 4-0-4-2 oder ein 0-4-4-2 entstehen; irgendwo gäbe es ein Loch, welches größer ist als dieses, da hier die gesamte Horizontale frei wäre. Es fehlen die Deckungsschatten, um eine seitliche Ballverarbeitung des Gegners sofort zu unterbinden, was neue Situationen und Passwinkel ermöglicht. Auch bei zweiten Bällen wäre man nicht so kompakt, bei einem Herausrücken der Verteidiger wäre man anfällig für lange Bälle und Tiefensprints.

Schlechtere Staffelung im 4-0-4-2 als Beispiel.

Schlechtere Staffelung im 4-0-4-2 als Beispiel.

Die zweite Variante einer Pressingfalle funktioniert ähnlich, öffnet aber woanders Räume.

4-1-2-3 mit asymmetrischen Flügelstürmern

In dieser Situation ist die Grundformation ähnlich, allerdings versucht dieses Mal einer der Flügelstürmer Zugriff auf den zweiten Innenverteidiger herzustellen. Hierbei nimmt der Flügelstürmer den Außenverteidiger in seinen Deckungsschatten, während er den Innenverteidiger unter Druck setzt. Die beiden Achter verschieben nun in Richtung dieser Seite und stellen die Räume zu, während der Sechser absichert und fast auf einer Höhe mit den beiden Innenverteidigern agiert, die bei langen Bällen herausrücken können.

In diesem 4-1-2-3 rückt der Linksaußen auf den Innenverteidiger.

In diesem 4-1-2-3 rückt der Linksaußen auf den Innenverteidiger.

Ein Pass nach vorne ist also nicht wirklich möglich, bei Diagonalbällen schiebt die gesamte Formation hinüber. Die Mitte ist durch die drei Mittelfeldspieler zugestellt. Durch ihre positionsorientierte Spielweise in der Mitte sind sie hier sehr kompakt und können den Außenspieler isolieren, während der Außenverteidiger und der zurückpressende Flügelstürmer ins Pressing übergehen. Die Pressingfalle entsteht eben durch diese Isolation: Kommt der Ball auf den ballnahen Flügel, so können die zuvor schon dorthin verschiebenden Achter und Sechser den Raum zustellen.

Hier kommt der Ball auf den Rechtsaußen, der sofort isoliert ist, dafür aber eine bewusst freie Anspielstation besitzt; den Rechtsverteidiger für eine Direktablage.

Hier kommt der Ball auf den Rechtsaußen, der sofort isoliert ist, dafür aber eine bewusst freie Anspielstation besitzt; den Rechtsverteidiger für eine Direktablage.

Der Außenverteidiger wird durch das Loch sogar zum Aufrücken gezwungen, ist aber danach nahezu komplett isoliert. Die gesamte Formation schiebt hinüber der Sechser sichert den Zwischenlinienraum und der Flügelstürmer kann im Verbund mit dem ballnahen Achter aggressiv pressen. Pässe in die Mitte oder auf die Seiten sollten nicht möglich sein bzw. müssen in enge Räume gehen, wodurch Ballverluste wahrscheinlich werden.

Der Rechtsverteidiger hat keine Anspielstation, rückt meist mit Ball am Fuß weiter auf und wird dann mithilfe der Seitenlinie abgefangen. Der Linksaußen kann im besten Fall sofort den offenen freien Raum für Konter nutzen. Dies wurde in dieser Saison bei den Bayern schon einige Male gemacht.

Der Rechtsverteidiger hat keine Anspielstation, rückt meist mit Ball am Fuß weiter auf und wird dann mithilfe der Seitenlinie abgefangen. Der Linksaußen kann im besten Fall sofort den offenen freien Raum für Konter nutzen. Dies wurde in dieser Saison bei den Bayern schon einige Male gemacht.

Kommt der Ball vom Innenverteidiger diagonal und lang auf den ballfernen Flügel, steht der Mittelstürmer dort und kann sich am Sechserraum orientieren. Durch die Länge des Passes kann die Formation auch verschieben und ist meistens rechtzeitig dort, um die Außenspieler dort ähnlich zuzustellen wie bei der ballnahen Variante des gegnerischen Aufbauspiels.

Diese Pressingfalle ist weniger intensiv und auffällig, funktioniert aber auf ähnliche Art und Weise, gleichzeitig hat es bei Ballgewinnen interessante Vorteile im offensiven Umschaltspiel; die Bayern unter Guardiola haben beide Spielweisen bereits mehrmals praktiziert, ebenso wie der FC Barcelona. Diese zeigten in dieser Saison übrigens eine dritte interessante Variante.

Der Mittelstürmer als jagender Keilstürmer

Viele Teams agieren bei einem 4-1-4-1 mit einem relativ statischen „Keilstürmer“, der sich zwischen die beiden Innenverteidiger stellt, um die Verbindung zwischen den beiden zu kappen. Dann läuft er den Passempfänger an und drückt somit das Aufbauspiel der gegnerischen Mannschaft in eine Richtung, wodurch die eigene Mannschaft früher und stärker verschieben kann, was mehr lokale Kompaktheit bedeutet. Hierbei gibt es aber keine wirkliche Pressingfalle und auch keine Veränderung der Defensivformation zu einer anderen.

Dennoch lässt sich mit einem Keilstürmer eine Pressingfalle erstellen, wenn er aus einer seitlichen Position startet. So kann sich der verschobene Keilstürmer – wie es Messi zum Beispiel gegen Rayo tat – am gegnerischen Außenverteidiger orientieren. Er lässt beide Innenverteidiger frei und manndeckt den Außenverteidiger. Der Gegner hat nun im Aufbauspiel ein gewisses Problem.

Der verschobene Keilstürmer hat hier quasi den Außenverteidiger in seinem Deckungsschatten und kann gleichzeitig Zugriff auf den Innenverteidiger erzeugen. Das ist Pressingfalle Nummer 1. Pressingfalle Nummer 2 ist der offene Raum dahinter; ein langer Ball kann dorthin kommen, aber dann heißt es oftmals 3 gegen 2.

Der verschobene Keilstürmer hat hier quasi den Außenverteidiger in seinem Deckungsschatten und kann gleichzeitig Zugriff auf den Innenverteidiger erzeugen. Das ist Pressingfalle Nummer 1. Pressingfalle Nummer 2 ist der offene Raum dahinter; ein langer Ball kann dorthin kommen, aber dann heißt es oftmals 3 gegen 2.

Spielt er den keilstürmer-nahen Innenverteidiger an, wird dieser angelaufen und kann nicht auf den Flügel spielen. Der Außenverteidiger ist bereits manngedeckt, ein langer Ball ist keine Option. Und eine Weigerung auf diese Seite zu spielen macht das eigene Offensivspiel enorm ausrechenbar.

Wird die eine Seite ignoriert, kann der gegnerische Außenstürmer sich sogar konstant zurück- oder in die Formation hinein bewegen, wodurch er entweder Stabilität bei langen Bällen in den Zwischenlinienraum gibt oder mehr Druck erzeugt, was wiederum ein Plus für diese Spielweise ist. Beim Hineinbewegen kann er zum Beispiel mit den beiden Achtern hohe Kompaktheit erzeugen und Pässe in den Sechserraum verhindern. Dies kann auch praktiziert werden, wenn der keilstürmernahe Innenverteidiger den Ball erhält.

Dieser wird angelaufen und muss spätestens dann auf den anderen Innenverteidiger spielen, der wieder vom einfach weiterlaufenden Mittelstürmer angelaufen werden kann; dieser hat somit drei Spieler aus dem Spiel genommen, wenn er richtig gelaufen ist und dies erzeugt sehr hohe Kompaktheit, wenn es richtig umgesetzt wird. Diese Kompaktheit benötigt allerdings eine gute Abstimmung in den Bewegungen und kann auch einen großen Tribut fordern.

Der Laufweg ist für den Mittelstürmer sehr lang und kann ihn sehr erschöpfen. Bei Barcelona tat dies Messi bislang nur in vereinzelten Spielen in einigen wenigen Situationen bei Gleichstand, dabei lief er nicht im Sprint, sondern befand sich eher in einem intensiven Lauf und generell wirkte das Kollektiv erst gegen Ende aggressiv aufrückend. Eine konstante Umsetzung dieser Spielweise dürfte wohl nicht möglich sein.

Fazit

Vorab: Theoretisch gibt es eine unendliche Anzahl von möglichen Pressingfallen und Staffelungsmöglichkeiten bei denselben. In jeder Formation können durch unterschiedlichen Positionierungen und Laufwege solche Pressingfallen erzeugt werden. Das 4-1-4-1 besitzt wegen seiner Bewegungsmöglichkeiten und wegen seiner Nutzung in einem hohen Pressing gewisse interessante Merkmale, die hier exemplarisch in Form von drei Varianten geschildert wurden.

Generell ist es aber wichtig zu wissen, dass Pressingfallen existieren und genutzt werden. So redete zum Beispiel Jürgen Klopp auch davon, wie eine solche gegen Real aufgebaut wurde, was letztlich zu einem der erfolgreichen Konterangriffe führte. Unser Rat ist also: Nicht immer, wenn ein Raum bei einer Mannschaft offen ist, liegt dies an schlechtem Verschieben. Manchmal ist es auch etwas anderes:

Admiral Ackbar: Ppressingfallenresistent.

Admiral Ackbar: Eindeutig pressingfallenresistent.

Taktiktrends der Weltmeisterschaft 2014

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Diese Weltmeisterschaft bot dem Freund der Taktik und auch des spektakulären Spiels einiges. Es war (und ist) eine WM der Artenvielfalt, in welcher sich viele kleinere Trends aus dem Vereinsleben abzeichneten, aber auch neue Sachen durch den globalen Charakter der Weltmeisterschaft ins Auge stachen.

Der eindrücklichste Trend dieser Weltmeisterschaft war zum Beispiel etwas, das man in Deutschland kaum zu Gesicht bekommt.

Großer Trend Nummer 1: Dreierketten, Fünferketten, pendelnde Viererketten

Das Dogma der Viererkette ist weltweit vorherrschend. Zwar spielen sehr viele Teams mit unterschiedlichsten gruppen- und mannschaftstaktischen Varianten der Viererkette, doch das Spiel mit vier Verteidigern, die gemeinsam ballorientiert verschieben, gehört zum Standard im Hochleistungssport. Bei dieser Weltmeisterschaft gab es allerdings die Rückkehr (oder Entwicklung) zur Fünferkette. Diese Fünferkette war aber nicht immer eine klare Kette, sondern variierte von Team zu Team.

Eine Szene, bei der Spanien mal schneller vorwärts kam. Silva geht unsauber in den Freiraum, Aranguiz und Vidal kommen im Sprint zurück. Symptomatisch: Busquets und Iniesta nicht involviert. Silva wird zum Schluss von Vidal gefoult.

Bisschen Dreierkette.

Chile beispielsweise agierte am ehesten mit einer Dreierkette. Die Flügelverteidiger spielten zwar gelegentlich auf einer Höhe mit dem Innen- und den Halbverteidigern, bewegten sich aber sehr häufig komplett isoliert im Verschieben von den zentralen Akteuren. Sie gliederten sich dann ins Mittelfeld ein oder spielten isoliert aus der Mannschaft als Manndecker, während sie ballfern bestimmte Räume besetzten, ohne wirklich in einer Kette mit den Innenverteidigern zu spielen. Darum ist Chiles Ausrichtung als 3-4-1-2 oder 3-4-3, auch gegen den Ball, meist am besten beschrieben gewesen.

Bei Costa Rica hingegen war es eher eine Fünferkette, die genutzt wurde. Hier verschoben die fünf Akteure nicht nur in einer Reihe, sondern auch durchgehend gemeinsam ballorientiert. Wenn der Flügelverteidiger nach vorne rückte und presste, dann verschoben die restlichen Spieler hinterher, füllten die Räume und besetzten mit relativ ähnlich bleibenden horizontalen Abständen die Räume dahinter. Desweiteren hielt sich das Herausrücken der Flügelverteidiger in Grenzen und sorgte auch dafür, dass sie meist in einer Fünferreihe oder gar direkt auf einer Linie standen. Uruguay spielte ebenfalls auf diese Art und Weise, wobei bei Costa Rica die flexiblen Herausrückbewegungen – auch zentral – noch häufiger waren und für mehr Variabilität sorgten, desweiteren spielten sie intensiver in ihren Bewegungen.

Beispielhafte Szene für das Herausrücken der Verteidiger.

Beispielhafte Szene für das Herausrücken der Verteidiger bei Costa Rica.

Bereits in der ersten Szene eine mustergültige Demonstration aller italienischen Probleme. Chiellini wird vom Pressingkeil abgeschnitten, Cavani stellt Pirlo zu, Italiens vier Spieler werden von sieben Gegnern zugeschoben. Breite und horizontale Verbindungen generell sind nicht vorhanden. Chiellini legt den Ball unambitioniert auf Marchisio rüber, dessen Lupfer auf Balotelli wird problemlos geklärt.

Uruguay in der Fünferkette.

Die Mexikaner waren im Verschiebeverhalten wiederum anders; sie agierten eher als pendelnde Viererkette. Zentral standen häufig vier oder fünf Spieler in einer Linie, doch wenn der ballnahe Spieler herausrückte, zeigte sich, dass er aus dem Kettenverhalten eigentlich isolierbar war. Der ballferne Außenverteidiger hingegen war das nicht, er bewegte sich mit den drei zentralen Verteidigern und bei Herausrücken des ballnahen Flügelverteidigers im Pressing blieb kurzzeitig eine Viererkette inklusive Viererlinie übrig. Hatte der Gegner im Zentrum den Ball, dann spielten sie zwar tiefer und wie erwähnt mit fünf Spielern auf einer Linie, doch prinzipiell hatten sie bei den Flügelangriffen eine Viererkette und einen ballnahen Pressingspieler, der Zugriff zu erzeugen versuchte.

Mexiko offensiv, Niederlande defensiv

Mexiko offensiv, Niederlande defensiv

Sonderfälle waren die Niederlande von Louis van Gaal und Alejandro Sabellas Argentinien zu Beginn in der ersten Partie gegen Bosnien. Ein klar erkennbares und konstantes Verschiebeverhalten ist bei beiden Teams selten zu sehen gewesen; bei den einen war dies aber durchaus positiv, bei den anderen negativ. Die Albiceleste war das Negativbeispiel. Sie hatten prinzipiell eine pendelnde Viererkette aus einer Fünferlinie heraus, doch ballfern war das Einrücken bisweilen unsauber und es gab eine leicht zonale Mannorientierung des ballfernen Flügelverteidigers. Teilweise entstanden dadurch Bewegungen wie in Dreierketten. In dieser Dreierkette rückten die zentralen Spieler situativ heraus, was wegen mangelnder Absicherung und unpassenden Folgebewegungen sehr instabil war und trotz „zu Nulls“ in der Halbzeit ad acta gelegt wurde. Bis heute haben sie das nicht mehr genutzt bei dieser WM – auch im Finale ist diese Formation nicht zu erwarten.

Die Niederlande hingegen wechselte schlichtweg häufig ihre Verantwortungsbereiche und Bewegungsmuster. In einzelnen Partien und Spielphasen hatten sie eine Fünferkette oder spielten auch mit pendelnder Viererkette über längere Zeiträume, wo ballnah extrem aggressiv mannorientiert verteidigt wurde und sich der Spieler somit aus der Kette herausisoliert, während ballfern der Flügelverteidiger raumorientiert spielte. Meistens gab es aber viele Mannorientierungen, teilweise sogar in ballfernen Räumen und dadurch entstand sogar ansatzweise eine Dreierkette, je nach Mannorientierungsintensität. So gab es einzelne Momente, wo die herausrückenden Flügelverteidiger nicht von den Halbverteidigern oder den selbst erzeugten Druck abgesichert waren, sondern über die diagonal zurückfallenden Sechser mit klaren 3-4-Formationen in der Defensive, die allerdings zentral häufig offen, aber durch die drei Innenverteidiger abgesichert waren.

Und einige Male generierten die Niederländer durch ihre Mannorientierungen auch ganz seltsame Staffelungen wie das kurzzeitige 6-3-1 gegen die Argentinier (hier noch schöner), ein 4-3-3 durch einen vollständig herausgerückten und aus der Kette herausisolierten Halbverteidiger (meist Martins Indi) oder eine komplett offene Mitte, die trotzdem irgendwie nicht bespielt werden konnte (liebe Leser, hier einen lustigen Begriff über Listigkeit oder verschrobene Genialität  und Louis van Gaal als Hashtag kombinieren).  Diese Flexibilität gab es aber generell bei dieser Weltmeisterschaft häufiger zu beobachten.

Großer Trend Nummer 2: Das 4-2-3-1 ist tot, es lebe … alles andere? Ein Hoch auf die Variabilität

4-2-4 gegen 4-2-4 gab es in den 60ern, 4-3-3/1-3-3-3 gegen 4-3-3/1-3-3-3 dominierte in den 70ern, 3-5-2/5-3-2 gegen 3-5-2/5-3-2 erlitten die Zuschauer mehrmals in den 80ern und 4-4-1-1/4-4-2 gegen 4-4-1-1/4-4-2 war häufig das gängige formative Duell in den 90ern und 2000ern. Natürlich gab es immer wieder Ausnahmen oder Ligen, wo sich andere grundlegende Staffelungen etablierten. Dennoch setzte sich in den letzten Jahren das 4-2-3-1 eigentlich weitestgehend bei sehr vielen Mannschaften durch. Bei der vergangenen Weltmeisterschaft gab es zahlreiche Partien, wo zwei einander ähnliche 4-2-3-1-Formationen aufeinandertrafen. Diese Weltmeisterschaft hingegen bricht damit.

4-1-4-1, 4-3-3, 4-2-4, 4-4-2, 4-5-1, 5-4-1, 5-3-1-1, 4-3-2-1, 4-3-1-2, 5-3-2, 5-2-3 und 3-4-3: Das sind so viele Zahlen in einer Reihe, dass man direkt instinktiv nach einem „x“ sucht, auch wenn es vielleicht nur das rechts oben im Eck ist. Aber all diese Formationen konnte man bei dieser Weltmeisterschaft beobachten, sie wurden auch von unterschiedlichen Mannschaften gespielt und die Trainer dieser Mannschaften veränderten ihre Grundausrichtung häufig im Turnier oder sogar während der Spiele.

Grundformationen

Chile mit Zweierkette

Chile hatte beispielsweise gegen Australien eine Viererkette, die man aber vermutlich sogar als Zweierkette bezeichnen könnte; später stellten sie auf ein 3-4-1-2 um, welches aber gegen Spanien, gegen Brasilien und gegen die Niederlande jeweils anders von den Abläufen gehandhabt wurde. Deutschland passte ebenfalls das Pressing häufig an, spielten mal 4-3-3, mal 4-1-4-1, mal 4-4-1-1 und mal veränderten sie ihre Formation in der Situation selbst durch die Bewegung (sh. Analyse zum 7:1). Die Amerikaner warteten mit ihrem asymmetrischen 4-1-4-1-Pressing auf, in welchem ein Achter etwas höher spielte als der zweite, wodurch sie quasi eine Raute in ihrer Formation versteckten.

Natürlich gab es auch hier Mannschaften, welche mehr oder weniger in jedem Spiel das Gleiche und sehr Standard spielten (Ecuador) oder nur leicht und simpel anpassten (Kroatien, Belgien), alles in allem zeigten aber auch viele vermeintlich kleinere Mannschaften, dass sie taktisch und durchaus auch spielerisch aufgeschlossen haben. Am auffälligsten waren hierbei die Algerier, welche die Gruppe als Außenseiter überstanden und sogar Deutschland lange Zeit gewisse Probleme machten; von Chile, Costa Rica und Kolumbien ganz zu schweigen. Oder auch Uruguay: Sie spielten beispielsweise nach der Integration Lodeiros in die Stammelf auch mit einem sehr interessanten 5-3-1-1/5-2-2-1/5-2-1-2-System, in welchem sie dessen Bewegung für eine interessante Asymmetrie und Herausrückbewegungen nutzten.

In unserem WM-Spielplan kann man übrigens mehr zu den Teams und ihren Anpassungen nachlesen, wir haben zu jeder Partie exklusive Brasilien gegen Chile und Argentinien gegen Iran (Beschwerdemails an mr[at]spielverlagerung[dot]com).

Großer Trend Nummer 3: Mannorientierungen und Individualfokus

Es gab aber nicht nur positive taktische Trends bei dieser Weltmeisterschaft, sondern auch einige, die man eher skeptisch beäugen darf. Sehr viele Mannschaften bauten zahlreiche mannorientierte Elemente in ihre eigentliche Raumdeckung ein oder spielten teilweise nahezu mit einer kompletten Manndeckung. Abermals sind hier die Niederländer zu nennen, welche häufig mit unterschiedlichen Umsetzungen der Mannorientierungen und einer insgesamt eher tieferen, kompakten Ausrichtung das gegnerische Aufbauspiel zerstören konnten. Aber auch viele andere Mannschaften nutzten unterschiedliche Mannorientierungen oder Mischformen aus Mann- und Raumdeckung.

Bei Argentinien rückte zum Beispiel der Sechser neben Mascherano ebenso häufig mannorientiert nach vorne, wie die Außenverteidiger und Flügelstürmer. Auch die Brasilianer versuchten mit ihrem hohen Chaospressing durch viele Mannorientierungen Zugriff zu erzeugen, während die Algierer mit einer konsequenten Umsetzung dieser Spielweise ebenfalls relativen Erfolg feiern konnten.

Die vielfach gesehenen Mannorientierungen deuten in gewisser Weise aber auch auf einen zugenommenen Fokus auf das Individuum hin; das Gewinnen von 1-gegen-1-Situationen war bei vielen Mannschaften in zahlreichen Situationen elementar, auch wenn sie durch das kollektiv nach wie vor genutzte ballorientierte Verschieben und die Mischung mit einer Raumdeckung ausreichend gut abgesichert und unterstützt wurden. Dennoch zeigte sich dieser Fokus auch offensiv: Zahlreiche Mannschaften konzentrierten sich auf die Leistungen ihrer Einzelspieler und die Unterstützung dieser.

505 Mannorientierungen

5-0-5-Staffelung bei der Niederlande durch die Mannorientierungen

Bei Argentinien sind Di Maria und Messi in der Offensive und Mascherano gegen den Ball solche fokussierten Spieler, bei Brasilien Neymar (mit Balancespieler Oscar) und Thiago Silva, bei Bosnien Dzeko und Pjanic, bei Kroatien die Flügelstürmer und Rakitic, usw. usf. Wie sowas aber kollektiv gemacht werden kann, das zeigten die französische und deutsche Rollenverteilung. Hier wurden die Bewegungsabläufe innerhalb der Formation an die jeweiligen Fähigkeiten der Spieler angepasst; Pogba und Matuidi spielen auf der Doppelacht ebenso asymmetrisch wie Kroos und Khedira, ebenso wie die Flügelstürmer und Außenverteidiger angepasste Rollen haben.

Kleiner Trend Nummer 1: Die Einbindung der Außenverteidiger

Abgesehen von den oberen drei Punkten ließen sich nur schwer klare Trends im Nationalmannschaftsfußball erkennen; auffällig waren dennoch ein paar weitere Aspekte. Die Rolle der Außenverteidiger variierte beispielsweise. Schienen bei den letzten Weltmeisterschaften die Außenverteidiger fast nur entweder passiv Breite zu geben oder aktiv über die Flügel durchzubrechen, ist dieses Mal das Spektrum bedeutend größer.

Marcelo auf links bei Brasilien spielte häufig als Spielgestalter und wurde in bestimmten Spielen so eingesetzt, bei den Niederländern war Kuyt als Flügelverteidiger fast schon eine Ein-Mann-Flexibilitätsmaschine, der diagonal, linear und sehr offensiv oder sogar passiv im Halbraum und leicht spielgestaltend agierte, obwohl er die Position eigentlich nicht kannte. Bei Deutschland wurde über die „Innenverteidiger als Außenverteidiger“ häufig negativ berichtet, doch das Problem war eher, dass die Einbindung und die potenziellen Möglichkeiten einer solchen Spielweise nicht ordentlich genutzt wurden oder werden konnten.

Generell ist diese Ausrichtung potenziell interessant, es ist aber schwierig konstant die bestmöglichen Synergien dieser Spielweise zu erzeugen. So wäre auch im Aufbau viel möglich, zum Beispiel durch tiefe Rückfallbewegungen der Außenverteidiger und flexiblere Bewegungen der Innenverteidiger sowie des Torwarts; bei Deutschland mit Neuer und Hummels hätte man das beispielsweise interessant nutzen können. In höheren Zonen wäre es desweiteren möglich, dass man durch die Aufrückbewegungen enorm präsent und nahe am Sechserraum absichert, durch die Folgewirkungen einen sehr hohen Staffelungsdruck erzeugt und natürlich durch unterschiedliche Positionierungen im eigenen Angriffsspiel den gegnerischen Außenverteidiger wegzieht (Bernards Orientierungslosigkeit bei dem 7:1).

Spielen sie aber konstant wie beidseitig nur halb-aufrückende Außenverteidiger, dann ist die zusätzliche defensive Absicherung nicht ordentlich gegeben, ballnah werden die Räume nicht sauber geöffnet und im ersten Umschaltmoment ist für den Gegner zu viel Raum zur Geschwindigkeitsaufnahme möglich, weil das Gegenpressing nicht passend umgesetzt wird. Diese Ausrichtung ist also nicht per se schlecht, sondern potenziell gut, aber schwierig einzubinden. Nebenbei spielten auch die Belgier mit einer ähnlichen Spielweise ihrer Außenverteidiger.

Vor dem 0:3:

Bernard ist so verwirrt, dass da ein Innen- als Außenverteidiger spielt, dass er vergisst, wie man Fußball spielt.

Kleiner Trend Nummer 2: Die Entwicklung der Torhüter

Eine ähnliche Variabilität konnte man bei den Torhütern betrachten, wobei sich hier nur ein Trend durchsetzt, den es schon seit Jahren gibt: Die Torhüter sehen sich selbst immer mehr als Feldspieler. Claudio Bravo, Hugo Lloris, Jasper Cillessen, Sergio Romero und Manuel Neuer sind mitspielende Torhüter, wenn auch teilweise mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Charakteristiken. Sogar Tim Howard hat sich im Herbst seiner Karriere stärker in Richtung eines mitspielenden Torwarts entwickelt, während einige andere wiederum bis heute eher den klassischen Torwarttypus vertreten; Iker Casillas und Julio Cesar entsprechen diesem Bild noch.

Aber es wird wohl Mode werden, dass die Torhüter nicht nur auf der Linie enorm stark sind, sondern entweder in allen Bereichen sehr solide und stabil sind (Courtois, Ochoa und Keylor Navas z.B.), in einzelnen Bereichen sehr fokussiert eingebunden werden, wie beim Herauskommen (Hugo Lloris) oder dem Mitspielen mit dem Fuß (Claudio Bravo), oder schlichtweg generell in nahezu jeder Eigenschaft überragen (Manuel Neuer). Die reinen Linienschnapper, welche nur auf der Linie und im Fünfmeterraum größere Stärken besitzen, sterben aber WM für WM aus.

Manuel Neuers Heatmap; Rechte liegen bei Squawka.

Kleiner Trend Nummer 3: Erhöhte strategische Flexibilität

Neben den taktischen Anpassungen finden sich bei dieser Weltmeisterschaft auch grundsätzliche strategische Veränderungen. Gibt es eine Mannschaft, von der man sagen würde, sie hat in jedem Spiel in jeder Spielphase die gleiche Strategie verfolgt? Die Spanier kamen auf nur knapp über 60% Ballbesitz, für ihre Verhältnisse ein wohl relativ geringer Wert. Deutschland, Japan, Argentinien und Italien komplettieren die Top-5 der Ballbesitztabelle.

Deutschland? Gegen Brasilien phasenweise, gegen Frankreich über längere Zeitdauer und auch in der Gruppe spielten sie immer wieder für längere Zeit tief und konzentrierten sich eher auf das Konterspiel. Argentinien? Sie gelten bisweilen als defensivste Mannschaft seit dem Ausscheiden der Griechen, halten den Ball eigentlich dennoch selten aus Defensivgründen, sondern zirkulieren lediglich tief und greifen mit Unterzahlkontern an. Bislang spielt die Alibiceleste also in gewisser Weise den erfolgreichsten Minimalistenfußball dieser Weltmeisterschaft, trotz (und nur partiell wegen) des hohen Ballbesitzes.

Die Niederlande, Frankreich, Kolumbien oder auch die extrem auf Dominanz und Intensität ausgerichteten Chilenen wechselten ihre strategische Ausrichtung je nach Situation und Spielen, in einzelnen Phasen wich sogar Costa Rica phasenweise von ihrem Spielstil ab und hielt den Ball über längere Phasen. Die Höhe und Grundstruktur des Pressings oder die grundsätzliche Art anzugreifen wurden ebenfalls von den meisten Teams häufig gewechselt. Einen grundlegenden Spielstil, ob Konter oder Ballbesitz, konnte man weder insgesamt bei dieser Weltmeisterschaft noch innerhalb einzelner Mannschaften beobachten.

Fazit

Abgesehen von diesen Aspekten lässt sich kaum ein klarer taktischer Aspekt festmachen, der verstärkt in den Fokus geraten ist. Doch neben der Taktik gab es einige andere Dinge, welche ins Auge stachen: Die vielfältigen unterschiedlichen Spielrhythmen und Rhythmusveränderungen fand ich subjektiv überproportional häufig vorhanden. Das Spiel Kolumbien gegen Brasilien in der ersten Halbzeit und noch einige andere Spieler in Ansätzen gehörten für mich beispielsweise zu den beeindruckendsten Dynamiken, die ich jemals in einem Fußballspiel gesehen habe. Zahlreiche Partien veränderten sich auch häufig im Spiel selbst, insbesondere in der zweiten Halbzeit und in den Schlussphasen. Generell schien diese Wechselwirkung aus Taktik, Taktikpsychologie und Psychologie unter teilweise extremen Bedingungen in Brasilien stärker in den Fokus zu geraten.

Ansonsten lässt sich konstatieren: Die Fußballwelt ist im Wandel. Sie verändert sich zu einer farbenfroheren, vielfältigeren Welt und das kann man nur positiv sehen, auch wenn es einige schwache Partien gab, mehrere enttäuschende Mannschaften und viele taktische Probleme, welche auch zeigen, dass der Nationalmannschaftsfußball letztlich doch hinter dem Klubfußball liegt. Trotzdem ist die Weltmeisterschaft einmalig, denn ihr globaler Charakter bringt häufig neue Komponenten und Denkstrukturen zum Vorschein, welche dann in „besserer“ Art und Weise vom Klubfußball adaptiert und weiterentwickelt werden. Man darf gespannt sein, ob die Dreier- oder Fünferkette z.B. auch in Deutschland oder England ihre Rückkehr feiern.

Ein Blick auf Liverpools pendelnde Viererkette

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Bei der Weltmeisterschaft 2014 zeigten Dreier-, Fünfer- und pendelnde Viererkette, dass sie noch nicht tot sind. Im europäischen Spitzenfußball gibt es sie kaum; aber einzelne Teams wie Juventus, Bayern und Liverpool waren in dieser Saison dennoch zu beobachten. In diesem Artikel soll es um Liverpools Variante gehen.Dieser Artikel entstand bereits im Herbst, wurde damals aber nicht veröffentlicht, weil das System exakt bei Komplettierung des Artikels ad acta gelegt wurde. Am Artikel selbst wurde jedoch nur die Einleitung verändert.

Nach der Niederlage gegen Southampton am fünften Spieltag wurde bei Liverpool auf ein 3-5-2/5-3-2 umgestellt, zuvor wurde im 4-2-3-1 gespielt. Das 3-5-2 gab dem Team während der Nutzung die Möglichkeit das Sturmduo Daniel Sturridge und Luis Suarez gemeinsam auf ihrer jeweiligen Idealposition als Mittelstürmer aufzustellen. Noch interessanter ist jedoch, wie die Defensive bei den Reds funktionierte.

Eine Abwehrreihe nach Vorbild Juventus‘?

Schon in unserem Mannschaftsporträt zur alten Dame haben wir über eine pendelnde Kette geschrieben, ebenso wie beim Artikel zu den Taktiktrends dieser Weltmeisterschaft oder den Variationen der drei zentralen Innenverteidiger, was sich auf der englischen Präsenz unserer Seite finden lässt. Ähnliches gab es zu jener Zeit bei Liverpool zu sehen, auch wenn sich die Flügelverteidiger oftmals noch höher postieren und bei gegnerischen Angriffen über die Mitte relativ weit vorne stehen. So fiel zum Beispiel der Treffer Arsenalse, weil Cissokho den gegnerischen Außenverteidiger presste und den Flügelstürmer dem gegnerischen Innenverteidiger überließ, was ein Loch öffnete; diese Löcher im Halbraum sind bei dieser Spielweise eine der Anfälligkeiten des Systems.

Allerdings sind diese Dynamik und der entstehende Druck in Liverpools Defensivspiel auch eine der Stärken dieses Systems. Indem sie im 3-5-2 hoch stehen, können sie viel Druck ausüben. Kommt der Ball dann über eine Seite, bleibt der sich dort befindliche Flügelverteidiger hoch und presst, während die Innenverteidiger sich in das entstehende Loch bewegen und diesen Raum zustellen. Der ballferne Flügelverteidiger bewegt sich dann meistens diagonal zurück und bleibt in einer Zwischenposition aus klassischem Außenverteidiger einer Viererkette und einem eingerückten Flügelverteidiger stehen.

Viel Dynamik im Bewegungsspiel und Herausrücken im defensiven Zwischenlinienraum

Viel Dynamik im Bewegungsspiel und Herausrücken im defensiven Zwischenlinienraum. In dieser Situation sieht es gar wie eine breite Viererkette aus, wo Sakho den Sechser gibt.

Arbeitet sich der Gegner nach vorne, schließt er sich der Dreierkette an und aus der Dreierkette entsteht somit eine Viererkette. Geht der Ball zurück, weicht er wieder nach vorne und Liverpool agiert wieder im 3-5-2. Wichtiger ist aber die Bewegung der Halbverteidiger. Im Gegensatz zu früheren Mannschaften, die mit zwei Manndeckern und einem Libero agierten, bringt Liverpool hier sehr viel Dynamik hinein.

Meistens stehen sie in einer positionsorientierten Dreierkette da, aber sie übernehmen immer wieder situative Manndeckungen. Dabei sind Kolo Touré und Mamadou Sakho eindeutige Halbverteidiger, sie rücken bis ins Mittelfeld auf und schieben auch oft seitlich hinaus, um in Zweikämpfe zu kommen. Liverpool kann dadurch bei Pässen in diese Zonen viel Druck erzeugen, während der etwas langsamere, dafür aber sehr robuste und intelligente Martin Skrtel als zentraler Innenverteidiger sich leicht in diese Löcher bewegt und absichert.

Teilweise entstehen durch diese herausrückenden Bewegungen der Halbverteidiger, die hohen Flügelverteidiger und das leichte Zurückfallen des ballfernen Flügelverteidigers sogar ballferne Dreierketten, wo Skrtel die Mitte sichert und neben ihm ballfern zwei Spieler eng aneinander stehen.

Passend zu dieser Rollenverteilung und dem aggressiven Herausrücken der Innenverteidiger ist übrigens auch das Mittelfeld angeordnet.

1-2-Mittelfeld und flache Drei als Variationsmöglichkeiten

Im Mittelfeld gibt es eigentlich auch eher eine flache Drei wie in der Abwehr, doch die Rollenverteilung entspricht ebenfalls jener der Verteidigung. Lucas Leiva lässt sich öfters zurückfallen und sichert ab, beide Achter können viel Herausrücken und erzeugen Dynamik. Durch die flache Drei in der normalen Stellung locken sie den Gegner in den defensiven Zwischenlinienraum und attackieren dann sehr aggressiv, während Lucas sich in diese Lücken bewegt und hilft.

Bei der 1-2-Formation, wenn die Achter grundsätzlich etwas höher stehen, gibt es einen weiteren Vorteil: Sakho und Touré können in diese Räume herausrücken und agieren dann kurzzeitig neben Lucas, während Skrtel und der verbliebene Innenverteidiger absichern.

Das Loch zwischen Mittelfeld und Sturm sorgt für viel Raum bei Arsenal und wenig Zugriff bei Liverpool

Das Loch zwischen Mittelfeld und Sturm sorgt für viel Raum bei Arsenal und wenig Zugriff bei Liverpool

Diese vielen kleinen Möglichkeiten zur Veränderung bieten den Spielern viele Freiräume und ermöglichen es ihnen nahezu selbstständig sich zu positionieren und ins Pressing überzugehen. Insbesondere im offensiven Zwischenlinienraum können sie extrem viel Druck erzeugen, während Skrtel absichert und Lucas die Zentrale sichert.

Beim Spiel gegen Arsenal war dabei auch schön zu sehen, was die Vorteile davon sind. Ramsey, Cazorla, Rosicky und Özil konnten zwar im Mittelfeld kombinieren, mussten aber viele Pässe wieder zurück in sichere Zonen im Sechserraum spielen, da ihre Kurzpasskombinationen im Zwischenlinienraum immer wieder unter großen Druck gesetzt wurden. Gerrard, Henderson und die herausrückenden Halbverteidiger orientierten sich situativ mannorientiert und erzeugten Zugriff, auch Lucas und Skrtel taten dies.

In der ersten Hälfte konnte Arsenal sich trotz klarer Dominanz kaum Chancen ausspielen. Sie hatten zwar viel mehr Ballbesitz und konnten dank ihrer individuellen Klasse im Kombinationsspiel, der Bewegung Artetas und dem Loch Liverpools zwischen Mittelfeld und Angriff den Ball sicher zirkulieren lassen, aber ab dem Zwischenlinienraum war trotz Girouds toller Bewegung Schluss.

Letztlich besorgten den entscheidenden Treffer eine kleine unpassende Bewegung Cissokhos und das klassische Problem der Dreierkette: Die 1-Mann-Besetzung der Außenbahn. Cissokho verfolgte dabei den gegnerischen Außenverteidiger und presste ihn sehr hoch in der gegnerischen Hälfte. Dies öffnete Raum dahinter. Dies versucht Brendon Rodgers normalerweise zwar mit dem Nachschieben der Halbverteidiger auf die Seite unter Kontrolle zu bekommen (wodurch man teilweise spielte wie in einer Fünferkette), aber hier war der Raum zu groß und das Nachschieben zu unkompakt.

Außerdem sind bei diesem Nachschieben die Mannorientierungen unter Umständen auch kontraproduktiv. Rückt der gegnerische Flügelstürmer richtig ein und steht die gesamte Formation nicht kompakt, dann kann der Außenverteidiger den Ball in die Mitte prallen lassen und seinen Gegenspieler überlaufen. Sagna erhielt just dadurch in der nächsten Aktion einen Pass und Arsenal kam mit einigen wenigen Pässen vom eigenen Strafraum bis zum gegnerischen.

Normalerweise steht Liverpool aber wegen dem hohen Druck im Zwischenlinienraum und dem guten Verschieben überaus stabil da. Und sie haben auch die dazu passenden Spieler im Umschaltspiel, um Gefahr machen zu können.

Suarez und Sturridge in der Spitze

Selbst wenn sie den Ball erst im defensiven Zwischenlinienraum erobern, kann Liverpool noch Gefahr erzeugen. Suarez und Sturridge sind beide enorm dribbelstark, athletisch und durchschlagskräftig. Selbst 2-gegen-2-Situationen können bei ihnen für Gefahr sorgen, allerdings können sie den Ball auch behaupten, bis die Spieler dahinter aufrücken. Mit den hohen Flügelverteidigern gibt es fixe Breitengeber und Henderson sowie Gerrard rücken aus den Halbpositionen im Mittelfeld nach vorne.

Problematisch sind oftmals aber zwei Aspekte. Einer ist der große Abstand zwischen Mittelfeld und Angriff, der dem Gegner einfache Zweikämpfe ermöglicht. Ein zweites Problem ist die Ballzirkulation nach abgebrochenen Kontern. Steven Gerrard kann zwar hervorragende Pässe von hinten spielen und besitzt einen tollen Abschluss in Strafraumnähe, doch im Kombinationsspiel ist er etwas zu vertikal und zu risikoreich. Henderson ist hierbei schon balancegebender, aber besitzt nicht die Präsenz seines Nebenmanns, ist auch nicht so kreativ und abschlussstark, wodurch Suarez und Sturridge oftmals im Stich gelassen werden.

Touré und Sakho rücken beide nach vorne, im defensiven Zwischenlinienraum geht Arsenal unter.

Touré und Sakho rücken beide nach vorne, im defensiven Zwischenlinienraum geht Arsenal unter.

Der Gegner kann sich auf das Abdecken des Sturmduos konzentrieren, sie isolieren und gibt dadurch kurzfristig Spielanteile im Mittelfeld auf. Wegen der 1-Mann-Besetzung des Flügels kann er auch sehr eng agieren, keiner der zentralen Spieler verspricht hierbei große Gefahr nach Flanken.

Liverpools Probleme liegen also vorrangig im offensiven Umschaltspiel, wenn der Gegner die nötigen Vorkehrungen trifft: Arsenal ließ beispielsweise sehr eng verteidigen und nutzte bewusst eher zentrumsorientierte Spieler auf den Außenbahnen. Arteta hielt sich tief und unterstützte die Innenverteidiger im Defensivspiel, auch die Außenverteidiger waren nicht übermäßig offensiv. Dadurch konnte sich Liverpool nur einzelne Halbchancen herausspielen.

Weichen die Mittelstürmer auf die Flügel aus, wozu sie von ihrer Anlage eigentlich prädestiniert sind, so fehlt ein einrückender Flügelstürmer von der anderen Seite, um die Mitte zu besetzen. Dadurch lässt sich oft der zweite Mittelstürmer isolieren und der andere muss nach Ballannahmen schnell bzw. auf sich alleine gestellt abschließen. Allerdings dürften sich diese Probleme mit einer verbesserten beziehungsweise konstanteren Offensivstruktur, bei passenderem Pressing inkl. Staffelungen legen. Dann sollten sowohl Sturridge als auch Suarez in diesem System enorme Präsenz entfalten können. Potenziell wäre aber ein dritter Offensivspieler – ob noch stärker einrückende ballferne Flügelverteidiger mit noch offensiverer Besetzung (Sterling) oder die Umstellung auf ein 3-4-1-2, 4-3-1-2, o.ä. – vermutlich ideal, wenn man sich besonders auf Suarez’ und Sterlings Stärken fokussieren möchte.

Alles in allem verspricht aber auch dieses System viel. Langfristig könnte sich – wenn die Dreierkette beibehalten wird – noch viel Gefahr entwickeln, wenn die offensiven und defensiven Strukturen noch etwas komplettiert werden. Es gab auch bereits Ansätze; z.B. wo die Halbverteidiger ein bisschen nach vorne schoben und einen zweiten Flügelläufer gaben. Außerdem gibt es mit Philippe Coutinho, Luis Alberto, Raheem Sterling und Victor Moses weitere Optionen, welche dieser Spielweise eine zusätzliche Dimension geben könnten.

Alternativ könnte Rodgers auch zum 4-2-3-1 zurückkehren, wo entweder Suarez auf die Zehn rückt oder einer der beiden Mittelstürmer über den Flügel kommt. Weitere Optionen sind wie erwähnt die Raute (ob 4-3-3 mit falscher Neun oder 4-3-1-2), eine asymmetrische Nutzung der Flügel in der Offensive, ein flexibles Tannenbaumsystem oder ein 4-1-2-3, das ebenfalls interesant praktiziert werden könnte.

Fazit

Wie erwähnt stammt dieser Artikel aus dem Herbst; und Rodgers ging später tatsächlich zu einem 4-3-3 und 4-3-1-2 über, was den Reds eine enorm starke Phase brachte. Diese Saison dürfte es wohl ebenfalls bei dieser Formation bleiben, obgleich das Spiel mit einer Dreier- beziehungsweise in diesem Fall einer pendelnden Viererkette mit Ansätzen einer Fünferkette durchaus eine Option darstellen könnte. Man darf gespannt sein; die Dreierkette in all ihren Variationen ist zurück, Liverpool in der Vorsaison war nur ein Hinweis darauf, dass sich die Flexibilität und die Artenvielfalt im europäischen Spitzenfußball aus taktischer Sicht wohl verändern wird. Die Bayern lassen grüßen.

Die Halbräume

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In diesem Artikel besprechen wir einen oft vernachlässigten Raum in der Taktiktheorie: Die Halbräume. In unseren Analysen haben wir diese allerdings schon öfters diskutiert und erwähnt. Vielfach wurde dabei gefragt, was genau die Halbräume denn sein sollen; der Antwort darauf möchte ich mich hier widmen. Dabei wollen wir zuerst die Halbräume kategorisieren und danach die Eigenheiten dieser Räume kurz diskutieren.

Aufteilung des Spielfelds in Zonen

Für gewöhnlich wird das Spielfeld in mehrere Teile zerlegt. Dabei gibt es mehrere unterschiedliche Vorgehensweisen. Eine Möglichkeit ist die Aufteilung des Raumes im Sinne der von der Formation vorgegebenen Aspekte. In der Vertikale gibt es dann meistens drei oder vier Linien beziehungsweise Bänder. Bei einem 4-4-2 sind es drei Bänder, bei einem 4-1-4-1 sind es vier. Zwischen den Bändern gibt es die vielfach zitierten „Zwischenlinienräume“, welche zumeist als ursächlich für das Spielgeschehen gesehen werden. Dies sind die vertikalen Linien; für die horizontalen kann dies ebenfalls gemacht werden.

Alternativ sind auch einfache Aufteilungen des Feldes möglich. Die meisten teilen hierbei jeweils die Spielhälften in drei weitere Teile sowie die Spielfeldbreite in Flügel und Mitte. Louis van Gaal unterscheidet dadurch zum Beispiel 18 Rechtecke, die eben aus sechs vertikalen und drei horizontalen Aufteilungen entstehen, in welchen es für jedes Rechteck bestimmte Aufgaben, Verantwortungen und taktische wie strategische Eigenheiten gibt.

Einteilung in 18 Rechtecke

Einteilung in 18 Rechtecke

Der Mittelstreifen dabei ist etwas breiter, es wird wie erwähnt vorrangig in „Mitte“ und „Flügel“ unterteilt. Gemäß dem Positionsspiel gibt es dabei je nach den vier Phasen in bestimmten Zonen und für bestimmte Positionen unterschiedliche Aufgaben, welche die Spieler nach Phase und im Sinne der vier Referenzpunkte Arrigo Sacchis erfüllen sollen. Ansonsten werden bei solchen reinen Zonenaufteilungen die Zonen rein geometrisch aufgeteilt. Wieder entstehen 18 Zonen, das Spielfeld wird aber einfach vertikal in sechs gleichgroße und horizontal in drei gleichgroße Bereiche aufgeteilt.

Nummeriert, inkl. der ominösen Zone 14

Nummeriert, inkl. der ominösen Zone 14

Der „Zwischenlinienraum“ bei einer tiefstehenden Mannschaft entsteht dann in der ominösen „Zone 14“, welche für viele als spielentscheidend gilt. Dazu gibt es übrigens einen lesenswerten Artikel, der auch Zahlen und wissenschaftliche Studien dazu wiedergibt.

Strategisch-taktische Einteilung des Spielfelds in der Horizontale

Persönlich spreche ich mich für eine Art der Raumeinteilung aus, die stärker auf das taktische Geschehen, strategische Schlüsselzonen und die jeweilige Realsituation ausgerichtet ist. Hier kommen die Halbräume ins Spiel. So könnte man das Spielfeld in drei grundlegende Bereiche aufteilen: Flügelräume, Halbräume, Zentrum.

Alternative Feldeinteilung in der Horizontale

Alternative Feldeinteilung in der Horizontale

Theoretisch kann man bei obigem Bild auch die Flügel noch kleiner machen, die Halbräume und die Mitte erweitern oder die drei Zonen komplett unterschiedlich in puncto Fläche einteilen, sogar eine Aufteilung in sieben horizontale Bahnen ist möglich. Das Zentrum bezeichnet aber natürlich immer den Mittelstreifen. Die Mitte wird meistens – wie auch im Schach – als wichtigste Zone gesehen. Wer die Mitte kontrolliert, kontrolliert das Spiel, heißt es. Wieso das so ist, kann man ganz einfach mit ein paar der Mitte eigenen Aspekten erklären.

In der Mitte ist zum Beispiel die Entscheidungsfreiheit größer. Es gibt keine Abgrenzung durch die Seitenauslinie. Gehen wir von acht groben und grundlegenden Richtungen aus, wohin der Ball gespielt werden kann (nach vorne, nach hinten, quer nach links, quer nach rechts sowie jeweils vier diagonale Linien), gibt es auf dem Flügel nur fünf Richtungen (nach vorne, nach hinten, quer nach links oder rechts, zwei diagonale Linien). Das bedeutet, dass der Spielraum eingeschränkt ist, wodurch auch die Präzision bei vertikalen Pässen höher sein muss.

Dies ist in der Mitte nicht der Fall. Bei einem auf das Zentrum ausgerichteten Team gibt es durch die dortige hohe Präsenz, viele Entscheidungsmöglichkeiten und damit auch mehr Optionen, Dynamik zu erzeugen. Der Gegner muss außerdem nicht nur wie beim Flügel zwei Räume verteidigen (den Flügel selbst und eben die Mitte), sondern drei (die Mitte und beide Flügel), weil beide in der Mitte unmittelbar bespielbar sind.

Auf der anderen Seite ist die Mitte regelmäßig besonders eng besetzt, sodass hier grundsätzlich weniger Zeit besteht, um Entscheidungen zu treffen. Zudem bedeuten die vielen Passrichtungen auch gleichzeitig mehr Raum, der überblickt werden muss (360°). Dadurch können Mit- und Gegenspieler leicht übersehen werden. Dieser starke Zeitmangel gepaart mit den Herausforderungen der Raumübersicht herrscht auf den Flügeln nicht. Hier ist die Staffelung zunächst weniger eng als in der Mitte. Ferner braucht der Flügelspieler nur 180° überblicken, um das ganze Feld zu sehen. Auch sind Ballverluste in den äußeren Zonen weniger problematisch, als das im Zentrum der Fall ist. Denn wie schon das Beispiel der Zone 14 zeigte, ist der Weg von der Mitte zum Tor am kürzesten, sodass dortige Ballverluste sofort Gefahr für das eigene Tor bedeuten.

Doch wieso sollten zu der Dreieraufteilung aus Flügel-Mitte-Flügel noch die Halbräume hinzukommen?

Die Tororientiertheit des Fußballspiels

Die Ursache ist einfach eine logische, welche mit dem Reglement des Fußballs zusammenhängt. Im Fußball geht es um eines, das Erzielen von Toren. Ob Romantiker oder Pragmatiker, ob Fan oder Trainer, ob Taktiker, Stratege oder Chaot oder sonstige Verteilungen: Jeder möchte letztlich, dass das Runde ins Eckige geht.

Das Tor befindet sich in der Mitte des Feldes; die eigenen und die gegnerischen Staffelungen verändern sich im Sinne des ballorientierten Verteidigens, der Raumverknappung und der Raumdeckung je nach Position des Balles. Wenn der Ball auf dem Flügel ist, stehen beide Mannschaften anders da als bei zentraler Ballposition.

Der „Halbraum“ existiert im Sinne dieser analytischen Betrachtung ebenfalls. Sieht man sich die Verschiebebewegungen der beiden Mannschaften an, erkennt man nicht nur Unterschiede, wenn sich der Ball auf dem Flügel oder in der Mitte befindet, sondern auch bei einer Position dazwischen; eben dem Halbraum.

Nehmen wir zur Erklärung dieser Unterschiede eine Situation einer Mannschaft in einer 4-4-2-Defensivformation und einer aufbauenden Mannschaft im 2-5-3. Der Sechser ist im ersten Szenario etwas abgekippt und steht nun zentral knapp vor und vertikal gesehen zwischen den Innenverteidigern. Die Mannschaft im 4-4-2 steht nun „normal“ da. Sie muss nicht verschieben und dies ist offensiv wie defensiv die grundsätzliche Staffelung. Beide Mannschaften wollen nun auf ein Tor spielen; das der verteidigenden Mannschaft. Eine Mannschaft macht dies offensiv, eine defensiv.

442 vs 253

442 vs 253

Im nächsten Szenario ist der Ball auf dem Flügel gelandet. Die verteidigende Mannschaft im 4-4-2 verschiebt, die ballnahen Außenspieler stellen Zugriff her und es entsteht eine veränderte Staffelung. Die aufgerückten Außenverteidiger werden abgesichert, die beiden Innenverteidiger stehen tiefer, ähnliches gibt es im Mittelfeld zu sehen. Die Bewegung, die Umstände und die strategischen Möglichkeiten sind anders. Naturgemäß spielt man von hier aus in Richtung Tor, die Räume sind allerdings nun deutlich dichter und ausrechenbarer.

Ball auf dem Flügel

Ball auf dem Flügel

Im letzten Szenario sehen wir uns an, was passiert, wenn der Ball im Halbraum ist. Hierzu steht der Sechser (oder ein aufgerückter Innenverteidiger) im Halbraum. Auch hier verändern sich die Staffelungen beider Mannschaften. Wir können alleine deswegen davon ausgehen, dass die Halbräume idealerweise als eigener Raum zu klassifizieren sind, denn durch die entstehende Bewegung beider Mannschaften entstehen strategische Unterschiede.

Ball im Halbraum

Ball im Halbraum

Verschieben wir innerhalb dieser drei Zonen die Ballposition, verändert sich nur wenig. Die Bewegungen werden intensiver, aber es gibt keine grundlegenden neuen Staffelungen. Somit sollte auszuschließen zu sein, dass eine weitere vertikale Dimension in der Raumaufteilung benötigt wird; einzig die Optionen und die taktikpsychologischen Aspekte (früher Abschluss um den Strafraum herum, etc.) sind unterschiedlich.

Die Diagonalität der Halbräume

Fügt man zwischen Zentrum und Flügel zusätzlich die Halbzonen ein, ergibt sich im Hinblick auf die strategischen und taktischen Eigenheiten ein differenziertes Bild:Die Sichtfelder sind ein Aspekt. In der zentralen Staffelung stehen beide Teams direkt vor dem Tor, die Sichtfelder sind jeweils vertikal. Bei Positionen im Halbraum hingegen sind die Sichtfelder nicht vertikal, sondern diagonal. Ein Akteur im Halbraum hat ebenso viele Optionen wie der zentrale Akteur, muss sich aber nicht von der Mitte wegdrehen und zur Seite spielen, sondern kann ein tororientiertes Sichtfeld in seinem Passspiel beibehalten.

Das Sichtfeld

Das Sichtfeld oder auch Gesichtsfeld setzt sich aus dem fovealen und dem peripheren Sehen zusammen. Im Gegensatz zum fovealen Sehen, bei dem die Blicklinie des Auges exakt auf ein anvisiertes Objekt ausgerichtet ist, um die maximale zentrale Sehschärfe auszunutzen, liefert das periphere Sehen grobe, unscharfe und optisch verzerrte Seheindrücke außerhalb eines festen Fixationspunktes. Im Prinzip wird beim peripheren Sehen an dem fraglichen Objekt „vorbei gesehen“. Das Gesichtsfeld hat horizontal eine binokulare (beidäugige) Ausdehnung von etwa 180-200°; vertikal circa 130°.

vertikales und horizontales Gesichtsfeld

vertikales und horizontales Gesichtsfeld

Das Gesichtsfeld kann durch den Einsatz von Blickbewegungen mit Hilfe der Augenmuskeln deutlich vergrößert werden (Blickfeld). Auf diese Weise kann allein horizontal ein Bereich von etwa 270° abgedeckt werden. Das Umblickfeld bezeichnet jenes Areal, das ein stehender Mensch ohne Verstellen der Füße bei Ausnutzung aller Bewegungsmöglichkeiten erfassen kann. Bei uneingeschränkter Bewegungsmöglichkeit des Rumpfes können in der Horizontalen 360° visuell erfasst werden.

Durch die Tororientiertheit der Sichtfelder und die Positionierung der Halbräume auf dem Spielfeld entsteht ein besonderer Effekt. Stellt man sich vor, ein Spieler blickt vom Mittelpunkt effektiv bis zu 50 Meter nach vorne (da endet immerhin das Spielfeld), kann er von seinem Standpunkt aus bei Fixierung des Tores bzw. den tornahen Räumen nur einen gewissen Abschnitt fokussieren. Blickt er in eine andere Richtung, ist dies natürlich ebenfalls so.

Passwinkelmöglichkeiten aus dem Zentrum

Passwinkelmöglichkeiten aus dem Zentrum

Wenn aber ein Spieler aus dem Halbraum diagonal in Richtung Tor blickt (oder in tornahe Räume oder zum anderen Flügel), überblickt er deutlich mehr Raum und hat somit nicht nur theoretisch mehr Optionen, sondern auch praktisch deutlich mehr Spielraum.

Passwinkelmöglichkeiten aus dem Halbraum

Passwinkelmöglichkeiten aus dem Halbraum

Gleichzeitig ist der Raum, den er nicht sieht, geringer. Damit sind jene Räume gemeint, die in seinem Rücken liegen. Weil der Spieler im Halbraum steht und (im Normalfall) ein diagonales Blickfeld in Richtung Tor beziehungsweise ins Feld hinein besitzt, hat er wenig Abstand zur Auslinie und ist ihr mit seinem Rücken zugewandt. Somit besteht nur eine geringe Gefahr, dass er beispielsweise von hinten gepresst wird oder generell unter großen Druck geraten kann.

Das Raumgreifen der Diagonalität bespielt das gegnerische Verschieben auch klar stärker als banale Vertikalität. Dieser Aspekt entsteht dadurch, dass der Ball eine höhere Maximal- und eine höhere Antrittsschnelligkeit hat sowie die Natur der relativ stabilen Ankunftsdynamik des Passendpunkts. Das erlaubt auch ein stärkeres Raumgreifen von diagonalem Passspiel.

Zusätzlich ist der Halbraum aber nicht so nahe an der Seitenauslinie, dass diese gegen ihn verwendet werden könnte, wie es bei einem Flügelstürmer oftmals der Fall ist. Der Halbraum ist somit die ideale Schnittmenge aus „ich habe genug Platz“ und „was ich nicht sehe, ist mir eh egal“.

Diesen Aspekt sollte man natürlich nicht zu wörtlich nehmen oder überbewerten. Es geht hier lediglich um eine Abklärung der grundlegenden theoretischen Sachen in einer idealen Situation, die im Spiel natürlich nicht immer vorkommen kann und darum je nach Situation betrachtet und bewerten muss; bekanntlich sind gegen manche Teams oder eher in bestimmten Situationen ja sogar die Flügel das beste Mittel zum Angriffsvortrag.

Apropos Angriffsvortrag; auch dieser Aspekt ist bei den Halbräumen als Vorteil in der Offensive zu sehen. Sie besitzen nämlich eine positive Dynamik für das Kombinationsspiel und den Raumgewinn.

Das Passspiel

Durch die tororientierte Natur des Fußballspiels und den Faktor der Deckungsschatten sind diagonale Pässe als Alternative zu vertikalen und horizontalen Pässen ein wichtiger Faktor im Fußball.

Der besondere Vorteil von Vertikalpässen nach vorne liegt darin, dass auf diese Weise direkt und somit am schnellsten Raumgewinn erzielt werden kann. Auf der anderen Seite ist bei dieser Passrichtung das Blickfeld für den Passempfänger eingeschränkt, da er regelmäßig mit dem Rücken zum gegnerischen Tor steht und somit nicht sehen kann, was hinter ihm vorgeht. Hat der Passempfänger einen Gegenspieler in seinem Rücken, kann er sich nicht zum Tor aufdrehen und muss den Ball wieder zurückspielen.

Waagerechte Zuspiele dienen in erster Linie der Spielverlagerung und dem Seitenwechsel. Auf diese Weise kann zudem Gegnerdruck vom Ball genommen werden. Durch seitliche Pässe wird jedoch kein direkter Raumgewinn erzielt, wodurch auch kein Druck in Richtung des gegnerischen Tores entsteht.

Ein vertikaler oder ein horizontaler Pass bringen jeweils nur eine einfache Richtungsänderung in die Partie, was das Bewegungsspiel für den Gegner im Verschieben weniger komplex macht. Bei einem Querpass muss der gegnerische Defensivverbund „nur“ richtig mit dem Ball verschieben. Ähnliches ist bei einem Vertikalpass der Fall. Im Grunde ergibt sich bei diesen beiden Passrichtungen nur dann eine neue und erfolversprechende Situation, wenn der Gegner eine unpassende Staffelung hatte oder nach diesen Pässen eine erneute Richtungsänderung eintritt. Bei einer Aneinanderreihung von Querpässen von einer Seite zum anderen durchläuft der Ball zwar aus strategischer Sicht unterschiedlich wertvolle Zonen, aber kommt dann auf der anderen Seite mit der gleichen theoretischen Ausgangslage an.

Ähnliches ist bei Vertikalpässen der Fall, obwohl sie mehr Gefahr einbringen, weil das vertikale Verschieben (besonders zurück nach hinten) für den Gegner schwieriger und nicht so schnell zu bewerkstelligen ist, außerdem kann ein Vertikalpass hinter die Abwehr für eine direkte Chance sorgen. Generell sind für die „Einfachheit“ der beiden Pässe jeweils extreme Zonen, wie der Strafraum, wo direkt abgeschlossen werden kann, Ausnahmen.

Ein Diagonalpass hat hingegen sowohl einen direkten Raumgewinn als auch eine Verlagerung zur Folge, was dazu führt, dass der Passempfänger ein gutes Blickfeld hat, das ihm ein sicheres Weiterspielen ermöglicht. Das Risiko des mangelnden Drucks auf den Gegner durch Horizontalpässe und der eingeschränkte Blickwinkel bei Vertikalpässen werden durch das diagonale Zuspiel umgangen. Bei diagonalen Pässen werden also die Vorteile von Vertikal- und Horizontalpässen miteinander verbunden, während die jeweiligen Nachteile neutralisiert werden.

Bei einem diagonalen Pass sind die Bewegungen, die der Gegner als Reaktion vornehmen muss, deutlich komplexer, als dies bei vertikalen und horizontalen Pässen der Fall ist. So muss sowohl die Richtung als auch die Höhe korrigiert werden und nicht bloß einer von beiden Aspekten. Meistens kommt auch noch hinzu, dass sich die gegnerischen Spieler etwas asymmetrisch verhalten müssen. Die einzelnen Verteidiger des Kollektivs müssen sich demnach leicht unterschiedlich bewegen, was ebenfalls zu mehr Fehlern führen kann.

Was hat das aber speziell mit den Halbräumen zu tun? Einerseits natürlich die eingangs erwähnte Tororientiertheit, welche in den Halbräumen oft schon halbautomatisch zu Diagonalität führt. Andererseits ist der Ort, von wo aus diagonale Pässe gespielt werden, entscheidend. Aus der Mitte führt ein diagonaler Pass weg vom Tor; vom Flügel aus führt er zwar zum Tor, aber aus einer isolierten Zone heraus und auf einen Spieler, der sich für die Annahme vom Tor wegdrehen muss.

Auch hier verbindet der Halbraum zwei positive Aspekte und schaltet die Nachteile ansatzweise aus. Vom Halbraum aus gehen diagonale Pässe entweder in die strategisch wichtige Mitte oder auf den Flügel, wo der Ball aber mit Sichtfeld ins Feld hinein und zum Tor ausgerichtet angenommen werden kann. Diese Vorteile von Diagonalität aus dem Halbraum aus und der ihm zugrundeliegende diagonale Charakter gehören ebenfalls zu den Besonderheiten dieser Zone.

Desweiteren haben diagonale Pässe einen raumgreifenden Charakter; einen erfolgreichen Querpass über 30 Meter zu spielen ist ebenso schwierig wie in der Vertikale über 30 Meter, weil der Gegner mit seinem Linienspiel die Kanäle schnell versperren kann. Ein diagonaler Pass kann diese vertikalen und horizontalen Linien „zerschneiden“, was ihm auch eine größere Wahrscheinlichkeit gibt über weite Distanzen anzukommen – oder anders gesagt: Es ergibt sich eher die Möglichkeit, einen erfolgreichen langen Pass zu spielen. Netter Nebeneffekt: Durch einen diagonalen Pass nach vorne aus dem Halbraum in die Mitte ergibt sich gleichzeitig horizontaler wie vertikaler Raumgewinn.

Ein weiterer Faktor der Diagonalität bezieht sich nicht auf die eigenen Pässe, sondern auf die gegnerischen Bewegungen.

Die Trigonometrie der Halbräume

Eine vertikale oder horizontale Bewegung ist meistens bei ähnlichem Effekt kürzer als eine diagonale Bewegung; auch das ist hier natürlich nicht absolut, sondern kontextuell zu sehen. Eine Mannschaft, die sich im 4-2-4 formiert und ihre vier Stürmer vor den gegnerischen vier Verteidigern und hinter den vier gegnerischen Mittelfeldspielern aufstellt, lässt einfachen Zugriff auf ihre Stürmer zu. Wenn die Sturmreihe jedoch enger steht, dann befinden sich die beiden Flügelstürmer in einer Zwischenposition.

Sie stehen einerseits zwischen ihrer nominellen Position und der Mittelstürmerposition, andererseits befinden sie sich auch zwischen je vier anstatt je zwei Gegenspielern. Dies klingt zwar nach unnötigem Druck und einer Erleichterung der Defensivarbeit des Gegners, doch ist eher das Gegenteil der Fall. Wenn sich die Flügelstürmer in diese Zwischenposition begeben, so muss der Gegner einen längeren Weg beim Herausrücken gehen.

Sehen wir uns dazu ein Rechenbeispiel an (juhu, Mathematik):

Wir haben zwei Viererketten; das Mittelfeld und die Abwehr stehen in einem Abstand von zehn Metern zueinander. Genau dazwischen, also bei einer gedachten Grenze von fünf Metern, agiert der Vierersturm des Gegners. Sie befinden sich exakt in einer vertikalen Linie mit den Mittelfeldspielern und Verteidigern des Gegners. Somit hat jeder Stürmer fünf Meter Abstand auf je zwei Gegenspieler. Zwischen den Spielern befinden sich je zehn Meter Abstand in der Horizontale.

Der Einfachheit bei der Berechnung halber nehmen wir an, dass das Zurücklaufen ebenso schnell wie das Vorlaufen dauert.

Schieben wir die Flügelstürmer in die Mitte und bleiben die Außenverteidiger des Gegners draußen. Gehen wir davon aus, dass die Flügelstürmer exakt fünf Meter einrücken. Nun benötigen der Außenverteidiger und der Flügelstürmer der gegnerischen Mannschaft nicht fünf Meter zum Herausrücken, sondern über sieben Meter (7,0710678); also über zwei Meter mehr, um Druck zu erzeugen, wodurch der eigene Flügelstürmer natürlich minimal mehr Platz zum Agieren und Zeit zum Reagieren hat.

Wieder stellt sich aber die Frage, wo genau der Halbraum diesbezüglich seinen speziellen Vorteil gegenüber anderen Zonen hat. In einer zentralen Zwischenposition wird man vom Tor abgelenkt, wenn der Gegner herausrückt; außerdem kann der Gegner mit den einrückenden Außenspielern bei einem herausrückenden zentralen Akteur die Mitte gut versperren und leitet auf die Flügel.

Pass durch das Mittelfeld auf den Mittelstürmer. Nicht nur, dass der Gegner hier relativ einfach stehen bleiben konnte, er hat auch eine simplere Absicherung im Herausrücken, leitet den Passempfänger auf die Seite und hat einen kürzeren Weg beim Anlaufen.

Pass durch das Mittelfeld auf den Mittelstürmer. Nicht nur, dass der Gegner hier relativ einfach stehen bleiben konnte, er hat auch eine simplere Absicherung im Herausrücken, leitet den Passempfänger auf die Seite und hat einen kürzeren Weg beim Anlaufen.

Dorthin verschiebt der Defensivverbund erneut und stellt die Grundformation her. Auf dem Flügel kann man keine Zwischenposition in diesem Sinne einnehmen. Im Halbraum jedoch zieht man im Idealfall einen zentralen Spieler heraus beziehungsweise bindet diesen zumindest, ohne das strategisch positive leitende Element des gegnerischen Herausrückens zu erlauben. Man öffnet den Flügel jedoch ebenso wie bei vorheriger Situation, wenn auch weniger, dafür aber schneller bespielbar und somit praktisch gleich effektiv.

Hier wird das Sichtfeld beim Attackieren in die Mitte geleitet, der herausrückende Außenverteidiger hat einen etwas längeren Weg und der Gegner steht etwas unorganisierter da.

Hier wird das Sichtfeld beim Attackieren in die Mitte geleitet, der herausrückende Außenverteidiger hat einen etwas längeren Weg und der Gegner steht etwas unorganisierter da.

Zusätzlich ist die Mitte nicht besetzt und somit frei, um sie mit Dynamik zu bespielen. Direkte Ablagen aus der Halbraumzwischenposition können ein Herausrücken des ballnahen zentralen Spielers provozieren, besonders bei kurzer Drehung oder „Öffnung“ zu ihm hin. Das heißt, dass der Passempfänger sich mit seinem Sichtfeld in Richtung des zentralen Spielers positioniert oder sich dorthin andeutet zu drehen, wodurch dieser zum Pressing herausgelockt werden soll. Mit der Ablage kann man dann gut in die geöffnete Schnittstelle kommen und hat dank der strategischen Besonderheit der Mitte alle Optionen in sämtliche Richtungen; Atlético Madrid und Red Bull Salzburg versuchen oft solche Schemen zu nutzen.

Gegen Dreierkettenvarianten sieht das übrigens etwas anders aus; hier ist unter Umständen die mittige Zwischenposition, wo es durch die enge Dreierkette zwei Kanäle gibt, effektiver.

Auch andere taktische Probleme ergeben sich für den Gegner durch eine solche Positionierung. Der FC Barcelona spielte von 2008/09 bis 2010/11 vorne mit einem Dreiersturm, der sich bewusst auf die Halbräume und „Zwischenpositionen“ in diesen Zonen konzentrierte. Dies war insbesondere in den beiden jeweiligen CL-Erfolgssaisons der Fall. Henry und Messi (oder Eto’o) beziehungsweise Villa und Pedro rückten aus einer breiten Position in die gegnerischen Schnittstellen. Zu dritt konnten sie vier Spieler binden; dadurch waren die Flügelräume für weites Aufrücken der Außenverteidiger genutzt werden.

Hierzu gibt es ebenfalls ein kleines Beispiel. Nehmen wir an, der Gegner spielte in einem 4-4-1-1 in der Defensive. Durch die Positionierungen der Stürmer und Außenverteidigerr wurden sie dann oft in eine 6-2-2-Rollenverteilung (statt 4-4-2) in der Defensive gezwungen, in welchem Xavi und Iniesta die defensiven und offensiven Halbräume oft bespielten, die beiden Sechser bei Ballzirkulationen viel laufen mussten und man mit Busquets einen Mann mehr in der Mitte hatte.

Verbunden wurde dies mit variablen Positionsbesetzungen der beiden Achter, dem Kurzpassspiel Barcelonas sowie flexiblen Bewegungen der Flügelstürmer und Außenverteidiger, die im Wechsel manchmal tiefer, manchmal höher, manchmal enger und manchmal breiter spielten. In der Saison 2010/11 gab es natürlich noch konstant eine zurückfallende, tief spielmachende Neun (Messi), welche für einen weiteren zusätzlichen Spieler im zweiten Drittel und in den Halbräumen sorgte.

Die – auch von Guardiola selbst erwähnte – Angst des Aufrückens des gegnerischen Innenverteidigers auf Messi entstand durch die tiefengebenden und eingerückten Flügelstürmer. In gewisser Weise banden sie zu zweit vier Spieler, da sie immer wieder andeuteten bei gegnerischem Herausrücken durch die Schnittstelle zwischen Außen- und Innenverteidiger durchzubrechen.

Auch hier ist wichtig: Die Bindung der Spieler an die Zonen und Staffelungen erzeugt diesen Effekt und muss darum immer kontextuell gesehen werden. An sich sind diese speziellen Besonderheiten der Halbraumbesetzung überaus interessant, wie Barcelona unter Guardiola auch nachdrücklich zeigen konnte. Diese variable und oft gleichzeitige Besetzung der beiden Halbräume in der Offensive, welche insbesondere mit Messi und Iniesta gemacht wurde, sorgt für einen weiteren interessanten taktischen Aspekt.

Halbraumwechsel und Halbraumverlagerungen

Unter der Ägide Guardiolas besetzten Messi und Iniesta oftmals in den Schnittstellen des gegnerischen Mittelfelds die Halbräume, eine Ebene weiter vorne taten dies Villa und Pedro. Sie konnten dadurch bei Pässen entweder den Ball nach hinten in eine offene Zone prallen lassen oder sich in den offenen Raum vor sich drehen. Durch die Positionierung in den Mittelfeldhalbräumen von Messi und Iniesta hatten diese Busquets und Xavi als zentrale Anspielstationen. Dadurch konnte Barca im Angriff schnell den Halbraum wechseln, was eine enorm effektive Strategie in ihrem Ballbesitzfußball darstellte:

Mit einem Pass in die Halbraumschnittstelle zog sich die gegnerische Mannschaft dort zusammen. Die zentralen Spieler versuchten hier meistens den Zugriff zu erzeugen, da der Flügelspieler vom Außenverteidiger Barcelonas gebunden war; der zweite zentrale Akteur musste dann natürlich den offenen Raum sichern. Bei einem Rückpass in die Mitte hatte Xavi dadurch zwei Möglichkeiten für einen direkten raumgewinnenden Pass: Den Pass durch die zentrale Schnittstelle oder die Schnittstelle im Halbraum, wo sich Messi befand.Weiters konnte Xavi aber auch querlegen auf Busquets, damit dieser einen Vertikalpass auf Messi bringen kann.

Iniestas Halbraumspaziergang kann sowohl als Passkombination genutzt werden, als auch für das Locken und Leiten des gegnerischen Defensivspiels und hierbei ist der Halbraum in beiden Fällen eine sehr interessante Zone, um dieses möglichst komplex für den Gegner zu gestalten sowie sich selbst eigene positive Folgewirkungen und bespielbare Kanäle und Passwege zu öffnen.

Iniestas Halbraumspaziergang kann sowohl als Passkombination genutzt werden, als auch für das Locken und Leiten des gegnerischen Defensivspiels und hierbei ist der Halbraum in beiden Fällen eine sehr interessante Zone, um dieses möglichst komplex für den Gegner zu gestalten sowie sich selbst eigene positive Folgewirkungen und bespielbare Kanäle und Passwege zu öffnen.

Auch hier ist der Halbraum als spezielle Zone entscheidend. Im Halbraum wird der zentrale Spieler gebunden. Bei einem solchen Pass auf den Flügel neben dem gegnerischen Block bleibt die Mannschaft kompakt. Bei einem zentralen Pass mit Rückgabe ziehen sich die beiden zentralen Mittelfeldspieler des Gegners gleich zusammen und das Zurückweichen in die vorherige Position ist einfacher. Der Halbraum hingegen hat eine öffnende Wirkung für die Mitte, welche als Durchlaufs- und Organisationszone mit ähnlich vielfältigen Möglichkeiten wie der Halbraum eine strategisch wertvolle Komponente darstellt.

Theoretisch könnte man sogar damit argumentieren, dass der Halbraum der Mitte überlegen ist. Denn der Halbraum hat die Mitte und den Flügel als Option, die Mitte jedoch nur zwei idente Halbräume mit gleichen Umbauprodukten und einer klaren Stellung zum Tor, wie bereits zuvor gezeigt wurde. Besonders wirksam sind daher direkte Verlagerungen von einem Halbraum in den anderen, was bei den Münchner Bayern schon unter Heynckes, aber auch unter Guardiola (insbesondere im Spiel gegen City) Ribéry und Robben direkt gemacht haben.

Eine Verlagerung von einem Halbraum in den anderen bildet aus mehrfacher Sicht die ideale Schnittmenge von einer großen Anzahl an strategisch wichtigen Faktoren. So wechselt der Ball nicht nur eine Zone (von Mitte in den Halbraum oder umgekehrt; vom Halbraum auf den ballnahen Flügel oder umgekehrt), was zu wenig Raumüberbrückung bedeutet, um den gegnerischen Abwehrverbund in Bewegung zu bringen, damit Lücken entstehen; aber auch nicht drei (von Halbraum auf ballfernen Flügel oder umgekehrt) oder mehr (Flügel auf Flügel), was dem Abwehrverbund genug Zeit gibt, um effektiv zu verschieben. Diese zeitliche Komponente der Passlänge aufs Verschieben des Gegners wird durch direkte Halbraumverlagerungen nicht negativ beeinflusst. Zum einen stehen Passgeber und -empfänger nah genug, um einen Flach- oder zumindest gechippten Pass spielen zu können, der nicht allzu schwer zu verarbeiten oder präzise zu spielen ist. Ferner muss der Gegner schnell verschieben, da ansonsten Lücken im Verbund entstehen, die für vertikale Pässe in die Spitze genutzt werden können.

Der Wechsel von zwei Zonen scheint also am besten zu sein, wobei die Mitte bei einem Wechsel über zwei Zonen in der Horizontale nur die Flügel zum Bespielen hat, die strategisch weniger wertvoll sind. Der Flügel kann zwar die Mitte bespielen, hat dafür aber in anderen Aspekten strategische Nachteile und ist praktisch wegen des Verschiebens und Zustellens zur Seitenauslinie hin aus praktischer Sicht schwieriger. Nichtsdestotrotz werden Pässe auf die Flügel eben auch darum von den Bayern oder Barcelona so eingebunden, dass der Gegner zum Flügel verschiebt und man dann in die Mitte verlagern und mit viel Entscheidungsfreiheit eine zurückverschiebende Mannschaft attackieren kann. Oft bewegen sich die Flügelspieler danach in den Halbraum und bieten sich in diesen an.

Damit sind die Halbraumwechsel aus strategischer Sicht wohl effektiver, weil von einem Raum mit viel Entscheidungsfreiheit und Verbindungsfunktion in zwei strategisch anders konstruierte Räume in einen weiteren solchen Raum verlagert wird. Desweiteren könnte man sogar damit argumentieren, dass von einem Flügel auf den anderen Flügel eine direkte Verlagerung praktisch gar nicht mehr möglich ist (technische Komplexität, Isolieren der Flügel, Druck auf den Flügeln), vom Halbraum auf den ballfernen Flügel jedoch noch im Rahmen des effektiv Machbaren ist.

Die Mitte hingegen hat nicht einmal die Möglichkeit in eine dritte Zone zu gehen. Ebenfalls im Rahmen des Machbaren ist die Möglichkeit einer direkten Rückverlagerung von Halbraum zu Halbraum (vom Flügel auf den Flügel zurück dürfte schwer werden). Eine direkte Rückverlagerung vom Flügel zur Mitte ist wegen der Eigenart des Flügels und des eingeschränkteren Raums ebenfalls schwierig zu praktizieren.Gleichzeitig bietet eine Rückverlagerung enorm interessante taktikpsychologische, taktische und strategische Möglichkeiten und Wechselwirkungen, welche dem Gegner insbesondere beim ballorientierten Verschieben oder bei Mannorientierungen innerhalb von diesem enorme Probleme bereiten können; generell sind Rückverlagerungen übrigens ein selten erwähnter, unterschätzter und zu wenig bewusst genutzter Aspekt im Fußball.

Auch das wertet diese Eigenschaft des Halbraums in puncto Verlagerungsmöglichkeiten sowohl qualitativ als auch quantitativ noch etwas auf. Ähnliches ist bei Positionswechseln und Überladungen in den Halbräumen der Fall.

Positionswechsel, Überladungen und die Besonderheit des Halbraums

Die Halbräume haben den schon erwähnten Vorteil der räumlichen Nähe zu allen Zonen und eine hohe Entscheidungsfreiheit; man kann dadurch aus den Flügeln und der Mitte viele Spieler als Kombinationspartner nutzen. In der Mitte ist dies zwar auch der Fall, allerdings nicht ganz mit der gleichen Synergie. Schieben alle Spieler zur Mitte, fehlt aus dem Zentrum heraus die Verlagerungsmöglichkeit über zwei Zonen auf die Flügel. Soll heißen: Hat man den Ball, dann darf man normalerweise beide Flügel in der Positionsbesetzung nicht vernachlässigen, weil es in der Mitte sonst zu eng wird. Hier stehen dann meist beide Flügel als Breitengeber nahe an der Seitenauslinie, wodurch sie als Kombinationspartner wegfallen; das bedeutet zwei bis vier (je nach Art der erwünschten Flügelbesetzung) Kombinationspartner weniger. In den Halbräumen ist dies anders.

Der Halbraum befindet sich nahe am Flügel. Der dortige Breitengeber ist somit durchaus anspielbar und fällt nicht weg. Die Spieler, die sich nominell in der Mitte und auf dem ballfernen Halbraum befinden, können ebenfalls einrücken und nahe am Halbraum mit Ball agieren, ohne dass sie ihre Zone vernachlässigen. Der ballferne Flügelspieler kann ebenfalls stärker in Richtung Zentrum einrücken und sich fast schon im Halbraum positionieren; was u.a. auch Jürgen Klopp mit dem ballfernen Außenverteidiger handhabt. Hier gibt es eine interessante Wechselwirkung mit der zeitlichen Komponente und mit der gegnerischen Raumverknappung.

Bei der zeitlichen Komponente ist es die Länge der Verlagerung, die das Einrücken unterstützt; selbst wenn der Flügelstürmer weiter einrückt (und dadurch ein mögliches, stärkeres Einrücken des ballfernen Halbraumspielers absichert), ist er trotzdem auf dem Flügel anspielbar. Sobald sich der ballbesitzende Spieler zu einer Verlagerung aufmacht, kann er sich schon in Gang setzen und zum Flügel laufen. Bis der lange Ball (bei einer direkten Verlagerung) ankommt, steht er meist schon wieder nahe an der Auslinie. Bei einer indirekten Verlagerung mit Kurzpässen über mehrere Stationen funktioniert dies ohnehin einfach. Wird zuvor aber schon der Ball verloren, kann der eingerückte Außenspieler ballfern noch weiter einrücken und besetzt sofort seine eigentliche Position in der Formation im ballorientierten Verschieben, wodurch man weniger konteranfällig ist. Die Bayern nutzten dies teilweise auch mit den falschen Außenverteidigern in dieser Saison bewusst; sie ließen die eigentlichen Breitengeber im ersten Drittel weit einrücken, öffneten für diese Räume, überluden die Halbräume dadurch und waren nach Kontern in den strategisch wichtigen Zonen zentral gut und auf den Flügeln weniger gut abgesichert.

Die zweite Wechselwirkung, mit der gegnerischen Raumverknappung, ist ebenfalls einfach und schnell erklärt: Befindet sich der Ball in der Mitte, dann steht die gegnerische Mannschaft relativ stabil da und besetzt die jeweiligen Halbräume und Mitte meistens; die Flügelspieler in einem 4-4-2 bspw. grenzen meistens nur an den Flügelräumen, weil hier ebenfalls die zeitliche Komponente im Verschieben unterstützend wirkt. Bis der Ball auf die Seite kommt, können die vermeintlich offenen Seiten komot versperrt werden. Ist der Ball jedoch im Halbraum oder auf dem Flügel, müssen die ballfernen Spieler entweder sehr weit einrücken oder sie haben Probleme in der horizontalen Kompaktheit. Hier müssen ebenfalls nicht beide Flügelspieler der eigenen Mannschaft sehr breit stehen, um neben der gegnerischen Formation als Breitengeber freizustehen, sondern können einrücken und eben auch absichern; das ermöglicht eine höhere lokale Kompaktheit in den halbraumumliegenden Zonen bei Ballbesitz dort, die sich schnell herstellen lässt.

Überladungen von Spielern aus der strategisch unwichtigsten – insbesondere in der Absicherung der eigenen Angriffe – Zone, den Flügelräumen, sind dadurch möglich; womit wir wieder bei den falschen Außenverteidigern der Münchner Bayern wären. In den Halbräumen kann somit sehr schnell durch das Einrücken von wenigen Metern überladen werden, auch Positionswechsel sind dank der hohen Anzahl von Spielern in drei Zonen (Halbraum, Mitte, Halbraum) und den kurzen Abständen dann problemlos möglich. Diese positionellen Rochaden, das kurzzeitige Verwaisen des Flügels und die generelle Besonderheit des Halbraums in diesem Aspekt sorgen also ebenfalls für weitere positive Effekte, die es ansonsten in der Mitte nicht gibt und auf dem Flügel durch die mangelnde Entscheidungsfreiheit nicht möglich sind.

Dadurch haben die Halbräume auch einen sehr kollektiven Charakter; die Möglichkeit schneller und zielgerichteter Diagonalkombinationen, die Harmonie und Rückkoppelungseffekte der Sichtfelder sowie eben die Möglichkeit viele Spieler in Kombinationen aus unterschiedlichsten Gründen unter Rücksichtnahme anderer strategischer wie taktischer Aspekte zu nutzen sorgt für eine hohe Variabilität und Konstruktivität in Mannschaftsspiel. Das ist nicht nur im Defensiv- und Offensivspiel interessant und wichtig, sondern auch in den Umschaltmomenten.

Die Halbräume in der Transition

Wer sich mit der spanischen und auch südamerikanischen Fußballschule auseinandersetzt, wird öfter auf den Satz stoßen, dass es Defensive und Offensive eigentlich nicht gibt, sondern sie “eines” sind. Darum wurden in diesem Artikel häufig die Möglichkeiten und der Nutzen der Halbräume für die eigene, den Ball habende Mannschaft beschrieben, treffen aber dann im Umkehrschluss in der Wichtigkeit und Art der Verteidigung natürlich auch auf die defensive Mannschaft zu. Grundsätzlich ist die Aufteilung in Defensive und Offensive nur ein Hilfswerk, um für bestimmte Situationen und Phasen gewisse strategische Aspekte direkt zu implizieren und zu bedenken. Was hinter dieser Einigkeit von Defensive und Offensive steckt, ist die Vermischung von vielerlei Aspekten, die sich direkt auf die jeweils andere Spielphase auswirken. So ist ein stabiles, intelligentes, hoch angelegtes, gut abgesichertes und mit den richtigen Staffelungen versehenes Ballbesitz- und Positionsspiel eine Unterstützung für die Defensive; ein gutes Pressing und Gegenpressing wiederum beeinflussen die Offensive maßgeblich. Die Halbräume haben hier ebenfalls eine spezielle Eigenart.

Spielt man in eigenem Ballbesitz sehr halbraumorientiert, verlagert öfters von Halbraum zu Halbraum und versucht lange Ballbesitzzeiten innerhalb der Halbräume aufrechtzuerhalten, haben sie somit nicht nur prinzipiell gewisse offensive Vorteile beziehungsweise Eigenheiten, sondern ermöglichen auch die Integration interessanter Pressingmöglichkeiten nach Ballverlusten; beispielsweise ist es möglich, dass durch das Einrücken der ballfernen Flügelspieler die ballfernen Halbräume schnell besetzt und abgesichert werden. Die Spieler im Halbraum können aggressiv in die Mitte gehen, dadurch den Gegner dort pressen und Bälle erobern oder ihn auf den Flügel leiten. Der Gegner muss dann entweder um den Block herumspielen oder über jene Zone kontern, wo zuvor der Ball und somit meistens eine relativ kompakte Staffelung vorhanden war. Ebenso sind Gegenpressingfallen möglich, welche über eine vermeintlich offene, aber über die vorherige Besetzung der Halbräume einfach zu versperrende Mitte erzeugt werden.

Bei eigenen offensiven Umschaltsituationen verhält es sich ähnlich. Eine Mannschaft, die in ihrer Defensivphase die Halbräume beherrscht, kann entweder die Mitte isolieren und dort großen Zugriff erzeugen oder den Gegner direkt auf die Flügel leiten. Daraufhin ist es möglich über die Halbräume flexibel nach vorne zu gehen, sich teilweise dadurch selbst Raum zu öffnen (beispielsweise Leiten des Gegners auf den Flügel, Öffnung seiner Halbräume und Konter über diese Räume) und dann mithilfe der Halbräume vielfältige Möglichkeiten zu haben. Man kann nach Pässen aus dem “Haufen”, also aus der Lokalkompaktheit um den Ball herum, sich einfacher und freier drehen, wodurch man im Gegenpressing zumindest etwas weniger anfällig ist. Die Halbräume können über den einen Flügel spielen oder das Spiel in die Mitte oder den ballfernen Halbraum verlagern.

Pressingfalle am hypothetischen Beispiel gegen Chelsea von Atlético - nach einer Balleroberung kann man sehr schön kontern, oder?

Pressingfalle am hypothetischen Beispiel gegen Chelsea von Atlético – nach einer Balleroberung kann man sehr schön kontern, oder?

Zusätzlich stehen die meisten Teams in eigenem Ballbesitz relativ weit aufgefächert: Die breitegebende Wirkung der Flügel ist bei einem direkten Konter somit nicht mehr benötigt, sondern kann diese durch den Halbraum selbst gegeben werden. Der Gegner hat nur wenige Spieler, die viel Raum verteidigen, wodurch man diese mit weniger Breite im eigenen Angriffsspiel ausreichend genug auch über die Halbräume auseinander ziehen kann, ohne dass man wiederum selbst an Nähe und somit an bespielbaren Anspielstationen und Dynamik verliert. Gleichzeitig gibt quasi der Gegner durch die offenen Räume ohnehin Breite, sehr enge Konter wie beispielsweise von Teams von Roger Schmidt sind dadurch teilweise noch erfolgsversprechender. Auch bei Schmidt nehmen Mitte und Halbräume eine Schlüsselrolle zum Verständnis der Gefährlichkeit ihrer Konter ein.

Aber selbst wenn nicht direkt vertikalisiert wird, so ist der Halbraum im Umschaltspiel positiv wirksam. Gladbach unter Favre hatte durch ihre enge und positionsorientierte Deckung gepaart mit dem ballorientierten Verschieben (beides war in der zweiten Favre-Saison am Höhepunkt) immer eine gute Besetzung der Halbräume und kollektive Enge im offensiven Umschaltmoment. Sie konnten dann entweder direkt mit One-Touch-Kombinationen nach vorne auf Reus und dessen Offensivpartner verlagern oder sich schnell aus dem gegnerischen Gegenpressing nach hinten kombinieren und das Spiel mit tiefem, stabilem Ballbesitz neu aufbauen; Neustädter, Dante und ter Stegen waren hierbei natürlich auch dankbare Spieler für dieses System. Die Halbräume bieten also nicht nur nahezu ideale Anbindungen an unterschiedliche horizontale, sondern auch vertikale Zonen.

In gewisser Weise sind die Halbräume darum die “Verbindungszone” unter den unterschiedlichen Zonen, während man die Mitte eher als “Organisationszone” sehen könnte; die Flügel hingegen eignen sich speziell für Durchbrüche. Theoretisch wäre eine Unterteilung unterschiedlicher Zonencharakteristiken unter Berücksichtigung bestimmter Spieleigenarten (Ballzirkulation, Verteidigungsart, etc.) eine interessante Idee für einen zukünftigen Artikel…

… doch zuvor sehen wir uns den Grund an, wieso u.a. die Halbräume diesen Zonencharakter und einen besonderen taktischen Stellenwert haben.

Die besondere Charakteristik der Halbräume im taktikhistorischen Kontext

Wie bisher im Artikel ausgeführt haben die Halbräume einen grundlegenden strategischen Charakter, der sich in unterschiedlichen Konsequenzen, Wechselwirkungen und Eigenschaften niederschlägt. Allerdings hat der Halbraum nicht nur durch diese Basisaspekte einen ganz eigenen Charakter, sondern auch aus taktischen Gründen.

Man hat in dieser Zone oftmals wegen der am häufigsten genutzten gegnerischen Formationen einen kleinen Vorteil, was die gegnerischen Abläufe betrifft. Die Häufigkeit bestimmter Formationen – und somit auch die positiven taktischen Effekte der Halbräume – sind historisch bedingt. Formationen sind letztlich immerhin nur Anordnungen, um ein bestimmtes Ziel im Sinne der jeweiligen Spielphilosophie zu erfüllen; aus unterschiedlichen Kulturen und Traditionen in taktischer Hinsicht erwachsen ähnliche Spielphilosophien, aus diesen entstehen wiederum ähnliche Abläufe und bestimmte Formationen, die häufig sogar synonym für ein bestimmtes Land oder einen bestimmten Spielstil stehen. Letztendlich sind Formationen dadurch nur Heuristiken, welche eine vereinfachte Spielweise und Kombinationsmöglichkeiten entsprechend einer gewissen spielphilosophischen Ausrichtung sowie den dadurch bedingten Trainer- und Spielerausbildungen geben sollen.

Die Formationen als solche sind außerdem auf dem Reißbrett entstanden als Versuch einer Anordnung der Spieler, wodurch sie per se einen linearen Charakter hat. Es gibt keine runden Formationen oder willkürliche Verteilungen auf dem Spielfeld, sondern klare Strukturen in Linien oder maximal in Dreiecken, welche aber meistens ebenfalls in Linien organisiert sind und lediglich über die Linien hinweg als zusätzliche Komponente genutzt werden.

Diese beiden Aspekte – die Art der Bildung von Formationen sowie die kulturellen Eigenarten im Fußball – sorgen im Verbund mit der eingangs geschilderten Denkweise zur Kategorisierung in „Mitte“ und „Flügel“ für einen ganz eigenen, spezifischen Charakter der Halbräume. Kurzum: Weil beim Entwurf von Formationen Spieler im Halbraum nie wirklich eingeplant sind/waren, können sich im Verschiebeverhalten und bei den Kombinationsmöglichkeiten für den Gegner unangenehme Effekte ergeben; viele Mannschaften verschieben beispielsweise mit ihren zentralen Spielern nur wenig in Richtung der Flügel, andere wiederum haben Mannorientierungen auf dem Flügel selbst oder – sehr oft, besonders in England – die Flügelstürmer rücken nicht in Richtung Mitte ein.

In all diesen Szenarien sind die Halbräume extrem wirkungsvoll und vorteilhaft nutzbar. Eben weil die Halbräume in der Taktikhistorie nie wirklich beachtet wurden (exklusive einzelner Personen wie z.B. Ernst Happel), sind sie besonders effektiv und oftmals auf für den Gegner fatale Weise überraschend. So sind lange Zeit bestimmte Aspekte von 08/15-Formationen und Standardbewegungen in der Geschichte des Fußballs in den Halbräumen immer anfällig gewesen, das in der Horizontale unkompate und generell zu symmetrische 4-4-2 der 90er und 2000er z.B. ist das Paradebeispiel dafür, ob im Aufbau- (Räume neben den passiven Stürmern) oder im Offensivspiel (geweitete Schnittstellen in den Halbräumen). Dies lag auch an den üblichen gruppentaktischen Mechanismen wie den isolierten Außenspieler und deren Mannorientierungen. Mit einer besseren Staffelung und Positionierung lassen sich solche formativen Probleme natürlich in den Griff bekommen, häufig bleibt es aber in den Anfälligkeiten und gewisse Formationen besitzen bei klassischer Interpretation eben spezielle Charakteristiken, die bespielt werden können; Frei nach dem Motto: Der Ball läuft schneller.

Dazu kommen die schon erwähnten taktischen und strategischen Aspekte der Halbräume, wieso sie solche Standardeigenschaften teilweise noch effektiver bespielen konnten; die Passwinkel und Schnittstellen sind diagonal eben generell stärker zu bespielen, durch die Flügel- und Zentrumsorientierung der gegnerischen Formationen wird dieser Effekt noch verstärkt.

Man stelle sich eine Mannschaft im breiten 4-4-2 vor, wo der eigene Sechser in den defensiven Halbraum geht, ein weiterer Spieler bewegt sich im Sinne des Positionsspiels in den offensiven Halbraum auf die dort passende Anspielstationszone. Die Stürmer und die Sechser werden vermutlich weder ordentliche Mechanismen zum Abdecken haben, noch werden sie mit der entstehenden Komplexität der Verschiebebewegungen klar kommen. Weicht der Stürmer aus, öffnet er die Mitte, kann kaum Kompaktheit herstellen und wird dennoch Probleme im Zugriff haben. Wäre der Spieler auf dem Flügel, könnte er vom Kollektiv zumindest abgedrängt und isoliert werden, wäre er zentral, könnte man individuell Zugriff erzeugen. Desweiteren bleibt der verschiebende Stürmer meist auf seiner Höhe, kann also den Raum vor dem Mittelfeld nicht mehr sauber beschützen. Im heutigen raumorientierten Fußball sind diese Probleme natürlich seltener der Fall, werden aber durchaus noch gesehen. Die englische Premier League sagt Hallo. In Anbetracht all dieser Umstände drängt sich aber natürlich eine Frage auf.

Fazit: Ist der Halbraum besser als die Mitte?

Vor lauter Schwärmerei über die Halbräume wirkt es teilweise so, als ob die Halbräume nicht die zweit-, sondern die allerwichtigste Zone aus strategischer Perspektive sind. Die Mitte hat zwar zahlreiche Vorteile und ist schlichtweg die tornächste Zone, doch es gibt zahlreiche Ähnlichkeiten von Halbraum und Mitte in puncto Vorteilen. Desweiteren werden die Halbräume mit mehr Variabilität ergänzt: Aus der Mitte kann man zwei einander ähnliche Sachen bespielen, aus dem Halbraum zwei unterschiedliche Zonen, u.a. eben die Mitte. Dazu kommt die Folgewirkung; aus dem Halbraum in die Mitte zu spielen ist durch die Synergieeffekte (gegnerisches Verschieben und kurzzeitig geöffnete Räume für direkte Pässe in die Spitze) effektiver als aus der Mitte in den Halbraum zu spielen oder innerhalb der Mitte zwei Zonen zu überwinden versuchen.

Hinzu kommt der natürliche diagonale Charakter des Halbraums. Zentral sind die Sichtfelder vertikal und beim Kombinationsspiel lässt man sich etwas vom Tor wegleiten, beim Halbraum bleiben die grundlegenden Optionen und die Achtseitigkeit im Bewegungsspiel gleich, aber das Sichtfeld ist torausgerichtet. Auch das praktische Überwinden von zwei Zonen und eine dadurch weiträumige Verlagerung in den Halbraum (anstatt dem Flügel) ist effektiver aus dem Halbraum, wobei hier die Mitte natürlich zweiseitig über zwei Zonen verlagern kann, der Halbraum aber nur in je eine Richtung; wiederum hat aber der Halbraum die potenzielle Möglichkeit über drei Zonen zu verlagern, was wohl das Maximum an erfolgsstabilen Verlagerungsmöglichkeiten darstellt – Verlagerungen von Flügel zu Flügel sind dynamisch mit schneller Verarbeitung nahezu nie möglich.

Alles in allem wird die Diskussion aber hier schon zu fachlich. Fakt ist, dass die Halbräume nur selten in die mediale Öffentlichkeit geraten, obwohl sie zum gängigen Vokabular Jürgen Klopps in Spielanalyse gehören oder auch von Josep Guardiola im Positionsspiel explizit trainiert und in ihrer eigenen strategischen Bedeutung verwendet werden. Dieser Artikel soll einen groben Überblick über die strategischen Aspekte des Halbraums geben, obwohl das Thema hier natürlich nicht ansatzweise erschöpft ist; individualtaktische Aspekte und Dribblingoptionen oder gar Passmöglichkeiten (wie beeinflusst der Halbraum die Möglichkeiten von sehr stark angeschnittenen Pässen?) könnten ebenso wie spezielle gruppentaktische Abläufe oder das Verteidigen der Halbräume diskutiert werden.

Unser neuer Autor bei Spielverlagerung.com, AO, hat übrigens ebenfalls taktiktheoretische Artikel zu den Halbräumen geschrieben, die sich hier und hier finden.

Anmerkung: SV-Leser Burrinho4 schrieb in diesem und diesem Tweet zwei interessante Aspekte nieder, ebenso wie TheSoulcollector in diesem Kommentar. Kollege TW fragte daraufhin in einem privaten Chat, ob der Halbraum statisch/spielfeldabhängig oder dynamisch/gegnerabhängig sei. Meine Antwort auf ihn und somit in gewisser Weise auch auf Burrinho und TSc ist, dass der Halbraum dynamisch, aber prinzipiell situations- und dynamikabhängig ist. Das ist ja auch der Grund, wieso ballorientiertes Verschieben und Kompaktheit funktionieren (intern als Konzept der “Strategieraumkongestion” bezeichnet). Für mich gibt es auch das effektive Spielfeld, das bespielte, das bespielbare, das potenzielle und das faktische; in welchen die Halbräume, ihre Position und ihre Beschaffenheit variieren. Aber das kommt in einem anderen Artikel, ebenso wie zur Raumauf- bzw. -einteilung. Zu Letzterem findet sich aber schon hier ein lesenswerter Artikel von unserem SV-Kollegen Marco Henseling.

Eine Abrechnung: Die Probleme des englischen Fußballs

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Die Transferausgaben haben allein in diesem Sommer die Eine-Milliarde-Euro-Marke überschritten. Klubs der englischen Premier League investierten wie noch nie in Neuzugänge, nahmen im Gegenzug aber nur die Hälfte dieser Summe wieder durch Verkäufe ein. Was will man sich erkaufen? Was möchte man kompensieren? Was läuft falsch im englischen Fußball? Ein Debattenbeitrag zu Denkstrukturen, Taktik und Coaching.

von RM und CE (mit Feedback von TW und MR)

Machtstrukturen und ein neues Narrativ

Dass der englische Vereinsfußball seit einigen Jahren im europäischen Vergleich hinter den großen Konkurrenzligen herhinkt, scheint auch die breite Öffentlichkeit auf der Insel erreicht zu haben. Immer mehr Kommentare von “Experten” in den Zeitungsspalten und in den Diskussionsrunden bei den großen Sendeanstalten versuchen sich an einer Analyse, was im Moment falsch läuft. Besonders deutlich werden die Missstände einerseits an der abfallenden Qualität der Top-Teams, obwohl diese Jahr für Jahr neue Stars oder vermeintliche Stars in die Premier League locken, und andererseits am wenig ansehnlichen, physischen Fußball im Windschatten der Manchester-Klubs oder des Chelsea FC. Während sich die Spielkultur auf dem Kontinent, aber auch innerhalb der Auswahlmannschaften in den vergangenen Jahren entscheidend weiter- und zum Positiven entwickelt hat, bleibt England mit wenig kompaktem, teils eindimensionalem Flankenfußball auf der Strecke.

Kommentatoren wie der ehemalige Nationalrechtsverteidiger Gary Neville fokussieren ihre Analysen aber auf eine angebliche Schwäche im Verteidigen. Obwohl Gary Neville durchaus individualtaktische Aspekte sehr gut beschreiben kann, zeigt er mit dieser globalen Betrachtung ein weitreichendes Problem im Verständnis des Komplexsports Fußball und in den vorherrschenden Denkstrukturen Englands, womit insgesamt mehrere Problemstellungen gleichzeitig aufgeworfen werden. In der Tat, während 2004/2005 insgesamt 975 Tore in der obersten Spielklasse fielen, waren es in der letzten fünf Spielzeiten jeweils über 1050 bei gleichbleibender Anzahl an ausgetragenen Partien. Neville schreibt dazu im Telegraph:

“I look at some teams and feel: they don’t know how to defend. They struggle with crosses, they don’t deal with set-pieces, they don’t know how to work one on one. They have a weak understanding of the game.”

Doch nun stellt sich die Frage, wer Verständnisprobleme hat. Ist es nicht derjenige, der das Spiel in einzelne Phasen zerlegt, die Verteidigung von Englands geliebten Flanken von der Entstehung abkoppelt, der meint, dass Verteidigung lediglich Eins-gegen-Eins bedeute? Die Machtstrukturen in der Öffentlichkeit, die den Diskurs entweder erst konstruieren oder zumindest zwangsläufig bestimmen sind recht eindeutig und Neville ist ein perfektes Beispiel dafür. Der ehemalige Verteidiger schwadroniert dann davon, wie einst die Manndeckung bis zum Äußersten trainiert wurde – entlarvt dabei sogar etwaige Schwächen der damaligen Herangehensweisen im Training – und glaubt bei seinen Ausführungen an ernsthafte Verbesserungsvorschläge.

Man muss an dieser Stelle natürlich klar festhalten, dass diese Machtposition ehemaliger Profi-Spieler in diversen europäischen Ländern nicht grundsätzlich anders geartet ist. Während sich in Deutschland die Generation der 1990er mittlerweile bei einschlägigen Sendungen die Klinken in die Hände geben, wird beispielsweise in Frankreich der PSG-Trainer Laurent Blanc von alten Weggefährten aus Spielerzeiten an publikumswirksamen Stellen in Schutz genommen. Es ist nicht nur die Angst vor einer Generation von neuen, intelligenten Analysten, sondern auch das Festhalten an alten Denkstrukturen, deren Aufbrechen eines langen Prozesses bedarf.

Zurück nach England. Gary Neville, Ex-Arsenal-Verteidiger Martin Keown und viele andere, ob nun ehemalige Profis, professionelle Journalisten oder meinungsstarke Blogger, sie verrennen sich mittlerweile in einer Fragestellung: “Why are Premier League clubs defending so badly?”

Am Ende des Tages wird so eine Scheinwirklichkeit geschaffen. Der Sachverhalt wird angeblich eingegrenzt, die Problemstellung klar und für jeden Beobachter deutlich benannt. Die Zahl der Tore steigt – die Mannschaften, vornehmlich die Spieler der letzten Linie, verteidigen schlecht, was in diesem Zusammenhang meist sogar noch auf die einfachsten Elemente – zu lasche Deckung, Schwäche im Kopfballspiel, Konzentrationsprobleme – reduziert wird. Genauso wie man jahrelang die Probleme nicht in einem zu dogmatischen Befolgen des 4-4-2 sah und es im Gegenteil sogar als das Nonplusultra definierte, werden nun neue vermeintliche Fakten geschaffen. Dieses Problem ist nicht per se auf England zu beschränken. Vor der großen Kehrtwende im deutschen Fußball wurde gleichfalls in sehr verengenden Strukturen gedacht und analysiert. Doch im Moment betrifft dieses Phänomen vor allem die Insel und man ist an einem Punkt angelangt, wo direkte, praktische Auswirkungen auf die Erfolgsstabilität beobachtet werden können. Die erwähnten Aussagen Gary Nevilles sind ein besonders gutes Beispiel dafür, weil er darin aus taktisch-strategischer Sicht absolut unpassend das Defensivspiel in Einzelverantwortung anstatt Gruppenverantwortung zergliedert.

Diese Vereinfachung auf individuelle Defizite wird auch im Ruf nach neuen, teuren Spielern aus anderen Ligen, die am besten schon im Winter kommen sollen, ersichtlich. Solche Forderungen sind aber nur ein kleines Indiz – die Probleme auf dem Feld sind ein größeres.

Taktisch-strategische Verfehlungen

Doch wie zeigen sich die Probleme nun schlussendlich auf dem Platz? Denn strategisch wie taktisch mangelt es ihnen an zahlreichen Aspekten. Am stärksten stechen hierbei die Probleme im Pressing ins Auge, die Kollege Tobias Escher schon in einem Artikel im Sommer 2012 behandelt hat.

Diese Pressingprobleme haben die englischen Teams nach wie vor nicht überwunden, obwohl schon zwei Jahre seit Tobias’ kleiner Feststellung vergangen sind. Einzelne Trainer – zum Beispiel Brendan Rodgers mit seinem überfallartigen, aber keineswegs hervorragend strukturiertem Pressing in der Anfangsphase von Spielen oder auch Mauricio Pochettino in seiner Zeit bei Southampton – konnten in der Vorsaison einige Achtungserfolge feiern.

Ligaweit gibt es aber kaum Teams, die ein akzeptables Pressing praktizieren. Das fällt dann insbesondere in den europäischen Wettbewerben auf. Die englischen Teams wirken reihenweise überrascht, wenn der Gegner aggressiv auf den Ballführenden geht, Passoptionen schon früh zustellt und ihnen im Aufbauspiel wenig Zeit und Raum lässt. Im Gegenzug scheinen die Kontrahenten vom Kontinent ebenfalls überrascht vom mangelnden Pressing der Premier-League-Teams; hier ist es aber eine positive Überraschung.

Das Pressing hat sich in den letzten Jahren zu einem Schlüsselkonzept entwickelt. Die Bewegungen gegen den Ball sind mangelhaft, individual- und gruppenstrategische Konzepte wie Leiten, Zustellen, Doppeln und Trippeln, die Nutzung des Deckungsschattens oder Pressingfallen sucht man in Spielen der Premier League meist vergebens. Selbst mannschaftsstrategische Punkte werden weitestgehend vernachlässigt. Besonders auffällig sind Schwächen bei fundamentalen Aspekten wie der Ballorientierung im Verschieben und der Generierung von Kompaktheit.

Die Abstände sind vielfach zu groß, die Räume für den Gegner in den wichtigen Zonen (Halbräume und Mitte, zwischen den Linien, vor dem Strafraum etc.) zu einfach bespielbar und es lässt sich kaum von mehreren Spielern effektiv und abgesichert Druck entwickeln. Bis der ballnächste Spieler nach Pässen des Gegners Zugriff hat, kann sich der Ballführende bereits orientieren und darauf reagieren. Doch selbst wenn er gepresst wird, mangelt es an der Unterstützung und der Enge des Kollektivs. Dadurch funktioniert das Versperren von Laufwegen, Anspielstationen oder Ausweichmöglichkeiten nicht, wodurch der einzelne Spieler sich aus diesen Pseudo-Drucksituationen vergleichsweise einfach herausmanövrieren kann.

Beim Verschieben des Kollektivs zur Seite ist die Intensität gering, häufig rücken nur einzelne Spieler in Ballnähe aus der Formation heraus und zeigen Alibi-Pressing. Der Rest verschiebt nur leicht zum Spielgerät, die ballfernen Spieler bewegen sich fast gar nicht. Dadurch sind einerseits die lokale Kompaktheit in Ballnähe und andererseits die kollektive Kompaktheit in der Horizontale zu schwach. Mischt man das mit der geringen Intensität und den unpassenden Vertikal- wie Diagonalabständen, entstehen zahlreiche Räume, die der Gegner bespielen kann. Die Abläufe im Verschieben – nicht nur im Pressing, sondern in der Strafraumverteidigung und generell im ballorientierten Verschieben – sind deswegen mangelhaft.  Hinzu kommt eine schlechte Abstimmung und geringe Komplexität in gruppentaktischen Bewegungen und dynamischen Situationen.

Dies ist – im Verbund mit der hohen individuellen Qualität der Offensivspieler – ein Grund dafür, weswegen die Anzahl der Tore pro Spiel in England gestiegen ist und wieso die englischen Teams in Europa gegen individuell ebenbürtige Gegner defensiv überaus instabil wirken.

Die Toranzahl pro Spiel wäre noch höher, wenn die Offensivstruktur besser wäre. Das ist nämlich das zweite ganz große Problem des englischen Fußballs. Es startet schon bei den genutzten Konzepten und Philosophien in der Offensive: Ballbesitzfußball wird falsch eingeschätzt und zudem überaus unstrukturiert genutzt. Neben diesem Missverständnis über “Ballbesitz als Werkzeug” und “Ballbesitz als Philosophie” ist es auch eine mangelnde Flexibilität und Spezialisierung innerhalb anderer Konzepte, welche für große Probleme sorgt. In der gesamten Liga gibt es nur marginale Unterschiede bezüglich der Spielweise: alle versuchen eine Mischung aus Ballzirkulation und Konterfußball zu spielen, ohne aber in irgendeine Richtung allzu innovativ oder speziell zu sein.

In der Bundesliga findet sich beispielsweise die Positionsspielmannschaft Bayern München, die extreme Umschaltmannschaft Bayer 04 Leverkusen, der (in Topform) variabel agierende und mit eigenen taktischen Punkten im Konterspiel garnierte BVB, Lucien Favres Direktpassmonster mit Rhythmuswechseln aus dem tiefen Ballbesitz in Mönchengladbach und viele Mannschaften, die einzelne interessante taktische Aspekte mitbringen (Christian Streichs intensive Freiburger, Thomas Tuchels und nun Kasper Hjulmands Mainzer, das Daniel-Baier-Augsburg, aber auch Dieter Heckings Wolfsburger und Markus Gisdols Hoffenheim) oder zumindest eine hohe Flexibilität aufweisen.

Ähnliches ist es in Spanien mit Atlético, Real Madrid und Barcelona, Celta Vigo, Villareal, Rayo Vallecano, Athletic Club und auch Valencia der Fall. Des Weiteren erfüllen diese Mannschaften weitestgehend die wichtigsten strategischen Aspekte im Offensivspiel (insbesondere in Spanien) oder im Umschalten und Defensivspiel (insbesondere in Deutschland). Das fehlt in England.

Eine breite Diversifikation in der strategischen Ausrichtung, eine innovative Umsetzung einer einzelnen Spielidee, eine hochklassige Erfüllung strategischer Grundlagen oder eine große taktische Flexibilität sucht man allesamt vergebens. Die Einzigen, die etwas aus der Reihe tanzen, sind die in England verkannte Mannschaft von Swansea City und das West Ham United der vergangenen Saison; Letztere aber primär darum, weil sie vom Torwart aus schon sämtliche Bälle lang nach vorne schlugen und absolut keinen Spielaufbau hatten. Seit ihrer Umstellung gehören sie aber bedauerlicherweise zu den diesbezüglich besten Mannschaften Englands.

Zwar probieren einzelne Mannschaften (Arsenal, Everton, Swansea) oder Trainer wie die in England eher neuen Mauricio Pochettino, Louis van Gaal und Ronald Koeman etwas zu verändern, doch dies hat sich noch nicht auf andere Mannschaften ausgeweitet; beziehungsweise haben die Teams und Trainer selbst noch häufiger ihre Probleme und Mängel. Einzig José Mourinho scheint gegen das englische Anti-Taktik-/Anti-Strategie-/Anti-Stabilität-Gift mehr oder weniger resistent zu sein; wobei auch Koeman etwas von diesem Schlummertrunk geschluckt zu haben scheint.

Neben diesem Mangel an Diversifikation und erfolgsstabiler Hochklassigkeit fällt zugleich auf, dass es vielen 08/15-Mannschaften der Liga an stimmigen Rollenverteilungen im Kollektiv mangelt. Oftmals wirkt es, als entstünden Teams am Reißbrett. Man lässt eine simple Offensivstruktur spielen, nutzt eine weitestgehend gleiche Offensivausrichtung und einen ähnlichen Matchplan, konzentriert sich auf schnelle Raumüberwindung, die Flügel, Flanken und Einzelaktionen, wodurch diesen Mannschaften neben einer eigenen Identität auch eine effiziente Offensivspielweise fehlt.

Es ist fast schon paradox, dass zahlreichen Trainern mit einer komplexen – und fast immer spielerangepassten (!) – systemischen Struktur vorgeworfen wird, sie würden stur ihrem eigenen Konzept folgen und nicht auf die Einzelspieler Rücksicht nehmen, während vielmehr solche simplifizierenden Organisationsstrukturen der Komplexität eines Mannschaftssport und eines individuellen Spielers auf Hochleistungsniveau nicht gerecht werden, wodurch sie die durchaus herausragenden Individualisten in der Premier League nicht ordentlich einbinden können und einbinden wollen. Ergänzt wird dies dadurch, dass solche Akteure häufig nicht nur in ihrer offensiven Kreativität, sondern auch in ihrem Aufgabenbereich eingeschränkt werden. Das erstreckt sich bei vielen technisch versierten Spielern auch auf defensive Basisaufgaben, welche für das Kollektiv kontraproduktiv sind. Defensiv arbeiten sie entweder nicht mit oder haben beispielsweise eine simple Mannorientierung; oftmals bilden dann die Flügelstürmer wegen der mannorientierten Verfolgung des gegnerischen Außenverteidigers eine Sechserkette – eine ungemein schwache Stellung für das Umschaltspiel.

Ähnliches zeigt sich auch im defensiven Umschaltspiel, was gepaart mit den strategischen Mängeln zu enormen Problemen beim Verhindern der eigentlich nur mittelmäßig organisierten Konter führt. Gegen- oder Konterpressing? Fehlanzeige. Eine passende Struktur in eigenem Ballbesitz, um das Umschalten vorzubereiten? Fehlanzeige.

Es ist fast schon bezeichnend, dass Jonathan Wilson – seinerseits eigentlich ein herausragender Autor, wunderbarer Fußballhistoriker und für viele in den englischen Medien ein führender Taktikanalyst des Landes – Gegenpressing in diesem Video komplett falsch erklärt. Das würde hierzulande nicht nur jeder Leser von Spielverlagerung.de, sondern vermutlich auch jeder Fan der Bravo Sport (siehe hier) besser schaffen. Ein Nebenabsatz in einem Bravo-Sport-Vergleichsartikel erklärt Gegenpressing besser als Wilson bei Sky Sports – wurde jemals Englands Inkompetenz im Fußball besser veranschaulicht?

Es überrascht nicht mehr, dass der mediale Diskurs und der „Mittelstand“ der englischen Trainer in der Premier League dermaßen weit zurückliegen. Das Verständnis von grundlegenden strategischen Konzepten fehlt komplett – das Gegen- oder Konterpressing ist nur das eindrücklichste Beispiel. Doch nicht nur das Wissen ist löchrig, auch die Vermittlung des spärlich vorhandenen Know-hows ist kritisch zu bewerten.

Aufbrechen von Denkstrukturen

Keine auch nur ansatzweise komplexe Taktik kann funktionieren, wenn sie nicht die passenden Spieler dafür hat. Um Spieler passend dafür zu machen, werden entweder Genies (so gut wie nie), Glücksfälle (sehr selten) oder ein adäquates Training (fast immer) benötigt. Blickt man nach England und analysiert den State of the Art, merkt man, dass vieles im Training und in der Spielerausbildung (ob individuell oder kollektiv) noch unterentwickelt ist.

Das beginnt bei Übungsleitern, welche sich Fitnessexperten aus komplett anders aufgebauten und in der Trainingstheorie zuwiderlaufenden Sportarten dazu holen, um sich dann über eine hohe Anzahl an Verletzungen zu beschweren oder bei solchen Trainern, welche immer und immer wieder klar erkennbare und enorm große taktische Mängel mit mangelnder Motivation, fehlender Aggressivität oder schlechter Form der Spieler begründen – alles Aspekte, die ebenfalls im Verantwortungsbereich des sich echauffierenden Trainers liegen.

Die Zurückführung von Leistungen auf spezifische und kontextuelle Aspekte – beispielsweise bestimmte taktische Probleme, eine falsche Ausrichtung, die mangelnde Erfolgsstabilität aufgrund besonderer Probleme im Training – findet kaum statt, außer bei einzelnen Trainern wie José Mourinho.

Schon einmal einen englischen Trainer in einer Pressekonferenz von mangelnder Kompaktheit, unpassenden Abständen im Pressing oder zu geringer Intensität im ballorientierten Verschieben reden hören? Und bei allem Respekt: Das sind Dinge, die Jürgen Klopp und Josep Guardiola beim Frühstücksplausch mit ihren Frauen besprechen. Ob die Managermentalität vieler englischer Hauptverantwortlicher, die dann bisweilen das Training delegieren oder wegen anderer Umstände (zum Beispiel Führung von Verhandlungen) nur situativ aufsuchen, ebenfalls ein Faktor ist?

Fernab vom medialen Diskurs wird aber auch in den Spielen selbst die Problematik ersichtlich. Wir hatten bei Spielverlagerung.de in letzter Zeit vermehrt Spiele der Premier League analysiert und dabei auch Spiele aus dem Tabellenkeller und –mittelfeld angesehen, um bestimmte Aspekte besser zu beleuchten. Bei dieser Analyse wurde mit der Zeit deutlich, welche Mängel im Training selbst vorhanden sein müssen. Ein zu großer Fokus auf isolierte Aspekte, besonders im Bereich der Physis, ist beispielsweise erkennbar an der Ausrichtung auf physisfokussierte Punkte taktischer Art. Auch Nevilles Ausführungen zu seiner Spielerzeit deuten darauf hin.  Viel auffälliger ist aber die mangelnde taktische Kommunikationsfähigkeit der Spieler.

Falsche Entscheidungen, Fehleinschätzungen der kollektiven Bewegungen, kaum vorhandene Harmonie im Timing beim gruppentaktischen Bewegungsspiel und möglichst simple Spielzüge zeugen von einer unpassenden Schwerpunktsetzung in den sicherlich vorhandenen Spielformen im Training. Die Reaktion auf herausrückende Bewegungen von Mitspielern, das absichernde Verschieben in offene Räume ohne direkten Mitspielerbezug, generell ballferne oder sogar simple ballorientierte Bewegungen und mehr oder weniger sämtliche offensivgruppentaktischen Aspekte variieren von mangelhaft über mäßig bis hin zu komplett inexistent.

Dies äußert sich aber auch bei noch kleineren und unscheinbaren Punkten, insbesondere in der immer wieder von den Engländern selbst als „schlecht“ bezeichneten Spielerausbildung. Bei präziser Betrachtung der Orientierungspunkte und ihrer Abfolge wird bei vielen in England ausgebildeten Spielern auch ersichtlich, dass der Fokus in der Jugendausbildung neben der Physis auch auf rein individualtaktischen Fähigkeiten liegt. Damit geht die Kontextualität und Beeinflussung des Kollektivs komplett verloren – in einem dynamischen und komplexen Mannschaftssport ist das keine allzu gute Idee.

Beispiel gefällig? So stehen bei einer Ballannahme häufig die Sauberkeit, Ausführung selbst und die Simplizität im Vordergrund. Die direkte Suche nach einem einfachen Pass oder dem Schutz vor einem gegnerischen Angriff durch Befreiungsschläge stehen dann in weiterer Folge auf dem Programm, während antizipatives Freilaufen in der vorherigen Situation, aber auch grundsätzliche Dinge wie ein vorbereitendes Umblickverhalten oder eine korrekte und reflektierte strategische Entscheidungsfindung vernachlässigt zu werden scheinen.

Diese Problematik ist nicht nur bei einer Ballannahme der Fall, sondern kann in anderen Aspekten wie im Defensivspiel oder beim Torabschluss ebenfalls beobachtet werden. Ursache dafür ist eine hinterfragbare Trainerausbildung. Es herrscht schlichtweg ein enormer Fokus auf einfache Dinge, auf “Althergebrachtes”, auf einzelne “Tugenden” und eine möglichst simpel heruntergebrochene Vermittlung dessen. Das Verfolgen eines fußballspezifischen, ganzheitlichen und komplexen Ansatzes scheint also ein Fremdwort in der breiten Masse zu sein; von spezielleren Themen wie dem differenziellen Lernen ganz abgesehen.

Die Mentalität der wenigen ausgebildeten Trainer ist ebenfalls “typisch englisch” – ein furchtbares Klischee, doch ausnahmsweise scheinen Stereotypen mehr als einen kleinen Bruchteil realitätsgetreu abzubilden. Der gesamte Fokus und die Ausrichtung auf Physis, Individualität, Überlegenheit des Einzelnen gegenüber seinem Gegenspieler, Simplizität und Stabilität zeigt sich in sämtlichen Ebenen und Altersgruppen im Coaching, wodurch es einen enormen Mangel an ausgereiften und intelligent im Kollektiv umgesetzten Spielkonzepten gibt.

Junge Fußballer erhalten somit nicht nur mit Vorurteilen und Fehlern vorbelastete Ratschläge, sondern auch einen zu übertriebenen Fokus auf Basistechniken des Fußballs, die durchgehend isoliert trainiert werden. Eine saubere Technik in einer drucklosen und isolierten Übung schützt nicht vor technischen Fehlern in Drucksituationen im Spiel. Diese immer wieder vorkommenden Fehler entwickeln sich aber zum Teufelskreis: Ein Trainer mit unpassender Mentalität wertet solche Fehler als Motivation noch isolierter, noch fokussierter und noch extremer an elementaren Grundtechniken weiterzuarbeiten. Die Angst vor Versagen und die Konfrontation mit diesem im Spiel führen im Verbund dazu, dass die Übungen im Training nicht komplexer gemacht werden, damit sich die Fehler nicht auch im Training häufen. Die kontextuelle Wichtigkeit von Fußballtechnik bleibt dadurch unerkannt und unausgebildet.

Dies wurde auch in Diskussionen mit in England ausgebildeten und später im Ausland tätigen Trainern sowie von Leuten, die Einblick in die Trainerausbildung in unterschiedlichen Nationen haben (wie zum Beispiel Stevie Grieve), bestätigt.

Die Probleme im Training sind aber viel weitreichender als das. Neben den Symptomen müssen auch die Ursachen behandelt werden. Viele Jugendtrainer – ob im Schulsport oder im Vereinswesen – holen sich ungerne Hilfe oder lassen sich von neuen Konzepten nicht umstimmen. Vielfach wird in den Medien zum Beispiel gefordert, dass kompetente ausländische Trainer in die Premier League kommen. Dabei wird davon ausgegangen, dass selbst Jürgen Klopp und Pep Guardiola natürlich nach dem ersten Telefonat mit einem englischen Spitzenklub sofort alles Stehen und Liegen lassen würden. Doch sobald sie in England einträfen, würde von ihnen auch taktisch und sogar in Bezug auf die Trainingsmethodik eine Anpassung an die englischen Verhältnisse gefordert. Dies reicht vom extremen Mediendruck über paradoxe Forderungen des Präsidenten bis hin zu offenen Rebellionen der Spieler (siehe das Beispiel André Villas-Boas).

Jetzt kommt die Eine-Milliarde-Pfund-Frage: Wie soll ein ausländischer Trainer die Verhältnisse im englischen Fußball positiv beeinflussen, wenn man es ihm nicht erlaubt und eine Anpassung seinerseits an die englischen Verhältnisse fordert? Es wirkt beinahe, als möchte man weiterhin “typisch Englisch” spielen lassen, ohne das wirklich zu tun, aber damit trotzdem irgendwie mehr Erfolg haben. Prognose: Das könnte schwierig werden.

Diese Denkweise ist Teil des Dilemmas, wo die Betrachter anscheinend zu hoch stehen, als dass sie noch die Probleme an der Wurzel erkennen könnten. Die Resistenz gegenüber der Implementation england-externer Konzepte – ob taktischer oder trainingsmethodischer Natur – ist also das Einzige, was die Inkompetenz des typisch englischen Trainers zu übertreffen scheint. Ein weiterer Teufelskreis. Die mangelnde Kompetenz rührt weitestgehend von zu geringer Abstraktion der Wirkungsweise – des Warum und nicht des Was oder Wie – der Konzepte, ob taktisch-strategischer oder trainingsmethodologischer Natur. Wie verpflichtet man also kompetente ausländische Trainer, ohne Kompetenz erkennen zu können? Ach ja, einfache Antwort: Mit Geld. Womit wir wieder am Anfang sind.

Umblickverhalten und Schulterblick

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Dieser trainings- und taktiktheoretische Artikel behandelt das Umblickverhalten sowie den Schulterblick im Speziellen.

Fußballtaktik besteht aus vielen unterschiedlichen Aspekten. Strategische Aspekte, Mannschaftstaktik, Gruppentaktik, Wechselwirkungen mit dem Gegner, Umfeldbedingungen (Anpassungen an die Platzverhältnisse z.B.), der Spielstand oder auch die Berücksichtigung der jeweiligen Tagesform werden oftmals genannt. Ein Teil davon bleibt jedoch oft gänzlich unerwähnt: Die Individualtaktik.

Ursachenforschung gefragt

Individuelle Leistungen werden meistens auf undefinierbare Begriffe wie Talent oder vereinfachend auf die Qualität des Spielers zurückgeführt, ohne auf den Einfluss des Trainers, der Ausbildung, des Spielcharakters oder – ganz banal – nach den Ursachen für die Überlegenheit in technischen Teilaspekten zu suchen. Obwohl dies in einem globalen Rahmen gemacht wird, geschieht dies selten für einzelne Spieler. Beispielsweise wird Barcelonas Gesamterfolg der letzten Jahre auf die Fußballschule La Masia und die dortige Ausbildung zurückgeführt, die individuellen Fähigkeiten Xavis, Iniestas, Messis und Co. gelten jedoch als eine von Gott gegebene goldene Generation.

“Over the years I‟ve spent thousands of hours by the side of the pitch watching some of the very best players in the world train and compete. A striking difference between watching the pro‟s play and watching youth soccer players train is the amount of time the best professionals look up and around consistently and constantly.” - Sportpsychologe Dan Abrahams

Natürlich ist es durchaus möglich, dass es nie wieder eine Spielergruppe mit so viel Talent geben wird, auch wenn es unwahrscheinlich ist. Bayern und Real sind aktuell schon sehr nahe dran. womöglich sogar ebenbürtig. Sogar das aktuelle Barcelona steht rein individuell in nichts nach, obgleich Barcelona 2011 wohl für viele nach wie vor den Zenit darstellt. Nichtsdestotrotz hat auch diese sogenannte goldene Generation von ihrer Ausbildung profitiert und konnte nur durch die Mischung ihres eigenen „Talents“ und dem nötigen Rüstzeug so gut werden. Ein Aspekt, den man besonders bei Spielern aus La Masia wiederfindet, ist dabei der Blick über die Schulter. Darum messen einige Vereine in der deutschen Bundesliga sogar bei ihren gescouteten Spielern, wie oft sie im Schnitt pro Minute über die Schulter blicken.

Das klingt zwar sehr simpel, doch die Auswirkung einer solch kleinen Bewegung kann sich drastisch äußern.

Spielintelligenz fördert die spielerische Leistung beziehungsweise ihrer Umsetzung

Die Informationsaufnahme strategischer und taktischer Aspekte in der Umgebung erleichtert nämlich das darauffolgende Dribbling beziehungsweise den Offensivzweikampf. Ein Spieler kann technisch perfekt sein, doch wenn er sich bei der Ballannahme nach hinten in den Gegner dreht, wird er den Ball dennoch im Normalfall verlieren. Gleichzeitig kann auch ein technisch schwächerer Spieler den Ball deutlich öfter behaupten und seine Aktionen erfolgreich gestalten, wenn er sich in offene Räume oder einfachere Situationen bewegt.

Der Schulterblick ist hierbei ein grundlegendes Mittel. In La Masia werden die jungen Fußballer schon von klein auf geschult sich andauernd umzusehen und ihrer Umgebung bewusst zu werden. Wo sind Räume frei? Wo kann ich mich freilaufen? Wohin kann ich mich nach der Ballannahme bewegen? Wie stehen meine Mitspieler? Wen kann ich dann wie anspielen?

“I once took a youth team player at a Premiership Academy through 10 minutes of footage of Cesc Fabregas. I asked the player what it was he noticed about Fabregas and he commented that the then Arsenal player checked his shoulders over 10 times a minute. And it appeared that every decision he made was based on what he had just seen. The world‟s best players have developed an internal tracking system that scans the immediate environment.” Sportpsychologen Dan Abrahams

Das gesamte Spielsystem der Katalanen, das Juego de Posición (eine in-depth-Erklärung auf Englisch gibt es hier), das dominante Kurzpassspiel mit wenigen Kontakten über mehrere Stationen, selbst ihr Defensivspiel, basiert alleine darauf, dass sich die Spieler konstant ihrer Umgebung bewusst sind. Xavi als Organisator der Mannschaft ist hierfür ein perfektes Beispiel.

Xavi als Informationsfinder

Xavi positioniert sich sehr oft genau in einer diagonalen Linie zweier gegnerischer Spieler; meistens macht er dies zwischen einem gegnerischen Sechser und einem Mittelstürmer. Erhält er hier den Ball, blickt er schon davor über seine Schultern. Er registriert, ob hinter ihm der Raum von einem einrückenden Flügelstürmer versperrt wird und wie sich die beiden Gegenspieler in seiner Nähe – also der Sechser und der Mittelstürmer – bewegen. Dadurch kann er auf ganz einfache Weise sich und seiner Mannschaft einen riesigen Vorteil verschaffen.

Xavi in der diagonalen Linie in der gegnerischen Staffelung

Xavi in der diagonalen Linie in der gegnerischen Staffelung

Rückt keiner der beiden Akteure auf Xavi, wenn dieser den Ball bekommt, kann er ihn sich stoppen und hat viel Raum zur Verfügung. Indem er sich oftmals nahe am genauen Mittelpunkt dieser gedachten Linie positioniert, sind oftmals die Zuteilungen unklar. Manchmal haben die gegnerischen Spieler aber bestimmte Verantwortungen, wie zum Beispiel einen sehr tiefen Mittelstürmer oder eine zonale Mannorientierung des Sechsers, wo dann dieser taktische Effekt nicht entsteht. Dank der Informationen, die ihm viele und zeitlich passende Schulterblicke geben, hat Xavi aber für alle anderen Situationen ebenfalls Möglichkeiten parat.

Wenn der Mittelstürmer sich am Mittelfeld orientieren soll und sich dann auf Xavi zurückfallen lässt, dreht sich der katalanische Spielmacher während beziehungsweise kurz vor der Ballannahme mit dem Rücken zu ihm hin und deckt ihm damit den Weg zum Ball ab. Xavi lässt den Ball an sich vorbeirollen und hat wieder das gesamte Spiel vor sich. Der Gegner wurde geblockt und kann auch in den folgenden Sekunden keinen Druck aufbauen. Für Xavi gibt es nun die Möglichkeit nach vorne zu laufen und einen Pass zur Seite zu spielen oder sich mit dem Ball weiter zur Auslinie zu bewegen, wodurch der Außenverteidiger aufrücken kann.

Spielt der Gegner mit einer Mannorientierung des Sechsers auf Xavi, dann kann Xavi mit einem passenden Schulterblick das Herausrücken des Gegenspielers erkennen. Er kann sich nun nach hinten drehen, den Ball zu den Innenverteidigern spielen oder seitlich ablegen. Das hat zur Folge, dass das Herausrücken des gegnerischen Spielers zu einem Nachteil wird: Barcelona kann in den geöffneten Raum spielen oder zum Beispiel über Iniesta oder Messi in dieses Loch eindringen.

“The first lesson I learned at Barcelona was to play with your head up. If you look around you only after you receive the ball, then how do you know what’s going on? But if you raise your head before you control your team-mate’s pass, you immediately notice all the space you have. You know where the nearest defender is and where your best options are to make a successful pass. I’ve had wonderful advice in my career, but that first piece is still the most important.”Xavi

Sehr oft dreht sich Xavi auch einfach mit einer 360°-Drehung um den Gegner herum, woraufhin Barcelona plötzlich Überzahl hat. Das mag zwar teilweise spektakulär oder wie ein Fehler des Gegners aussehen, ist aber an sich simpel. Jeder professionelle Fußballer kann einen Pass stoppen, sich um 360° drehen und dann ein paar Schritte nach vorne. Doch nur einige wenige wie Xavi schätzen die Situation und Dynamik der Szene richtig ein, bewegen sich rechtzeitig und richtig, damit dieses einfache und überaus effektive Kunststück entstehen kann. Behilflich sind dabei der Blick über die Schulter und der dazugehörige Informationsgewinn.

Gegen Barcelona ist es darum – in deren besten Zeiten zumindest – immer ein Tanz mit dem Feuer gewesen. Stellt man keinen Druck her, wird Barcelona das Spiel dominieren, dadurch keine Chancen zulassen und geduldig nach den Löchern in der eigenen Abwehr suchen. Diese Spielweise bezeichnete Liverpools Trainer Brendan Rodgers unlängst als „Death by football“.

Rückt ein Spieler auf Xavi, verlässt er seine Position und ein anderer Spieler wird frei. Selbst wenn sowohl der Sechser als auch der Mittelstürmer auf Xavi schieben, ist es selten möglich konstant effektive Ballgewinne zu haben. Dann lässt Xavi meistens den Ball nur kurz abprallen, um dieses Herausrücken für seine Mitspieler bespielbar zu machen oder er kann sich auch in dieser Situation drehen und selbst den offenen Raum bespielen, wenn er sieht, dass der Gegner nicht rechtzeitig in den Zweikampf kommen kann.

Besonders fatal ist das für den Gegner aber, weil alle Spieler Barcelonas so denken. Wenn jemand auf Xavi herausrückt, dann weiß nicht nur Xavi das, sondern auch der Xavi-nahe Innenverteidiger, der beim Pass von der anderen Seite ebenfalls über die Schulter blickt und sich sofort für eine mögliche Ablage Xavis hinter den zurückfallenden Mittelstürmer freiläuft. Der Außenverteidiger blickt ebenfalls auf beide Seiten und wird aufrücken, damit er Raum für einen Vorstoß des Innenverteidigers oder eine Drehung Xavis öffnet, indem er seinen Gegenspieler nach hinten stößt.

Der Flügelstürmer erkennt das ebenfalls und wird nun etwas einrücken, um einerseits das Übergeben des Außenverteidigers vom gegnerischen Flügelstürmer in den Raum zu verwehren und andererseits um ein Zurückfallen Messis zu ermöglichen, der ebenfalls die Situation registriert und sich in das Loch hinter dem herausrückenden Sechser positioniert. Aus der eigentlich guten Pressingsituation wird auf einmal eine Ablage Xavis mit darauffolgendem Pass  auf Messi, der im Mittelfeld Tempo aufnehmen kann – es ist nicht die beste Situation.

Diese gesamte kollektive Bewegung, ausgehend von Xavis Schulterblick vor der Ballannahme, wenn man so möchte, ein Kettenmechanismus durch die gesamte Mannschaft in eigenem Ballbesitz. Und er entsteht letztlich dadurch, dass sich Fußballer durch individualtaktische Eigenschaften in einem größeren gruppen-, mannschaftstaktischen und strategischen Kontext mit Wechselwirkung auf die gegnerische Bewegung und jene des Balles definieren. Gleichzeitig definiert sich jegliche Taktik auch über die Wechselwirkungen mit dem Spieler und seinen körperlichen, spielerischen und taktischen Möglichkeiten.

Bayerns großer Verdienst gegen Barcelona unter Heynckes 2013 war es auch, dass man diese Mechanismen durch die adäquaten Zuteilungen und die enorme Kompaktheit nicht entstehen ließ. Doch die Bayern waren von 2008 bis 2013 nur eine von sehr wenigen Mannschaften, welche das konstant über eine Partie hinbekamen – und die einzige, die es über zwei Spiele schaffte. Dies zeigt auch, wie effektiv es ist, wenn eine Mannschaft solche grundsätzlichen einfachen Aspekte der Informationsgewinnung kollektiv anwendet und es – dank einer guten Spielereinbindung, einer passenden Spielidee und intelligenten Anpassungen an den Gegner – zur besseren Umsetzung ihrer Fähigkeiten führen kann.

“When I receive the pass, having already looked around me, I’m thinking about whether I’ve got time to turn or if I have a defender behind me. That’s the first thing. If I’m under pressure, I’m looking to play with one or two touches, or control the ball in such a way that my marker can’t intercept it. Basically, I’m looking to earn myself a few metres of space so that I’ll be in a position to not lose the ball and allow our team’s move to develop.”Xavi

Der Schulterblick ist natürlich nur ein Teilaspekt; die richtige Ballannahme, die Körperstellung zum Spielfeld hin, grundsätzlich eine saubere Technik, die Physis, die Mentalität und so weiter spielen ebenfalls eine Rolle. Doch auf den Schulterblick wird in der Trainingslehre kaum eingegangen. Wieso?

Subtilität wird oft übersehen

Vielfach werden einfache Sachen übersehen. Viele Trainingseinheiten konzentrieren sich auf das Offensichtliche: Physis, Balltechnik, klare schemenhafte gruppentaktische Abläufe, defensiv wie offensiv. Das ganzheitliche Training mit Fokus auf das freie Spiel inklusive der differenziellen Lernmethode mit Ergänzungen wie Life Kinetik ist aktuell auch darum im deutschen Profifußball der letzte Schrei, weil es automatisch zahlreiche kleinere Sachen berücksichtigt und automatisch in den Trainingsbetrieb implementiert.

Doch insbesondere in der Jugendausbildung werden viele Sachen nicht in einem größeren Rahmen trainiert, sondern es gibt einen natürlichen Fokus auf die Individualtaktik, die spielerische Qualität und grundsätzliche motorische Aspekte wie die Koordination. Die vielen einfachen Passformen und Technikübungen sorgen dann dafür, dass sich die Jugendspieler präzise und schnell in einzelnen Aspekten weiterentwickeln, jedoch werden anderen Aspekte durch diese Trainingsübungen nicht berücksichtigt; für viele Trainer ist auch diese Einfachheit und Übersehbarkeit mitursächlich dafür, dass sie weder die Trainingsübungen auf die Entwicklung solcher Fähigkeiten auslegen noch innerhalb andere Trainingsübungen die Ausführung dieser Bewegungen kontrollieren beziehungsweise darauf konstruktiv hinweisen.

Um diese viel übersehenen Fähigkeiten in Zukunft stärker zu entwickeln, muss natürlich auch ein stärkeres Augenmerk in der Trainerausbildung auf diese gelegt werden. In La Masia, um beim vorherigen und im Weltfußball populärsten Beispiel zu bleiben, wird neben dem Schulterblick auch auf die Bedeutung offener Räume im Freilaufen, der korrekten Bewegungsrichtung bei der Ballannahme in Relation zur Spieldynamik und den grundsätzlichen Staffelungen geachtet.

Der viel zitierte positive Effekt des „gleichen Systems durch alle Altersstufen“ ist nämlich nicht (nur) auf so banale und nichtssagende Aspekte wie die Formation oder die grundlegende Spielweise zurückzuführen.

“It sounds easy, but to dominate these skills is difficult. It’s how I survive in a game. I’m not physical, strong or tall, so I’ve always got to look for free space from where I can create and have time to think, control the ball and look for the next pass. This means I have to run for miles in each game looking for that space, allowing my team-mates the chance to ‘roll out’ when I give them the ball. You must think about the game situation, and also about the team-mate to whom you’re passing.”Xavi

Er bedeutet eher, dass allen Spielern die fundamentalen Bedeutungen strategischer und mannschaftstaktischer Aspekte bekannt sind und wie diese individualtaktisch umsetzbar sind. Das Talent, die Technik, die Physis und die Mentalität entscheiden letztlich, auf welchem Niveau der Spieler sich durchsetzen könnte – das Verständnis grundlegender Mechanismen, die Fähigkeit zur Umsetzung seiner Fähigkeiten generell und die mögliche, flexible Einbettung in das Spielsystem der Mannschaft entscheiden jedoch darüber, ob er es letztlich auch tun wird.

Denn ohne das physische, technische und mentale Rüstzeug kommt man heutzutage gar nicht mehr in die Verlegenheit für einen großes Team vorzuspielen; ohne taktische Kenntnisse wird man in naher Zukunft, der Zeit des Ballbesitz- und Pressingfußballs, sich kaum noch auf höchstem Niveau durchsetzen können.

Ein Spieler, der sich in der Jugend durchgehend durch seine körperliche wie technische Überlegenheit als Zehner individuell profilieren konnte, wird spätestens im Profibereich auch beginnen müssen seine Pässe intelligent zu wählen, sie der strategischen Marschroute des Trainers folgen zu lassen und positionspassende Defensivaktionen ebenfalls geschickt zu wählen.

Darum wird in den nächsten Jahren auch entscheidend sein, wie die Fußballakademien aus aller Herren Länder ihre Spieler (individual-)taktisch ausbilden. Der Schulterblick und die intelligente Informationsaufnahme bei diesem mit der richtigen Zuteilung der gewonnenen Informationen im taktisch-strategischen Kontext sind hierbei eine wichtige Kategorie der Ausbildung. Nun stellt sich aber natürlich die Frage: Wie zum Teufel bringe ich das den Knirpsen bei?

Wie lehre ich den Schulterblick?

Das Vermitteln des Schulterblicks geht mit den grundlegenden Prinzipien des Fußballtrainings einher. Die jeweilige Trainingsphilosophie des Trainers kann natürlich variieren, grundsätzlich ist aber ein möglichst spielnahes Training nach einem ganzheitlichen Ansatz empfehlenswert, wie schon in der ersten Ballnah-Ausgabe im Artikel „Nah am Ball – auch im Training“ (hier auf SV veröffentlicht) argumentiert wurde.

Die Trainingsübungen sollten somit an reellen Spielsituationen orientiert sein, welche jedoch so gewählt werden, dass ein richtiger Schulterblick unabdingbar für eine erfolgreiche und flüssige Erfüllung der Übung ist. Beispielsweise können dies spezielle Passspielformen sein, bei denen man sich in bestimmten Momenten nach hinten orientieren muss oder gar eine spezielle Brille zur Sichtbehinderung verwendet wird, eine Zweikampfübung mit variierendem Gegenspieler, der einen von hinten im eigenen Rücken attackiert, Spielformen mit durch den Übungsaufbau erzwungenen zu spielenden oder empfangenden Pässen außerhalb des eigentlichen Sichtfelds oder auch Positionsspielübungen mit wichtigen taktischen Bewegungen hinter sich.

“If you think before your opponent where the ball is going to go then you have an advantage. If you stay with the ball at your feet and think about what to do, you are going to lose the ball. The best players are the quickest thinkers. Where is my team-mate going to run to? Will he stay onside? Which one has space? Which one is looking for the ball? How do they like the ball – to their feet or in front? You can be the best passer in the world, but without your team-mates being in the right position, it’s no good.”Iniesta

Theoretisch sind sogar abstraktere Sachen möglich: Sich bewegende Tore, dynamische Spielfeldbegrenzungsveränderungen, reger Blickkontakt zu einem bestimmten Mitspieler in freier Bewegung weiter weg auf dem Feld oder zum Beispiel auch das Abzählen von einer sich verändernden Anzahl an Dingen im eigenen Rücken mit dazugehöriger Abfrage zur Kontrolle noch während der Übung könnten eine Option darstellen, um die unaufhörliche Kontrolle des Spielfelds zu provozieren. Auch 1-2-2-1- oder 1-2-3-2-1-Formationen von aneinandergereihten Rondos mit Zonenwechseln sind auf Fortgeschrittenenniveau eine Möglichkeit.

Generell werden somit Übungen gebaut, wo die Spieler (zu Beginn) verhältnismäßig einfache Entscheidungen treffen, die aber die motorische Komponente des Schulterblicks für den Übungserfolg benötigen. Mit der Zeit und je nach der jeweiligen Entwicklungsstufe werden der kognitive Input und der erwünschte Output erhöht. In kleineren Spielsituationen kann dann mit Freezing gearbeitet werden, wenn bestimmte strategisch falsche Entscheidungen getroffen wurden oder auch, wenn wieder grundsätzliche Probleme im Spielverlauf wegen mangelndem oder nicht ausgeführtem Schulterblick auftauchen.

Ziel ist es somit, dass zuerst die motorische Komponente des Schulterblicks in einfachen Übungen in Fleisch und Blut übergeht. Die Ausführung soll dabei immer wieder auch verbal in Erinnerung gerufen werden, die genaue Umsetzung obliegt aber prinzipiell dem Spieler. Nachdem der motorische Aspekt und die grundsätzlich korrekte Umsetzung in Relation zu den direkt umliegenden dynamischen Begebenheiten des Spiels beherrscht werden, kann dann zu einem größeren Rahmen übergegangen werden.

Es wird fortan nicht nur die erfolgreiche Ballannahme unter direktem Gegnerdruck geplant, sondern die Bewegung in den offenen Raum. Bei Ersterem soll der Ball einfach mit richtiger Nutzung der gegnerischen Bewegung behauptet werden, bei Zweiterem soll direkt in der Folgebewegung der offene Raum anvisiert werden. In der nächsten Stufe geht es dann darum, auch über seine eigenen Bewegungen hinauszublicken und die Positionen der Mitspieler zu erfassen.

Später sollen dann auch jene Aspekte berücksichtigt werden, die eine besondere Manipulation dieser zahlreichen Komponenten ermöglichen. Dies kann zum Beispiel eine Körpertäuschung bei der Ballannahme und herannahendem Gegner darstellen, die dann ins Aufdrehen in einen bestimmten Raum mündet, von wo aus ein erwünschter Pass gespielt werden kann.

Wichtig bei diesen Ansprüchen ist die Berücksichtigung der individuellen Klasse der Akteure. Die Erfüllung allerhöchster Kriterien dürfte außerhalb des Hochleistungsfußballs wohl kaum unter großem Zeit- und Raumdruck konstant gegeben sein. Doch nicht nur die komplexe Planung von der Manipulation erst entstehender Spieldynamiken in Sekundenschnelle ist oftmals ein Ding der Unmöglichkeit.

Bei sehr jungen Spielern im Nachwuchs könnten sogar bei der Ballannahme mit Schulterblick Probleme vorhanden sein, obwohl es da nur um das Einstudieren der motorischen Komponente geht. Das liegt daran, dass die Jugendspieler den Ankunftspunkt des Passes sowie die Dynamik des Spiels, des Passes, der Ballannahme und des Schulterblickzeitpunkts noch nicht in kleinen Zeitintervallen einschätzen können.

Hier sind einerseits natürlich Geduld und korrekter Umgang mit den Spielern bei Fehlern gefragt, andererseits muss zuvor auch schlicht an der Technik, der Antizipationsfähigkeit und Koordination gearbeitet werden, um ein bestimmtes Grundniveau zur Ausführung zu erreichen. Man kann dann die Pass- und Laufwege des Gegners erhöhen, um dem ungeübten Akteur das Leben etwas zu erleichtern.

Statt des Gegnerdrucks kann auch die Nutzung von bestimmten Farben und Signalen herangenommen werden, um einen Schulterblick zu provozieren. Eine Übung dafür wäre zum Beispiel eine Passübung, wo der Spieler einen langen Ball erhält und in seinem Rücken mehrere Hütchen in unterschiedlichen Farben besitzt. Auf Zuruf einer bestimmten Farbe des Trainers oder des Passgebers vor der Ballannahme soll er dann seinen Kopf drehen, die Farbe finden, den Ball in die richtige Richtung mitnehmen und möglichst schnell einen präzisen Pass auf das Hütchen spielen.

Dieses Grundprinzip könnte man auch in eine Übung überführen, die endlos ist; ein sehr großes Feld mit vielen Hütchen, wo jeder Spieler vor einem Hütchen steht und dann seinen Platz wechselt, der Passgeber gibt immer die Farbe vor und das nächste Hütchen in der erwähnten Farbe soll angespielt werden. Dabei muss natürlich kritisch erwähnt werden, dass eine solche Übung wohl zu viel Leerlauf für zu viele Spieler hätte und kaum Intensität mitbringt. Erhöht man die Anzahl der Bälle, kann eine interessante Übung erzeugt werden, die sich jedoch unter Umständen auf diesem Niveau wiederum zu komplex gestaltet.

“Before I receive the ball, I quickly look to see which players I can give it to. Always be aware of who is around you: if you feel them closing down, take a touch to move the ball away from them. Try and put yourself in space to get the pass: the more space you have, the more time you have to think. And when you get the ball, don’t move it towards the opponent. That said, sometimes I’m happy to run at a player and just hold the ball in front of him. That way I’ve moved the team forward.”Iniesta

Desweiteren sollte beachtet werden, dass es teilweise die Forderung nach dem Schulterblick als solchem ist, welche für Nervosität, ein Gefühl der Überforderung oder generelle Skepsis sorgt. Diese psychologische Barriere ist gelegentlich gegeben, sollte aber insbesondere bei älteren Spielern – wo man es durch eine einfache Erklärung des Nutzens – kein Problem darstellen. Bei jüngeren Spielern kann man das machen, was man eben so macht: Schweigen und die Übung so bauen, dass sie es ohne Auskunft implizit lernen beziehungsweise mit einer beiläufigen Erklärung die Problematik des Erlernens klein halten.

Allerdings stellt sich beim Vermitteln des Schulterblicks eine grundsätzliche Frage. Ist es effektiver, diesen Mechanismus und die „Denkkoordination“ durch das implizite Lernen durch die Anwendung in Spielsituationen zu schulen oder fängt man lieber damit an, die strategischen Grundlagen beizubringen, sodass die Spieler sich nach diesen umsehen und sich selbst zwingen den Schulterblick anzuwenden?

Dies ist natürlich eine kleine Glaubens- und Philosophiefrage.

Grundprinzipien zur Orientierung

Persönlich denke ich, dass durch die motorische Komponente das taktisch-strategische Verständnis nachhaltig und langfristig profitiert und positiv beeinflusst wird; gleichzeitig kann auch bei hoher Spielintelligenz schlichtweg die motorische Komponente des Schulterblicks fehlen. Desweiteren denke ich, dass es bei Jugendspielern einfacher ist die motorische Komponente zu vermitteln und daraus positive Effekte für die Spieler zu erzielen, als ihnen taktisch-strategische Aspekte zu lehren. Soll heißen: Wenn sie sich daran gewöhnen, den Schulterblick richtig zu setzen, dann werden sie bei einem heranstürmenden Gegner schon aus Instinkt gute Entscheidungen treffen, den Ball seltener verlieren und mit etwas Übung alleine durch das implizite Lernen ihre Entscheidungsfindung auch nicht nur in puncto Ballannahme, sondern ebenfalls in den weiterführenden Aktionen verbessern.

Damit dieses implizite (und später auch mit explizitem Lernen durch Anweisungen unterstützte) Lernen entstehen kann, sollte die Trainingsübung für den Schulterblick mit möglichst vielen Handlungsmöglichkeiten angereichert sein. Diese Möglichkeiten entstehen natürlich aus der Analyse von Spielsituationen und deren situationale Aspekte, welche relevant für den Schulterblick sind.

Zuvor sollte man jedoch bedenken, dass Schulterblick nicht gleich Schulterblick ist. Ich entscheide für mich grundsätzlich drei Nutzungsmöglichkeiten mit jeweils unterschiedlichen Präferenzen und Fokussen in der Umfeldbeobachtung.

  1. Durchgehender Schulterblick im Spiel: Hier wird während des Spielverlaufs ohne Ballbesitz bzw. Ballführung des Spielers die Umgebung geprüft. Wichtig sind hierbei die Abklärung der eigenen Position, die Suche nach Räumen, Analyse der Mitspielerposition und der gegnerischen Staffelung sowie die Kontextualisierung der Ballposition und -dynamik. Trainiert kann dies werden durch verbale Erinnerung des Spielers an die Überprüfung der Umgebung, durch bestimmte Übungen, wo gewisse Reizpunkte in der Spielerumgebung gesetzt und durchgehend geprüft werden müssen oder ähnliches. Theoretisch könnte man diesen Schulterblick und dessen Wirkungen und Aufgaben nach den unterschiedlichen Spielphasen (eigener Ballbesitz, gegnerischer Ballbesitz, offensiver Umschaltmoment, defensiver Umschaltmoment, Standardsituationen) sowie nach unterschiedlichen strategischen Positionen auf dem Platz oder der Rolle des Spielers weiter aufteilen.

 

  1. Schulterblick vor und bei der Ballannahme: Dieser Aspekt ist jener, den man schon eher mit Übungen vermitteln muss. Der durchgehende Schulterblick im Spiel wird eigentlich schon instinktiv gemacht, ist motorisch sehr einfach und wird im Taktiktraining sowie in Spielformen auch implizit motorisch wie taktisch-strategisch vermittelt. Der Schulterblick bei Ballan- und –mitnahme ist nicht nur eine andere Variante, sondern auch eine Weiterführung und ein anderer Schwierigkeitsgrad. Wichtig ist, dass hier die Analyse der entstehenden Dynamiken und des möglichen Raumes, um den Ball mitzunehmen zu den im vorherigen Absatz geschilderten Aspekten hinzukommen sowie nun mehrere motorisch komplexe Komponenten (Bewegung, Bewegung zum Ball, Ballverarbeitung, etc.) und kognitiv mehrere Aspekte miteinander verschmelzen, was bei Ersterem ebenfalls nicht wirklich gegeben ist.

 

  1. Schulterblick bzw. Umblicke in Ballführung: Dies ist die dritte große Möglichkeit und ebenfalls wieder eine Stufe schwieriger. Für die meisten ist es im Jugendbereich ohnehin in schnellem Lauf praktisch nicht möglich ihn anzuwenden – selbst auf Profiniveau haben viele Akteure große Probleme damit. Darum sollte man als Jugendtrainer die Spieler auch nicht überfordern, aber zumindest versuchen, dass sie bei langsamer Ballführung oder bei Ballbesitz in kurzen statischen Situationen den Kopf heben, sich umsehen und ihre Entscheidungen im Passspiel danach fällen.

Diese unterschiedlichen Möglichkeiten geben schon Aufschluss über die Frage, was man beim Schulterblick abprüfen soll. Wichtig ist bei der Ballverarbeitung natürlich auch, dass man zuvor schon prüft, wohin man sich freilaufen kann – wo sind die offenen Räume andererseits und wo die offenen Passwege andererseits. Heißt: Ich muss einen möglichst offenen Raum finden, den ich effektiv innerhalb der nächsten Situationen anlaufen kann, dass ich in einer dieser Situationen praktisch anspielbar bin.

Bei der später folgenden Ballmitnahme geht es natürlich darum zu sehen, wie der Gegner attackiert oder wie er es könnte. Die Analyse der ballnächsten Gegenspieler, die Drehung in den richtigen Raum und die darauffolgende Suche nach direkt möglichen Anspielstationen stehen im Fokus. Daraufhin folgen die Suche nach Anspielstationen oder offenen Räumen im Lauf und die grundlegende Analyse der generellen Gegnerbewegung.

Die höhere Schule der Analyse strategisch wichtiger Aspekte im Lauf, der Bedeutung der mannschaftstaktischen Staffelungen und die Abwägung der möglichen Angriffsräume und angriffsabschließender Pässe und Strukturen, auch über eine indirekte Einflussnahme, stellt die Kür dieses spielerischen und taktischen Mittels dar.

Die nutzbare Informationsgewinnung aus dem Schulterblick in dynamischen Situationen als Meisterstück dürfte jedoch bis auf eine Gruppe größerer Talente, die koordinativ, kognitiv und spielerisch auf hohem Niveau sind, nicht im Mannschaftstraining vermittelbar sein. Deswegen liegt der Fokus der theoretischen und praktischen Relevanz dieses Artikels auf dem Aspekt der Ballan- und –mitnahme. Dazu stelle ich acht selbst erfundene Übungen zum Schulterblick vor sowie eine extreme Spielform von Kollege MR / Martin Rafelt und zwei schöne Passformen von Kollege VanGaalsNase/Marco Henseling.

Mögliche Übungen

Die erste Übung, die ich für das Vermitteln des Schulterblicks nutzen würde, sähe wie folgt aus:

1ste Übung

1ste Übung

Team X besteht aus einem Dreieck mit dem Torwart, der vor seinem Tor steht, an dessen Eckpunkte sich die zwei Verteidiger von Team X befinden. Ein zusätzlicher Spieler von Team X befindet sich in der Mitte dieses Dreiecks. Team X zirkuliert den Ball innerhalb dieses Dreiecks im 4 gegen 2. Hinter dem Torwart von Team X befindet sich ein Stürmer von Team O, im Dreieck befinden sich zwei weitere Akteure von Team O und der Libero von Team O steht am anderen Ende des Dreiecks außerhalb desselben.

Team X zirkuliert den Ball im Dreieck, 4 vs 2. Der vorderste Spieler von Team O darf auf den Torwart des Gegners rückwärtspressen, muss aber dabei immer aus einer bestimmten Position starten. Der Torwart muss hinter sich blicken, die Pässe auf ihn müssen ebenfalls intelligent sein und der Stürmer von Team O sprintet viel, somit keine Leerlaufphase für ihn und Antizipieren der Pässe als zusätzliche Komponente.

Der „Libero“ von Team O soll hinten zwischen den Eckpunkten des Dreiecks herumpendeln und ggf. von außerhalb des Dreiecks die Eckpunkte des Dreiecks von Team X pressen. Der Libero hat somit ebenfalls eine laufintensive Aufgabe, die Eckpunkte von X müssen aufpassen und die Pässe müssen präzise kommen. Nun kommt die nächste Krux an der Übung: Der Trainer kann jederzeit(!) Bälle von hinten auf den Libero spielen. Dieser soll sich dann drehen; der ballnahe Spieler von X rückt auf ihn heraus, somit müssen beide einen Schulterblick in zwei Richtungen anwenden. Der Libero von Team O baut jetzt das Spiel auf, der Ballbesitz hat gewechselt und es entsteht eine (fast) normale Spielform.

Wenn der Trainer auf Libero von Team O spielt, muss der Torwart von Team X sich entschieden: Geht er zurück oder hilft er beim Abfangen vom Angriff? Letzteres ist Pflicht, wenn der Torwart Fan von Manuel Neuer sein sollte. Einer der Achter von X geht wie erwähnt auf den Libero von O; wodurch ein 3vs3+Torwart entsteht. Der Stürmer muss aus dem Abseits sprinten, sucht nach offenen Räumen und provoziert somit wieder einen Schulterblick der Spieler von Team X und auch seinen Mitspielern.

Wird der Ball schon vorher in der Dreieckszirkulation von Team X verloren, dann kann der Balleroberer auf den Libero oder/und dieser direkte Pässe spielen. Durch das Pendeln ist der Libero immer ballnah oder erobert eben selbst gegebenenfalls Fehlpässe. Es gibt dann den sofortigen Angriff, Stürmer darf wegen Abseits nicht mitspielen bzw. muss mit Sprint da raus. X-Mannschaft kann Konter nach Ballverlusten durch Gegenpressing und Abseitsfalle evtl. vermeiden (tiefer Sechser rückt raus).

Die zweite Übung ist eine Aufbauspielübung, wo die Passoptionen für jeden Spieler so gewählt sind, dass sie immer mit anderem Sichtfeld und Druck im Rücken durch dahinter versetzten Gegenspieler erhalten. Will man diese Übung sehr komplex machen, weitet man die Anzahl der Stafetten oder der Gegenspieler aus.

2te Übung

2te Übung

Prinzipiell kann dies wie folgt aussehen: Der Torwart spielt nach halbrechts, wo sein quasi-Rechtsinnenverteidiger in dieser Situation steht. Der Gegenspieler des rechten Innenverteidigers steht dahinter, er kann ihn entweder bogenartig von rechts oder bogenartig von links anlaufen. Je nachdem, wie er es tut, muss der Ballführende anders spielen.

Entweder spielt er quer nach von ihm aus nach rechts auf den linken Innenverteidiger in dieser Situation oder diagonal nach hinten links, wo der rechte Außenverteidiger steht. Bei diesen beiden kommt ebenfalls ein Gegner in einer diagonalen Linie von hinten beim Pass angelaufen; das trainiert nicht nur die Entscheidungsfindung der ballbesitzenden Akteure, sondern auch der pressenden Spieler.

Gehen wir weiter in diesem Szenario, wo der Ball auf den rechten Verteidiger kam. Wie erwähnt kommt nun ebenfalls ein Gegner in gleicher diagonaler Linie von hinten und soll Druck machen. Dahinter stehen wiederum zwei Innenverteidiger des Gegners und ein eigener Stürmer. Der ballnahe linke Innenverteidiger des Gegners soll Pässe vom Rechtsverteidiger der Ballbesitzmannschaft in die Tiefe verhindern; der rechte Innenverteidiger rückt ballorientiert nach und sichert den Raum. Aber natürlich hat auch er einen Gegenspieler, der paar Meter Rückstand auf ihn hat.

Aus dieser Situation gibt es dann normale Abschlussversuche. Die Übung ist natürlich so gebaut, dass es auf beide Seiten funktioniert. Geht der Ball zu Beginn auf den linken Innenverteidiger der Ballbesitzmannschaft, dann kann dieser sofort in die offene Mitte gehen. Der ballferne Linksverteidiger vom Gegner soll dann einrücken und sichern, der linke und rechte Innenverteidiger hindern den gegnerischen Stürmer am Anbieten, der linke Innenverteidiger und der linke Außenverteidiger müssen wiederum auf den möglicherweise startenden gegnerischen rechten Innenverteidiger achten.

Idealerweise laufen sowohl der Rechtsverteidiger als auch der Linksverteidiger V vom Gegner bogenartig ab und drängen nach hinten; dann entsteht normales Spielchen kurz.

In der dritten Übung spielt eine Mannschaft mit einem 1-2-1-2-1; also zwei Rauten quasi, wo der Anfangs- und Endpunkt der anderen Raute jeweils der gleiche Spieler ist. Der Gegner hat drei innerhalb dieses Feldes, einer davon soll sich immer in der Mitte dieser Doppelraute befinden und herumjagen.

3te Übung

3te Übung

Der zentrale Spieler der Ballbesitzmannschaft und die pressenden Spieler fokussieren sich auf den Schulterblick; diese Übung ist ein Ableger des Rondo. Der Spieler als Bindeglied in die andere Raute bringt 3 Punkte, der Ballverlust zieht 3 Punkte ab und man kann es als Rondo von drei Teams mit drei Spielern und einem zentralen Akteur praktizieren. Der Übergang über die Außen bringt keinen Punkt.

Bei der vierten Übung geht es um einen Zonenwechsel. Ein Viereck steht als einzelne Zone auf der einen Seite, drei andere Vierecke als Spielfelder stehen in einer vertikalen Linie angeordnet auf der anderen Seite. Im alleine stehenden Viereck wird ein 4vs2 gespielt. Die vier Akteure stehen in einer Raute. Die Spieler befinden sich somit mittig an den Kanten des Vierecks und sollten idealerweise nur entlang der Linien verschieben.

4te Übung

4te Übung

In dem zentralen der anderen Vierecke wird 3vs2 gespielt, einer der Spieler ist ein freier Spieler und spielt für die ballbesitzende Mannschaft. Wenn eine Mannschaft in diesem Viereck zehn Pässe schafft, sprintet sie mit Verlagerung in eines der anderen beiden Vierecke Zone (z.B. Blau geht nach oben, Rot geht nach unten oder beliebiger Zonenwechsel oder nach räumlicher Nähe/Ferne). Die beiden Spieler der „Verlierer“ sprinten nach links in das Viereck, wo 4vs2 gespielt wird. Sie unterstützen die „2“ dort.

Sobald dieser Zonenwechsel passiert, müssen die vier Spieler im ersten Viereck das verstehen und in die Zone der „Gewinner“ verlagern. Die 4er-Mannschaft muss über jene Spieler verlagern, die mit Rücken zu dem Viereck der „Gewinner“ stehen. Ansonsten müssen sie solange 4vs4 spielen, bis es geht oder der Ballverlust passiert ist. Mit guter Verschiebung brauchen sie in dieser Übung natürlich keinen Schulterblick, aber brauchen dann wiederum für die gute Verschiebung innerhalb der eigenen Zone zuvor einen schnellen – oder sie zählen sogar vorher schon während der eigenen Zirkulation die Pässe in dem anderen Viereck.

Auch bei der fünften Übung gibt es mehrere Vierecke als Zonen. Hierbei stehen die Vierecke in einer 1-2-1-Formation – ja, die Vierecke! In jedem dieser Vierecke spielt man 3vs2. Es gibt dabei zwei zonenübergreifende Mannschaften, die eine besteht aus allen Dreier-Teams, die andere logischerweise aus allen Zweier-Teams. Die Dreierteams müssen den Ball in eine bestimmte Richtung in eine andere Zone zirkulieren lassen, diese Richtung wechselt auf Zuruf. Die Zweierteams dürfen nach Balleroberung auch über die Mitte in alle Zonen spielen, also auch quer von der einen zur anderen, die nicht verbunden ist.

5te Übung

5te Übung

Diese Übung kann man außerdem variieren. Ein mögliches Zusammenziehen der Zweierteams in der Mitte und versuchtes Rondo unter großem Druck sowie darauffolgender Zonenrückkehr nach Ballverlust, ein mögliches Herausweichen der Zweierteams aus ihren Zonen oder ein zweiter Ball (dann jedoch eher im Fünfeck statt in der Raute) sind Optionen.

Bei der sechsten Übung benötigt man drei zueinander parallel stehende Querlinien, wobei die unterste am längsten und die oberste am kürzesten ist.

6te Übung

6te Übung

Auf der ersten und dritten Linie steht je ein Spieler, auf der zweiten stehen zwei Spieler an den Ecken der Linie. Die beiden dürfen zu Beginn nicht entlang dieser Linie verschieben, der obere und der untere Akteur allerdings schon auf ihren Linien.

Für den unteren gibt es quasi eine intensive Laufübung durch die Länge seiner Linie. Zwischen oberster und mittlerer Linie stehen zwei Gegenspieler. Sie spielen also quasi ein Rondo im 3gegen2, aber der Ball soll immer wieder über die Eckspieler bei passender Stellung des herumlaufenden unteren Spielers direkt auf ihn kommen.

Wenn der Ball nach hinten verlagert wird, dann pressen die zwei Gegner Richtung ganz unten. Der unterste Spieler soll nun wieder nach vorne spielen, jetzt dürfen sich die Eckspieler entlang der Linie bewegen und freilaufen. Alle seine sauberen Rückpässe zählen je 1 Punkt. Es sind eigentlich drei Zweier-Teams, die Punkte kriegen die Eckspieler, da sie den Pass entscheiden und auch nach dem Rückpass direkt nach oben verlagern müssen. Die Spielerzahl kann variiert werden.

Bei der siebten Übung handelt es sich schon um eine kleine Pass- und Drehungsübung.

7te Übung

7te Übung

Der Trainer spielt einen Pass auf den vorderen Spieler (O). Sein Gegenspieler (X) erhielt zuvor eine Farbkombination, die er sich merken muss, zB “Grün-Grün-Rot-Grün-Rot-Grün”. Er soll dann bogenartig über die jeweilige Farbe “Grün” laufen und „O“ pressen.

Spieler A bei Grün wird dann zum Mitspieler von „X“; Spieler A bei Rot soll von „O“ angespielt werden. „O“ dreht sich, spielt auf A, der wiederum von Grün gepresst wird. O bietet sich nach hinten an, die beiden spielen dann kurz 2 vs 2 auf ein Tor, welches quer auf der anderen Seite – in diesem Fall also rechts daneben – steht. Oder man spielt 2vs2 über eine halbe Minute mit zwei Toren oder in einem kleinen Feld ohne Tor.

Die achte Übung funktioniert prinzipiell ähnlich.

8te Übung

8te Übung

Der Passgeber spielt auf den ersten Spieler, der sich um seinen Gegenspieler drehen soll. Danach soll er auf seinen Mitspieler passen – im Idealfall natürlich möglichst schnell/direkt – und sofort in jene Zone sprinten, in die der vorherige Passgeber lief. Der zweite Spieler soll dann in diese Zone verlagern, um dort dann 3vs2 kurz zu spielen.

Die neunte Übung stammt von Martin Rafelt und ist eine relativ einfache Spielform.

9te Übung

9te Übung

Hier spielen 5vs5 in einem kleinen Feld und sollen den Ball in den eigenen Reihen halten. An jeder Seite (oder auch jeder Ecke) steht ein kleines Tor. Innerhalb des Feldes gibt es drei kleine Kreise; der Trainer ruft während des Ballhaltens dann eines der Tore aus. Die gerade ballbesitzende Mannschaft muss nun erst in einen der Kreise spielen und anschließend in das ausgerufene Tor. Bei passendem Hereinrufen des Trainers muss das Sichtfeld gedreht werden und bei kurzen Abständen zwischen den Rufen des Trainers sollten die Spieler dazu gezwungen sein, dass sie sich dauernd umblicken. Außerdem sollte diese Übung das Gegenpressing, die gruppentaktischen Abläufe und die Gegenpressingresistenz schulen.

Die zwei folgenden Übungen stammen von Marco Henseling. Die erste ist ein Passdreieck.

Erste Übung von VanGaalsNase / Marco Henseling

Erste Übung von VanGaalsNase / Marco Henseling

Fünf Spieler stehen an drei Stationen, die in einem Dreieck angeordnet wurden. An der Ausgangsposition 1 stehen zwei Spieler, ebenso wie auf Position 2. Lediglich bei Station 3 steht nur ein Spieler. Spieler 1 passt den Ball zu 2, der ihn direkt auf 3 weiterleitet, welcher in der Mitte von einem im Dreieck angeordneten Feld steht. Nach dem Pass auf 3 umläuft Spieler 2 die Hütchen und empfängt den direkten Rückpass von 3. Nach Erhalt des Balles spielt 2 einen Doppelpass mit 4 an Station 3, der wiederum den Ball zurück zur Ausgangsposition spielt, von wo die Übung direkt neu beginnt. Diese Übung ist somit eine Endlosform. Jeder Spieler geht nach seiner jeweiligen Aktion auf die von ihm aus nächste Position.

Marcos zweite Übung behandelt das Aufdrehen oder „Klatsch“-Spiel. Es ist eine Übung, die das Umblickverhalten (Schulterblick) unter Gegnerdruck schult und stellt eine typische Spielsituation für Sturmspitzen dar.

Zweite Übung von VanGaalsNase / Marco Henseling

Zweite Übung von VanGaalsNase / Marco Henseling

 

Spieler 1 dribbelt kurz auf Spieler 2 zu und passt dann auf denselben. Anschließend läuft er an Spieler 2 vorbei Richtung Tor. Spieler 2 muss sich zuvor als Passempfänger zum I anbieten und geht ihm entgegen. Dazu muss er sich von seinem gegnerischen Verteidiger lösen, welcher in einer abgesteckten Zone steht. Der Abstand von Spieler 2 zur Zone des Verteidigers beträgt ca. 5m.

Der gegnerische Verteidiger entscheidet selbst, ob er den 2 verfolgt oder in seiner Zone verweilt. Verbleibt er in seiner Zone, muss sich Spieler 2 nach Erhalt des Passes zum Tor aufdrehen; geht der Verteidiger mit, muss 2 auf Spieler 1 prallen/klatschen lassen. Um zu realisieren, wie sich der Verteidiger verhält, muss sich 2 visuell versichern (Spieler 1 darf hierbei nichts sagen).

Nach erfolgtem Pass von Spieler 1 auf 2 greifen beide das Tor an und suchen den Abschluss, wobei sie den gegnerischen Verteidiger + Torhüter gegen sich haben. Der Verteidiger darf sich nun frei bewegen. Es gilt die Abseitsregel.

Fazit

Wie man sehen kann, gibt es also viele Möglichkeiten den Schulterblick zu trainieren – Spielformen, welche ihn provozieren und unentbehrlich machen, Passformen, in welcher er klarer Bestandteil ist oder die klare Anweisung zum Schulterblick bei Ballannahmen durch den Übungsaufbau. Die Möglichkeiten sind unendlich und die hier dargestellten Übungen sind nur ein Bruchteil an Varianten, die außerdem individuell an die Begebenheiten des Kaders und die Vorstellungen des Trainers angepasst werden müssen.

Fakt ist aber, dass der Schulterblick eine häufig unterschätzte Komponente in der Jugendausbildung ist, der aber taktisch wie spielerisch für enorme Möglichkeiten sorgt und eigentlich ein Fundament der Spielerentwicklung darstellen sollte. Eine Entwicklung von Spielern mit den Fähigkeiten Informationen aus der Umgebung zu eruieren und sie gewinnbringend für das Team einzusetzen sollte das Maß aller Dinge sein.

In diesen beiden Videos (hier und hier) kann man anhand der Barcelona-Spieler, allen voran Xavi, viele Situationen sehen, wie der Schulterblick effektiv eingesetzt wird, um sich Raum zu verschaffen. Das resultiert in zahlreichen positiven Konsequenzen für ihr Team.

Traineranalyse: Sir Alex Ferguson

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Sir Alex Ferguson wird als größter Manager aller Zeiten gesehen, doch seine Erfolge werden vorrangig auf die individuelle Qualität seiner Spieler und die richtige Einbindung dieser durch ihn und seine Motivationsfähigkeiten zurückgeführt. Diese ‚Traineranalyse‘ beschäftigt sich näher mit Fergusons Methoden.

Motivation alleine trifft es nämlich nicht, Ferguson war, um im SV-Jargon zu bleiben, psychologisch enorm „weiträumig“. Nicht nur die Motivation der Spieler beherrschte er perfekt, sondern viele andere Kleinigkeiten. Dazu war er taktisch und strategisch keineswegs schwach und wie auch in der Trainingsmethodik wohl unterbewertet. Dennoch dürfte die Psychologie den größten Stellenwert bei Ferguson eingenommen haben. Besonders die Überzeugung seiner Spieler von ihnen selbst war wohl sein größtes und konstantestes Merkmal über all diese Jahre.

Du bist der Beste! Und du bist der Beste! Und du bist der Beste!

In der Psychologie gibt es ein Konzept namens „Selbstwirksamkeitserwartung“. Im Grunde bedeutet es, dass man sich zutraut in einer bestimmten Situation eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen und/oder ein spezifisches Ziel zu erreichen. Es ist also nicht gleichzusetzen mit dem Selbstvertrauen, welches eher etwas Allgemeineres darstellt. Im Sport ist die Selbstwirksamkeit enorm wichtig, um bestimmte Aufgaben und Anforderungen (beispielsweise innerhalb eines Fußballspiels) erfüllen zu können.

Auch wenn Ferguson der Begriff selbst („self-efficacy“ im Englischen) womöglich nicht einmal geläufig ist, so war er enorm fokussiert darauf den Spielern den Glauben an sich selbst zu vermitteln. Insbesondere ihnen im Rahmen von bestimmten Zielen und Aufgaben betonte er die spezielle Qualität seiner Spieler – vor der Mannschaft oder in Einzelgesprächen –, um sie auf die kommenden  Herausforderungen einzustellen.

Neben der erhöhten Wahrscheinlichkeit durch das größere Selbstvertrauen hatte diese Vorgehensweise noch einige andere interessante Effekte. Im Training konnte Ferguson den Spielern hohe Ziele vorgeben und an ihren Ehrgeiz und an ihr Selbstbewusstsein appellieren, diese Ziele zu erfüllen und sie auch erfüllen zu können. Ohne Letzteres ist sämtliches Training obsolet bzw. wird alibihaft ausgeführt. Desweiteren entstand ein größerer Konkurrenzkampf, da sich kein Spieler schlechter als der andere halten sollte und hielt.

Ferguson führte zum Beispiel sogar mit einem Jugendspieler ein Einzelgespräch und trichterte ihm ein, er sei besser als Cristiano Ronaldo. Wieso kam Ferguson überhaupt auf diese Idee? Er hatte beobachtet, dass der Jungspieler ehrfürchtig Cristiano beim Essen vor sich gelassen hatte – das Einzelgespräch folgte umgehend.

Zusätzlich entstand eine Siegermentalität im ganzen Team. Jeder hielt sich für den besten und für einen Teamplayer. Die Atmosphäre war fordernd, ehrgeizig und wo man sich umsah, konnte man ehrgeizige Spieler voller Selbstvertrauen um sich herum beobachten, die sich aber gegenseitig unterstützten. Kam ein neuer Spieler in den Verein, wurde ihm dieser Glaube an die eigene und somit auch an die kollektive Qualität sofort eingeimpft, falls er nicht schon so ein „Siegertyp“ war.

Um seine Spieler einschätzen zu können, hatte Ferguson sich sogar ein großes Repertoire an Prüfungen angeeignet.

Versteckte Tests der Spieler

Wie schon die Anekdote mit dem Jungspieler, der sich doch gefälligst für so gut und talentiert wie Cristiano Ronaldo halten soll, gezeigt hat, besitzt Ferguson eine hervorragende Beobachtungsgabe und beeindruckende Daueraufmerksamkeit. Ehrfurcht in einem Haufen von Spielern an einem Buffet zu erkennen, traut man womöglich nicht jedem zu. Viele solcher unscheinbaren, aber für Ferguson speziellen Vorfälle nutzte er zur Analyse der Persönlichkeitsstruktur seiner Spieler. Andere Tests waren allerdings deutlich geplanter.

Ferguson 2011: Wahrscheinlich ist das Klatschen bewusste Manipulation des gegnerischen Linksaußen.

Ferguson 2011: Wahrscheinlich ist das Klatschen bewusste Manipulation des gegnerischen Linksaußen.

Einer sah wie folgt aus: Nach einem Spiel bietet Ferguson einen Spieler zum Einzelgespräch ins Büro. Sobald der Spieler ins Zimmer kommt, geht das Licht aus und ein Video springt an. Ein großer Fehler des Spielers in dieser oder einer der vergangenen Partien wird gezeigt, woraufhin der Spieler die Szene selbst analysieren soll. Neben der inhaltlichen Komponente nimmt Ferguson insbesondere Rücksicht darauf, wie sich der Spieler verhält. Beschuldigt er andere Mitspieler? Relativiert er seinen Fehler? Gelobt er sofort Besserung? Auf welche Weise tut er es? Wie sehen seine Mimik und Gestik aus?

Die Antwort dient in ihrer Gesamtheit als introspektives und projektives Verfahren zur Persönlichkeitsbeeinflussung und –manipulation des Spielers. Die Selbstanalyse des Spielers und die Beurteilung des Spielers, was Ferguson mit dieser Art der Analyse erreichen möchte, werden ebenso wie seine Reaktion insgesamt betrachtet.

Ähnliches praktizierte Ferguson auch schriftlich. Immer wieder ließ er vorrangig Jugendspieler kleine Tests ausfüllen, wo per Paper&Pencil-Verfahren nach guten und schlechten Spielen, besonderen Eigenschaften und ähnlichem gefragt wurde. Ferguson war immer auf der Suche nach enorm kritischen, selbstkritischen und dennoch ehrgeizigen und selbstbewussten Spielern. So schnitt die legendäre „Class of 92“ um Beckham, Giggs und Co. bei diesen Tests als Jugendspieler enorm gut ab, weil sie schlichtweg überkritisch und in der Kritik enorm selbstorientiert waren.

Der selbstkritische, die Teamleistung internalisierende, dabei aber stabile und mit positiv adaptivem Coping versehene Spieler wurde von Ferguson bewusst gesucht.  In der Psychologie gibt es auch das Konzept des „High Achiever“. Diese konzentrieren sich in ihren Aktionen nicht darauf, Fehler zu vermeiden, sondern Erfolg zu suchen. Auch das war von Fergusons explizit erwünscht.

Diese Charaktereigenschaften im Verbund mit dem vermittelten Glauben an die eigene Qualität oder das Erreichen einer enorm hohen Qualität erzeugten einen interessanten Ketteneffekt.

Es ist wichtig, was man glaubt, nicht, was ist

Man stelle sich vor, man ist überzeugt davon auf ein sehr hohes Level kommen zu können, ist aber noch davon entfernt und geht davon aus, man gibt zurzeit keine guten Leistungen ab. Gleichzeitig ist man sich aber sicher, dass man es sicher kann; existiert eine bessere Motivation für ein intensives Training?

Die Motivation ist intrinsisch, langfristig und durch das immer wieder neue Vorgeben von höheren Zielen ist der Entwicklung keine wirkliche Grenze gesetzt. Genau damit spielte Ferguson: Es geht immer besser, auch wenn es schon gut ist, und jeder Spieler kann das noch höhere Level erreichen. Ferguson trichterte seinen Spieler ein, es wäre eine Schande, wenn man auf dem jetzigen Leistungsniveau verbleiben würde.

Einzelne Anekdoten (teilweise aus der Literatur und sogar aus dem Kriegswesen übernommen), Ansprachen und eine gute Mischung aus Lob und Kritik sorgten für dieses Mindset und diese Denkstrukturen in Fergusons Mannschaften – insbesondere im Verbund mit der hohen Selbstwirksamkeitserwartung jedes Einzelnen und im Kollektiv. Das zeigt folgende Geschichte von Gary Neville sehr schön:

‘Three or four times a season he’ll make the same speech – and it never fails to work. “Look around this dressing room,” he’ll say, “Look at each other and be proud to be in this together.” He’ll point to an individual. “I’d want him on my team, and him, and him.” By the time he is finished, you can feel the hairs on the back of your neck standing to attention. Your skin will be covered in goose bumps. Your heart will be thumping. Before you go out, he’ll stand at the dressing room door. No player leaves without him being there pre-match and at half-time. You walk past him and he shakes the hand of every player and every member of staff. He doesn’t have to say anything. He’s the boss, probably the greatest manager ever in this country. What more motivation do you need?’

Niemand zweifelt daran, dass er seine Mitspieler im Team haben möchte. Und das Wissen davon wird vor dem Spiel noch verstärkt. Gleichzeitig kann er einzelne Spieler ansprechen, ohne sie aus dem Team herauszuheben. Und selbst wenn er es tut: Na und? Jeder Spieler sieht sich als genau den Spieler, den er gerade herausgehoben hat. Kurzum – das ist eine absolut geniale Ansprache.

Verstärkt wird der Effekt durch die aufgehängten Poster von früheren Kapitänen, alten Erfolgen und das Erzeugen von einem Mythos um den Verein selbst. Uniteds Spieler erhielten zum Beispiel auch Geschichtsstunden, erfuhren alles über den tragischen Flugzeugunfall  der Busby Babes in den 50ern, beschäftigten sich durch das gemeinsame Besuchen des Grabmals damit und letztlich war es auch die Uniformität (gleiche Trikots bei Auftritten, bestimmte Regeln für alle, etc.), welchen die Identifikation mit dem Verein selbst verstärkten.

‘Remember who you are, remember that you are Manchester United players. Remember what you did to get here, now go and do it one more time. And you’ll win.’ – Eine von Fergusons Ansprachen

Dazu wurde um den Verein durch konstante Affirmation eine Aura erzeugt: Von Siegeswille, Überlegenheit, Tradition, bestimmten Charaktereigenschaften und vielem mehr. Ferguson soll sogar vor Spielen auf europäischem Boden im Training ein uraltes United-Trikot getragen haben, um die Spieler an die Tradition des Vereins zu erinnern und sie auf Europa einzustimmen.

Gemeinsam mit der Selbsteinschätzung des Spielers, den hohen individuellen und kollektiven Zielen war der Verein als fundamentaler Rahmen enorm wichtig zu einer langfristigen und durchgehenden Motivation der Spieler. Desweiteren ermöglicht es, die Selbstkonsistenz der Spieler (positiv) zu manipulieren und mithilfe kognitiver Dissonanz zu beeinflussen.

Asymmetrisches 4-4-2/4-3-3 gegen Real

Asymmetrisches 4-4-2/4-3-3 gegen Real

Was bedeutet das? Bei der Theorie der Selbstkonsistenz geht man davon aus, dass eine Person versucht die innere Ordnung aufrechtzuerhalten. Jede Person hat ein „Selbst“, welches aus vielen rollen- und situationsvariablen „Selbstbildern“ besteht. Jeder Mann verhält sich vor Freunden anders als vor Bekannten und in der Arbeit sieht es wieder anders aus. Die Unterschiede können hierbei laut empirischer Evidenz viel größer sein, als gedacht. Die extremsten Beispiele dürften (je nach Definition von aktiven Selbstbildern) die Experimente von Milgram, Zimbardo und Jones sein.

Innerhalb dieser Selbstbilder, so die Theorie, möchte man konsistent bleiben. Das bedeutet, sich an bestimmte Prinzipien halten, sich langfristig nicht zu widersprechen und insgesamt kongruent zu sein. Die Selbstkonsistenz kann aber angegriffen werden, wenn man den eigenen Erwartungen nicht gerecht wird. Das Spielen mit dem Zweifeln-lassen an der Selbstkonsistenz und Schaffen neuer Motivation war Fergusons Spezialgebiet. Funktionierte es nicht mehr oder kratzte jemand am erzeugten Rahmen, welcher den anderen Spielern das nötige Fundament für diese Manipulation gab, musste er gehen.

Disziplin und Fluktuation zur Qualitätssicherung

Die Anekdote mit der Party von Sharpe und Giggs aus dem Trainerporträt zeigt, wie konsequent Ferguson das Befolgen der internen Spielregeln nahm. Nach der Party forderte er von Lee Sharpe gar das Ende seiner Beziehung mit seiner damaligen Freundin und den Umzug in ein neues Haus, bei Giggs ging der Monatslohn flöten und er wollte die Mutter des jungen Spielers anrufen; wovor Giggs panische Angst zu haben schien.

„Schließe die Spieler nie ins Herz, weil sie dich bescheißen werden“ – Jock Stein zu Ferguson

Seine Beobachtungsgabe nutzte Ferguson ebenfalls. Anhand der Rasur, der Wochentage und des Trainingsplans konnte er häufig bei jungen Fußballern nachverfolgen, ob sie am Abend zuvor feiern waren. Das Annagen von Fergusons Autorität und seinem Status als Respektsperson wurden aggressiv im Keim erstickt. In Fergusons Anfangszeit wurde der Kapitän noch vor Saisonbeginn verkauft, weil er hinter Ferguson eine unanständige Geste gemacht hatte. Ein anderer Spieler überholte Ferguson auf der Autobahn und erhielt eine Geldstrafe.

Auch nachlässiges Training und leblose Mannschaftsleistungen wurden von Ferguson gnadenlos zusammengeschrien. Allerdings wäre es falsch, wenn man Ferguson als Disziplinfanatiker bezeichnet. Vielfach konnte er sehr umgänglich sein. Das „Hairdyertreatmant“ – das Anschreien eines Spielers aus nächster Nähe – gab es viel seltener als von vielen vermutet.

„Es ist nicht falsch, seine Contenance wegen den richtigen Beweggründen zu verlieren.“ – Jock Stein zu Ferguson

Nur bestimmte Aktionen verdienten diese Behandlung vereinzelt, nach Aussage vieler Spieler kam es häufig monatelang nicht vor. Oftmals gab es von Ferguson sogar aufbauendes Lob nach Rückständen oder ganz ruhige Ansprachen, wenn die (kämpferische) Leistung akzeptabel war.

Ferguson konnte zwar situativ zum Magath werden, doch hatte auch andere Facetten. Mit Giggs gab es über die ganzen Jahre hinweg einen überaus scherzhaften und freundschaftlichen Umgang, für Beckham war er lange Zeit eine Vaterfigur und für seine gesamte Familie wie ein Freund. Erst, als sich Beckham vom Fußball abwandte – Ferguson bemerkte z.B. einen veränderten Umgang mit Kritik und verringerten Einsatz im Training zusätzlich zu inkonstanteren Leistungen –, begannen die Streitereien inkl. der legendären „Ferguson-schießt-Beckham-einen-Schuh-an-den-Kopf“-Geschichte, welche zum Abgang des Superstars führte.

‘If you lose, you’ll go up to collect losers’ medals and you’ll be six feet away from the European Cup,’ Ferguson said as the players prepared themselves for the second half. ‘But you won’t be able to touch it. I want you to think about the fact you’ll have been so close to it and for many of you that will be the closest you’ll ever get. And you will hate the thought for the rest of your lives. So just make sure you don’t come back in here without giving your all.’ – Ferguson zu seinen Spielern in der Halbzeit des 99er-Finales

Die konsequenten Verkäufe oder gar teuren Kündigungen wie einst mit Kapitän Roy Keane warne ebenfalls ein Markenzeichen Fergusons. Das rechtzeitige Eingreifen bei möglichen langfristigen Unruhestiftern im Gesamtgefüge stand über jeder Leistung und jedem Status. Einen neuen Superstar konnte man kaufen, einen harmonischen, ruhigen und ehrgeizigen Kader allerdings nicht. Dies sorgte im Verbund mit ständiger personeller Fluktuation für die langjährigen Erfolge Fergusons außerhalb und auf dem Platz durch immerwährenden Konkurrenzkampf, Harmonie im Kader und Fergusons Status als Autorität.

‘Not one of you can look me in the eye, because not one of you deserves to have a say.’ – Ferguson zu seinen Spielern nach einer schwachen Halbzeit

Desweiteren gab es bei United immer einen durchgehenden, graduellen Prozess. Im Gegensatz zu vielen anderen Mannschaften kam es dadurch kaum vor, dass United an älteren Spieler zu lange festhielt. Immer wurde analysiert, wie würde dieser Spieler in drei Jahren aussehen. Ist er fit? Kann er seinen Status innerhalb der Mannschaft aufrechterhalten? Was passiert, wenn er das nicht kann? Wie entwickeln sich die anderen Spieler? Wie könnten die Systeme in den nächsten Jahren durch die personellen Veränderungen aussehen?

Innerhalb dieses langfristigen Plans wurden immer wieder Zwischenziele gesetzt.

Variable Zielsetzung als praktisches Mittel für alle Situationen

Ein enorm wichtiges Konzept in der Sportpsychologie ist es, dass man sich operative Ziele setzt. Rein strategische Ziele oder das Trainieren ohne ein bestimmtes Ziel führen zu geringerer Motivation und geringerer Trainingsintensität, welche sich letztlich schon mittelfristig in der Leistung widerspiegelt. Ferguson nutzte darum vielfach das Setzen von konkreten kurzfristigen Zielen im Verbund mit bestimmten langfristigen Zielen ein, um seine Spieler in allen Aspekten an der Stange zu halten und zu hoher Disziplin und Intensität in allem zu motivieren, ob Training, Spiel oder auch außerhalb des Platzes.

Interessant ist auch die Wechselwirkung davon mit der Effektivität des Trainings selbst. Glaubt man Fußballkonditionstrainern wie Jan van Winckel und seinem Team („Fitness in Soccer“) oder Raymond Verheijen („The Original Guide to Football Periodisation“), so ist eine spielähnliche Intensität (oder höher) unabdingbar, um ein intensives Fußballspiel – taktisch, technisch und körperlich – umsetzen zu können.

Dies kombinierte Ferguson mit dem Setzen von Leistungs-, Prozess- und Ergebniszielen. Spieler erhielten schon in jungen Jahren langfristige Ziele, wohin sie sich entwickeln sollten (Leistungsziele). Oder, um das Modell von Elliot (1999) zu nutzen, sie erhielten sowohl annähernde Lern- als auch annähernde Leistungsziele für Fähigkeiten und Meilensteine in ihrer Karriere, welche sie erlernen und erreichen sollten. Mittelfristig gab es Prozessziele, welche bestimmte Ziele im Ablauf zu einem bestimmten (meist kollektiven) Erreichen darstellen. Was muss passieren, um dieses Jahr Meister zu werden, ist beispielsweise ein mögliches Fundament für das Bilden von Prozesszielen.

Entscheidend waren aber die vielen kurzfristigen Ergebnis- und Handlungsziele. Diese waren auf die nächste Zeit gemünzt – von einer bestimmten Sequenz von Spielen bis sogar zu einzelnen Trainings – und dienten der kurzfristigen Motivation der Spieler. Damit wurden die Spieler im Verbund mit der Trainingsarbeit selbst, der Videoanalyse und der taktischen Einstimmung auf den Gegner für die kommenden Partien vorbereitet.

Außerdem ist es auffällig, wie präzise sich Ferguson an das „SMART“- bzw. das „SMARTER“-Modell hielt. Dieses Wort ist eine kleine Richtlinie zum korrekten Bilden von Zielen. SMARTER steht hierbei für Folgendes:

Besonders die letzten Punkte sind im Fußball extrem wichtig. Die Analyse und Re-Analyse der Leistungen und der Ziele sind wichtig, um beim Bilden neuer Ziele die anderen fünf Anforderungen erfüllen zu können. „E“ und „R“ in diesem Schema werden häufig auch als „ethnisch“ und „rewarding (belohnend)“ oder „ressourcenorientiert“ definiert, was Ferguson ebenfalls berücksichtigte.

Dieses Geben von immer wieder neuen und spezifischen Zielen innerhalb eines größeren Rahmens zur persönlichen Entwicklung des Spielers sorgte auch dafür, dass sie den Fokus wechseln konnten. Nach Spielen konnte im Training durch das Geben von neuen Zielen von der letzten Partie, z.B. nach Niederlagen, abgelenkt werden. Ferguson war nach Niederlagen selten sauer oder aggressiv, sondern richtete den Blick seiner Spieler (und von sich selbst) sofort mit Optimismus in die Zukunft.

Dieser Perspektivenwechsel verhinderte, dass sich die Spieler von Misserfolgen beeinflussen ließen. Im Trainingsgelände von United gab es sogar eine Zone, welche vorrangig diesem Perspektiven- und Fokuswechsel diente.

Ein Auszug aus dem Buch „How to think like Sir Alex Ferguson: The Business of Winning and Managing Success”:

Another effective solution is to have a transition zone. The coaches at Manchester United do this to help their players block off distractions from their home life and focus on playing football. They draw a white line about ten yards behind the training pitches. The area behind the line is the ‘thinking zone’. In the thinking zone, the players receive feedback from the coaches about the aims of the session. Once they have figured out what they want to do, they cross the line into the ‘play zone’. Before they cross the line, the players must begin focusing on the session and forget any distractions. The coaches start the session with an exercise which requires the players to keep possession of the ball. As each player arrives on the field, he must try to win the ball from the previous one. When this well-established routine has fully switched on all the players, the coaches know they are focused and ready for quality practice.

Ein weiteres Beispiel, wie Ferguson nicht nur die Psyche seiner Spieler positiv beeinflusst, sondern auch das Training und die Trainingsintensität. Zusätzlich baut Ferguson noch ein paar interessante Aspekte ins Training, in seine Einzelgespräche und in die Ansprachen mit ein.

Fokussierung einzelner Spieler und adaptive Kritik

Seine Spieler erhielten zum Beispiel Lob für bestimmte Eigenschaften oder für bestimmte Vorreiterrollen. Das war besonders bei kämpferischen Aspekten der Fall. Wenn man einzelne Spieler für ihren Einsatz lobt und dies passend macht, zum Beispiel aus jedem Mannschaftsteil einen Akteur, können sich die anderen Spieler an diesem Akteur orientieren. Andererseits wird dieser Spieler seinen Einsatz und seine Laufbereitschaft noch intensiveren und fokussieren. Er hat nicht nur Lob als Motivation zur Aufrechterhaltung erhalten, sondern fühlt sich diesbezüglich von seinen Mitspielern beobachtet und fühlt sich auch verantwortlich durch seine Vorbildwirkung. Öffentliche Kritik der Spieler gab es allerdings nicht. Kritische Punkte wurden in Einzelgesprächen oder anonymisiert angesprochen.

Ein Motivationstrick Fergusons war auch folgender: Nach dem ersten Meistertitel verkündete Ferguson, er wisse, drei Spieler würden die Mannschaft in der kommenden Saison im Stich lassen. Dazu hielt er drei Kuverts nach oben und sprach davon, dass die Namen der fraglichen Spieler sich in diesen Kuverts befinden. Die Ablenkung vom Meistertitel war perfekt und jeder Spieler musste sich trotz der Erfolge konzentrieren, um nicht als Buhmann im Team zu gelten.

Barcelona vs ManUtd, 1994

Barcelona vs ManUtd, 1994

Interessanterweise zeigte Brendan Rodgers, wie situativ man solche Spielchen anwenden muss. Der Trainer von Liverpool kopierte diesen Trick von Ferguson und wendete ihn in seiner Anfangszeit bei Liverpool an. Das geht allerdings komplett an der Sache vorbei. Einerseits fehlt mit dem Meistertitel ein direktes Motiv, andererseits ist es bei ihm weder authentisch noch passend, weil bei Liverpool noch kein solches Umfeld wie bei United durch Ferguson damals entstanden ist. Und: Inkonstantere und schwächere Mannschaften werden deutlich häufiger Enttäuschungen haben. Rodgers hätte also eher einen Serienbrief verfassen müssen.

Ferguson hingegen war ein Meister der situativen Anwendung. Stellte er einen Spieler nicht auf, so führte er das vor versammelter Mannschaft auf kleinere Gründe zurück, häufig die Taktik. Danach folgten unter vier Augen Einzelgespräche und Ferguson beantwortete, wieso der Spieler nicht aufläuft und was ihm sonst einfiel. Diese intelligente Art zu kritisieren zeigte er auch öffentlich und nach Spielen.

Bei Louis van Gaal in seiner Zeit bei Bayern sprach man diesbezüglich auch von „azyklischer Kritik“. Nach guten Spielen wurde kritisiert, um die Motivation hochzuhalten und die Arbeit an kleineren Aspekten weiterhin zu fokussieren. Bei schlechteren Partien gab es wiederum positive Kritik. Die Spieler werden damit aus der Schussbahn genommen, es soll keine schlechte Stimmung entstehen und Optimismus vor der nächsten Aufgabe verbreitet werden.

Im Training selbst war Ferguson sogar ausschließlich positiv, wie er selbst sagt:

‘There is no room for criticism on the training field. For a player – and for any human being – there is nothing better than hearing, “Well done.” Those are the two best words ever invented in sports. You don’t need to use superlatives.’

Der letzte Satz ist hierbei ebenfalls wichtig. Superlativen und spezifisches Lob sorgen für eine vermeintlich vom Trainer erzeugte Hierarchie der Fähigkeiten der Spieler und generell einem Ranking der Wichtigkeit von Eigenschaften, welches Fergusons Vermittlung von Selbstwirksamkeit und Selbstvertrauen an seine Spieler widersprechen würde.

Jeder Spieler ist individuell und für (s-)eine bestimmte Rolle im Team unersetzlich. Ferguson wusste das, weil er auch über die Wichtigkeit von dem Einfluss von Taktik auf die Psychologie und umgekehrt wusste. Bestimmte Spielertypen eigneten sich für besondere Situationen schlichtweg taktisch und/oder psychisch besser, auch wenn dieses Spiel nur einmal in zwei Jahren stattfinden sollte. Und Ferguson war ein Meister darin, mit diesem Wissen Gegner zu zerstören.

Der Gott der taktik- und strategiepsychologischen Manipulation

Ferguson sprach jüngst in einem Interview davon, was das Geheimnis hinter der sogenannten Fergie-Time eigentlich ist. Zur Info: Als Fergie-Time wird jene Zeit bezeichnet, welche Schiedsrichter Manchester United angeblich zu viel an Nachspielzeit geben und in der United schon zahlreiche Spiele gedreht hat bzw. gedreht haben soll. Studien haben zwar ergeben, dass United nur marginal und nicht signifikant mehr Nachspielzeit als andere Topteams erhalten hat, doch der Mythos lebt bis heute.

Vor einigen Tagen erklärte Ferguson, dass er absolut keine Ahnung hatte, wie viele Nachspielzeit gespielt werden sollte oder gespielt wurde. Er deutete schlichtweg auffordernd auf seine Uhr, um die Schiedsrichter und den Gegner zu beeinflussen. Sahen die Gegner ihn im Verbund mit dem Mythos Fergie-Time und Uniteds Aufholjagden im Kopf mit der Uhr an der Seitenlinie dastehen, gerieten sie laut Ferguson bereits in Panik.

Diese Panik wiederum beeinflusste ihre Spielweise und sorgte für mehr Fehler, wodurch United durchaus häufiger treffen konnte und der Mythos zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung wurde. Taktikpsychologie beobachtete Ferguson gar 1999 im CL-Finale:

‘The Bayern players had lost all positional discipline: they were like men staggering away from a plane crash. I knew that they’d gone, mentally.’

Die Verbindung zwischen mentaler Instabilität und positioneller Disziplin zu machen, ist durchaus beeindruckend und selten. Viele fokussieren sich in ihren Analysen auf nur eines davon, doch meist interagieren Taktik und Psychologie miteinander. Fergusons legendäre „Mind Games“ mit anderen Managern waren ebenfalls durch diese Denkweise angetrieben.

Aussage wie „wir sind in der zweiten Saisonhälfte besser“ waren nicht (nur) für die Presse und für die eigene Mannschaft gedacht, sondern sollten den gegnerischen Trainer und das gegnerische Team negativ beeinflussen und sie zu Fehlern in der taktischen und strategischen Ausrichtung verleiten. Interessanterweise war es ausgerechnet Ancelotti in seiner kurzen Zeit bei Chelsea, der mit der simplen Aussage „sind wir auch“ den Effekt neutralisierte und womöglich sogar eher Druck auf United ausübte; immerhin war er nach Fergusons Aussagen einer der ersten exklusive Mourinho, den man mit so etwas kaum beeinflussen konnte.

Taktik- und strategiepsychologische Aspekte ließ Ferguson außerdem bewusst ins Training einbauen. So gab es Trainingsspiele, in der sich eine Mannschaft von Beginn an in Rückstand befand und es nur noch ein bestimmtes Zeitlimit gab (welches variierte), um das Spiel noch zu drehen. Dadurch wurde die verteidigende Mannschaft in der Strafraumverteidigung und im Konterspiel geschult, die angreifende Mannschaft hingegen sollte lernen konstruktiv und zielorientiert anzugreifen, dabei aber abgesichert und ruhig zu bleiben. Ferguson vermittelte als bewusst die Kontrolle des Spielrhythmus in unterschiedlichen Phasen an seine Mannschaft.

Die rein psychologische Komponente in dieser Übung ist ebenfalls beachtlich – z.B. das Coping nach weiteren Gegentoren oder die Effekte auf beide Teams bei gelungener Aufholjagd. Ferguson war nach eigener Aussage der Meinung, dass Glück kein Zufall ist, sondern durch die Begebenheiten erzwungen wird. Man solle versuchen, alles zu kontrollieren, was man nur irgendwie kontrollieren kann – und der Rest wird sich ergeben und ist irrelevant für die Einschätzung von Leistungen und für langfristigen Erfolg.

Statistiken der letzten Ferguson-Jahre zeigten passenderweise, dass Manchester United teilweise konträre Muster in Rückstand und bei Vorsprung im Vergleich zu anderen Mannschaften aufwies. Die absolute Schusszahl im Spiel erhöhte sich bei Rückständen z.B. nicht. United packte somit nicht die Brechstange aus, sondern spielte ruhig weiter und glaubte weiterhin an den eigenen Erfolg, ohne panisch auf lange Bälle oder die Brechstange zugunsten vieler, aber schwieriger und weniger erfolgreicher Abschlüsse Chancen auszupacken.

Ein von Ferguson häufig im Training und in Ansprachen genutztes Mantra setzte sich hier durch und in den Köpfen seiner Spieler fest:

‘Manchester United never get beaten. We may occasionally run out of time but we never believe we can be beaten.’

Alleine die Nutzung strategie- und taktikpsychologischer Aspekte im Training macht Ferguson in gewisser Weise zu einem Vorreiter in der Trainingsmethodik. Auch anderes ist hier sehr positiv.

Langsame Periodisierung, ballorientiertes Training und Rotation

Im Gegensatz zu vielen anderen Trainern, besonders in den 70ern, 80ern und 90ern, ließ Ferguson in der Aufbauphase vor der Saison keineswegs extrem hart trainieren. Stattdessen wurde die Kondition der Spieler langsam aufgebaut und gemächlich an dem physischen Rüstzeug für die neue Saison gearbeitet; eine Trainingsphilosophie, wie sie führende Fußballkonditionstrainer wie die bereits erwähnten Verheijen und van Winckel in den letzten Jahren erst propagieren.

Desweiteren war Ferguson einer der ersten Verfechter der Rotation im britischen Fußball. Einzelne Akteure wurden sowohl aus taktischen als auch aus physischen Gründen immer wieder geschont und die Aussicht lag darauf, dass man in den entscheidenden Spielen und Phasen der Saison auf die besten Spieler in einem körperlich guten Zustand zurückgreifen kann.

Außerdem trainierte Ferguson seine Mannschaft meist in Spielformen, die vereinzelt sogar extrem komplex werden konnten. Zwei beispielhafte Trainingsübungen Fergusons mit sich erhöhender Komplexität finden sich zum Beispiel hier. Eine andere Übung zur Strafraumverteidigung wurde beispielsweise so praktiziert, dass die vier bis sechs verteidigenden Spieler im Strafraum durchgehend von mehreren gegnerischen Teams gefordert wurden, die im Wechsel in Unterzahl und Überzahl angriffen. Sie mussten schnell ihren Fokus wechseln, den dynamisch auf sie zukommenden gegnerischen Angriff analysieren, miteinander kommunizieren und den Angriff möglichst gut verteidigen.

Die attackierenden Mannschaften lernten wiederum auf unterschiedliche Art und Weise anzugreifen und Unter- oder Überzahlen variabel auszuspielen. Dazu gesellten sich viele individualtaktische Übungen, einzelne (heutzutage als überholt geltende) isolierte Übungen zu bestimmten Techniken und zur Physis sowie das Einstudieren gruppen- und mannschaftstaktischer Abläufe.

In den letzten Jahren seiner Karriere fand man aber Ferguson kaum noch auf dem Trainingsplatz vor. Schon lange Zeit zuvor hatte er begonnen sich weniger aktiv mit der Trainingsarbeit zu beschäftigen – ein versteckter Geniestreich.

Beobachter, Organisator und Delegator

Auf den ersten Blick erscheint es (zumindest hierzulande) konterintuitiv, dass ein Trainer das Training nicht verfolgt, aber weiterhin für Transfers, Aufstellungen und die taktische Ausrichtung verantwortlich ist. Fakt ist aber nur, dass Ferguson das Training nicht leitete. Dennoch hatte er einen maßgeblichen Einfluss auf das Training, u.a. die Planung der Entwicklung der Spieler, die Trainingssteuerung und die grundsätzliche Ausrichtung der Übungen im Verhältnis zur gewünschten Spielweise.

Desweiteren hatte Ferguson eine beobachtende Rolle. Sein Büro lag so, dass er das Trainingsgelände immer komplett im Auge hatte. Situativ konnte er herausstürmen und bestimmte Dinge korrigieren, sich über bestimmte beobachtete Dinge austauschen oder schlichtweg die Spieler von seinem Fenster aus anschreien, wenn ihm etwas missfiel. Positiver Nebeneffekt: Die Spieler fühlten sich andauernd beobachtet, auch wenn sie es nicht waren. Nachlassen nicht möglich. Stünde Ferguson auf dem Platz, könnte er wie auch die anderen Trainer nicht alles überblicken und würde Konzentrationsmängel übersehen.

Gleichzeitig erhielt Ferguson dadurch mehr Zeit für andere Sachen. Die Zeit im Büro nutzte er neben der Beobachtung auch zur Analyse des Gegners, von Trends in der Liga, zum Scouting von Spielern, zur Reflektion des Feedbacks seiner Assistenten und zur Analyse der Vorgänge innerhalb des Vereins. Andere Trainer müssen dies mit der alltäglichen Arbeit in Einklang verbinden, wodurch viele Sachen im Verein übersehen oder falsch eingeschätzt werden.

Zusätzlich erhielten die von ihm eigens ausgewählten Assistenten mehr Verantwortung, mehr Selbstbewusstsein bzw. Selbstwirksamkeit und Erfahrung. Der Trainerstab konnte das Alltagsleben selbst kennenlernen und daraus Wissen ziehen, welches sie mit Ferguson teilten. Dennoch erhielten sie eine grundsätzliche Struktur, wie Trainings auszusehen haben.

Fergusons Trainingsstruktur

Die meisten Trainings begannen mit Passübungen, meistens Rondos und rondo-ähnlichen Übungen, bevor bestimmte Abläufe im Ballbesitz und Passspiel einstudiert wurden. Danach folgten die bereits erwähnten Übungen zum Bespielen des Strafraums, zum Raumgewinn und Angriffsvortrag sowie dem Verteidigen davon. Als vorletzter Baustein diente eine isolierte Abschlussübung, welche wohl auch für Regeneration, Abwechslung und schlichtweg Spaß dienen sollte, bevor zum Abschluss noch in einer größeren Spielform an der Mannschaftstaktik und dem Kombinationsspiel in spielnahen Voraussetzungen gearbeitet wurde.

„Der denkende Spieler“ nach Ferguson sollte sich im Training so viel wie möglich bewegen, es gab in den Übungen kaum Standphasen, dazu wurde fast alles mit Ball und im Bezug auf eine bestimmte Aufgabensituation aus dem Spiel gemacht. Ziel: Das Kreieren von Verständnis der Bewegungen untereinander und die passende taktische Kommunikation. Ergänzt wird dies mit Individualtrainern wie dem Coerver-Coach René Meulensteen, der Spieler noch individuell in bestimmten Punkten fokussiert ausbildet.  Im Sinne der „integrativen Methode“ (ähnlich der taktischen Periodisierung oder Roger Sprys „Functional Integrated Training“) wird aber auch das Einzeltraining an die jeweilige Position, die Zone und die positionsspezifischen Situationen angepasst.

Die grundsätzliche Struktur wird täglich mit neuen Übungen ausgefüllt, der Trainerstab trifft sich morgens und plant die genaue Umsetzung des jeweiligen Trainingstags im Bezug auf die taktischen, spielerischen und medizinischen Erkenntnisse der letzten Tage. Daraus werden die Trainings gebildet, welche Ferguson selbst als „Problemlöseaufgaben“ bezeichnete. Das Erstellen solcher Trainingsübungen – „Problemlöseaufgaben“ – benötigt aber auch taktische und strategische Kompetenz.

Diese wird bei Ferguson nämlich häufig unterschätzt, doch absolut zu Unrecht.

Inselbegabungen in der Taktik

Aberdeen im Aufbau gegen den HSV - eine weitreichende, effektive und unorthodoxe Anpassung

Aberdeen im Aufbau gegen den HSV – eine weitreichende, effektive und unorthodoxe Anpassung

Obwohl er hierbei keineswegs schwach war, ist Ferguson natürlich kein herausragender Trainer in puncto in-game-Gruppentaktikanpassungen wie Guardiola; was kaum ein Trainer auf dem Niveau kann und generell überaus schwierig ist, obgleich Ferguson vereinzelt mit guten Einwechslungen und Formationen die Abläufe sehr treffend verändern konnte. Dies ging zwar meist in Richtung der Mannschaftstaktik und war nicht wie bei Guardiola das Spielen mit bestimmten Staffelungen, dennoch effektiv.

Ebenso wenig war Ferguson ein großer Innovator, auch wenn er einzelne unorthodoxe Ideen hatte und seinen Konkurrenten in der Liga nie wirklich nachstand, exklusive Mourinhos Zeit bei Chelsea und Laudrups Swansea vermutlich. Im Trainerporträt bemühte ich deswegen den Begriff „Meta-System-Deuter“, da Ferguson sehr schnell auf sich entwickelnde Trends in seiner Umgebung anpassen und diese übernehmen oder mit einer eigenen Anpassung neutralisieren konnte.

Bei der Gegneranalyse war Ferguson aber interessant und unüblich gleichzeitig. Der Gegner wurde bis aufs Mark seziert, doch die taktischen Anpassungen hielten sich in Grenzen. Wieso? Weil sich Ferguson nach eigener Aussage lieber auf die eigene Mannschaft konzentrierte. Deswegen suchte man sich nur die wichtigsten Punkte zum Bespielen des Gegners, die den Gegner allerdings zusammenfallen lassen sollten. Ganz nach dem Motto:  Taktik? Wieso nicht einfach gewinnen?

Dadurch entstanden ganz merkwürdige Anpassungen, wie zum Beispiel das Unterbrechen ganz spezieller Passmuster in bestimmten Zonen durch eine Veränderung Bewegungsspiel, wodurch das gesamte Konstrukt zusammenfällt – das hat man nämlich explizit gegen Wengers Arsenal einst gemacht. Auch die Feuchtigkeit des Bodens und erhöhter Nutzen von Schnelligkeit in Laufduellen nach Schnittstellenpässen wurde zum Beispiel bei einem Spiel gegen einen Mittelfeldteam durch die späte Einwechslung des frischen Giggs bespielt.

Gepaart wurde dieses Zerstören des gegnerischen Gebildes durch das Attackieren von oftmals winzigen Schlüsselpunkten mit hervorragender strategischer Ausrichtung.

Ferguson, König der Strategie

Um diese kleinen Schlüsselpunkte zu attackieren, nutzte Ferguson meistens bestimmte Spieler in besonderen Rollen (von 2007 bis 2009 stellte er häufig Cristiano Ronaldos Position und Rolle von Spiel zu Spiel um). Viel stärker war aber Ferguson in noch abstrakteren und grundsätzlicheren Punkten. Er band die speziellen Eigenschaften einzelner Spieler meist schon von Beginn an so in das System ein, dass er keine gegnerspezifischen Anpassungen benötigte – die Durchschlagskraft und Effektivität waren bereits gegeben. Auch viele andere strategische Punkte sorgten für konstante und weitestgehend anpassungslose Überlegenheit.

Fergusons Teams spielten meistens kompakter als die Gegner, besonders in den 80ern und 90ern war der Vorteil gegenüber der Konkurrenz in Schottland und England gegeben. Dazu visierten sie die richtigen Zonen an und kontrollierten die wichtigsten Räume des Feldes. Obwohl sich Ferguson insbesondere in seiner Zeit bei United über das Flügelspiel und die Flügelstürmer definierte, war die Mitte fast immer besetzt, gut gestaffelt und wurde zum Einbringen der Flügel genutzt.

Im taktiktheoretischen Artikel über die Halbräume schrieb ich passenderweise Folgendes:

In gewisser Weise sind die Halbräume darum die “Verbindungszone” unter den unterschiedlichen Zonen, während man die Mitte eher als “Organisationszone” sehen könnte; die Flügel hingegen eignen sich speziell für Durchbrüche. Theoretisch wäre eine Unterteilung unterschiedlicher Zonencharakteristiken unter Berücksichtigung bestimmter Spieleigenarten (Ballzirkulation, Verteidigungsart, etc.) eine interessante Idee für einen zukünftigen Artikel.

Fergusons Mannschaften befolgten diese ungefähre Zonencharakteristik, natürlich mit einem Fokus auf die Durchbrüche entlang der Flügel. So sprach Ferguson selbst davon, dass die Kontrolle der Mitte und Besetzung der Mitte mit spielstarken und intelligenten Spielern für eine gute Mannschaft unabdingbar ist. Spieler wie Keane, Scholes, aber auch Butt, Ince und Carrick sind unterschiedliche Typen, welche jedoch allesamt die Anforderungen an zentrale Mittelfeldspieler nach dieser Definition erfüllen.

Die Flügelstürmer wurden vor allem deswegen fokussiert, weil durch das freie Aufrücken und Agieren der Flügelstürmer die Mitte (vorerst) zurückhaltender besetzt und dadurch simpel abgesichert werden konnte. Gleichzeitig konnten die Flügelstürmer aber befreiter aufspielen und ihre speziellen Stärken (Dribbling, Flanken, etc.) fokussierter einbringen. Ballverluste auf dem Flügel konnten außerdem gut zugestellt werden, Gegentore nach Kontern wurden reduziert.

Diesbezüglich erwähnte Ferguson, dass das effektive Spielfeld im letzten Drittel beziehungsweise neben den Strafräumen für ihn nicht die gesamte Breite wie im ersten und zweiten Drittel darstellt. Ferguson soll sogar im Training die Ecken des Spielfelds diagonal zum Strafraum hin abgeschnitten haben und zur verbotenen Zone erklärt haben. Bei den Flanken von Fergusons Teams zeigte sich dies zum Beispiel überaus eindeutig (hierbei großen Dank an Max Odenheimer von Statsbomb, welcher diese Grafik in diesem tollen Artikel eingebaut hatte):

fergie crosses

fergie crosses

Ferguson hat also trotz seines enormen Flankenfokus‘ eine ähnliche Ansicht zur Flanken wie Spielverlagerung: Nämlich eine kritische. Flanken müssen so scharf wie möglich aus strafraumnahen Zonen (beziehungsweise von innerhalb des Strafraums) kommen oder einige andere wichtige strategische Komponenten aufweisen.

Diese weiteren Komponenten waren eine passende Strafraumbesetzung, gute Sichtfelder durch eine intelligente Diagonalität beim Spielen von Flanken oder schlichtweg flache und halbhohe Flanken. Vermutlich war die Berücksichtigung dieser strategischen Punkte Fergusons größtes Erfolgsgeheimnis, insbesondere für die Durchschlagskraft seiner Mannschaften.

Die Mannschaften Fergusons zeichneten sich dadurch aus, dass sie Flanken situativ intelligent nutzten. Neben der Hereingabe von den Seiten bei Nähe zum Strafraum wurden vielfach auch frühe Diagonalflanken hinter die Abwehr aus dem Halbfeld genutzt. Gegen eine tiefe Abwehr ist eine Halbfeldflanke in den Strafraum ineffizient und bevorzugt die gegnerische Abwehr, gegen eine herausrückende und/oder hohe Abwehr kann der lange Diagonalball hinter die Abwehr bei passender Bewegung in die Tiefe der Stürmer, der zentralen Mittelfeldspieler und ein Einrücken des ballfernen Flügelstürmers enorm gefährliche Torchancen kreieren.

Flache Flanken wiederum sind für die angreifende Mannschaft einfacher zu verwerten, halbhohe Flanken sind am schwierigsten zu verteidigen. Die richtige Mischung und die Fokussierung einzelner Varianten bei bestimmten Gegnern oder gar eigenem Spielermaterial könnten enorm gefährlich werden. Am besten verkörpert Fergusons Ausrichtung aber das Bespielen von guten Sichtfeldern und passender Staffelung. Aberdeens Erfolg in Europa 1983 ist – wie man in der morgigen Analyse sehen wird – weitestgehend auf enorme Präsenz im Strafraum und sehr gute Organisation bei den langen, raumgreifenden Pässen vom Flügel und im Mittelfeld zurückzuführen.

Späte Vertikalsprints von zentralen Mittelfeldspielern aus dem Rückraum in den Strafraum, diagonale Pässe von der Grundlinie aus nach hinten, das gleichzeitige Besetzen der Mitte, des ersten und zweiten Pfostens und die schiere Anzahl an hereinstürmenden Akteure waren bei den meisten Ferguson-Mannschaften eines der Markenzeichen – und sind von fast jeder Mannschaft der Welt bei guter Umsetzung kaum zu verhindern.

Dazu wurden die speziellen Begabungen einzelner Spieler im letzten Drittel gut eingebunden, insbesondere die Abschlussbewegungen und die bevorzugten Situationen im Abschluss. Auch in der Ballzirkulation davor wurden schon grundsätzlich bestimmte Aspekte verfolgt: So waren die Angriffsrichtungen und Passmuster zonenübergreifend, wodurch der Gegner Probleme beim Verschieben und im Verbund mit den Bewegungen Uniteds auch beim Übergeben hatte. Die Zirkulation in einem Bereich des Feldes mit schneller Verlagerung und Überladung im anderen Bereich wurde ebenso oft genutzt wie lange Verlagerungen.

fergiegoalchart

fergiegoalchart

Zudem waren Fergusons Mannschaften traditionell bei Kontern und bei Standards extrem gut. Im Konterspiel wurden saubere und einstudierte Abläufe mit ausreichend dynamischen Spielern genutzt, während es bei Standards viele unterschiedliche Ausführungsvarianten gab. Durch die Bewegungen wurden immer wieder Spieler freigeblockt, Räume geöffnet oder schlichtweg mit der Wahrnehmung der gegnerischen Mannschaft gespielt. So führten bei United einige Male sogar zwei Spieler den Freistoß aus – und zwar gleichzeitig.

Diese strategische Überlegenheit und das Befolgen vieler von anderen Trainern unterschätzter fundamentaler Punkte sorgten letztlich auch für skurrile Zahlen bei der Analyse von Fergusons Mannschaften.

Der Albtraum für jeden Statistiker

In den letzten Jahren seiner Amtszeit fielen Fergusons Mannschaften bei der sogenannten „Total Shots Ratio“ klar ab. Die Totel Shots Ratio bezeichnet einen Wert, bei dem die Anzahl der eigenen Schüsse durch die summierte Anzahl der eigenen und gegnerischen Schüsse  dividiert wird. Dadurch erhält man einen Prozentwert, der den Anteil der eigenen Schüsse pro Spiel angibt. Dieser Wert gilt nach James Graysons und viele andere Studien als sehr stabil und prädiktiv. Bei Ferguson hingegen versagte der Wert.

Fergusons Meinung über TSR

Fergusons Meinung über TSR

Die Erklärung hierfür ist einfach: Ferguson war einer von sehr wenigen Trainern, bei dem die Chancenqualität schlichtweg im Schnitt viel höher war als bei der Konkurrenz. Seine Teams konzentrierten sich nicht auf eine Vielzahl von Schüssen, sondern auf eine geringe Anzahl von Schüssen mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit. Unter anderem waren „Score Effects“ dafür verantwortlich. Das bedeutet, dass die durchschnittliche Chancenverwertung beim TSR-Modell je nach “Game State” (Führung, Rückstand, Führung mit zwei Toren, etc.) in Relation zum Ergebnis steigt oder fällt. Verantwortlich dadurch ist der gegnerische Druck beim Abschluss. United ging unter Ferguson oft früh in Führung, nutzte diese “Score Effects” sehr gut aus und seine Mannschaften suchten desweiteren immer nach sehr guten Abschlusspositionen und -situationen. Schlechte Chancen wurden nicht abgeschlossen, es wurde dann weitergespielt und dem Gegner die Chance auf Ballbesitz und Konter genommen.

Ferguson ist außerdem fast der einzige britische Trainer, welcher auch das „Expected Goals“-Modell übertrifft. Expected Goals steht für erwartete Tore, wo aus jedem Schuss durch die Natur des Schusses – beispielsweise die Distanz zum Tor, die Art der Vorlage, die Art des Schusses, den Schusswinkel und die Art und Anzahl der Aktionen vor dem Schuss – die Wahrscheinlichkeit des Torerfolgs berechnet wird. Die Gesamtzahl der Schüsse der letzten Jahre wurde hierbei genommen, um für diese Wahrscheinlichkeit einen konkreten Wert zu schätzen.

Uniteds Übertreffen dieses Modells wird von vielen auf das herausragende Ausführen von Standards, die individuelle Qualität und schlichtweg das Glück zurückgeführt. Viele Statistikanalysten/-blogger führten dies zumindest zu gewissen Teilen auf reines Glück zurück, ob Richard Whittall, Neil Charles oder der herausragende Daniel Altman. Nur wenige andere wie James Yorke, Paul Riley oder letztens Max Odenheimer argumentieren gegen das Glücksargument.

Bei näherer Betrachtung und Analyse der Artikel zu diesem Thema scheint es allerdings wahrscheinlich zu sein, dass Ferguson schlichtweg bestimmte Mittel nutzte, die im Modell der Expected Goals nicht berücksichtigt werden. Ein eklatanter Punkt können bereits Datenerfassungsfehler sein: Neben der individuellen Qualität fließen auch Eigentore oder nicht-abgeschlossene Chancen nicht in das Modell ein. Die Eigentore werden dann zwar häufig aus beiden Wertungen genommen, United könnte aber unter Ferguson beispielsweise viele Situationen wegen der Suche nach noch qualitativeren Chancen schlichtweg nicht abgeschlossen haben. Das sind dann gefährliche Situationen, welche aber nicht in die Prädiktion kommender Leistungen miteinfließen.

Meine These ist somit, dass durch ein paar mangelnde Faktoren (wie z.B. Druck, Kompaktheit, etc.) nicht alle Chancen mit einem ExpG-Wert von bspw. 15% wirklich diesen Wert besitzen. United hatte unter Ferguson die Fähigkeit, dass sie die schwächeren Chancen ausließen, nicht abschlossen und nach besseren suchten, deren reeller Wert über dem Durchschnittswert für die von ExpG gemessenen Faktoren lag. Eine schwächere Mannschaft beherrscht diese Fähigkeit nicht und darf sich auch nicht erlauben, Chancen wegzuwerfen. Im ExpG liegen sie dann bei 0.15:0.15, obgleich diese Chancen keineswegs den gleichen Wert haben und United sich außerdem mehrere solcher Möglichkeiten erspielte. Bei (den seltenen) Rückstanden würden sie solche Chancen allerdings womöglich verstärkt früher abschließen und ihren ExpG dadurch erhöhen.

Eine höhere Chancenqualität bei geringerer Schussanzahl sorgt aber für langfristig mehr Punkte in einer Saison. Hat eine Mannschaft einen Expected-Goals-Wert von 2.0 in einem Spiel und der Gegner ebenso, aber Mannschaft A benötigte dafür nur zwei Schüsse und Mannschaft B zehn, so wird über eine Saison hinweg Mannschaft A mehr Punkte holen. Das mag auf den ersten Blick merkwürdig klingen – und viele Zuseher eines solchen Spiels würden Mannschaft B wohl klar überlegen finden –, doch bei Simplifizierung ist es nur logisch. Hätte eine Mannschaft eine 100%ige Chance jedes Spiel, aber nur eine davon, würden sie in jedem Spiel ein Tor erzielen. Man könnte zwar nie höher als 1:0 gewinnen und würde einige derbe Niederlagen einstecken, aber langfristig hätte man deutlich mehr Punkte.

Deswegen habe ich ein paar kleine Simulationen einer sehr guten gegen eine schwächere Mannschaft mit variablen ExpG-Werten und Schussanzahl 10‘000mal durchlaufen lassen, welche folgende Szenarien ergab:

a)      Eine Mannschaft mit 50 Schüssen bei 4% Erfolgswahrscheinlichkeit gegen ein Team mit 10 Schüssen und 5% Erfolgswahrscheinlichkeit holt im Schnitt gegen dieses Team 2.39 Punkte;

b)      Eine Mannschaft mit 40 Schüssen bei 5% Erfolgswahrscheinlichkeit gegen ein Team mit 10 Schüssen und 5% Erfolgswahrscheinlichkeit holt im Schnitt gegen dieses Team 2.4 Punkte;

c)       Eine Mannschaft mit 20 Schüssen bei 10% Erfolgswahrscheinlichkeit gegen dasselbe Team holt im Schnitt 2,41 Punkte;

d)      Eine Mannschaft mit 10 Schüssen bei 20% Erfolgswahrscheinlichkeit gegen dasselbe Team holt im Schnitt 2,45 Punkte;

e)      Eine Mannschaft mit 5 Schüssen bei 40% Erfolgswahrscheinlichkeit gegen dasselbe Team holt im Schnitt 2,52 Punkte;

f)       Eine Mannschaft mit 2 Schüssen bei 100% Erfolgswahrscheinlichkeit gegen dasselbe Team holt im Schnitt 2,82 Punkte;

Bei der ersten Mannschaft in Szenario a) gibt es in 13,75% der Spiele mehr als 3 Tore, bei selbiger Mannschaft in Szenario b) 11,77% der Spiele mehr als 3 Tore, in Szenario e) hingegen nur in 8.62%, und in Szenario f) natürlich in 0% der Spiele. Grundsätzlich hat man dadurch zwei Verteilungen, wobei Team A einen höheren ExpG als Team B hat. Desweiteren hat ein Team mit einem ExpG von 2 bei 2 Schüssen natürlich 0% Wahrscheinlichkeit weniger als 2 Tore zu schießen, bei 5 Schüssen sind es schon 33,7%, bei 10 Schüssen 37,58%, bei 20 Schüssen 39,17% und bei 50 Schüssen gar 40,05%. Durch die Reduzierung der Varianz (weniger Schüsse mit sehr hohem ExpG) reduziert man die Fälle, in dem Team B durch Glück doch gewinnt. Diese Gif zeigt die Verteilung als Histogramm:

Torverteilung nach 1, 2, 3, 4, 5, 10, 20, 30, 40 & 50 Schüssen

Torverteilung nach 1, 2, 3, 4, 5, 10, 20, 30, 40 & 50 Schüssen

Ansatzweise realistisch sind bei Topteams durchaus Unterschiede von 30 Schüsse mit 6,7% vs. 7 Schüsse mit 33,5%: In ersterem Fall holt man 2.4 Punkte pro Spiel, in Letzterem 2.5 bei schlechterer Tordifferenz. In einer 38er-Saison kann dies schon 3-4 Punkte ausmachen (3.8 im Schnitt).

Die Punktausbeute und der Saisonverlauf „litten“ also positiv unter der Suche nach hochqualitativen Chancen, die Tordifferenz aber negativ. Dennoch reicht diese Erklärung nicht aus, um die Absurdität von Fergusons letzten Jahren bei konstanten Erfolgen zu erklären. Fergusons strategische Fähigkeiten hingegen helfen eher; korrekte Sichtfelder, die passende Anlaufdynamik zum Ball beim Abschluss, der gegnerische Defensivdruck, der eigene Defensivdruck bei gegnerischen Chancen und synergetische Staffelungen im gegnerischen Strafraum fließen in das Modell nicht ein.

Allerdings finden sich einige Artikel, welche sich mit diesen Aspekten beschäftigen. Paul Riley fand zum Beispiel heraus, dass United im Strafraum über ein besseres „Spacing“ durch mehr Spieler in dieser Zone hatte. In diesem Artikel bei SBNation von Benjamin Pugsley findet man außerdem etwas zur enormen Effizienz bei Ecken, während Odenheimer letztens bei Statsbomb in einem Zweiteiler die Fokussierung auf ganz bestimmte Abschlusszonen und eine besondere Art zu flanken analysierte.

Auch weitere Punkte fehlen im ExpG-Modell, so machte ich zum Beispiel einen Statistikanalysten jüngst auf die Passlänge des Assists aufmerksam, wodurch das Modell leicht positiv aufgewertet werden konnte. Außerdem ist der Abschluss einzelner Spieler trotz konträrer Ansichten womöglich doch auf die individuelle Qualität zurückzuführen, wie dieser Artikel von Devin Pleuler zeigt.

Ferguson war auch hervorragend beim individualtaktischen Ausbilden von Abschlussfähigkeiten, beim Scouting von abschlussstarken Spielern und beim Analysieren von gegnerischen Torwartbewegungen; so sprach er zu seinen Spielern davon, dass man im 1-gegen-1 gegen Neuer flach schießen soll, weil Neuer recht früh und hoch springt; United traf dadurch in einem CL-Spiel gegen Schalke.

Diese Masse an solchen kleinen Vorteilen sorgte für Fergusons große Überlegenheit und zeigt, wie herausragend er in allen Aspekten wirklich war.

Was Ferguson über Statistiken und Glück zu sagen hatte, weiß man übrigens auch.

Fazit: Effizienzgott

Am besten schildern die Vergleiche von Ferguson und seinen Trainerkollegen in der Liga im Bezug auf das Übertreffen der Erwartungen in finanzieller Hinsicht, wie gut Ferguson wirklich war. Obwohl es schwieriger ist, bei einer sehr guten Mannschaft mehr als erwartet herauszuholen als vom Budget prophezeit wird, tat Ferguson dies jahrelang.

Diese tolle Analyse von Sihan Zheng zeigt den Wert Fergusons für seine Mannschaft. Im Artikel finden sich diese zwei sehr interessanten Grafiken:

Hier wird das Jahresgehalt der Mannschaften mit der erreichten Punktzahl verglichen. Die orangen Punkte stellen United dar; das Abschneiden übertrifft als die Erwartungen. Noch deutlicher wird es in dieser Grafik:

In jeder einzelnen Saison lag United deutlich über der erwarteten und vom Jahresgehalt projizierten Punktzahl. Auch wenn die Methodik nicht ganz stimmig ist, so ist das Fazit des Artikels beeindruckend – Ferguson hat United über die Jahre an die eine Milliarde Pfund eingespart.

Auch viele andere Studien kamen auf ähnliche Ergebnisse in puncto Finanzen. Zach bei Transferpriceindex hat Ferguson in seiner Studie noch vor Mourinho und Wenger auf Platz 1, auch Roger Pielke jr. und Bell, Brooks und Parkham deduzierten, dass Ferguson einer von wenigen Trainern sei, welche die Erwartungen konstant übertroffen haben. Ich zitiere aus letzterem Artikel:

The best managers relative to expectations are Alex Ferguson and Guus Hiddink, equal on 0.72 more points on average per match than would have been expected. Next are Arsène Wenger, José Mourinho and Rafa Benítez with around 0.56 more points than expected

At the other end of the spectrum, for Alex Ferguson, Arsène Wenger, David Moyes, Guus Hiddink, José Mourinho, Rafa Benítez and Sam Allardyce, not a single one of the 10,000 randomly generated managers was able to outperform them.

Dies zeigt, wie gut Ferguson wirklich war. Die grundlegenden Ursachen für seine enorme Qualität war wohl die passende Vermittlung des „Wieso“ an seine Spieler. Taktisch, strategisch, psychologisch – egal, was seine Spieler taten, sie hatten einen Grund dafür. Dies sorgte für eine stabile Organisation mit viel Zielorientiertheit und den passenden Rahmenbedingungen für die vielen Erfolge. Gleichwohl passte sich Ferguson immer an die Gegner an, ohne sich aber von Spiel zu Spiel auf alle spezifischen Punkte einzustellen. Angepasst wurde nur, was relevant war – und durch strategische Punkte immer das richtige Gegenmittel zu haben, ist wie die Linkshändigkeit im Tennis oder Boxen ein automatischer Vorteil im Vorhinein.

Ergänzt wurde dies durch Fergusons geniale motivationalen Künste. Seine variablen Ansprachen trafen fast immer den Nerv der Spieler. Mal war er sauer, mal motivierend, in anderen überließ er sie sich aber Selbst oder diskutierte die Leistung betont ruhig. Nach Niederlagen gab es aber keine „Hairdyertreatments“, hier war Ferguson entsprechend der Erkenntnisse moderner Führungspsychologie ruhig, Optimismus verbreitend und zukunftsorientiert.

Der Autor von Soccernomics, Simon Kuper, schrieb außerdem, dass Ferguson nicht nur ein guter, sondern auch ein begeisterter Zuhörer war. Von allen möglichen Informationsquellen sammelte Ferguson und nutzte diese; interne Informationen wurden auch genutzt, um Spieler besonders zu beeinflussen. Gepaart mit seiner Beobachtungsgabe und seinem enormen Ehrgeiz konnte sich Ferguson alles, was er benötigte und nicht schon intuitiv wusste, aneignen oder sich mit den passenden Leuten umgeben.

Der Mythos Ferguson ist also schlichtweg Ehrgeiz, Charakter und Intelligenz – wie herrlich passend.

Das Buch “How to think like Sir Alex Ferguson: The Business of Winning and Managing Success” von Damian Hughes diente neben der eigenen Recherche, einigen Studien (unter anderem jene aus Harvard von Elberse), Fergusons beiden Autobiographien, seinen Pressekonferenzen und der eigenen genauen Analyse von Aussagen von und zu Ferguson als wichtigstes Material für diesen Artikel. Danke auch an Statistikexperte Tobias Wagner alias TW / Tehweh, welcher mit Rat und Tat durch Grafiken, Korrektur bei meinen Simulationen durch eigene analytische Berechnungen, Programmierungen in MatLab und Feedback behilflich war.  


Der vertikale oder vorstoßende zentrale Abwehrspieler

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Dieser Artikel befasst sich mit einer taktiktheoretisch interessanten Rollenverteilung einer Position, nämlich jener des Innenverteidigers. Oder besser gesagt: Dem vorstoßenden Innen- oder Halbverteidiger.

Obwohl es viele unterschiedliche Aufgaben und Verantwortungen bei eigenem und gegnerischem Ballbesitz gibt, so ist die Position des Innen- und Halbverteidigers nach wie vor im Vergleich zu anderen Positionen eine eher statische.

Anmerkung: Als Innenverteidiger werden die zwei zentralen Verteidiger einer Viererreihe bezeichnet, als Halbverteidiger die zwei äußeren Verteidiger einer Dreierreihe.

Es gibt Innenverteidiger, die im Aufbauspiel fokussiert werden, manche agieren gegen den Ball als Manndecker und andere rücken wiederum im Gegenpressingmoment weiträumig heraus. Trotzdem agieren die Innenverteidiger meist in deutlich engeren und statischeren Zonenverteilungen als ihre Mitspieler.

Die Ursache dafür? (Strategische) Feigheit. Oder?

Absicherungsdogmatik

Die Innenverteidiger gelten bei jeder Mannschaft als letzte Bastion vor der Abwehr, als Fels in der Brandung. Gegentore werden ihnen angekreidet, heroische Grätschen, Befreiungsschläge und auf der Linie abgekratzte Bälle ebenso. Die Frage, wieso es jeweils überhaupt so weit kam, bleibt meist ungeklärt und undiskutiert. Selbst die offensivsten Mannschaften der letzten zwei Dekaden hatten eigentlich in fast jeder Situation zwei bis drei Verteidiger in der letzten Linie.

Die Gründe dafür liegen natürlich auf der Hand. Mit nur zwei Verteidigern ist die Breitenstaffelung schon im Umschaltmoment überaus gering, bei drei Verteidigern ist sie an der Grenze und benötigt eine gute Reststaffelung sowie ein passables Gegenpressing und bei nur einem Verteidiger wäre sie mehr oder weniger das Zeugnis eine nicht mehr zurechnungsfähigen Trainers.

Durch das moderne Torwartspiel, das Kettenspiel, das Gegen-/Konterpressing und die Kompaktheit bzw. das kollektive Verbindungsspiel (heißt: richtige Staffelungen durch korrekte Abstände und Winkel zueinander) wird die Stabilität mit zwei und drei Verteidigern allerdings theoretisch erhöht. Vereinzelt können die Halb- oder Innenverteidiger auch herausrücken, wodurch situativ für kurze Zeit wirklich nur ein bis zwei Spieler in der letzten Linie verbleiben.

Noch ein diesbezüglichinteressantes historisches Team. Wie schon bei der Niederlande und Ajax in den frühen 70ern hieß der Trainer Rinus Michels. Ein Trainerporträt von HW gibt es hier.

Noch ein diesbezüglichinteressantes historisches Team. Wie schon bei der Niederlande und Ajax in den frühen 70ern hieß der Trainer Rinus Michels. Ein Trainerporträt von HW zu ihm gibt es hier.

Bayern unter Heynckes tat dies beispielsweise durch die Mannorientierungen im Gegenpressing in einigen Situationen, was von Lucien Favre genial bespielt wurde. Bei Guardiola und Klopp gehört es durch das Herausrücken in die defensiven Halbräume gar zum Standardrepertoire. Dennoch sind solche Staffelungen nur sehr kurzlebig und situativ; insgesamt sind die Innenverteidiger dazu verdonnert durchgehend abzusichern. Sogar intelligentes und passendes Aufrücken wird häufig nach einigen wenigen Metern abgebrochen.

In eigenem Ballbesitz bieten sich die Innenverteidiger als Ausweichoptionen für einen Neuaufbau nach hinten an, gegen den Ball verharren sie fast immer in der letzten Abwehrlinie und sichern für ihre Mitspieler ab. Insbesondere in eigenem Ballbesitz gibt es abgesehen von einzelnen lockenden Vorstößen einige Meter nach vorne hin zum Mittelfeld kaum aufrückende Bewegungen.

Das Verlassen der Position vom Innenverteidiger bei eigenem Ballbesitz wurde in der Fußballgeschichte meistens nur von wenigen Spielern (wie Frank Rijkaard oder Ronald Koeman) oder Einzelmannschaften (Ajax und die Niederlande ansatzweise in den 70ern) systematisch praktiziert.

Unsystematisch gab es in den chaotischeren Phasen des Fußballs und bei mangelndem gegnerischen Pressing natürlich immer wieder solche Läufe, doch in jenen Situationen waren sie situativ ergeben und nicht ein bewusstes strategisches Mittel. Auch heutzutage schieben die Halbverteidiger bisweilen auf die Flügel und rücken in Endphasen als Quasi-Außenverteidiger nach vorne, wie es zum Beispiel Chiellini bei Juventus häufiger macht, alles in allem liegt hier aber viel Potenzial brach.

Was sind die Vorteile?

Vor über zwei Jahren schrieb ich einen Artikel über die „vertikale Sechs“. Bei diesem eher kurzen Artikel ging es vorrangig darum, welche Vorteile eine vertikale Rolle auf einer ungewohnten und tieferen Position haben kann. Hier standen allerdings besonders die Drehung in den offenen, offensiven Raum hinein und die Folgeeffekte davon im Fokus. Dieser Aspekt trifft auf einen vorstoßenden Innen- oder Halbverteidiger nicht zu. Dafür gibt es Parallelen bei vielen anderen Vorteilen.

Der wohl eindeutigste Vorteil ist das Sichtfeld. Als Abwehrspieler in der ersten Linie hat man im Normalfall(!) das Spiel vor sich und kann sich vergleichsweise unbedrängt bewegen. Dieser Vorteil wird aber häufig nicht genutzt. Häufig wird er sogar zu einem Nachteil. Viele Mannschaften ziehen aktuell im Pressing ihre Stürmer etwas tiefer und bilden sehr kompakte Formationen, wo den zentralen Abwehrspielern viel Raum gewährt wird. Im Austausch dafür steht die verteidigende Mannschaft allerdings extrem massiert im Sechserraum.

Sogar sehr starke Mannschaften können dann unter Problemen leiden. Im Buch „Herr Guardiola“ schreibt Martí Perarnau zum Beispiel über Guardiolas interne Kritik, dass im Spielaufbau zu sehr im „U“ gespielt wird – über die Innenverteidiger auf den Außenverteidiger, dann zurück und das Gleiche in die andere Richtung.  Das Sichtfeld der zentralen Abwehrspieler wird hierbei kaum effektiv und selten aktiv ausgenutzt.

Vorstöße der zentralen Aufbauspieler in der ersten Linie sorgen nämlich häufig für unkoordinierte und unstrukturierte Reaktionen des Gegners. Selten sind sie darauf eingestellt, weil es schlichtweg fast nie passiert. Dadurch kann man sich nahe an die gegnerische Formation bewegen, hat weiterhin ein tororientiertes Sichtfeld, kann im Lauf selbst bestimmte Räume und Passwege anvisieren und diese aus kürzerer Distanz erfolgsstabiler bespielen.

Im Verbund dazu verbuchen aufrückende Abwehrspieler Raumgewinn und Veränderung der Passwege – und zwar im Zentrum oder in den Halbräumen, welche strategisch besonders wertvolle Zonen sind. Besonders 4-4-2-Formationen können gut damit bespielt werden.  Das Abkippen eines Sechsers wird darum häufig gerne und effektiv gegen Zwei-Stürmer-Formationen praktiziert. Leider wird hier fälschlicherweise davon gesprochen, dass der Hauptvorteil die Überzahl 3-gegen-2 in der ersten Linie ist. In Wirklichkeit ist es eine Veränderung der Passwege, der Verbindungen und Zonenbesetzung, welche effektiv ist.

Durch die Dreierlinie in erster Linie können nicht nur die Außenverteidiger höher vorschieben, sondern der Passweg durch den breiteren Innenverteidiger auf den höheren Außenverteidiger ist schwieriger zu verteidigen. Der Außenspieler kann sich dynamisch zurückfallen lassen, der Flügelstürmer kann einrücken, der breite Innenverteidiger hat nun eine weiterhin diagonalere, aber dabei steilere und auch vom Winkel her kleinere Passoption auf den Außenverteidiger und dazu eine sehr vertikale Passoption in die Mittelfeldhalbräume. Außerdem entzieht er sich dem gegnerischen Pressing im 4-4-2 und leitet die Gegner auf die Seite bei gleichzeitig höherer Verbindung in der Horizontale und einfacherer Linienbildung beim Umspielen von gegnerischen Pressingversuchen.

Doch was hat das mit dem aufrückenden Innen- oder Halbverteidiger zu tun? Eine positionell freiere und aufrückende Rolle der Innen- und Halbverteidiger ermöglicht genau diese Vorteile und macht sie noch extremer, vielfältiger und variabler. Besonders der Raumgewinn durch Vorstöße und möglicherweise schnelle Kombinationen sowie Durchstöße bis in die Spitze sind ein interessantes taktisches Mittel, um flexibel zu überladen und Räume in der gegnerischen Pressingformation geplant auszuspielen.

Verbesserte Raum- und Optionsnutzung bei mehr Dynamik für den aufrückenden Innenverteidiger.

Verbesserte Raum- und Optionsnutzung bei mehr Dynamik für den aufrückenden Innenverteidiger.

Dazu gibt es einen weiteren Vorteil durch die simple Dynamikerhöhung und Rhythmusveränderung. Aus einer sehr horizontalen und den Torwart miteinbeziehenden Ballzirkulation im ersten Drittel kann beispielsweise der Gegner auf Distanz gehalten werden, bevor ein Innenverteidiger aggressiv vorschiebt, den Überraschungsmoment auf seiner Seite hat und aggressive Schnittstellenpässe spielt.

Solche Bewegungen – Rhythmuswechsel und der Raumgewinn durch weite Vorstöße weg von der ursprünglichen Formation bis in die zentralen oder gar in die Angriffszonen – haben auch eine negative Folgewirkung auf den Gegner.

Jedes Pressingsystem auf höchstem Niveau (und meist auch auf niedrigerem) funktioniert über das Verteilen von bestimmten Aufgaben innerhalb einer Formation, in der wiederum Abläufe und Mechanismen einstudiert wurden oder zufällig vorherrschen. Dadurch entstehen für jeden Spieler bestimmte Wirkungskreise und Bewegungen innerhalb dieser.

Solche Positionswechsel mit hoher Dynamik sorgen dank der neuen Raumaufteilung und Zonenbesetzung für eine Umstrukturierung der Zuordnungen beim Gegner. Jeder Hobbyfußballer weiß: Sogar im Amateurfußball mit Manndeckungen und geringem individuellen Niveau ist das eine extrem unangenehme Situation. Im Spitzenfußball der vorgefertigten Pressingfallen und komplexen gruppentaktischen Abläufe kann dies noch fataler wirken.

In beiden Fällen ist dies extrem wirkungsvoll, weil der aufrückende Spieler sein Sichtfeld bereits nach vorne hat und zu Beginn seines Laufs (normalerweise) nicht unter direktem Druck steht. Das bedeutet potenziell eine sehr hohe Dynamik. Desweiteren wird die Position des Innenverteidigers nicht direkt von einem defensiveren Spieler übernommen – wer soll auch defensiver sein? Und das hat einige interessante Folgewirkungen.

Rückt beispielsweise der Flügelstürmer im Angriffsdrittel ein, steht meistens der Außenverteidiger sehr breit und übernimmt dort bestimmte Aufgaben. Diese Ablösung wird meistens so praktiziert, dass es ein fließendes und harmonisches Unterfangen ist. Der Außenverteidiger beginnt seine aufrückende Bewegung, der Flügelstürmer schiebt in die Mitte, der Außenverteidiger intensiviert seinen Lauf und besetzt die Position. So etwas ist relativ simpel planbar und kann auch vergleichsweise einfach gekontert werden.

Besonders wichtig ist aber ein weiterer Faktor: Die offensiven Spieler befinden sich bereits in den Wirkungskreisen der verteidigenden Mannschaft, sie verschieben sich innerhalb diesem und der positionsübernehmende Außenverteidiger bewegt sich in den kollektiven Wirkungskreis hinein. Die Veränderung der Struktur ist bei intelligent verteidigenden Mannschaften somit kaum gegeben. Diese offensiven Mechanismen müssen schon sehr präzise, dynamisch, komplex und lokal überladend praktiziert werden, um konstant für Gefahr gegen defensivkompakte Mannschaften zu sorgen.

Bei organisiertem Aufbauspiel befindet sich die verteidigende Mannschaft nämlich fast immer in Überzahl. Kaum eine Mannschaft greift mit mehr als vier oder fünf Spielern in der letzten Linie ein, fast immer sichern zwei Innenverteidiger, ein Außenverteidiger und/oder ein Sechser weit hinten ab. Dafür verteidigen die meisten Mannschaften aber mit elf, zehn oder neun Spielern und haben insgesamt Überzahl. Intelligentes Schaffen von Räumen und durchgehende Bewegung mit Struktur sind nötig, um das zu bespielen.

Beim vertikal aufrückenden Innen- oder Halbverteidiger hat die verteidigende Mannschaft es wiederum etwas schwieriger. Sein Aufrücken gehört nicht zum Plan der verteidigenden Mannschaft. Der Innen- oder Halbverteidiger schiebt als aktiver Akteur von außerhalb des kollektiven Wirkungskreises in diesen hinein und darf sich auch noch den infiltrierenden Raum frei auswählen. Er ist hierbei nicht nur hilfreich bei der Strukturierung des Raumes, sondern auch bei der Raumnutzung als solcher.

Gleichzeitig wird er häufig durch einen Spieler abgesichert, der den gegnerischen Wirkungskreis verlässt und diesen teilweise verzerrt. Das geschieht beispielsweise durch einen zurückfallenden Sechser, der von einem der gegnerischen Stürmer verfolgt wird und dadurch diagonale Passwege für den aufrückenden Abwehrspieler quer durch den Sechserraum öffnet.

In diesem kompakten Block hat der Gegner eine 8-gegen-10-Situation. Durch diese Bewegung entsteht eine dynamischere und für die Verteidigung komplexere Situation mit einem 8-gegen-9.

In diesem kompakten Block hat der Gegner eine 8-gegen-10-Situation. Durch diese Bewegung entsteht eine dynamischere und für die Verteidigung komplexere Situation mit einem 8-gegen-9.

Dies ist auch einer der Gründe, wieso der Libero bei richtiger Anwendung so enorm effektiv sein konnte. Franz Beckenbauer schob zum Beispiel nicht nur häufig mit Ball am Fuß nach vorne, sondern auch sehr weiträumig bei schon weit fortgeschrittenen Angriffen ohne Ball nach und besetzte den Rückraum als Anspielstation. Diese plötzliche und intelligente Raumnutzung wurde von vielen Spielern – besonders als der Libero in Zeiten der Manndeckung – durch die überraschende Infiltration des Wirkungskreises übersehen und Beckenbauers taktische wie technische Genialität regelte den Rest.

Trotzdem birgt ein solches Vorstoßen – insbesondere als Aufrücken mit Ball am Fuß – gewisse Gefahren. Im modernen Pressing- und Umschaltfußball sind Ballverluste des zentralen Abwehrspielers möglicherweise fatal. Wie kann man diese also kompensieren, ohne die Vorteile zu verlieren?

Umsetzungsmöglichkeiten mit weiterhin vorhandener Absicherung

In den vielen 1-3-3-3-Formationen der 70er war es beim Libero meistens der manndeckende Vorstopper, welcher die Vorstöße absicherte. Viele Aufbausituationen in jener Zeit bestanden aus einem Vorstopper, der sich entweder passiv im Sechserraum bewegte und nichts kaputtmachen wollte (diese Aufgabe hatte er nur in der Defensivphase), und einem tieferen spielmachenden Libero. Der Vorstopper würde sich aber häufig auch früh zurückfallen lassen und neben den Libero stellen.

Besonders zu Anfangszeiten der offensivorientierten Außenverteidiger gab es solche Staffelungen mit vier Abwehrspielern in einer Reihe. Flexibel konnten die Außenverteidiger und der Libero vorstoßen, immer bleiben drei der vier Spieler hinten. In einigen wenigen Mannschaften war es sogar der tiefe Spielmacher als Zehner, wobei dies ein deutschlandspezifisches Phänomen sein dürfte; im Spiel gegen England erlangte es mit Netzer und Beckenbauer gar Berühmtheit.

Im modernen Fußball sind aber die Außenverteidiger fast durchgehend offensivorientiert. Bei zentraler Ballposition schieben bei fast jeder Mannschaft Europas die defensiven Flügel nach vorne und stehen nicht auf einer Linie mit den Innenverteidigern. Das Ziel des aufrückenden Innen- oder Halbverteidigerverteidigers ist es, dass er zentral aus dieser Linie ausbricht, den Gegner durch eine veränderte Raumnutzung und Zonenaufteilung vor Probleme stellt, während im Spielfluss sein Herausrücken abgesichert wird.

Eine Möglichkeit wäre natürlich das Torwartspiel. Wieso sollte der Torwart nicht zwischen den zentralen Abwehrspielern agieren? Und wieso sollte er bei Vorstößen des Innen- oder Halbverteidigers nicht auf deren Positionen rücken? Und wieso sollte er sich nicht einfach am Gegenpressing beteiligen? Oder situativ den Gegner bei Steilpässen ins Abseits stellen? Natürlich weil das nicht funktionieren würde.

Was allerdings funktionieren würde, ist das Nutzen des Torwarts als Ausweichoption im Passspiel. Eine Rautenbildung mit dem Sechser und dem zweiten Innenverteidiger bietet viele Anspielstationen, der vorstoßende Innenverteidiger kann sich entweder rechtzeitig drehen und über den tiefen Torwart das Spiel drehen oder zur Not einen langen Ball diagonal spielen. Weil kein Sechser abkippen muss, ist die Staffelung für zweite Bälle passender.

Eine weitere Alternative stellt das soeben angedeutete Abkippen des Sechsers dar. Indem sich der Sechser zurückfallen lässt oder gar direkt in Richtung der Position des ballführenden Innenverteidigers geht, kann dieser abgesichert nach vorne schieben. Wie erwähnt kann der Sechser bei Mannorientierung des Gegners sogar strategisch interessante Räume öffnen. Auch das Zurückfallen des Flügelverteidigers – meist ballnah, potenziell aber auch ballfern – kann die Vorstöße kompensieren und absichern. Bei extremer Mannorientierung auf dem Flügel wären hier ebenfalls interessante Möglichkeiten zur Raumöffnung und Strukturveränderung möglich.

Die simpelste Möglichkeit ist natürlich das Spiel mit einer Dreierkette. So praktizieren es die Bayern aktuell, gar im Verbund mit einem zurückfallend absichernden Sechser. Die Halbverteidiger können dadurch flexibel nach vorne schieben, was strategisch enormes Potenzial birgt. Sie werden von den verbleibenden zwei zentralen Verteidigern und/oder von einem diagonal zurückfallenden Sechser abgesichert.

Die vier großen Absicherungsvarianten bei einer Dreierkette sind hier in unterschiedlichen Farben dargestellt.

Die vier großen Absicherungsvarianten bei einer Dreierkette sind hier in unterschiedlichen Farben dargestellt.

Bei einer Spielweise mit Dreierkette kann auch der zentrale Verteidiger problemlos nach vorne schieben und auch eine Raute mit dem Torwart und den beiden Halbverteidigern erzeugen. Ein weiterer Vorteil: Durch die fülligere Zonenbesetzung ist dies viel schneller und flexibler möglich als bei nur zwei Verteidigern.

Möchte man aber sehr offensiv und strategisch präsent mit aufrückenden Innenverteidigern bei einer nominellen Viererkette spielen, ist die Suche nach defensiver Stabilität und Absicherung ohne zurückfallende zentrale Mittelfeldspieler wichtig.

Interessant wäre das geplante, bogenartige Nachschieben der ballfernen Akteure. Bei einem aufrückenden linken Innenverteidiger würden sich schrittweise der ballferne Innenverteidiger, der ballferne Außenverteidiger und der ballferne Achter oder Flügelstürmer sich in einer Kette zum entstandenen Loch bewegen. Sie würden – zumindest bei gegnerischen Mannorientierungen – sogar noch zusätzlich Räume im Zentrum öffnen.

Weiters könnten bestimmte Mechanismen eingebaut werden, welche dies ergänzen. Ein diagonal zurückfallender Neuner, ein horizontal einrückender ballnaher Flügelstürmer oder ein ballferner Flügelstürmer, der sich bei seinem absichernden Zurückfallen in Richtung Sechserraum orientiert, wodurch er sowohl absichern als auch potenziell spielgestaltend und vorstoßend agieren kann, ein bockspringender Achter, der … man sieht, die Möglichkeiten sind unendlich.

Insgesamt geht es aber darum, dass man die wichtigen strategischen Punkte – Gegenpressing, Verbindungsspiel, Kompaktheit, Intensität, Zonenbesetzung – erfüllt und die kollektiven Bewegungen dabei harmonisiert. Das Kollektiv muss es lösen, dann ist alles möglich.

Zur speziellen Anwendung dieser Spielweise bei den Bayern mit David Alaba gibt es in den nächsten Tagen einen eigenen, kleinen Artikel. 

Das 3-6-1| Ein logischer Schritt

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Das 3-6-1 ist eine selten genutzte Staffelung, welche im Spitzenfußball aber einige interessante Möglichkeiten mitbringen könnte. In dieser Analyse soll ein beispielhaftes System mit einer solchen Formation kurz erklärt werden.

Formationen sind zwar nur Telefonnummern, doch sie können trotzdem bestimmte Charakteristiken mitbringen. Ein 10-0-0-0 hätte zum Beispiel eher wenig Präsenz in den vorderen zwei Linien. Solche Extremfälle gibt es praktisch natürlich kaum. Es gibt eigentlich nur Tendenzen bei den im Fußball genutzten Formationen, wobei die vermeintlichen Problemzonen mal mehr und mal weniger umständlich neutralisiert werden können. Das System – also Formationen plus die Bewegungen, Rollenverteilungen, Spielerqualität, Spielphilosophie, etc. – liegt darum bewusst im Fokus unserer Analysen.

Dennoch gibt es eine Formation, die sehr interessante Möglichkeiten mitbringt und im Fußball selten genutzt wird. Die Rede ist vom 3-6-1.

Das 3-6-1: Ein logischer Schritt

Das 5-4-1 mit flacher Vier und das 4-5-1 mit flacher Fünf wurden in den letzten Jahren durchaus öfter genutzt. Der BVB zeigte gute Leistungen mit Letzterem, ein 5-4-1 hat Costa Rica bei der WM erfolgreich gespielt. Beiden Formationen fehlt es allerdings durchaus etwas an der Präsenz ganz vorne, beim Pressing in höheren Zonen und passenden Staffelungen beim Umschalten. Zwar können mit dem Herausrücken von Flügelspielern oder zentralen Mittelfeldspielern diese Probleme durch eine besondere systemische Interpretation ein bisschen kompensiert werden, der grundsätzliche Mangel ist aber nur bei besonderem Spielermaterial, speziellen Situationen oder eben einer formativen Umstellung zu beheben.

Dennoch sind diese Formationen mit nur einem Stürmer insofern interessant, weil man sich enorm massiv hinter dem Ball aufbauen und die zwei tieferen Zonen besetzen kann. Ein Versuch, um die Präsenz in der Mitte, die enorme Breitenstaffelung sowie die vielen Spieler in den ersten zwei Linien mit mehr Zugriff in höheren Zonen und mehr Präsenz im Offensivspiel zu verbinden, wäre insofern ein 3-6-1.

Atlético stellte ein paar Mal gegen Barcelona vor zwei oder drei Jahren ein 3-6-1 situativ her. Diego Simeone ist somit offizieller SV-Schirmherr dieses Artikels.

Atlético stellte ein paar Mal gegen Barcelona vor zwei oder drei Jahren ein 3-6-1 situativ her. Diego Simeone ist somit offizieller SV-Schirmherr dieses Artikels.

Sechserkette ermöglicht Flexibilität im Defensiv- und Offensivspiel

In gewisser Weise sind vier oder fünf Spieler in der letzten Linie redundant, wenn ausreichend Druck vorne erzeugt wird. Chile und Bayern nutzen zum Beispiel mit durchaus hoher Defensivstabilität eine klare Dreierkette, in die  sich situativ einzelne Spieler zurückfallen lassen. Auch die vielen pendelnden Viererketten bei nominellen 3-5-2- und 3-4-3-Formationen funktionieren europaweit wie schon bei der Weltmeisterschaft sehr gut.

Ein 3-6-1 gäbe Mannschaften die Möglichkeit flexibel Dreier-, Vierer- und Fünferreihen herzustellen. Immerhin gibt es sechs Spieler in einer Kette davor, die sich jederzeit aus dem Mittelfeld lösen und sich hinten eingliedern können. Das Gleiche können sie natürlich auch in die andere Richtung machen und den Mittelstürmer durch herausrückende Bewegungen unterstützen. Letzteres ist im Vergleich zum 4-5-1 und besonders zum 5-4-1 noch intensiver und mit mehr Spielern möglich, da durch die Sechserkette eine verstärkte Absicherung und mehr Spieler mit Zugriff auf die zweite gegnerische Aufbaulinie gegeben sind.

Selbst wenn zum Beispiel drei Spieler gleichzeitig nach vorne schieben, bleibt ein kompakter und unterstützender 3-3-Block dahinter als Absicherung. Durch die Sechserkette können natürlich auch sehr unterschiedliche Pressingbewegungen mit vielfältigen Mustern erzeugt werden. Diesbezüglich sind die Möglichkeiten nahezu unendlich.

Um die (theoretische) Effektivität davon darzulegen, habe ich mich aber dazu entschieden ein paar konkrete Bewegungsmuster zu zeigen, welche man nutzen könnte.

Ein 3-6-1 mit Angriffspressing

Das 3-6-1 als Formation mag grundsätzlich defensiv klingen, doch wie eigentlich jede Formation lässt es sich auch eindeutig offensiv interpretieren. Bei einem sehr hohen Pressing bringt das 3-6-1 sogar einige interessante Nebenwirkungen mit sich.

3-6-1-Grundstaffelung bei hohem Pressing.

3-6-1-Grundstaffelung bei hohem Pressing.

In dieser Situation hat der gegnerische Torwart den Ball, die beiden Innenverteidiger werden vorerst in Ruhe gelassen. Die Flügelstürmer in diesem Szenario sind eher mannorientiert, während die zentralen Spieler auf ihren Positionen bleiben. Der Gegner soll zum Spielaufbau verleitet werden. Kommen direkt lange Bälle – insbesondere auf die (vermeintlich) offenen Flügelstürmer -, so verschiebt der gesamte Block dorthin. Der ballnahe Flügelläufer, der ballnahe Halbraumläufer und der ballnahe Halbverteidiger verschieben auf den Ball, die zwei Sechser sichern die Mitte und die ballfernen Spieler verschieben zum Ball und versuchen mehr Breitenstaffelung zu erzeugen. Sowohl Pässe auf die Sechser als auch die langen Bälle wirken zwar offen, sollten aber gut zu verteidigen sein. Startet der Gegner eine tiefe Ballzirkulation, beginnt auch das eigene Pressing.

In Ermangelung eines besseren Begriffs für diese Position nenne ich den jeweils zweiten Spieler von der Seite der Mittelfeldsechserkette in diesem Artikel “Halbraumläufer”.

Bewegung von der 3-6-1-Grundstaffelung aus bei hohem Pressing und Ballbesitz des rechten Innenverteidigers.

Bewegung von der 3-6-1-Grundstaffelung aus bei hohem Pressing und Ballbesitz des rechten Innenverteidigers.

Der Torwart spielt den rechten Innenverteidiger an, woraufhin das Pressing losgeht. Der zentrale Mittelstürmer versucht die Innenverteidiger zu isolieren, der Flügelläufer verschließt den Außenverteidiger. Alternativ könnte er ihn auch offen lassen und dadurch einen langen Pass auf den rechten Außenstürmer verhindern sowie das Aufbauspiel auf die Seite leiten, doch diese Option bedeutet mehr sofortigen Druck. Der Außenstürmer kann außerdem abgedeckt werden und die langen Pässe könnte wohl auch der Halbraumläufer oft abfangen. Der ballnahe Sechser rückt auf den gegnerischen Sechser heraus und die anderen Spieler verschieben ballorientiert in das Loch. Gegen lange Bälle auf den halblinken Sechser beim orangen Team oder diagonal auf den linken Flügelstürmer gibt es dadurch genug Präsenz, um sie sofort unter Druck zu setzen. In die Formation zu kommen, ist für den Gegner sehr schwierig und gelingt es, so sind die Staffelungen dank Möglichkeit zu massivem Rückwärtspressing und hoher Kompaktheit nur sehr kurzzeitig gegeben.

Ballbesitzorientierte Mannschaften mit gutem Torwart und starker Ballzirkulation könnten aber den Ball über den Torwart schnell auf die andere Seite spielen. Theoretisch könnte dies zu Problemen führen, doch auch hier hilft die viel besetzte zweite Linie.

Reaktion auf das gegnerische Umspielen des Pressings.

Reaktion auf das gegnerische Umspielen des Pressings.

Die ballfernen Spieler verschieben natürlich zum Ball mit und rücken ein. Der Mittelstürmer kann natürlich nicht den zweiten Innenverteidiger sofort oder konstant nach Seitenwechseln unter Druck setzen, weswegen er zuerst etwas zurückfallen und den Sechser etwas in seinen Deckungsschatten nehmen soll. Dessen vorheriger quasi-Manndecker lässt sich zurückfallen und läuft auf seine zuvor verlassene Position zurück.  Der rechte Halbraumläufer wiederum rückt heraus und stellt die erste Anspielstation zu. Damit sollen auch das Spiel verlangsamt und die Effekte des Seitenwechsels abgefedert werden.

Ballnah orientieren sich der Halbverteidiger und der Flügelläufer an ihren Gegenspielern, sollen sie aber nicht sofort decken, sondern Abstand lassen. Damit sollen sie auf den Flügeln gelassen werden und Zeit für das Einrücken der ballfernen Spieler – die auch zur Unterstützung der Dreierkette in der ersten Linie wichtig sind – ermöglichen. Bei sehr schneller Kombination und sehr guter Bewegung des Gegners ist man aber auf den Seiten nun potenziell instabil. Eine etwas passivere und zurückhaltendere Spielweise in einer Art 3-6-1-0 wäre hierbei als Maßnahme interessant.

Positionsorientierteres und etwas zurückhaltenderes 3-6-1-Angriffspressing mit zwei möglichen Pressingschemen.

Positionsorientierteres und zurückhaltenderes 3-6-1(-0)-Angriffspressing mit zwei (bzw. drei) möglichen Pressingschemen.

Bei dieser Ausrichtung steht der Mittelstürmer tiefer, wodurch die gegnerischen Innenverteidiger ungestört aufbauen können. Die Frage lautet nur, wohin. Diese Ausrichtung lebt in gewisser Weise von ihrem Staffelungsdruck. Jeder der vermeintlich offenen Spieler vor dem Ball steht bei auch bei erfolgreichen Anspielen eigentlich unter sofortigem Druck und kann durch die 3-6-1-Staffelung auch gut von den relevanten Zonen und/oder seinen Mitspielern isoliert werden. Der Mittelstürmer muss jetzt etwas weniger Raum covern, besetzt eher die Zonen zwischen den zwei Sechsern und wenn diese auffächern, können sie einfacher von den Mittelfeldspielern übernommen werden.

Die grünen und roten Pfeile wiederum zeigen, welche Möglichkeiten gegeben sind. Beide Schemen stellen ein 3-3-3-1 mit extremer vertikaler Kompaktheit und zueinander verschobenen Dreierreihen her. Beim roten Schema lockt man den Gegner eher auf die Seite, kann auf dem Flügel durch das Verschieben aggressiv attackieren und hat mehr direkten Zugriff zentral/halbräumig. Beim grünen Schema ist die Flügelverteidigung sowohl bei langen Diagonalbällen als auch ballnah theoretisch wohl etwas stärker, aber auch die Mitte sollte gut besetzt sein.

Nutzt die gegnerische Mannschaft einen abkippenden Sechser, verändert sich wenig. Im Gegenteil: Dem 3-6-1 sollte es leichter fallen den Gegner hinten zu halten und die Bewegungen beim Verschieben sollten simpler sein.

Nutzt die gegnerische Mannschaft einen abkippenden Sechser, verändert sich wenig. Im Gegenteil: Dem 3-6-1 sollte es leichter fallen den Gegner hinten zu halten und die Bewegungen beim Verschieben sollten simpler & erfolgsstabiler sein.

Das trifft allerdings nicht nur auf das hohe Angriffspressing zu. Auch bei tieferer Ausrichtung kann man mit ähnlichen Schemen agieren.

Das 3-6-1 mit tieferer Ausrichtung

3-6-1 Grundstaffelung mittel

3-6-1-Grundstaffelung im Mittelfeldpressing.

 

Im Endeffekt wurde hier nur die Formation etwas zurückgezogen und leicht angepasst. Die Flügelläufer stehen etwas tiefer, dazu wurden die Schemen angepasst. Das Prinzip bleibt aber gleich; zwei zueinander verschobene 3-3-Staffelungen mit kleinen Unterschieden. Persönlich fände ich ein solches Mittelfeldpressing sehr interessant. Der Gegner kann (sprich: wird) den Torwart nicht einbinden, muss immer wieder zurückspielen und tut sich auch gegen eine positionsorientierte, passive Staffelung sehr schwer. Lange Bälle hinter die Abwehr sind potenziell etwas erfolgsstabiler, deswegen stehen aber auch die Flügelläufer etwas tiefer und der Torwart spielt natürlich mit, womit die drei zentralen Innenverteidiger gut unterstützt sein sollten.

Die Höhe dieser Pressingausrichtung sowie die Formation selbst ist insofern interessant, weil man potenziell extrem schnell und extrem effektiv kontern kann. Hinter der Abwehr sollten sich einige passende Räume bieten, desweiteren ist durch die Sechserreihe massives Aufrücken möglich.

Kontermöglichkeiten nach einer Balleroberung.

Kontermöglichkeiten nach einer Balleroberung.

In dieser hypothetischen Situation erobert das 3-6-1 den Ball links im Halbraum. Der abgefangene Pass kann sofort auf den linken Flügelläufer gespielt werden. Dieser rückt entweder auf oder schiebt in die Mitte, wo ihm der Halbraumläufer Räume öffnet. Der Mittelstürmer und der zweite Sechser können sich in den offenen grünen Raum bewegen, um Zonenwechsel zu unterstützen oder direkt aufrücken. Die beiden ballfernen seitlichen Akteure schieben ohnehin nach vorne und sorgen so für Probleme beim Gegner, weil sie flexibel die weiter entfernten Zonen besetzen und gleichzeitig das hohe Aufrücken des Außenverteidigers sowie die natürlich hohe Position des Flügelstürmers nutzen können. Bei diesem Aufrücken werden viele Zonen gut angelaufen, obwohl mit den zwei Sechsern und den drei Verteidigern weiterhin viel Absicherung gegeben ist.

Das Besondere an Kontern mit diesem Schema ist die zentrale Absicherung bei gleichzeitig fast perfektem Besetzen unterschiedlicher Zonen. Bei Kontern ist es besonders wichtig, dass ausreichend Breite, aber weiterhin Kombinations- und Verbindungsmöglichkeiten gegeben sind. Der Mittelstürmer ist der einzige Spieler, der zuerst die Mitte besetzt und sich von dort aus seitlich absetzen und Räume öffnen, als Ablagestation fungieren oder für direkte tödliche Pässe anspielbar sein kann. Auf beiden Seiten gibt es je zwei Spieler, wodurch diese zwei miteinander kleinräumig kombinieren, kreuzen oder für einander Räume schaffen können. Auf der anderen Seite gibt es je zwei Anspielstationen, wodurch ein adäquater Zonenwechsel möglich ist, ebenso wie die Möglichkeit dort wieder kleinräumig zu kombinieren oder sich unterschiedlich frei zu laufen und schwieriger zu deckende Anspielstationen zu geben. Für Rückpässe in den gut besetzten Sechserraum oder eben direkt in die Spitze gibt es ebenfalls Anspielstationen; insgesamt eine sehr gute Staffelung und Bewegungsmöglichkeit für Konter also, die aber auch in der Ballzirkulation nutzbar sein kann.

Eine noch tiefere Ausrichtung wäre ebenfalls interessant. Ein Beispiel für einen möglichen Bewegungsablauf im 3-6-1-Abwehrpressing:

3-6-1-Abwehrpressing.

3-6-1-Abwehrpressing.

In diesem Schema würde sich z.B. der rechte Halbraumläufer zurückfallen lassen, um lange Diagonalbälle zu sichern, der Flügelläufer bleibt höher, die Sechser besetzen die Mitte und die ballnahen Spieler sind relativ mannorientiert. Hier agiert der Halbverteidiger auch etwas aggressiver, weswegen die Sechser und der Halbraumläufer etwas zurückhaltender sind und erst herausrücken, wenn der Ball in die Mitte kommt. Dadurch ist man zentral sehr kompakt, der ballnahe Halbraumläufer kann Druck herstellen und der Mittelstürmer setzt den Rückpass unter Druck. Dieses Schema weicht von obigem Schema ab, was zeigt, dass es unterschiedliche Möglichkeiten gibt.

Natürlich benötigt eine solche Spielweise aber ein passendes Spielermaterial. Eine Mannschaft, die dafür perfekt geeignet wäre, ist Chelsea.

Chelsea im 3-6-1 .

Chelsea im 3-6-1 .

Diese Aufstellung soll einen ungefähren Aufschluss darüber geben, mit welchen Spielertypen man ein solches 3-6-1 besetzen könnte. Die oben aufgeführte Dreierkette wäre nominell natürlich extrem offensiv, in diesem System aber passend, desweiteren sind dies drei auch sehr gute Defensivspieler trotz ihrer eigentlichen Nutzung als Außenverteidiger. Alternativ sind Terry, Zouma oder Cahill möglich. Hazard, Oscar, Willian und Cuadrado als Halbraum- und Flügelläufer wiederum sind nahezu perfekte Spieler, da sie defensiv nicht schwach und andererseits extrem dribbelstark wie athletisch sind. Matic und Fabregas sind als Zirkulationsstation sehr gut, Fabregas kann sehr gut abgesichert tödliche Pässe spielen, Matic den Ball geschickt laufen lassen und seine Dribbelfähigkeiten für das Auflösen von engen Situationen vor der Dreierkette nutzen. Diego Costa: Ohne Worte. Der perfekte Mann für das System.  Hazard könnte man natürlich auch auf einer anderen Position einbauen und Ramires oder Obi Mikel noch in die Mannschaft drücken.

Das 3-6-1 wäre für jemanden wie Mourinho also eine Überlegung wert, sowohl wegen des Kaders als auch aufgrund der Möglichkeiten gegen den Ball und im Konterspiel. Die Formation ist aber nicht nur für die Arbeit gegen den Ball sowie für defensives und offensives Umschaltspiel potenziell herausragend, sondern auch in eigenem Ballbesitz überaus nützlich.

Variabilität auch in der Offensive

Theoretisch könnte man im 3-6-1 einfach die Halbraumläufer etwas nach vorne schieben und ein 3-4-2-1 spielen. Andererseits könnte man einfach ein simples 3-4-3 erzeugen oder sonstige Stellungen in eigenem Ballbesitz einnehmen. Ohnehin ist es wichtiger, saubere Muster, kreative und unterstützende Bewegungen zu haben sowie bestimmte Richtlinien im Bewegungsspiel und bei der Staffelung zu berücksichtigen. Guardiolas konzeptionelles Positionsspiel / Juego de Posición sorgt bekanntlich auch in unterschiedlichen Formationen und Ausrichtungen von den Orientierungen her für ähnliche Fähigkeiten. Um aber (mehr oder weniger) beim 3-6-1 zu bleiben, habe ich eine kleine Grafik mit möglichst vielen variablen Bewegungen gebastelt, die zeigen, was alles so möglich sein könnte:

Das 3-6-1 im Aufbauspiel.

Das 3-6-1 im Aufbauspiel.

Beginnen wir hinten: Der Torwart bietet sich im Normalfall immer etwas seitlich an, um den Halbverteidiger unterstützen zu können und nach Drehungen in die Halbräume oder die Mitte spielen oder den Ball auf die andere Seite verlagern zu können. Hat man Neuer, Zieler oder ter Stegen im Tor, darf man das auch gerne jenseits des Strafraums probieren. Der zentrale Innenverteidiger versucht gelegentlich Passwege direkt auf die zwei Sechser zu öffnen, welche durch ihre Enge zueinander (ohne Verlust guter Staffelungen) direkte Ablagen und darauffolgende Weiterleitungen nutzen können. Ansonsten hat der zentrale Innenverteidiger eine sehr klassische und zurückhaltende Rolle.

Die Halbverteidiger verschieben natürlich ballorientiert zur Absicherung mit, aber können situativ auch nach vorne stoßen, wenn das ihrem Fähigkeitenprofil entspricht. Die Flügelläufer und Halbraumläufer können miteinander rochieren, sich frei bewegen, den Raum vor der gegnerischen Kette überladen und immer wieder hinter diese kommen. Die drei etwas helleren blauen Punkte im Zwischenlinienraum wären hier drei Positionen, die flexibel von den Spielern dahinter gefüllt werden sollten. Die Bewegungen der Offensivspieler sollen diese Rochaden unterstützen und für Überladungen sorgen. Der Mittelstürmer kann dann als Ablagestation und Raumblocker dienen. Besonders schwierig sollte für die Gegner sein, welche Spieler sich an welchem Gegenspieler orientieren sollen. Besonders die Flügelverteidiger und Flügelstürmer sollten komplett damit überfordert sein.

Allerdings ist beim 3-6-1 bei einer solchen Vielfalt an Möglichkeiten auch durchaus möglich, dass die eigenen Spieler überfordert sind. Nicht alle Bewegungen sind simpel, sauber und (erfolgs-)stabil möglich. Ohnehin könnte dies sogar die größte Schwäche des 3-6-1 sein.

Mögliche Probleme?

Nun ja, das 3-6-1 ist - wie eigentlich jede andere Formation - mit sehr gutem und angepasstem Bewegungsspiel, schneller Zirkulation mit starken Ablagen und intelligentem Wechseln der Angriffe, sowohl vom Rhythmus (schnelle Wechsel von Verbindungen und Passzirkulationsgeschwindigkeit), als auch der Richtung (Dribblings und Drehungen in die Verschiebedynamik) oder der Ballposition her (z.B. Seitenwechsel und gute Positionierung ballfern), durchaus in Bedrängnis zu bringen. Ein stark aufspielender Gegner mit den richtigen Staffelungen und Bewegungen kann auch ein gutes 3-6-1 knacken.

Desweiteren kommen potenziell Effizienzprobleme der einzelnen Spieler (wie viele der Spieler kann ich gleichzeitig nützlich einbinden?) gegen den Ball, Zugriffs- und Abstimmungsprobleme bei sehr guten und harmonischen Bewegungen vor der Formation, bevor man in den 3-6-Block hineinspielt, Kombinations- und Befreiungsprobleme im offensiven Umschalten bei gutem gegnerischen Konter-/Gegenpressing, Instabilität beim Verteidigen von langen Diagonalbällen mit Fokus auf zweite Bälle und Folgeeffekte bei guter Organisation sowie generell einzelne Flügelverteidigungsaspekte hinzu. Offensiv könnte es im Aufbauspiel auch Abstimmungsprobleme in den Bewegungen geben.

Insgesamt ist es allerdings eine vielversprechende Formation, die auch sehr schnell und simpel zu einem 3-1-5-1 umgebaut werden könnte.

3-1-5-1

3-1-5-1

Die unterschiedlichen Schemen bleiben ähnlich nutzbar, aber man kann situativ den Sechser – wie einst Guardiola mit Busquets – als in die Dreierabwehr zurückfallenden Akteur nutzen und dadurch das Verschieben auf die Flügelstürmer unterstützen sowie generell die Breitenstaffelung verbessern.

Fazit

Nach dem 4-5-1 und 5-4-1 ist das 3-6-1 eigentlich eine Überlegung wert, da es die Gründe, wieso diese zwei Formationen schon genutzt wurden, in einem anderen Paket und mit anders gelagerten Eigenheiten mitbringt. Formationen sind natürlich flexibel, jede Mannschaft hat durch die Spieler, den Trainer und die gemeinsame Interpretation immer eine andere Spielweise bei gleicher Formation, dennoch gibt es einzelne Punkte, die ein solches 3-6-1 sehr interessant machen würden. Dieser Artikel hatte als Ziel dies etwas näher zu bringen und auch einzelne Beispiele für Interpretationsmöglichkeiten zu geben. Danke auch an Laola1.tv für das Atlético-3-6-1-Bild.

Taktiktheorie: Das Gegenpressing

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Das Gegen- oder Konterpressing ist in den letzten Jahren zum geflügelten Wort der deutschen Fußballsprache geworden. Auch international wird das Gegenpressing automatisch mit dem deutschen Fußball und der Bundesliga verbunden. Leider wird es allzu häufig falsch erklärt, sprachlich wie fachlich.

Woher kommt der Name?

Vorab: Ich weiß es nicht genau. Peter Hyballa spricht davon, dass das „Gegenpressing“ schlichtweg ein neues Wort für „Nachsetzen“ sei; damit hat er natürlich auch Recht. Das Wort Gegen- oder Konterpressing erlaubt lediglich eine etwas bessere Strukturierung auf den Umschaltmoment und ist diesbezüglich etwas klarer definiert. Im Amateurfußball wird Nachsetzen nämlich nicht nur mit Gegenpressing, sondern oftmals auch mit Rückwärtspressingaktionen im regulären Pressing verbunden.

Das Wort Gegenpressing scheint aber vom DFB selbst zu kommen. Im Sommer 2008 war es der damalige Lehrgangsleiter Ralf Peter, der explizit vom Gegenpressing sprach. Dies ist der zweitälteste Eintrag zum „Gegenpressing“, welchen ich bei meiner Recherche finden konnte. Der älteste Artikel im Internet ist zwei Jahre älter und behandelt mir bisher unbekannte Sexualtechniken auf med1.

Im spanischen Sprachraum scheint es bereits aus dem Jahr 2002 etwas zum „Contrapressing“ zu geben, wenn auch komplett sexualtechnikfrei. In der deutschen Bundesliga waren es medial Jürgen Klopp und Thomas Schaaf, welche Gegenpressing als Fachwort nutzten. Jürgen Klinsmann sprach von der sofortigen Ballrückeroberung, als Spielidee und taktisches Mittel, welches mit dem Gegen- oder Konterpressing gleichzusetzen ist.

“Wir wollen eine Spielweise aufbauen, den Ball dort zurück zu gewinnen, wo wir ihn verloren haben. Wir wollen uns nicht mehr fallen lassen und uns neu ordnen.” – Jürgen Klinsmann

Beim Konterpressing wird eben schlicht der gegnerische Konter gepresst. Das Wort Gegenpressing  dürfte als Begriff ebenfalls davon stammen, weil man den Gegenangriff nach Ballverlust presst. Dies ist der Unterschied zum regulären Pressing, welches gegen einen organisierten Angriff des Gegners stattfindet. In gewisser Weise könnte man es auch einfach so machen:

  • Gegenangriff (Angriff nach einem Angriff)
  • Gegenpressing (Pressing nach einem Pressing)

Oder:

  • Pressing – Angriff
  • Gegenpressing – Gegenangriff

Allerdings haben international nicht nur viele Trainer Probleme bei der Terminologie, sondern auch bei der Anwendung. Zwar setzt sich das Gegenpressing immer mehr durch, die genaue Funktionsweise scheint aber noch unklar.

Was ist Gegenpressing?

Im Fußball gibt es vier Spielphasen. Das Gegen- oder Konterpressing gilt als Pressing im Umschaltmoment. Beim Gegner ist es der offensive Umschaltmoment, bei der eigenen Mannschaft der defensive Umschaltmoment, in welchem das Gegenpressing stattfindet. Die Bewertung „defensiv“ und „offensiv“ gibt jedoch eine Denkausrichtung und Intention wieder, welche eine Unterstellung ist. Objektiv richtig ist nur, dass eine Mannschaft den Ball hat, eine andere nicht.

Somit gibt es prinzipiell zwei Phasen; Ballbesitz und gegnerischer Ballbesitz. Die Umschaltmomente bezeichnen wiederum das Umschalten in Ballbesitz oder eben das Umschalten zu gegnerischem Ballbesitz respektive der jeweiligen Organisationen in diesen Phasen.

Die vier Spielphasen

Die vier Spielphasen

Geht man nach diesem Schema, sind die vier Spielphasen ein Zyklus, welcher klar erkennbar ist. Man kann nicht aus „Umschalten zu den Ball nicht haben“ in „den Ball haben“ wechseln. Somit entsteht folgende Richtung in diesen vier Spielphasen, welche wie folgt aussieht:

Die vier Spiephasen mit Richtung

Die vier Spiephasen mit Richtung

Doch wie passt das Gegenpressing in dieses Schema?

In gewisser Weise müsste man hier definieren, ob sich Gegen- oder Konterpressing auf das Pressing des gegnerischen Angriffs und seiner Abschlussverhinderung oder der Verhinderung der Entstehung selbst bezieht. Insofern könnte man argumentieren, dass das Modell der vier Spielphasen vom Gegenpressing ad absurdum geführt wird. Mithilfe des Gegenpressing schaltet man ja nicht in die Defensive um, sondern verhindert eben genau das; man presst aus der vorherigen Offensivstaffelung im Idealfall so schnell auf den Gegner, dass er nicht ordentlich umschalten kann, während man selbst nicht umschalten muss. Somit dreht das Gegenpressing, früh genug praktiziert, den Zyklus um.

Ein alternatives Modell für die Spielphasen könnte also so aussehen:

Die vier Spielphasen

Die vier Spielphasen

Diese Diskrepanz zwischen den beiden Mannschaften in den Spielphasen ist auch der Grund, wieso Jürgen Klopp einst das Gegenpressing als besten Spielmacher der Welt bezeichnet hat. Die gegengepresste Mannschaft versucht nach vorne umzuschalten, während die andere Mannschaft nicht versucht nach hinten umzuschalten. Gelingt ihr das, so ist der Gegner in einer Staffelung, welche nicht zur Spielphase und in der Konsequenz nicht zur konkreten Spielsituation passt, während man aus der vorherigen Angriffsstaffelung relativ effektiv die vorherige Attacke umsetzen könnte.

Das Konzept der absichtlichen Fehlpässe und darauffolgenden Balleroberungen macht sich exakt diesen Punkt zunutze, wie Ralf Peter hier ausführt und Barcelona mit Guardiola als Beispiel nennt. Allerdings ist daraus auch abzuleiten, dass das Konzept der vier Phasen eigentlich nicht haltbar ist.

Das Gegenpressing als Prävention von Umschaltmöglichkeiten ist nur kurzzeitig möglich, ergo müsste eine weitere Phase zu definieren sein: Die Möglichkeit zur Umschaltmomentverhinderung. Aus dem eigenen Ballbesitz könnte man also in die Umschaltmomentverhinderung übergehen, welche in der Regel extrem kurzlebig ist. Findet diese erfolgreich statt, so gibt es eine Rückkehr in den eigenen Ballbesitz oder andernfalls eben den Umschaltmoment zum gegnerischen Ballbesitz. Im klassischen Modell gehört diese Umschaltmomentverhinderung einfach schon zum Umschaltmoment dazu.

Die andere Mannschaft hat wiederum Phasen, in welchen sie den Ball nicht haben, aber bereits gegen Ende dieser Phase – also in individueller Antizipation und/oder teamtaktischer Vorbereitung eines Ballgewinns – sich um die Kontermöglichkeitskreation kümmern. Das ist natürlich keine eigene Phase, hat aber andere Implikationen auf die gesamtmannschaftliche Bewegung und dient quasi als Umschaltmoment für den Umschaltmoment. Von daher ist es ein Übergang an den Rändern des Ballbesitzmoments zum Umschaltmoment.

Nach der Balleroberung gibt es die Einleitung zum Konter oder zur Organisation. Das ist genau jener Moment, wo Pep Guardiolas Mannschaft entscheidet, ob sie kontern (wegen Erfolgsstabilität selten) oder ob sie die Umschaltphase nutzen, um in einen organisierten eigenen Ballbesitz überzugehen. Wird der Konter eingeleitet, wird eigentlich in eine andere Organisation bei eigenem Ballbesitz umgeschaltet, als bei einem organisierten Ballbesitz. Guardiola spricht darum auch von einer „15-Pass-Regel“, um Letzteres zu erreichen. Man muss nämlich jene Phase des Gegners aus dem Spiel nehmen, in welcher sie Gegenpressingzugriff haben können.

Treibt man diese Diskussion weiter und weitet sie auf beide Mannschaften aus, so ließe sich eine unendliche Zahl an Spielphasen einleiten, welche zwar sehr grob als „Ballbesitz“ oder „kein Ballbesitz“ eingeordnet werden könnten, aber komplett andere strategische Aspekte mitbringen und unterschiedliche Situationen darstellen, welche eine ganz andere Organisation erfordern oder als wünschenswertes Ziel haben.

Nicht umsonst sprechen Juanma Lillo und Guardiola davon, dass es keine unterschiedlichen Spielphasen gibt. Im Gegensatz zu anderen unterscheiden sie gewissermaßen nicht Ballphasen, sondern eine unendliche Zahl an Möglichkeiten von Organisationsphasen. Diese nennen sie dynamische Positionsstrukturen.

Lillo sagte u.a. einst dazu:

„Das Spiel ist eine unteilbare Einheit, es gibt keinen defensiven Moment ohne angreifenden Moment. Beide kreieren eine funktionale Einheit.“

Jede Defensivstaffelung hat auch einen inhärenten Offensivwert; zockende Spieler gegen den Ball sind das eindrücklichste Beispiel. Jede Offensivstaffelung hat einen inhärenten Defensivwert; die Zahl und Organisation der absichernden Spieler beeinflusst z.B. beide Aspekte. Deswegen führt Lillo weiters aus:

„Es ist möglich, die defensive Organisation speziell zu unterstreichen im Sinne spezieller Aspekte, wo man auch berücksichtigt, wie man Angriffe ausführen wird. Die defensive Positionierung oder Raumbesetzung variiert durch die Angriffscharakteristika.“

Diese Mischung aus den Brüchen mit der Richtung des Spielphasenzyklus, welche wiederum eigene spezifische Spielphasen kreiert, die schier unendliche Anzahl an unterschiedlichen Intentionen und Organisation für jede Spielphase sowie die Interaktion defensiver und offensiver Aspekte in jeder Staffelung in jeder Spielphase sorgt also dafür, dass diese Aufteilung in vier Spielphasen schlichtweg nicht das gesamte Spektrum an Geschehnissen auf dem Feld widerspiegelt.

Diese Grafik zeigt eine Mannschaft in Ballbesitz. Ihre Staffelung hat allerdings nicht nur einen offensiven Wert, sondern auch einen defensiven. Sogar in mehrerer Hinsicht; die Strukturen für den Ballführenden sind nicht optimal, wodurch die Stabilität des Ballbesitzspiels verringert ist. Das kann zu Kontern führen. Gleichzeitig ist die Staffelung in dieser Situation auch suboptimal, um Konter zu verteidigen, obwohl sie nicht offensichtlich schlecht ist. Und auch die Absicherung im Gegenpressing ist nicht perfekt.

Diese Grafik zeigt eine Mannschaft in Ballbesitz. Ihre Staffelung hat allerdings nicht nur einen offensiven Wert, sondern auch einen defensiven. Sogar in mehrerer Hinsicht; die Strukturen für den Ballführenden sind nicht optimal, wodurch die Stabilität des Ballbesitzspiels verringert ist. Das kann zu Kontern führen. Gleichzeitig ist die Staffelung in dieser Situation auch suboptimal, um Konter zu verteidigen, obwohl sie nicht offensichtlich schlecht ist. Und auch die Absicherung im Gegenpressing ist nicht perfekt.

Dennoch ist die grundlegende Aufteilung hilfreich, um diese Fülle an Situationen auf mehrere Kategorien herunterzuschrauben und die Konzeptualisierung zu vereinfachen.

I accept concept vs play. In one I want well defined, separate definitions. In play it’s all about dynamic, what the game asks.” – Ein Typ namens o_numero10 auf Twitter

Zwar gehen dadurch einige wichtige Dinge verloren, z.B. Klarheit über Konzepte, welche in allen Spielphasen vorhanden sind (Verbindungsspiel, Ballorientiertheit des Kollektivs, etc.), doch zur Verdeutlichung besonderer Aspekte (wie eben besonderen Reaktionsweisen nach Ballverlusten) ist es hilfreich.

Insofern ist also trotzdem zu berücksichtigen, welche unterschiedlichen Möglichkeiten sich in einem solchen Moment ergeben können. Deswegen wollen wir das Gegenpressing Stück für Stück aufarbeiten.

Adäquate Verbindungen und ballorientierte Positionierungen in Ballbesitz

Um überhaupt Gegenpressing praktizieren zu können, ist die gesamtmannschaftliche Positionierung in eigenem Ballbesitz wichtig. Falls diese nicht passt, wird das Gegenpressing aufgrund mangelnden Zugriffs nicht funktionieren. Stattdessen wird der Gegner im Normalfall den Vorwärtsgang einlegen und gegen die eigene Dynamik spielen, was ihm normalerweise Raumgewinn und viele Optionen im Angriffsspiel gewährt. Hier wäre das möglichst schnelle Einnehmen der eigenen Position  im geplanten Defensivkonzept vermutlich die erfolgsstabilere Variante.

Das Gegenpressing hat aber wie schon erwähnte viele Vorteile; es kreiert eine Diskrepanz beim Gegner im Umschaltspiel, man kann in der vorherigen Angriffsformation effektiv weiterspielen, verhindert Ballbesitz und Kontermöglichkeiten für den Gegner und verliert idealerweise keinen Raum.

Damit das funktioniert, sollte eine passend ausgerichtete Staffelung zum Ball vorhanden sein. Das beinhaltet folgende Aspekte:

  • Passende Besetzung der ballnahen Zonen, u.a. durch Überladung der ballnahen Zonen und Lokalkompaktheit
  • Geringer Abstand der umgebenden Spieler und des gesamten Blocks zum Ball(führenden)
  • Geringe Distanzen zwischen den Spielern, welche zwar Kombinationsmöglichkeiten durch Flachpässe und Raumgewinn im Ballbesitzspiel und Angriffsaufbau erlauben, doch nach Balleroberungen schnellen Zugriff ermöglichen
  • Ballorientierte und ballgebeugte Staffelung des Kollektivs und der Einzelspieler darin (Sichtfelder, etc.); alle Spieler sind so ausgerichtet, um Optionen des Balles zu besetzen; offensiv heißt das effektives Anbieten von Anspielstationen und defensiv das Besetzen von direkten und indirekten Passwegen zum Tor hin

Werden diese Richtlinien eingehalten, so gibt es meistens eine passende Organisation für das Gegenpressing während des eigenen Ballbesitzes. Mithilfe von unterschiedlichen Vorgaben zum offensiven Bewegungs- und Offensivspiel kann hierbei koordiniert werden, wie genau diese Staffelung aussieht.

Das konzeptionelle Positionsspiel Josep Guardiolas z.B. gilt als ursächlich dafür, wieso der FC Barcelona unter ihm ein herausragendes Gegenpressing praktizierte. Es können auch durch eine besondere Spielfeldeinteilung in Zonen, Vorgaben zur jeweiligen Zonenbesetzung und Abstände zwischen den Spielern in den einzelnen Zonen präzise einstudiert werden.

Neben der Staffelung in Ballbesitz ist auch die Art des Ballbesitzspiels wichtig. Ein enormer Fokus auf die ballferne Seite oder vordere Zonen zerstört zum Beispiel die ideale Positionsstruktur.

Hier sieht man eine nur marginal veränderte, aber durch die Möglichkeiten und Abstände bessere Staffelung.

Hier sieht man eine nur marginal veränderte, aber durch die Möglichkeiten und Abstände bessere Staffelung. Diese Struktur ermöglicht mehr Stabilität im Spiel mit dem Ball als auch mehr Präsenz in einer möglichen Defensivphase.

Das Passspiel als dynamische Komponente des Ballbesitzspiels für das Gegenpressing

Lange oder mittelange Pässe sorgen häufig für sauberer abgefangene Bälle und somit weniger direkten Zugriff im Gegenpressing. Kurze Pässe wiederum haben im Normalfall die Möglichkeit, dass der eigentlich anzuspielende Spieler direkt selbst mit einem guten Sichtfeld auf den Neu-Ballführenden gehen kann, während der Passgeber die zweite Richtung schnell abdecken kann.

Bei Ballverlusten im Dribbling ist häufig die Richtung für den Gegner in der Folgeaktion bereits vorgegeben, auch wenn meist die Abstände zum Mitspieler für die gegenpressende Mannschaft unpassend sind. Allerdings hat der Gegner im Zweikampf meist eine unsauberere Balleroberung und benötigt länger, um ein ordentliches Sichtfeld zu kreieren, wodurch bei gutem Verhalten des Dribblers dieser im Normalfall direkt selbst Druck erzeugen kann.

Bei blinden langen Bällen – ergo einem klaren Fokus auf zweite Bälle – gibt es häufig Probleme bei der Kontrolle der Folgeaktion. Meistens wird eine besondere Zone überladen, doch lange Bälle kommen nicht immer perfekt an. Um genau zu sein: Bei einer Verlagerung auf den freien Mann aus ruhigen Spielsituationen ist meistens die umliegende Staffelung gut, der Gegner hat relativ wenig Zugriff auf den Passempfänger und die Passgenauigkeit ist hoch. Desweiteren kann die eigene Mannschaft schwache Pässe sehr früh und gut antizipieren.

Bei langen Bällen in eine bestimmte Zone hingegen ist es problematisch, weil diese Bälle eben nicht zu einem Mitspieler, sondern in einen Raum kommen. Dadurch muss die Mannschaft natürlich viele Spieler in eine Zone abstellen, wodurch die Empfängerzone in eine Richtung – vertikal oder horizontal – häufig sehr flach aufgestellt ist und somit Löcher öffnet. Die Folgeaktion kann nur suboptimal kontrolliert werden. Desweiteren sind oftmals entweder die Räume direkt um die Empfängerzone langer Bälle nicht optimal besetzt oder die Absicherung dieser Absicherung in der letzten Linie ist zu gering gestaffelt, wodurch eine Fehleraktion im Gegenpressing sehr gefährlich sein kann.

Bei einem hohen Ball ist außerdem problematisch, dass die meisten Gegenspieler ihn wegen der schwierigen Verarbeitungsmöglichkeiten direkt weiterspielen können bzw. eher müssen; das Gegenpressing ist also auch wegen gegnerischer Kontrollunsicherheit nicht ideal planbar beziehungsweise gibt es eine verzögerte Reaktion, in der ein Gegenspieler seine Folgeaktion anschließend doch planen und somit den idealen Balleroberungsintervall verkürzt oder gänzlich vermeidet.

Flanken sind ebenfalls interessant für das Gegenpressing. Man kann die Flügel zum simplen Raumgewinn nutzen (sh. Halbraumartikel), in die Mitte spielen und sich speziell auf die Abpraller und Konterversuche des Gegners aus den tiefen Zonen konzentrieren. Desweiteren ist es enorm nützlich, um über Umwege in den Zehnerraum zu kommen und dadurch – häufig mit tororientiertem Sichtfeld – Bälle für Angriffe erhalten.

Beim kurzen Pass sind die Gegner direkt in der Nähe, bei einem längeren Pass (oftmals) nicht.

Beim kurzen Pass sind die Gegner direkt in der Nähe, bei einem längeren Pass (oftmals) nicht.

Häufig ist bei einem gebolzten Ball nicht nur die unmittelbare Gegenpressingmöglichkeit problematisch, sondern auch die Folgemöglichkeiten für weitere Gegenpressingaktionen. Selbst wenn der Ball behauptet oder per Kopf weitergeleitet werden sollte, kann er anschließend in einem anderen Raum oder einer anderen Umgebung verloren werden, wo die Gegenpressingmöglichkeiten dann deutlich schwächer ausgeprägt sind.

Auch hier finden sich ähnliche oder teils noch größere Probleme, weil die eigene Mannschaft entweder nicht mehr direkt in Ballnähe ist oder eben eine unpassende, da zu komprimierte Staffelung um den Ball hat. Desweiteren sind die Sichtfelder – viele Spieler zum eigenen Tor gerichtet – problematisch. Weitere taktikpsychologische Probleme – Fokus auf den zweiten Ball, den fokussierten Raum und das Abwarten dieser sehr unklaren und nicht allzu trennscharfen Aktion – können auftreten.

Eine letzte Möglichkeit ist ein geblockter Schuss, wo sich ein Gegenpressing besonders gut eignet; meistens ist nämlich die Staffelung des Gegners unpassend und die eigene Formation befindet sich hinter dem Ball mit viel Absicherung – positioneller und räumlicher Natur – zum eigenen Tor hin. Beim geblockten Schuss sind taktikpsychologische Probleme für den Gegner (Fokus auf den eigenen Strafraum, auf Kontrolle der tiefen Zonen, etc.) ebenso vorhanden. Allerdings ist es natürlich etwas problematisch, dass der Ball bei klaren Blocks häufig unkontrolliert und nach hinten wegspringt, was auch Kontermöglichkeiten mit wenig Gegenpressingzugriff initiieren kann.

Bei kurzen Pässen sollte außerdem berücksichtigt werden, dass die Passqualität zuvor ebenfalls wichtig ist. Sehr scharfe Pässe sind schwerer präzise abzufangen, sie werden eher “geblockt” und sind somit einfacher zurückzuerobern. Hierbei ist natürlich neben der Distanz zum Mitspieler auch wichtig, wie technisch gut die Spieler sind und wie sie kombinieren; funktioniert das schnelle Kombinationsspiel viel über Weiterleitungen und Ablagen – beim FC Barcelona z.B. als “mig toc” bekannt -, dann sind sehr feste Pässe ein Vorteil für das Ballbesitzspiel und das Gegenpressing.

Die Passrichtung als mitentscheidender Aspekt

Eine weitere Komponente ist die Richtung des Passes. Bei einem Vertikalpass kann es oftmals sein, dass der Gegner nicht nur ein sehr gutes Sichtfeld zum Umschalten hat, sondern die Abstände zum Gegenspieler unpassend sind.

Bei einer Raute, wo der untere Punkt zum oberen Punkt passt, oder einem Dreieck mit einer horizontalen und einer vertikalen Kathete, wo nach vorne gespielt wird, befinden sich die Mitspieler oftmals weiter weg als bei einem Diagonalpass, zumal dieser wegen der Dynamik meist nur gegnernah abgefangen werden kann und die Balleroberung daher schon etwas in die mögliche Gegenpressingzone  zieht. Desweiteren hat der unmittelbar absichernde Spieler des passgebenden Teams häufig das Problem, dass er zwar schnell anlaufen kann, dies aber sehr frontal machen muss.

Einen im Sprint kommenden Gegner frontal auszuspielen – ob per Pass oder Dribbling – ist einfacher, als einen Gegner von hinten oder von der Seite aus dem Spiel zu nehmen. Die leitenden Effekte sind somit ebenfalls geringer oder gehen auf Kosten der Dynamik im Gegenpressing.

Freispielen im frontalen Dribbling nach einem abgefangenen Vertikalpass.

Freispielen im frontalen Dribbling nach einem abgefangenen Vertikalpass.

Diagonale Pässe wiederum bringen einige Vorteile. Meistens werden sie leicht vor den Mitspieler gezielt und vom Gegenspieler auch gegnernah abgefangen. Der eigentliche Passempfänger kann also schnell reagieren und nachsetzen, während der Passgeber sich ebenfalls ins Gegenpressing begeben und doppeln oder die Aktion seines Mitspielers zumindest absichern kann. Auch das direkte Nachsetzen hat einen besseren Winkel und leitet im Normalfall meist in den Block hinein.

Freispielen im diagonalen Dribbling nach einem diagonalen Pass.

Freispielen im diagonalen Dribbling nach einem diagonalen Pass.

Natürlich muss hier zwischen diagonalen Pässen von der Mitte zur Seite oder zur Seite in die Mitte unterschieden werden. Bei ersterem ist der Gegenpressingzugriff für die unmittelbar beteiligten Spieler ideal, bei Letzterem muss die Absicherung der zentralen Räume besonders im Blick behalten werden, um nicht gefährlich ausgespielt zu werden.

Generell muss man hier primär die Prinzipien zur Zoneneinteilung – Wichtigkeit der Mitte und Halbräume – sowie die Zugriffsmöglichkeiten des Gegners aus diesen Zonen heraus beachten. Das betrifft nicht nur die drei horizontalen Zonenarten, sondern auch, wie und wie schnell der Gegner Zugriff auf das eigene Tor erzeugen beziehungsweise wie das eigene Gegenpressing Zugriff auf das gegnerische Tor kreieren kann.

Zudem gibt es die Unterscheidung von diagonalen Pässen nach vorne oder nach hinten; bei Pässen nach hinten hat der Gegner natürlich die Möglichkeit sofort gefährlich zu kontern und hat weniger Spieler vor sich. Auch das eigene Team hat meist weniger schnell Zugriff im Gegenpressing und die wenigen Spieler, die weiterhin diesen Zugriff haben, müssen mit wenig Absicherung auskommen. Das ist natürlich bei sehr hohen Ballverlusten nicht der Fall, aber im ersten und zweiten Drittel ein potenziell großes Problem. Ähnlich verhält es sich bei vertikalen Rückpässen, die scheitern.

Grundsätzlich lassen sich also folgende Komponenten unterscheiden, die aber dennoch eng miteinander zusammenhängen:

  • Die positionelle Struktur beim Ballverlust (primär die eigene, allerdings natürlich auch die gegnerische)
  • Die Art des Ballbesitzspiels (Kurzpassspiel, geplante Verlagerung, langer Ball mit Fokus auf den zweiten Ball, etc.)
  • Die zum Ballverlust führende Aktion (Schuss, Pass oder Dribbling)
  • Bei einem Pass: Die Höhe des Passes
  • Die Zone des Ballverlusts auf dem Feld
  • Die Richtung der Aktion

In jeder Situation spielen allerdings noch zahlreiche andere Faktoren eine Rolle, wie zum Beispiel der Rhythmus oder bestimmte andere Aspekte der Situation. Wurde der Fehlpass aus einer kontrollierten oder einer bereits zuvor bedrängten Situation gespielt? Bei Letzterem dürfte bereits die Zone um den Ballführenden verengt worden sein, bei Ersterem nicht.

Diese situationalen Aspekte werden vorrangig implizit über das differenzielle Wiederholen von immer unterschiedlichen Gegenpressingsituationen in Spielformen trainiert sowie mit situativem Coaching des Trainers verfeinert; auch, weil sie wegen ihrer Vielzahl und der Verwobenheit ihrer strategischer Prinzipien schwer isolierbar sind.

Doch das alleine reicht natürlich nicht aus, um ein effektives Gegenpressing zu kreieren. Wie so oft muss nicht nur die Statik und die mannschaftliche Ausrichtung passen, sondern auch die individuelle und gruppentaktische Umsetzung sowie die Dynamik innerhalb der Organisation.

Antizipation der Gegenpressingsituation

Um möglichst schnell umschalten zu können, sind nicht nur die Antrittsgeschwindigkeit der Einzelspieler oder die geringe Distanz zum Ball entscheidend, sondern auch, wann der Spieler losläuft. Hierbei ist wichtig, dass er den Fehlpass und die folgende Gegenpressingchance möglichst frühzeitig antizipiert.

Dabei gibt es sowohl technische als auch taktische Aspekte, welche einen Fehlpass wahrscheinlicher machen. Eine unpassende Körperhaltung des Passspielers, ein passender Lauf eines Verteidigers oder schlichtweg ein Pass, der nirgendwo ankommen kann, sind immer eindeutige Aufforderungen zum Gegenpressing.

Sobald der Spieler nach einem Pass erkennt, dass der Pass zu schwach oder unpassend gespielt wird und somit abgefangen wird oder zumindest nicht adäquat ankommt, kann er sich bereits zum Ball hin bewegen. Dies verringert nicht nur die Distanz zur möglichen Gegenpressingzone, sondern erhöht auch die Dynamik. Falls der Pass letztlich doch ankommt, kann er die Dynamik nutzen und sich woanders hinbewegen oder sich schlichtweg für einen Kurzpass und eine Kombination anbieten.

Dies soll allerdings nicht nur von Einzelspielern in Ballnähe praktiziert werden. Sämtliche Spieler der eigenen Mannschaft sollten wissen, wie sie sich bei Ballverlusten zu verhalten haben und sich bereits bei Antizipation möglicher Ballverluste in Richtung dieses Verhaltensmusters bewegen.

Hier laufen die nicht antizipativ los, wodurch der Zugriff nicht optimal ist.

Hier laufen die Spieler nicht antizipativ los, wodurch der Zugriff nicht optimal ist.

Ein hoher ballferner Außenverteidiger kann sich zum Beispiel so bewegen, dass er nicht mehr in seiner aufgerückten Position steht, sondern sich bereits antizipativ nach hinten und nach innen bewegt. Im Grunde befindet er sich dann zwischen zwei Positionen: Seiner situativen Offensivposition als weit aufgerückter Außenverteidiger rechts vorne im Feld und seiner eigentlichen Defensivposition als ballorientiert verteidigender Außenverteidiger einer Viererkette. Beim DFB und Trainern wie Roger Schmidt oder Christan Streich wird so etwas übrigens als „schwimmender XYZ“ bezeichnet, weil er vereinzelt eben zwischen zwei Positionen schwimmt.

Der Vorteil: Er steht nicht beliebig im Raum oder gar auf einer falschen, unangebrachten Position, sondern hat je nach Entwicklung der Gegenpressingsituation die Möglichkeit sich einzubinden und auf die korrekte Position in der Mannschaftsstruktur einzunehmen. Die unmittelbar betroffenen Spieler wiederum beteiligen sich direkt am Pressing.

In diesem Beispiel laufen die Spieler - im Kollektiv - antizipativ los, bevor der Pass direkt abgefangen wird. Dadurch ist die Gegenpressingaktion deutlich erfolgswahrscheinlicher.

In diesem Beispiel laufen die Spieler – im Kollektiv – antizipativ los, bevor der Pass direkt abgefangen wird. Dadurch ist die Gegenpressingaktion deutlich erfolgswahrscheinlicher.

Dies sind meistens jene Akteure in Ballnähe, welche Zugriff auf den Ballführenden und dessen unmittelbare Optionen haben, sowie jene Akteure, welche diese Spieler absichern. Theoretisch könnte man auch die Absicherung der Absicherung noch als eigenständigen Teil sehen. Manche nutzen hierfür die Spieler, die ballnah absichern und jene, die ballfern durchsichern, auch wenn diese Unterteilung nicht ganz korrekt ist bzw. nicht einheitlich genutzt wird.

Im Normalfall lässt sich hauptsächlich konstatieren, dass die Spieler zum Tor hin in unterschiedlichen Linien absichern und in den ballnahen Zonen attackieren. Die Spieler außerhalb dieses breiten Streifens zum Strafraum hin kümmern sich wiederum darum, wenn benötigt, möglichst schnell in die eigentliche Defensivstaffelung umzuschalten.

Allerdings geht es natürlich nicht nur um Individuen und die Individuen innerhalb der Gruppe. Auch die mannschaftstaktische Ausrichtung muss berücksichtigt werden. Hier ist besonders wichtig, welche Ballverluste besonders oft vorkommen. In den letzten Jahren ist dabei beispielsweise der „absichtliche Fehlpass“ zum geflügelten Wort geworden.

Die Auslösung des Gegenpressings

Ein grundsätzlicher Punkt ist natürlich, ob man überhaupt gegenpresst und wie. Doch zuerst muss geklärt werden, ob das Gegenpressing situativ absichtlich eingeleitet wird – unabhängig vom zweiten Ball – und wie das gehandhabt wird. Theoretisch könnte man den Fokus auf das Erzeugen von Gegenpressingzugriff differenzieren:

  • Zugriffserzeugend: Hier wird bewusst darauf fokussiert, dass man unmittelbare Gegenpressingsituationen mit Zugriff besitzt. Quasi das Spiel auf den zweiten Ball, aber auch ein extremer Fokus auf Vertikalpässe mit bewusst relativ geringer Erfolgswahrscheinlichkeit.
  • Zugriffsplanend: Hier werden bewusst Pläne für besondere Arten von Ballverlusten geschaffen, welche vom Team umgesetzt werden. Auch Situationen für bewusste Ballverluste werden eingeplant; z.B. bestimmte Verhaltensweisen in isolierten Unterzahlsituationen.
  • Zugriffsabwartend: Hier wird eher passiv gegengepresst, teilweise frühzeitig zurückgezogen und eigentlich nur auf Situationen reagiert, wo sich aus den eigenen Ballverlusten unmittelbar hoch erfolgsstabile Gegenpressingsituationen erzeugen lassen. Allerdings müsste man auch eigentlich auch sehr gegenpressingstarke und -aktive Mannschaften, die eben weder zugriffserzeugend noch -planend ausgerichtet sind, sondern nur bei absoluter Notwendigkeit das Gegenpressing aus einer passiven Grundhaltung heraus, aber dann in der Umesetzung sehr konsequent und dominant praktizieren, zu dieser Kategorie rechnen.

Einige Mannschaften agieren zum Beispiel nur mit aggressivem Gegenpressing, wenn der Ball im letzten Drittel verloren wird. Dann hat man die gesamte Mannschaft hinter dem Ball, kann sofort gegenpressen und den Angriff vorne halten, ohne wirkliches Risiko zu gehen.

Interessanter ist jedoch, wie genau der Zugriff erzeugt bzw. geplant wird. Natürlich kann man schlichtweg mit einem enormen Fokus auf Vertikalpässe und gegnerorientierte Raumprogression spielen. Doch die Ballrückeroberung kann quasi als Spielzug für besondere Situationen kreiert werden. Welche Aktionen, Pässe, Muster, Spielzüge oder Mittel sind vor einer Gegenpressingauslösung jeweils denkbar?

In der deutschen Trainerausbildung ist das häufig der Lochpass hinter die Abwehr in den Halbräumen oder auf den Flügeln weit in der gegnerischen Hälfte. Der Gegner muss dem Ball in den Raum hinterherlaufen, blickt in Richtung Seitenaus, Grundlinie oder gar zum eigenen Tor und kann den Ball nicht ordentlich klären. Auch die unmittelbaren Anspielstationen fehlen ihm; häufig nur der Torwart, welcher z.B. vom ballfernen Flügelstürmer angelaufen werden kann.

Gleichzeitig kann man den Gegner direkt von hinten pressen, verbietet ihm die Drehung, kann sich dadurch Ecken oder Einwürfe herausspielen und den Angriff von vorne beginnen. Ein anderes Mittel sind bewusste Hereingaben in gefährliche Zonen, welche aber von der eigenen Mannschaft nicht besetzt, sondern umringt werden. Bielsa tut dies gerne bei Flanken; der Ball kommt – oftmals halbhoch– in die Mitte, woraufhin diese Hereingabe und/oder die Klärungsversuche attackiert werden.

Auslösung des Gegenpressings: Der DFB-Fehlpass

Auslösung des Gegenpressings: Der DFB-Fehlpass

Weiters ist eine Option schlichtweg einen Gegenspieler anzuspielen. Das ist natürlich gefährlich, wenn der den Ball sofort kontrollieren kann, doch wird der Ball nicht direkt in den Fuß und/oder viel zu scharf gespielt, ist genug Zeit für das Gegenpressing gegeben. Wird es plötzlich und nur selten genutzt, ist auch ein gewisser Überraschungseffekt dabei. Mario Götze hat z.B. vereinzelt in isolierten Situationen Gegner angeschossen und sich dann den Ball geholt, um sich aus dieser Situation zu befreien.

Dies kann ebenfalls unterschiedlich organisiert werden. Ein Ziel könnte der Schnittstellenpass auf einen gegnerischen Innenverteidiger vom eigenen Halbspieler der Mittelfeldraute sein, der dann vom (etwas breiter positionierten) Mittelstürmer und Zehner direkt gepresst wird. Bei besonderen isolierten Situationen an den Seiten oder im Sechserraum könnte man auch nicht mehr versuchen noch panisch und erfolglos zu unterstützen, sondern beispielsweise bewusst Lupfer in den ballfernen Halbraum zwischen den Linien spielen und diesen aggressiv attackieren.

Auslösung des Gegenpressings:  Fehlpass auf den Gegner. Im Idealfall kann man dadurch bei Mangel an Anspielstationen Raumgewinn verbuchen und den Gegner als zusätzliche Anspielstationen nutzen.  Böse Zungen behaupten, Jermaine Jones tat dies häufig (für den Gegner).

Auslösung des Gegenpressings: Fehlpass auf den Gegner. Im Idealfall kann man dadurch bei Mangel an Anspielstationen Raumgewinn verbuchen und den Gegner als zusätzliche Anspielstationen nutzen. Böse Zungen behaupten, Jermaine Jones tat dies häufig (für den Gegner).

So soll es gar Trainer geben, welche im Training Vorgaben für bewusste Fehlpässe in bestimmten Zonen, besonderen Situationen oder zu bestimmten Gegenspielern vorgeben, um die Organisation und Koordination im Gegenpressing gezielt trainieren zu können.

Hier könnte man also grob vier unterschiedliche Arten von Fehlpässen als Gegenpressingauslöser skizzieren:

  • Raumorientierter Fehlpass
  • Spielerzahlorientierter Fehlpass
  • Situationsorientierter Fehlpass
  • Gegenspielerorientierter Pass

Der Gegenpressingauslöser bestimmt dann den weiteren Verlauf des Nachsetzens. Die Spieler der Mannschaft sollten nicht nur die Gegenpressingsituation erkennen, sondern einen Überblick über die (wahrscheinlichsten) Möglichkeiten und die offenen Optionen des Gegenspielers haben und ihre Aktionen darauf abstimmen.

Hierfür ist neben viel Übung in Spielformen natürlich auch wichtig, dass die Spieler über den jeweiligen Gegner und dessen Staffelungen gegen den Ball sowie Angriffsverläufe im offensiven Umschaltmoment unterrichtet werden. Auch die eigene Positionsstruktur und ihre Bedeutung können als Anhaltspunkte dafür dienen und von dieser Basis aus die jeweiligen Bewegungen aufeinander abgestimmt werden.

Neben der Staffelung und der Vorbereitung ist jedoch ebenso wichtig, wie genau sich die Spieler im Gegenpressing verhalten.

Die erste Aktion im Gegenpressing zur Kontrolle der Folgeaktion

Bei einem im Normalfall so kurzlebigen Ablauf wie dem Gegenpressing muss beachtet werden, wie die erste Aktion im Gegenpressing den weiteren Verlauf des Gegenpressings definiert. Dabei stellen sich grundsätzlich diese drei Fragen:

  • Wie bedränge ich den Gegner?
  • Wohin dränge ich den Gegner?
  • Welche Aktionsmöglichkeiten erlaube ich dem Gegner?

Zuallererst stellt sich natürlich die Frage, wer den Gegenspieler pressen soll. Theoretisch könnte es positive Effekte haben, wenn nicht der ballnächste Spieler presst, sondern der übernächste aus einer passenden Zone. Der ballnächste Spieler könnte ballnah einen großen Deckungsschatten erzeugen und den Gegenspieler stellen, der nächste Spieler attackiert dann mit viel Dynamik und doppelt den Gegenspieler.

Allerdings ist dies aus praktischer Sicht kaum möglich. Solche Aktionen wären vermutlich in der Mehrheit der Aktionen instabil oder schlichtweg nicht praktikabel, um konstant die gewünschten positiven Effekte zu kreieren.

Insofern ist es nur allzu logisch, dass der/die ballnächste(n) Spieler attackieren und den Gegner möglichst schnell attackieren.  Die Frage ist natürlich, wie aggressiv der Zweikampf gesucht wird. Beim DFB gibt es das Akronym ASTLB, welches als Richtlinie zum Lehren des Zweikampfs gilt. ASTLB steht für Anlaufen, Stellen, Tempo aufnehmen, Lenken, Ballerobern.

Doch nicht immer muss dieses Modell befolgt werden. Besonders das „Anlaufen und Stellen“ kann im Gegenpressing anders gehandhabt werden. Eine Option ist das bewusste Überlaufen, bei dem es primär darum geht, den Gegner in eine für die eigenen Mitspieler vorhersehbare Spielsituation zu bringen. Die Balleroberung wird nicht von diesem Spieler übernommen, sondern von der Mannschaft in der Folgeaktion des Gegners.

Eigentlich soll der überlaufende Akteur also nur den Gegner leiten und Druck antäuschen, um den ersten Pass zu verhindern. Ziel ist also, dass der Gegenspieler aktiv reagieren und ausweichen muss sowie keinen Pass spielen kann.

Anlaufverhalten: Überlaufen. Der Gegner wird in eine bestimmte Bewegung geleitet, woraufhin die Gegenpressingmaschine erst richtig in Gang kommt.

Anlaufverhalten: Überlaufen. Der Gegner wird in eine bestimmte Bewegung geleitet, woraufhin die Gegenpressingmaschine erst richtig in Gang kommt.

Eine andere Variante dieses aggressiven Attackierens könnte man als Durchlaufen definieren. Hier wird der Gegner nicht nur geleitet und bedrängt, sondern es gibt den direkten Versuch der Balleroberung; auch wenn die Grenze hier natürlich fließend ist. Wie bei obiger Variante wird hierbei das ASTLB nicht befolgt, sondern direkt vom Anlaufen auf das Lenken bzw. Ballerobern geschaltet. Der Gegner hat somit weniger Zeit, das Tempo im Gegenpressing ist höher. Nachteilig ist natürlich der erhöhte Verlust von Zweikämpfen und Fouls.

Anlaufverhalten:  Durchlaufen. Simpel und übersichtlich zeigt diese Grafik einfach ein aggressives Attackieren auf den Ball.

Anlaufverhalten: Durchlaufen. Simpel und übersichtlich zeigt diese Grafik einfach ein aggressives Attackieren auf den Ball.

Die dritte große Variante spiegelt das klassische ASTLB-Modell wider. Das ist zwar für den Einzelspieler stabiler, für das Kollektiv häufig die schwächere Variante. Weil der Gegner etwas mehr Zeit nach der Balleroberung hat, kann er oft am „Gegenpresser“ vorbeispielen oder sich drehen und sichere Pässe spielen, wodurch der Druck im Gegenpressing meist verloren geht. In einem persönlichen Gespräch sagte mir bspw. Eddie Gustafsson, dass der große Unterschied zwischen Roger Schmidts und Adolf Hütters Gegenpressing bei Red Bull Salzburg eben der Unterschied zwischen Über- oder Durch- (Schmidt) und Anlaufen (Hütter) sei, wodurch das Gegenpressing weniger erfolgreich wurde.

Anlaufverhalten: Anlaufen. Die erhöhte Zeit und der Abstand erlauben dem Gegner - bei guter Umsetzung - Pässe auf engem Raum zur Befreiung aus dem Zugriff.

Anlaufverhalten: Anlaufen. Die erhöhte Zeit und der Abstand erlauben dem Gegner – bei guter Umsetzung – Pässe auf engem Raum zur Befreiung aus dem Zugriff.

Daneben besteht noch ein weiterer Vorteil, den die beiden erstgenannten Möglichkeiten gegenüber der klassischen Richtlinie aufweisen: Frei nach Lillo hat jeder defensive Aspekt auch einen offensiven Gegenwert und vice versa. Beim Überlaufen hat der zweite Spieler im Gegenpressing, der letztlich den Ball erobern soll, eine direkte Anspielstation. Häufig erobert er sogar den Ball nicht direkt, sondern spitzelt ihn einfach auf den Mitspieler nach vorne, was für den eigenen Konter natürlich hilfreich ist. Bei Red Bull Salzburg waren die Vorteile besonders in kleinräumigen Situationen sichtbar.

Der Abstand zum Mitspieler ist gering, aber in Wechselwirkung mit den Positionsstrukturen hat dieser meist Raum bis zu den nächsten Gegenspielern, es gibt sofort (geringen) Raumgewinn und häufig ein passables Sichtfeld nach vorne. Beim Anlaufen wiederum gibt es natürlich Probleme nach der Balleroberung, weil der Gegenspieler oftmals direkt selbst wieder Druck erzeugen und die Folgeaktion stören kann. Situativ kann natürlich das Anlaufen etwas erfolgsstabiler im Gegenpressing selbst sein.

Neben der Wahl des Gegenpressingspielers sowie seiner Art zu attackieren, stellt sich anschließend die Frage, wohin man den ballerobernden Gegenspieler leiten soll. Nicht immer gibt es die Möglichkeit dies bewusst zu machen; vielfach ist nur der direkte, ballorientierte Lauf effektiv. In einigen Situationen kann es aber sehr hilfreich sein bestimmte Richtlinien zu haben.

Das Versperren der strategisch so wichtigen Mitte und der Halbräume ist zum Beispiel ein möglicher Orientierungspunkt. Von der Seite kommende Spieler könnten also eher bogenartig pressen und den Gegenspieler nach hinten leiten, Spieler von vorne könnten den Gegner so anlaufen, dass sie eher zur Seite spielen müssen. Der weitere Weg bei möglichen Kontern ist von der Seite aus dann länger, der Gegner hat weniger Raum sich zu drehen und freizuspielen, somit dreht er sich auch mit höherer Wahrscheinlichkeit nach hinten oder in isolierte Situationen.

Leiten im Gegenpressing. Je nach Lauf hat der Gegner andere Optionen.

Leiten im Gegenpressing. Je nach Lauf hat der Gegner andere Optionen.

Auch dies kann je nach Höhe des Spielfelds und eigener Spielidee variiert werden. Eine andere Möglichkeit wäre es nicht den Raum als wichtigsten Referenzpunkt zu wählen, sondern die eigenen Mitspieler. Der Spieler leitet also nicht in einen bestimmten Raum, sondern zu den eigenen Mitspielern, welche dann das Gegenpressing unterstützen und letztlich den Ball erobern.

Alternativ könnte man den Gegner auch zu einer bestimmten Passoption leiten; hier wäre es möglich diese Passoption entweder durch eine Falle zu pressen oder einfach den eigenen Defensivlauf fortsetzen und den zweiten Gegenspieler zu attackieren. Der Grund ist simpel: Weil man vom einen Gegenspieler zum nächsten sprintet, bedrängt man einen und hat den zweiten derweil im Deckungsschatten, wodurch das Gegenpressing im Normalfall  effektiver sein sollte.

Grundsätzlich wäre es auch schlichtweg möglich, dass man den Gegner vom eigenen Tor wegleitet. Sobald der Rückpass kommt, wird diesem nachgelaufen; der nächste Spieler wird gepresst und hat wenig Möglichkeiten, wodurch er wieder zurückspielen oder bolzen muss. Allerdings kann diese Variante in einzelnen Situationen dem Gegner auch erlauben, dass er den Ball erhält und dann aus der lokalen Kompaktheit des Gegenpressings heraus verlagert und das Konterspiel antreibt.

Das Leiten selbst ist natürlich nicht immer zu praktizieren. Wie schon ein paar Mal erwähnt, sind Gegenpressingsituationen sehr variabel und kurzlebig, wodurch komplexere Spielzüge schwierig zu organisieren und umzusetzen sind. Insgesamt kann man aber dennoch diese vier grundlegenden Varianten des Leitens im Gegenpressing unterscheiden:

  • Raumorientiertes Leiten (in einen bestimmten Raum oder weg von einem bestimmten Raum)
  • Mitspielerorientiertes Leiten (hin zu den eigenen Mitspielern oder in eine Gegenpressingfalle)
  • Gegenspielerorientiertes Leiten (Wegleiten von Optionen des Gegenspielers oder Leiten zu dessen Mitspielern)
  • Spielrichtungsorientiertes Leiten (weg oder hin zum eigenen Tor)

Nun stellt sich die Frage, welche Aktionsmöglichkeiten man dem Gegner erlaubt. Als grundlegende Heuristik und zur Organisation dient das Deckungsverhalten im Kollektiv.

Deckungsverhalten im Gegenpressing

Grundsätzlich gibt es beim Deckungsverhalten im Gegenpressing ähnliche Referenzpunkte wie im klassischen Verschieben und im Pressing. Allerdings muss hierbei etwas stärker differenziert werden, weil das Gegenpressing an sich eine extrem dynamische und variable Sache ist. Bestimmte Voraussetzungen und die Erfolgswahrscheinlichkeit gewisser Lösungen sind anders als beim Verschieben oder gar im regulären Pressing (was übrigens mit ein Grund ist, wieso es für das Gegenpressing einen eigenen Begriff geben sollte).

Prinzipiell kann man vier bis fünf statisch-individuelle Referenzpunkte im Fußball unterscheiden, welche für alle anderen Referenzpunkte als Ursache und Basis dienen:

  • Die Position der Mitspieler
  • Die Position der Gegenspieler
  • Den Raum
  • Den Ball
  • Die Tore

Neben diesen statisch-individuellen Referenzpunkten gibt es zwar auch dynamisch-assoziative Referenzpunkte, doch sollen diese zukünftig noch in einem eigenen Artikel irgendwann behandelt werden. Wir fokussieren uns hier weiterhin auf die üblichen vier bis fünf Referenzpunkte (die Tore werden häufig nicht gezählt). Aus diesen und den Eigenheiten des Gegenpressings lassen sich grundsätzlich folgende Deckungsarten extrahieren:

  • Ballorientiertes Gegenpressing

Die Vorgehensweise ist hierbei leicht erklärt. Beim ballorientierten Gegenpressing wird schlichtweg maximal in Richtung Ball und Ballführenden verschoben, um Druck zu erzeugen. Dies ist wohl die simpleste und ursprüngliche Ausführungsweise.

Adolf Hütters ballorientiertes Gegenpressing bei Grödig.

Adolf Hütters ballorientiertes Gegenpressing bei Grödig.

Sieht man sich die Niederländer der 70er zum Beispiel an, erkennt man dieses Muster häufig.

Eine Spielszene der Niederländer von der WM 1974. Abseitsfalle und Gegenpressing, olé!

Eine Spielszene der Niederländer von der WM 1974. Abseitsfalle und Gegenpressing, olé!

  • Spielraumorientiertes Gegenpressing

Dieses Deckungsschema kann dem ballorientierten Gegenpressing sehr ähneln, ist allerdings etwas anders zu sehen. Während es beim ballorientierten Gegenpressing schlichtweg darum geht möglichst viel Druck möglichst schnell zu kreieren, fokussiert sich das spielraumorientierte Gegenpressing eher auf das Versperren aller möglicher Optionen in Ballnähe durch effektive Raumkontrolle und möglichst große Deckungsschattennutzung.

Klopps spielraumorientiertes Gegenpressing

Klopps spielraumorientiertes Gegenpressing

Dieses Schema wird (wie das ballorientierte Gegenpressing) meistens instinktiv gespielt, wenn man Gegenpressing – besonders in der Jugend – etabliert.

  • Passwegorientiertes Gegenpressing

Bei dieser Variante werden nicht die Möglichkeiten des Ballführenden oder der Ball selbst vom Kollektiv attackiert, sondern die Passwege des Ballführenden gedeckt. Dies geschieht im Normalfall durch das Belauern dieser Passwege. Ziel ist, dass der Spieler unter Druck einen Pass versucht, der dann abgefangen wird und zu einer sauberen Ballrückeroberung führt.

Guardiolas passwegorientiertes Gegenpressing

Guardiolas passwegorientiertes Gegenpressing

  • Zugrifforientiertes Gegenpressing

In dieser Deckung suchen sich die Spieler direkt einen Gegenspieler in der Nähe, um mithilfe einer Manndeckung den Pass auf diesen Spieler zu verhindern oder ihn direkt pressen zu können, falls er einen Pass erhält.

Heynckes' mannorientiertes Gegenpressing

Heynckes’ mannorientiertes Gegenpressing

Bei all diesen Deckungsschemen muss aber beachtet werden, wie situativ Gegenpressing ist. Häufig können Spieler nicht mehr das gewünschte Deckungssystem herstellen oder erkennen schlichtweg eine effektivere Möglichkeit und handeln nach dieser. Nur selten beziehungsweise über eine große Anzahl an Situationen sind sie eindeutig für eine Mannschaft erkennbar, falls sie denn überhaupt so strukturiert wurden.

Dadurch ist es auch oftmals möglich, dass Spieler in derselben Gegenpressingsituation häufig unterschiedliche Aspekte decken und die Orientierungspunkte anders hierarchisieren. Zusätzlich ist natürlich auch wichtig, wie genau die ballnahen Spieler ab- oder durchgesichert werden und welche Vorgaben zum Verhalten der Raumkontrolle es für sie gibt, was ebenfalls sehr flexibel organisiert werden kann.

In oben verlinktem Link gibt es auch GIFs, welche beispielhafte Abläufe für die Deckungsvarianten zeigen.

Gegen- oder Konterkonter

Mit der erfolgreichen Balleroberung ist das Gegenpressing aber noch nicht beendet. Kommt es zu einem solchen Erfolg, besteht noch die Möglichkeit, dass man direkt nach der Balleroberung den Gegner wie schon erwähnt in einer unangenehmen Organisation bespielen kann. Der Gegner hat im Normalfall versucht, nach vorne umzuschalten, und befindet sich somit beim Ballverlust sowohl positionell als auch von der Dynamik her in einer sehr unpassenden Spielsituation.

Deswegen bezeichnete Jürgen Klopp das Gegenpressing einst als den besten Spielmacher der Welt, da dem erfolgreichen Gegenpressing und den darauffolgenden Kontern ein besonderes Potenzial innewohnt, das selbst viele der kreativsten Akteure nicht konstant kreieren können. Die gegnerische Mannschaft hat nicht nur zahlreiche kleine Löcher, sondern kann die ohnehin vorhandenen Löcher wegen der Sichtfelder und Laufrichtung oftmals nicht abdecken.

Besonders bei hohen Ballrückeroberungen kann die Mannschaft direkt mit zahlreichen Spielern nach vorne angreifen, während insbesondere die Innen- und Außenverteidiger beim Gegner häufig ihre Defensivorganisation aufgelöst haben.

Ein beispielhafter und natürlich übertrieben gut verlaufener Gegenkonter. Die Balleroberung erzeugt Möglichkeiten, die wohl kein Fußballer der Welt - exkl. Messi - könnte.

Ein beispielhafter und natürlich übertrieben gut verlaufener Gegenkonter. Die Balleroberung erzeugt Möglichkeiten, die wohl kein Fußballer der Welt – exkl. Messi – könnte.

Deswegen müssten eigentlich hierfür besondere Umschaltmechanismen organisiert werden. Wie Schmidt und Streich die „schwimmenden“ Spieler in Ballbesitz und gegen den Ball haben, müsste man eigentlich die besonderen Umschaltmechanismen sowie natürlich die Defensivstaffelung zuvor so organisieren, dass man nach Balleroberungen sich adäquat bewegt, um keine direkten Ballverluste gefährlich werden zu lassen.

Auflösung des Gegenpressings

Doch nicht immer ist das Gegenpressing erfolgreich. Häufig scheitert das Gegenpressing; hier muss dann unter anderem klar sein, wie lange es fortgesetzt wird. Bei manchen Teams oder zumindest in einzelnen Spielphasen ist die Antwort einfach: Bis man den Ball schließlich doch wiedergewonnen oder der Gegner seinen Folgeangriff beendet hat.

Meistens sind es aber andere Richtlinien. Einige Mannschaften lassen nur die erste und zweite Gegenpressingsituation pressen, bevor sie sich zurückziehen. Bei vielen Mannschaften gibt es eine Fünf-Sekunden-Regel, welche angeblich sogar in der Spielphilosophie des FC Barcelona festgeschrieben ist. Nach Ballverlust soll der Ball innerhalb von fünf Sekunden zurückerobert werden oder zumindest die sofortige Möglichkeit bestehen, dies zu schaffen. Wenn dies nicht der Fall ist, ziehen sich die katalanischen Mannschaften zurück. Dabei muss man in der Vermittlung selbstredend aufpassen, dass die Spieler sich nicht zu schematisch an diese Richtlinie klammern.

Bei anderen Teams wiederum ist es situationsabhängig. Sobald kein akuter Druck mehr besteht – also eine Verlagerung aus der Gegenpressingzone – und kein Zugriff auf die Verlagerung erzeugt werden kann, wird das defensive Umschalten endgültig eingeleitet und die eigentliche Defensivstaffelung kreiert.

Auch die genaue Art dieses Auflösens des Gegenpressings kann variieren. Manche Mannschaften ziehen sich mit den eher ballfernen Spielern zurück, lassen aber die ballnahen Spieler weiterpressen.

Neutralisieren des Gegenpressings

Um das Gegenpressing des Gegners ineffektiv zu machen, gibt es unterschiedliche Herangehensweisen. Generell ist das Herausspielen aus der engen Situation meistens der Schlüssel, weil das Gegenpressing nicht effektiv über das gesamte Spielfeld aufrechterhalten werden kann. Das Nutzen von Ausweichzonen – lange Verlagerungen, Rückpässe oder Bälle hinter die Abwehr, je nach Zone – funktioniert natürlich am besten. Kleinräumige Kombinationen wiederum sind schwierig zu spielen.

Hierbei kann man sich wieder anschauen und überlegen, wie genau diese organisiert werden. Bei einigen (wenigen) Teams sind zum Beispiel durchaus Mechanismen im Defensivspiel sichtbar, um nicht nur möglichst effektiv umschalten, sondern auch speziell das Gegenpressing umspielen zu können. Das kann von ballnah zockenden Spielern und bis hin zu ballfern so positionierten Spielern reichen, die sich direkt für einen eindeutigen ersten Pass anbieten.

Generell ist natürlich die Defensivstaffelung zuvor entscheidend. Bei einer Manndeckung sind die Anspielstationen nach der Balleroberung natürlich sofort besetzt; bei einer Raumdeckung kann dies besser gehandhabt werden. Desweiteren erlaubt eine Raumdeckung auch eher die (situative) Nichtbeteiligung einzelner Spieler, welche sich in offenen Räumen positionieren können.

Befreiung aus dem Gegenpressing durch vororganisierte Anspielstationen. Favre tat etwas ähnliches im letzten Heynckes-Spiel.

Befreiung aus dem Gegenpressing durch vororganisierte Anspielstationen. Favre tat etwas ähnliches im letzten Heynckes-Spiel.

Hier ist auch entscheidend, ob die Balleroberungen auf eine bestimmte Art und Weise organisiert sind, ob die jeweiligen Umschaltmechanismen bekannt sind und ob die Spieler der eigenen Mannschaft wissen, wo für die jeweiligen Situationen der freie Spieler zu finden ist. Zudem kommt es darauf an, die mögliche Umschaltsituation zu antizipieren und dementsprechend proaktiv zu agieren.

Allerdings gibt es hierbei ein kleines Problem: Die Antizipation auf einen möglichen Ballverlust aus einer offensiven Stellung heraus ist weniger riskant als die Antizipation eines möglichen Ballgewinns aus einer – wie in diesem Fall – defensiven Stellung heraus, weil bei Letzterem die defensive Organisation bei einer Fehlantizipation potenziell zerstört wird. Insofern hat die gegenpressende Mannschaft einen Vorteil.

Neben den organisierten freien Spielern kann natürlich auch mit einem direkten Befreiungsschlag und eigenem Fokus auf zweite Bälle oder der Nutzung von Dribblings das Gegenpressing umspielt werden. Besonders erfolgreiche Dribblings, wenn auch schwer erfolgsstabil zu machen, sind enorm gefährlich, weil die gesamte Struktur des Gegenpressings zerstört wird.

Neben dem Raumgewinn der Dribblings wird zusätzlich ein Gegenspieler aus dem Spiel genommen, meistens gibt es etwas Raum um nach vorne zu kommen und man hat Zeit, bis der nächste Pressingspieler kommt (oder es kommt keiner und das Gegenpressing wurde ausgehebelt). Der Faktor Zeit ist wichtig, um effektiv umschalten zu können. Durch das Dribbling gewinnt man diese zum Abruf der Konterabläufe.

Die Statistikfirma ProZone argumentiert sogar, dass man nach dem Herausspielen aus einer unterladenen Zone auf die andere Seite 7.2 Sekunden hat, um die dortige Überzahl auszuspielen.

Gegenpressingfallen

Ein letzter Punkt wären noch besondere Arten der Ballverluste, welche über die Staffelung einen bestimmten Verlauf für den Gegner kreieren, um effektiv Gegenpressing betreiben zu können.

Ein Beispiel wäre zum Beispiel das Überladen der umstehenden Zonen, aber nicht das sofortige Pressing. Der Gegner wird nach dem Ballverlust in der unterladenen Zone nicht attackiert, sondern durch die Staffelung und leichte Passivität nach vorne geleitet. Erst hier wird durch die Bewegung der anderen Spieler und besondere Mechanismen die Balleroberung fokussiert.

Ein simples Beispiel für eine Gegenpressingfalle.

Ein simples Beispiel für eine Gegenpressingfalle.

Der Vorteil ist natürlich, dass man dadurch komplexere und ausgeklügeltere Bewegungen nutzen kann. Außerdem ist der Gegner in seinem Umschalten weiter, wodurch die Gegenkonter wiederum effektiver wären. Allerdings sind die Erfolgsstabilität und das Verhältnis von Erfolg zu Risiko bei diesem taktischen Mittel zu bezweifeln. Dennoch ist es eine interessante Weiterführung des Gedanken des absichtlichen Fehlpasses und steht in Verbindung mit einigen weiteren Aspekten, die bereits angesprochen wurden.

Keine moderne Erfindung

Unterschiedliche Arten des Gegenpressings fanden sich immer schon in der Geschichte des Fußballs. Meistens war die Intention im Ballverlust verantwortlich für sehr distinkte Gegenpressingvarianten; das Pressing auf den zweiten Ball gibt es eigentlich schon seit den Urzeiten des Fußballs. Darunter versteht man wie erwähnt normalerweise das Pressing nach einem Ballverlust, in welchem die Defensivformation oder eine spezifische Formation auf den zweiten Ball gehalten wurde.

Doch bei der Analyse zahlreicher Spiele aus unterschiedlichen Epochen lassen sich auch andere Varianten aufklären, welche jeweils eine bestimmte Spielidee des Trainers verfolgten:

  • Frühes Gegen- oder Konterpressing (vor der Umschaltmöglichkeit, proaktives Gegenpressing der letzten Jahre)
  • Spätes Gegenpressing (nach der Umschaltmöglichkeit im Umschaltmoment, wenn der Gegner in Richtung klassischer Ballbesitzorganisation umschaltet, sehr reaktiv und simpel, vielfach instinktiv praktiziert)
  • Spätes Konterpressing (nach der Umschaltmöglichkeit im Umschaltmoment, wenn der Gegner in eine Konterorganisation umschaltet bzw. kontert, sehr häufig in allen Zeiten der 70er)
  • Eine spezifische Umschaltstaffelung erschaffen (macht kaum jemand, da extrem kurzlebig, aber Einzelspieler tun dies durch Zocken oder Schwimmen, allerdings bei Favre teilweise sichtbar, wo nach Ballgewinnen oder –verlusten kurzzeitig Staffelungen generiert werden, welche es eigentlich nur in diesen Situationen gibt)
  • In der Angriffsformation verharren und den Gegner kontern lassen (keine wirkliche Strategie, sondern psychologische Resignation, in den seltenen Fällen, wo das passiert)
  • In die Defensivorganisation umformen und später aus dieser auf eine reguläres Pressing umschalten

Natürlich gibt es in all diesen Intentionen und ihren strategischen Komponenten wiederum unendliche taktische Variationen, welche schon eingangs erwähnt wurden: Die Deckungsarten, Mischung der Deckungsarten pro Spieler, besondere Abläufe und Verantwortlichkeiten, verschiedene Intentionen, etc. können variiert werden, ebenso wie das genutzte Spielermaterial.

Übrigens: Liest man sich die spärlichen Berichte mit Taktikinhalt aus früherer Zeit durch und schaut sich die noch seltener vorhandenen Videos an, so könnten die Busby Babes in den 50ern eine der ersten Mannschaften gewesen sein, die ein passables und intelligentes Gegenpressing strukturiert umsetzte.

Wie die diesbezügliche Strukturierung in den nächsten Jahren weitergehen wird, könnte einer der interessantesten Trends im modernen Fußball sein.

Gegenpressing der Busby Babes im FA-Cup-Finale 1957.

Gegenpressing der Busby Babes im FA-Cup-Finale 1957.

Weitere Artikel zu diesem Thema von mir:

http://www.abseits.at/in-depth/taktik-theorie/taktiktheorie-gegenpressing-1/

http://www.abseits.at/in-depth/taktik-theorie/taktiktheorie-gegenpressing-2/

Zu diesem Thema wird auch u.a. noch ein Artikel erscheinen, wie man Gegenpressing trainieren kann. Bis dahin gibt es diesen Artikel bei Abwehrkette.de. Auch ein Artikel zu Unterschieden zwischen einzelnen Teams wird Kollege RT verfassen.

Peps Bayern: Auf zu neuen Ufern

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Es ist das dritte Vertragsjahr von Pep Guardiola und bisher verläuft seine Amtszeit bei Bayern München noch nicht nach den Vorstellungen vieler Fans und womöglich auch der Verantwortlichen selbst. Vor dem Saisonstart einige wenige Stichpunkte:

Rund um Guardiola stellt sich natürlich nun die Frage, ob die Spielzeit 2015/16 eine Art Abschiedstour wird oder er weiter langfristig etwas aufbauen möchte. Über die finale Entscheidung können wir nur spekulieren. Aber immerhin prägt der Katalane den Verein im sportlichen Bereich doch immens. Und nicht zuletzt der Abgang von Bastian Schweinsteiger, an dem Guardiola wohl nur am Rande involviert war, wird Veränderungen unausweichlich machen.

Schweinsteiger war als zentraler Sechser vor der Abwehr oder als etwas vorgeschobener Mittelfeldspieler einsetzbar, gehörte mit seinen Passqualitäten stets zu den Taktgebern bei den Bayern. Insbesondere als spielaufbauender Akteur war seine Vielseitigkeit höher einzustufen als jene von Xabi Alonso. Der Baske hingegen ist ohne eigenes Zutun quasi der Grund für die etwas verzwickte Personallage im Mittelfeld. Als sich Javi Martínez beim Supercup im letzten Jahr einen Kreuzbandriss zuzog und Schweinsteiger Verletzungen von der Weltmeisterschaft mit nach Hause brachte, reagierten die Bayern mit dem etwas überraschenden Kauf von Alonso. Bei all der Kritik am 33-Jährigen muss man schon festhalten, dass er zumindest in der dominanten Hinrunde eine passable Aushilfe im zentralen Mittelfeld war. Auch David Alaba und Philipp Lahm hatten in der vergangenen Saison mit Verletzungen zu kämpfen. Thiago Alcântara arbeitete sich erst langsam nach seinen Knieverletzungen zurück. Alonso war derweil eine Konstante im zentralen Mittelfeld. Jetzt könnte er zu überflüssigem Ballast werden, sofern sich der Baske nicht wieder steigert.

Seine Schwierigkeiten, wenn er halblinks das Spielgerät auf seinen linken Fuß bekommt und mit dem Rücken zum Feld steht, wenn er direkt attackiert wird und seine mangelnde Pressingresistenz zum Vorschein kommt oder wenn seine diagonalen Zuspiele in die Breite vom Gegner antizipiert werden, können sich negativ auf die Sicherheit des bayrischen Spielaufbaus auswirken. Es kann nicht nach Guardiolas Geschmack sein, dass bereits die ersten drei oder vier der mindestens fünfzehn Pässe zum Risikofaktor werden.

Die Gegenpressingmaschine Javi Martínez ist derweil ein einziges Fragezeichen im Kader der Bayern. Einerseits bereiten ihm immer noch Kniebeschwerden große Sorgen, sodass er ein Jahr nicht in kompetitiven Partien mitwirken konnte. Um seine dominante Rolle als Ballfänger vor der Abwehr oder als Zentralverteidiger in einer Dreierkette ausfüllen zu können, braucht es also noch gewiss einige Zeit. Übrigens: Martínez halte ich ganz persönlich für einen besseren Sechser vor der Abwehr als Alonso, sofern Bayern mit einer Dreierkette spielt. Gerade wenn Holger Badstuber wieder auf die Beine kommen sollte und die zentrale Position in der letzten Linie übernimmt, braucht es keinen Sechser, der ständig nach hinten abkippt beziehungsweise im Minimalabstand vor den Verteidigern herumturnt. Badstuber kann sehr sauber von hinten aufbauen, Alaba ist stets in der Lage seine Vorstöße zu timen und Jérôme Boateng zerschneidet von halbrechts aus gegnerische Linien wie mit einem scharfen Messer. Martínez würde in diesem Setting lediglich weiterleitende Funktionen in der Passzirkulation übernehmen, aber gegen den Ball entweder seine Gegenpressingfähigkeiten einbringen oder gegebenenfalls tiefere Löcher im defensiven Umschalten besetzen.

Die Neuen

Ein Transfer stand bereits lange vor der Sommervorbereitung fest. Joshua Kimmich, vormals bei RB Leipzig, wechselte von seinem alten Stammverein VfB Stuttgart zu den Bayern. In der Leipziger Mittelfeldraute wurde Kimmich in den letzten beiden Saisons auf allen Positionen eingesetzt. Seine Paraderolle ist aber jene vor der Abwehr. Kimmich hat nicht die körperliche Präsenz eines klassischen Abräumers, ist aber sehr beweglich und geistig aufmerksam. Am Ball ist er enorm pressingresistent und deshalb im Sechserraum meist eine verlässliche Anspielstation. Er kann gekonnt für Überladungen sorgen, gerade wenn er auf einer offensiven Halbposition oder in einer Doppelsechs spielt. Seine Übersicht und sein Gespür ermöglichen zudem starke herausrückende Bewegungen im Pressing, wo er zum weiträumigen Abfangjäger mutiert. In diesem Punkt haben die letzten beiden Jahre bei der aggressiven Pressingmaschinerie von RB Leipzig geholfen. Dort musste Kimmich oftmals viel Raum hinter den vorderen Akteuren, die auf der Jagd nach dem Spielgerät waren, absichern.

Kimmich_JoshuaTrotzdem besteht bei ihm noch in vielen Aspekten Luft nach oben. Das betrifft beispielsweise seine Dribblings, aber auch seine Präsenz, wenn er nicht unbedingt als Schlüsselakteur fungiert. Bei der U21-Europameisterschaft in Tschechien lief Kimmich mehrmals an der Seite von Emre Can auf der Doppelsechs auf. Can war der Fixpunkt des Spielaufbaus, Kimmich eher ein Sidekick. Eine solche Rolle ist ebenso für seine Anfangsphase bei den Bayern denkbar. Doch dann muss Kimmich ein gutes Mittelmaß finden und darf nicht zu stark abtauchen. Als reiner Balancegeber wäre er tendenziell verschenkt.

Als spielmachender Rechtsverteidiger hingegen nicht. Philipp Lahm scheint wieder eine Option für diese Position zu sein. Aber Kimmich wäre ebenfalls als Rechtsverteidiger denkbar – nicht jedoch als glatter Linienläufer: Diagonale Läufe ins Mittelfeld, absichernde Bewegungen hinter Thiago und Co., herausrückende Bewegungen im Pressing. Das klingt nach einem passenden Profil.

Bleiben wir gleich bei der Frage nach dem passenden Positionsprofil. Douglas Costa, Bayerns Neuzugang von Shakhtar Donezk, hat sich in seiner noch jungen Karriere bereits als gefährlicher Flügelstürmer hervorgetan. Liest man allein den Steckbrief von Douglas Costa könnten gegebenenfalls Parallelen zu Robben hinein interpretiert werden. Immerhin spielt der 24-jährige Brasilianer als Linksfuß zumeist auf der rechten Seite, bewegt sich folglich schon auf natürliche Weise invers, aber Ähnlichkeiten mit Robben sind auf ein gewisses Minimum beschränkt. Also auch ein langfristiger Eins-zu-Eins-Ersatz ist eher auszuschließen.

Costa_DouglasIn Brasilien schaffte er seinen Durchbruch bei Grêmio Porto Alegre, wo er zur Saison 2008/2009 in die erste Mannschaft berufen wurde. Eineinhalb Jahre später erfolgte der Wechsel zu Shakhtar, die sich in den letzten Jahren immer wieder Brasilianer angelten. An sich geht es für Douglas Costa stetig bergauf. Nun im Alter von 24 und dreiviertel Jahren hat er einen Goalimpact von 123,86 aufzuweisen, was keineswegs überragend ist, sondern eher grundsolide. Allein passt dieses Attribut so gar nicht zu Bayern München in diesen Tagen.

Was zeichnet den Spieler Douglas Costa auf dem Rasen aus? Er ist ein ausgezeichneter Dribbler. Dabei kann der kleingewachsene Brasilianer sowohl ansatzlos aus dem Fußgelenk den Ball in alle möglichen Richtungen, aber tendenziell eher natürlich nach links, legen und seine Dynamik nutzen. Er wirkt so explosiv wie wenige andere Flügeldribbler – und damit viel zu explosiv für viele Gegenspieler. Douglas Costa kommt über seine kurze Beschleunigungsphase ins Rollen, weist dabei jedoch nicht eine sprintertypische Körperhaltung wie beispielsweise Pierre-Emerick Aubameyang auf, was seine Ballmitnahmen geschmeidiger macht. In statischen Szenen verhält er sich hingegen nicht immer optimal. Manchmal möchte der 24-Jährige dann zu einem recht aussichtslosen Dribbling einsetzen und geht etwas überambitioniert und überhastet vor.

Doch diese erwähnte Ansatzlosigkeit kommt nicht konstant zum Tragen. Denn hin und wieder deutet er aufgrund seiner Körperhaltung bereits das Einknicken nach innen an und gibt dem verteidigenden Spieler beziehungsweise der gegnerischen Hintermannschaft einen Hinweis. Interessanterweise sind Douglas Costas inverse Läufe nicht auf die Zone rund um den Strafraum beschränkt, sondern er zieht zuweilen auch kurz hinter der Mittellinie ins Zentrum und verteilt den Ball beispielsweise mit einem präzisen weiträumigen Pass auf die andere Seite. Er ist also nicht auf das Prädikat des Flügeldribblers beschränkt, sondern auch als Spielgestalter nützlich. Das kann für die Bayern von Interesse sein, wollen sie ihn vielleicht als falschen, vorgeschobenen Flügelläufer einsetzen.

2015-07-29_Costa-Ribery-Robben_Stats

Vergleich der Daten von Douglas Costa (orange) mit Ribéry (links) und Robben (rechts) in der vergangenen Champions-League-Saison

Also insgesamt bekommen die Bayern einen Flügeldribbler mit guter Ballverarbeitung bei hohem Tempo, einem gewissen Bewusstsein für spielgestalterische Elemente, und damit verbundene Bewegungsmuster abseits des bloßen Schienenlaufens auf der Außenbahn, sowie einen individualtaktisch talentierten Durchbruchspieler im letzten Drittel. Interessante Optionen könnten sich zudem ergeben, wenn Guardiola ihn als athletischen, aber geradlinigen Außenspieler auf links einsetzt, wie es bereits phasenweise während der ersten Vorbereitungsspiele zu sehen war. Denn die Verletzung von Franck Ribéry wirft zumindest Fragen auf, inwieweit der Franzose in der Hinrunde in Form kommt.

Vidal_ArturoDer Dritte im Bunde der hochkarätigen Neuzugänge ist Arturo Vidal, frisch gebackener Sieger der Copa América. Und eben jene Auftritte bei der chilenischen Nationalmannschaft offenbarten schon die immense Fähigkeitenpalette, die Vidal aus Turin mitbringt. Was kann er eigentlich nicht?

Mit Vidal hat Bayern einen Sechser, Achter, Zehner, Neuner geholt. Nicht zu vergessen, auf dem Flügel kann er ebenso auflaufen. Die NZZ betitelte dieser Tage ein Vidal-Porträt wie folgt: “Kampf statt Kurzpass.” Doch genau das ist ein Trugschluss in meinen Augen. Vidal kann sich in ein Guardiola-eskes Gebilde einfügen und tragend für die Ballzirkulation werden. Übrigens stellt der erwähnte Artikel genau diese Kontraste in der Debatte um Vidal dar.

2015-07-29_Chile-Vidal_Grundformation

Eine taktische Variante von Chiles Nationalmannschaft bei der letzten Copa América

Natürlich ist er kein Thiago, wenn es um die Spielgestaltung geht. Dafür ist Vidal aber dynamischer und durchbruchsstärker, sobald er in den Strafraum eindringt. Diese Läufe zeigte zuletzt Thiago immer wieder. Der Neuzugang von Juventus kann hier die Rollenverteilungen im Mittelfeld verändern. Thiago würde etwas tiefer spielen und dort über seine Pressingresistenz und exzellente Passwahl ins Geschehen eingreifen. Vidal wäre derweil der Box-to-Box-Achter, der er beispielsweise an der Seite von Jorge Valdivia häufiger in der Nationalmannschaft Chiles war. Als Zehner wiederum zeigte er bei Juventus einerseits seine Weiträumigkeit, indem er im defensiven 4-4-2 stets an die Seite von Andrea Pirlo rückte und dort viele Lücken schloss, und andererseits war er bei Chile in der Vergangenheit des Öfteren eine Art Falsche Neun oder vorstoßender Zehner. Denn Vidals Strafraumpenetration sollte in keinem Fall unterschätzt werden. Er kann auf engstem Raum kombinieren und, obwohl ihm sein hin und wieder hervorstechender Aktionismus als unruhigen Spieler wirken lässt, ist er eine sehr gute Ergänzung im bayrischen Mittelfeld. Hinzu kommt seine vorhandene Grundaggressivität, die seine dynamischen Pressingattacken insofern ergänzen, als dass er gegebenenfalls auch saubere Tacklings zur Balleroberung einsetzen kann. Immerhin war Vidal in puncto erfolgreiche Tacklings in der letzten Saison der viertbeste Spieler der Serie A.

Die Rückkehrer

In meinen Augen ist die Verpflichtung Vidals ganz besonders für einen jungen Akteur des FC Bayern ein schwerer Schlag ins Kontor: Pierre Emile Højbjerg. Seine Rolle in diversen Mittelfeldvarianten würde wohl am ehesten die eines laufstarken Lückenschließers mit guter Ballkontrolle sein. Zumindest erachte ich Højbjerg im Moment dort am stärksten. Genau wie Vidal wäre auch der Däne eine Art Schnittstelle zwischen dem weichen, kreativen, strategisch hervorragenden Passspiel der Münchener und einer gewissen Härte im Pressing sowie Gegenpressing und in der Zweikampfführung.

FC Augsburg in der Rückrunde 2015

FC Augsburg in der Rückrunde 2015

Højbjerg möchte sich in der kommenden Saison bei den Bayern endgültig etablieren und nicht wieder wie im letzten Winter an einen kleineren Klub verliehen werden. Wenngleich die Zeit beim FC Augsburg sein Profil, was kurz angerissen wurde, noch einmal schärfte, so ist es nun Zeit für ihn, in der ersten Mannschaft um einen festen Platz zu kämpfen. Genau wie Kimmich und auch dem stetig verbesserten Sebastian Rode könnten dabei gedrosselte Einsatzzeiten von Xabi Alonso oder vielleicht sogar Philipp Lahm helfen.

Ein anderer Rückkehrer ist Julian Green. Der US-Amerikaner verlor quasi ein Jahr beim Hamburger SV, wo er eher durch die Auseinandersetzung mit der sportlichen Leitung auffiel. Auf Green hielt noch vor kurzem nicht nur Nationaltrainer Jürgen Klinsmann große Stücke. Er wurde auch bei Bayern als einer der Nachfolger von Robbery ins Gespräch gebracht. Green besticht, wenn er in Form ist, durch seine Antrittsstärke und Agilität im Dribbling. Auf der linken Außenbahn kann er gegen die meisten Verteidiger bis zur Grundlinie durchbrechen und dann nach innen spielen oder eben selbst diagonal zum gegnerischen Tor gelangen. Allerdings haben sich die Bayern mit Douglas Costa erst einen Flügelspieler geangelt, der nicht nur diese Eigenschaften vereint, sondern sogar noch variabler einsetzbar und zugleich cleverer im Positionsspiel ist.

Der dritte Akteur, der nach einer Leihphase zurückkehrte, ist Jan Kirchhoff. Ganz genau, er gehört immer noch oder besser gesagt wieder zum Kader der Bayern. Große Chancen braucht er sich allerdings nicht auszurechnen. Aufgrund von Achillessehnenproblemen wird er zum Saisonstart auch unter keinen Umständen einsatzbereit sein.

Die Talente

Zudem scharren bereits weitere hochtalentierte Kicker mit den Hufen. Da hätten wir zunächst Phillipp Steinhart, der vom Innenverteidiger bis zum linken Flügelläufer irgendwie alles kann und am ehesten der neue Rafinha der linken Seite wird. Allerdings fehlen ihm in der Offensive schon gewisse Mittel, sodass Steinhart beispielsweise einem Juan Bernat (noch) nicht das Wasser reichen kann. Im Gegenzug wirkt er aber als interessante, wenngleich eher orthodoxe Option für die linke Halbverteidigerposition. Er kann keinesfalls einen Alaba ersetzen, aber immerhin eine relative defensive Stabilität schaffen. Steinhart sollte zumindest ab Sommer 2016 seine Chance in der ersten Mannschaft erhalten.

Ein anderer Youngster, der bisher noch nicht die Gelegenheit bekam, sich in der ersten Mannschaft zu beweisen, ist Niklas Dorsch. Bei der U17-Europameisterschaft in diesem Sommer galt er noch als große Hoffnung auf der Sechs, da ihm starke strategische Fähigkeiten in Kombination mit einem ausgewogenen, präzisen Passspiel nachgesagt werden. Leider verletzte sich Dorsch mit einem Wadenbeinbruch. In dieser Spielzeit dürfte der Weg nach oben im internen Ranking noch zu steil sein, aber in der Post-Alonso-Lahm-Ära könnte ihm eine gewichtige Rolle zukommen.

Selbiges gilt für Fabian Benko, der in den Vorbereitungspartien schon auf den Flügeln eingesetzt wurde. Der Offensivallrounder glänzte dabei mit seiner Tempostärke und frechen Dribblings. Wie so mancher 17-Jährige ging er ganz unbekümmert an die Aufgabe heran und überraschte auf Anhieb. Sicherlich wird auch er keine nennenswerten Einsatzzeiten in der ersten Mannschaft in den nächsten Monaten erhalten, aber Benkos Aktie steigt im Moment.

Bei einem anderen Hochtalentierten fällt die Aktie aktuell vielleicht etwas, was mir Sorgen bereitet. Die Rede ist von Gianluca Gaudino. Bereits im letzten Sommer hatte er vielversprechende Einsätze vor beziehungsweise zu Beginn der Saison. Aber die qualitative und quantitative Dichte im Mittelfeld lässt nicht viel Raum für einen aufstrebenden 18-Jährigen wie Gaudino. Natürlich könnten die Bayern ein Leihgeschäft in Betracht ziehen, was mir persönlich eher nicht gefallen würde. Denn ich glaube, dass Gaudino nur unter Pep Guardiola wirklich aufblühen kann, gerade wenn er im zentralen Mittelfeld weiterentwickelt werden soll. Gaudino ist die fleischgewordene Mischung aus grandioser Pressingresistenz und chronisch unterlegener Physis. Bei einem durchschnittlichen Bundesligisten hätte der schmächtige Kreativspieler wenig zu lachen. Und Daniel Baier hört beim FC Augsburg auch noch lange nicht auf…

Was die Bayern an quantitativer Stärke im Mittelfeld zur Verfügung haben, fehlt an sich im Sturmzentrum. Nach dem Abgang von Claudio Pizarro stehen auf dem Papier nur noch Robert Lewandowski und Thomas Müller zur Verfügung. Aber Guardiola wird natürlich genauso Mario Götze oder auch einen Arjen Robben für einzelne Einsätze in Betracht ziehen.

Sinan Kurt kam im vergangenen Sommer mit einigen Nebengeräuschen rund um seinen Wechsel aus Mönchengladbach in die bayrische Landeshauptstadt. Ohne realistische Chance auf viel Einsatzzeit neben Lewandowski und Co. wurde ihm die etwas unpraktische Situation im Übergang vom Jugend- zum Herrenfußball bei den Bayern zum Verhängnis. Denn die zweite Mannschaft spielt aktuell nur in der Regionalliga Bayern, also der vierthöchsten Klasse, wo es de facto häufig nur um das Umpflügen der Äcker im Freistaat geht. Diese Situation wird sich wohl mittelfristig mit Heiko Vogel als neuen Cheftrainer der zweiten Mannschaft ändern. Trotzdem schwebte Kurt in den letzten zwölf Monaten etwas im luftleeren Raum zwischen Profiteam und U19-Mannschaft. Und so wirklich überzeugende Auftritte hatte er bis jetzt unter Pep Guardiola noch nicht. Der kleingewachsene Angreifer fand sich dabei auf den Flügeln wieder und strahlte sicherlich einen gewissen Zug zum Tor aus. Nur genau wie im Fall von Julian Green gibt es einfach andere Flügelakteure, die ein größeres Set an Qualitäten offerieren.

Die Systemfrage

Für Guardiola sicherlich nur ein Telefonbuch, für uns jedoch stets eine gute Möglichkeit, um taktische Systeme zu veranschaulichen: Die Grundformationen. Die Varianz an Ordnungen, ob nun in Defensive oder Offensive, ist beim Katalanen der Traum jedes Taktikliebhabers. Zumal die Ausführungen in der Regel sehr gut ausgearbeitet wirken. Es stellt sich nun also die Frage, auf welche Grundordnungen Guardiola vornehmlich zurückgreifen wird. Oder zumindest ist es ein schönes Gedankenspiel vor dem Start der Saison.

2015-07-28_Bayern-41414-3-3/4-1-4-1: Diese Ausrichtung wirkt schon fast wie eine natürliche Option, wenn man sich den Kader anschaut und in Betracht zieht, dass Guardiola natürlich auch häufig auf Viererketten zurückgreifen wird. Die Situation in der Innenverteidigung ist klar. Für beide Außenverteidigerpositionen hat der Katalane mindestens jeweils zwei Spieler. Xabi Alonso passt in meinen Augen besser vor eine Viererreihe, weil er dort nach Lehrbuch abkippen kann. Die Außenverteidiger fächern daraufhin auf oder bewegen sich in die Mitte. Denn damit die beiden zentralen Verteidiger sowie Alonso Kontakt zum Mittelfeld bekommen, braucht es beispielsweise tiefer stehende Achter. Insbesondere Thiago mit seinen Nadelspielerfähigkeiten könnte sich hierbei anbieten, sofern die Zuspiele von hinten heraus empathisch genug erfolgen. Doch ebenso wäre ein situatives 3-2-2-3 denkbar, wo Spielertypen wie Alaba und Lahm von außen nach innen ziehen und dort die Passzirkulation weiter vorantreiben. Erst im letzten Drittel sollte optional in die Breite gespielt werden, wo natürlich Robben und Co. ihre individuellen Stärken für Durchbrüche nutzen. Andererseits könnten ebenso offensive Achter wie Vidal gegebenenfalls in die Breite gehen, was gegen typische 4-4-2-Verteidigungssysteme wahrscheinlich zur Folge hätte, dass zunächst die zweite gegnerische Reihe im Zentrum zum Zusammenziehen gezwungen wird, um dann wiederum eine halblange Verlagerung nach außen zu spielen. Im eigenen Gegenpressing würde sich die Kompaktheit in der Mitte zudem auf alle Fälle als Vorteil erweisen, was aber genauso für viele anderen Grundformationen gilt, da die Interpretation stets dahingeht, dass die entsprechenden Zonen zentral besetzt bleiben müssen. Das gilt übrigens auch für entsprechende Umformungen der 4-3-3-Grundformation, woraus beispielsweise die klassische Mittelfeldraute im 4-3-1-2 oder 4-1-3-2 werden könnte. Die Raute an sich offeriert natürliche Passwege durch flache Verteidigungsordnungen mit lediglich drei Linien. Zudem ist eine Umstellung während der Partie auf diese Formation denkbar, um die Verbindungen im Zentrum zu erhöhen, sofern Außenverteidiger wie Bernat mit einer hohen Arbeitsrate die Außenbahnen offensiv besetzen und zugleich defensiv absichern. Die herausrückenden Pressingbewegungen der Halbspieler sollten Guardiola derweil keine Kopfschmerzen bereiten. Zusätzlich hätte er die Möglichkeit im Dortmund-Stil auf ein 4-3-3-Mittelfeldpressing umzustellen und anzuordnen, dass der gegnerische Aufbau stets nach außen gelenkt werden sollte.

2015-07-28_Bayern-42314-2-3-1: Guardiola macht den Heynckes. Nein, ganz so ist es nicht. Aber selbst ein orthodoxes System – manche würden es als langweilig bezeichnen – gab es bereits in der Vergangenheit zu beobachten und es ist nicht auszuschließen, dass das auch in Zukunft wieder passiert. Wobei solche Auftritte wie einst im Rückspiel gegen den FC Porto doch mit sehr pragmatischen Ansätzen verfolgt wurden. Gegen individuell unterlegene Teams kommen beim 4-2-3-1, wie einst unter Heynckes, gerade Mannorientierungen zum Tragen. Der Anspruch Guardiolas, auf der Meta-Ebene gedacht, ist das aber keinesfalls. Im Vergleich zum oben beschriebenen Hereinkippen der Außenverteidiger würden in diesem System die Außenspieler geradliniger ausgerichtet sein. Zentral gäbe es beispielsweise eine klare Sechser-Achter-Aufteilung, wobei mir hier unter anderem Kimmich in den Sinn käme, auf dessen Schultern zunächst noch nicht zu viel Last liegen würde, der aber neben einem kreativen Akteur wie Thiago Balance- und Pressingfähigkeiten in die Waagschale werfen könnte. In diesen Punkten besteht bei Kimmich noch Verbesserungsbedarf, aber eine schlechte Figur würde er wohl trotzdem nicht abgeben. Genauso könnte er sich hin und wieder hinter den vorschiebenem Rechtsverteidiger fallen lassen, um aus dem Rückraum eventuell spielmachend einzugreifen. Dazu käme, dass nicht nur der rechte Außenverteidiger (Rafinha, Højbjerg oder Lahm) verstärkt aufrückt, sondern dass ebenso der Achter im Zentrum etwas höher stehen könnte, sofern Alaba wiederum die linke Außenverteidigerposition übernehmen würde. Denn der Österreicher hätte dann erneut die Möglichkeit zum Hereinkippen. Weiter vorn in der Formation stünden aufgrund der großen und hochwertigen Personalauswahl diverse Varianten zur Verfügung. Insbesondere ein Einsatz von Müller auf der nominellen Zehn würde eher ein 4-2-4 entstehen lassen. Diese Grundordnung raubte Guardiola nach dem Rückspiel gegen Real Madrid im Jahr 2014 noch lange den Schlaf. Denn im schlimmsten Fall wird man im letzten Drittel zu flach, verliert dadurch Verbindungen oder lässt den Ball wirkungslos um den gegnerischen Strafraum zirkulieren. Wie der katalanische Trainer selbst sagt, jeder darf sich in den Sechzehner bewegen, aber keiner sollte einfach in dieser Zone stehen. Insofern erscheint aber die Option Müller, natürlich genauso wie der spielstarke Götze, wiederum logisch. Denn wer kann besser als der Raumdeuter persönlich, die passenden Läufe wählen, vor allem wenn zudem Lewandowski typischerweise nach links ausweicht.

2015-07-28_Bayern-3433-4-1-2/3-4-3: Kommen wir nun zu den Dreierketten. Und beginnen dabei einmal in der Offensive. Denn von der Konstellation vorn würde viel abhängen. In der Vergangenheit waren bereits alle möglichen Varianten zu beobachten. Sprich ein Doppelsturm mit zum Beispiel Lewandowski und Müller und dahinter einem Zehner. Oder Lewandowski als Spitze mit Müller sowie Götze als Halbstürmer. Die letztgenannte Option funktionierte hervorragend beim 7:1 bei der Roma im letzten Jahr. Robben agierte dabei sogar als rechter Flügelläufer. Ähnliches könnte auch Douglas Costa spielen. Denkbar wäre auch ein 3-4-3 mit breiten Außenstürmern oder sogar die alte Chile-Aufteilung mit Vidal als vorstoßender Zehn hinter zwei breiten Angreifern wie Robben und Müller im 3-4-1-2. Die Alternative zu einem offensiven Flügelverteidiger wie Robben wäre die doppelte Flügelbesetzung im 3-4-3, wobei dann die beiden vorderen Außenspieler natürlich häufiger in den Zehnerraum oder in die Spitze rücken müssten. Ansonsten bestünde das Setup aus altbekannten Elementen. Bernat könnte durch sein Zurückfallen eine Viererkette gegen den Ball auslösen. Thiago würde beispielsweise halblinks sehr weiträumig pendeln, könnte aber auch weiter nach rechts ausweichen, wenn Alaba über den Halbraum nach vorn rücken würde. Die 3-4-Aufteilung hinter den Offensivkräften ist an sich nicht spektakulär und hinlänglich getestet.

2015-07-28_Bayern-33133-3-1-3: Anders sieht es da im 3-3-1-3 aus. Denn wer braucht schon Breite, wenn er genügend Dreiecke aufbietet, um die kompletten Mathematik-Klassen der Unterstufe damit zu beschäftigen. Was mir an dieser Formation imponieren würde, wären einerseits die klaren Ankerpunkte im Zentrum – von Manuel Neuer über beispielsweise Philipp Lahm bis hin zu Robert Lewandowski – die eigentlich allesamt eine passende Spielübersicht und das Gefühl für balancierende Bewegungen vereinen und andererseits die flexiblen Halbspieler, wobei Alaba, Vidal oder auch Müller natürlich gegebenenfalls auf die Außenbahn ausweichen würden. Daraus würden sich teilweise Ziehharmonikabewegungen entwickeln, die zu zahlreichen Umformungen beim Gegner führten. Doch genauso gut gingen viele Kombinationsmöglichkeiten glatt durchs Zentrum. Mannorientierte Gegner müssten mit einer Verengung der eigenen Defensivformation reagieren, würden aber in der Regel die Engenduelle verlieren. Bayern bündelt geballte Dribbling- und Nadelspielerkompetenz, garniert mit einer ganzen Reihe an cleveren Passstrategen. Insofern wäre es überhaupt nicht unwahrscheinlich, dass die Münchener in dieser Grundordnung entweder eine grandiose Ballzirkulation zum Laufen bekämen oder eben aufgrund der lokalen Kompaktheit in nahezu jeder denkbaren Situation über schier nicht durchdringbare Gegenpressingstrukturen viele offensive Umschaltangriffe kreieren könnten.

2015-07-28_Bayern-31423-1-4-2: Zu guter Letzt sollte eine Formation erwähnt werden, die Guardiola in der frühen Saisonvorbereitung gegen Internazionale ausprobierte. Interessanter als das offensive Potenzial und die Rochademöglichkeiten, die diese Grundordnung verspricht, war wohl die konkrete Ausführung im Spielaufbau. Denn Mehdi Benatia verharrte als eine Art Ausputzer hinter einer sich bildenden Dreierreihe mit Alonso, Alaba und Boateng. Man darf sich die Frage stellen, ob das mit einem gewissen Manuel Neuer im Tor notwendig wäre, aber die Idee bleibt nichtsdestotrotz interessant. Diese erste Aufbaureihe mit Alonso kann entweder kleine Kurzpasskombinationen ausspielen, wobei die beiden Flügelspieler etwas tiefer bleiben, um die gewöhnlichen Seitenverlagerungen Alonsos aufzunehmen oder aber Boateng sowie Alaba könnten sich nach außen bewegen und die Räume für die beiden Achter öffnen. Das entsprechende Aufrücken der offensiven Flügelakteure sowie ein situatives Zurückfallen der mobileren zweiten Spitze ließe eine enge Mittelfeldraute mit gleichzeitiger Breitengebung über die beiden Halbverteidiger entstehen. So wären recht einfach Überladungen auf den Flügeln möglich und man könnte die normalen Passrouten einer Raute nutzen. Selbiges wäre natürlich auch machbar, wenn beide Angreifer hochstehend auf einer Linie blieben. Allerdings ergaben sich bei Guardiolas erstem Versuch mit einem 3-1-4-2 auch Fragezeichen. Zum einen ließ man die defensiven Außenpositionen aufgrund des Aufrückens von Alaba und Boateng oftmals verwaist, was ein konterfokussierter Gegner mit steilen Zuspielen womöglich nutzt. Denn Benatia als letzte Absicherung dürfte sich eigentlich nicht nach außen ziehen lassen. Zum anderen wurde Alonsos mangelnde Pressingresistenz gegen Internazionale einmal mehr augenscheinlich. Hat der Baske nur einen Mann hinter sich und wird er entweder direkt gepresst oder werden seine Passwege nach außen antizipiert, kann das mächtig ins Auge gehen. Glücklicherweise gibt es genügend Alternativen zu Alonso: Martínez, Lahm, Kimmich…

Neues aus der Taktikstube

Werfen wir zum Abschluss noch einen kleinen Blick in die Werkstatt Guardiolas. Dort schuf er schon neue taktische Elemente wie den Halbraumlibero, der von Alaba nahezu perfekt verkörpert wird. Das Konzept dahinter ist simpel, der Effekt aber umso wirkmächtiger. Alaba dringt als Halbverteidiger durch eine Lücke nach vorn und versetzt so die verteidigende Mannschaft in eine missliche Lage, wenn sich ebenso der linke Sechser sowie der linke Flügelakteur etwas wegbewegen und ihre direkten Gegenspieler von Alaba wegziehen. Übernahm in der vergangenen Saison Xabi Alonso die linke Sechserposition, war die personelle Besetzung jedoch nicht optimal gelöst. Denn Alonso verharrt doch stärker in tieferer Stellung. Ein Typ à la Thiago hingegen kann genau die notwendigen raumöffnenden Läufe ausführen und Alaba den Vorstoß ermöglichen.

Agiert Bayern zudem mit einem offensiven Flügelverteidiger wie Robben auf der rechten Seite, erscheint die komplette Aufteilung recht asymmetrisch. Lewandowski kann nach links ausweichen und sich als vertikale Anspielstation anbieten. Den diagonalen Passkanal, von Alabas Position aus gesehen, besetzen wiederum zwei bis drei Spieler, die der Österreicher mit seiner Spielintelligenz im richtigen Moment ansteuern kann.

Eine passende Einbindung Alonsos oder auch Martínez’ ergibt sich, wenn sich der zweite, also der rechte Sechser in Richtung der Außenbahn bewegt. Daraufhin schiebt sein Nebenmann ins Zentrum, was zunächst wie ein ganz normaler balancierender Vorgang aussieht, aber doch Alaba sofort den Raum halblinks öffnet. Läuft zudem Bernat wiederum in seiner bekannten Art und Weise als Schienenspieler nach vorn, bekommt Alaba genügend Platz und Zeit. Normalerweise reagiert der Gegner sofort mit einer Umformung des eigenen Pressings in Richtung Alabas. Dieser ist jedoch in der Lage, die Überladung auf dem rechten Flügel zu nutzen und nach Abschluss der gegnerischen Verschiebung die passende Verlagerung zu spielen.
Bernats Aufrücken hingegen eröffnet Alaba zudem eine schnelle Alternative. Denn ein steiles Zuspiel auf Lewandowski, der sich direkt in der vertikalen Gasse aufhält, ermöglicht dann eine schnelle Ablage auf den linken Flügelläufer und die Möglichkeit zum Flügeldurchbruch. Selbstverständlich kann und wird sich situativ ebenso der Zehner in Richtung Lewandowski bewegen. Vor allem im Fall von Götze wirken anschließende Engendribblings recht vielversprechend.

2015-07-28_Bayern-Halbraum-Alaba

Bernat zieht seinen Gegenspieler mit und öffnet den Raum. Lewandowski bewegt sich aus dem Schatten der zentralen Mittelfeldspieler.

Neben Alaba haben die Bayern noch wenigstens einen weiteren Spieler im Kader, der theoretisch die Rolle eines Halbraumliberos ausfüllen könnte: Arturo Vidal. Um das Ganze dann auf die Spitze zu treiben, müssten schlichtweg Alaba und Vidal gemeinsam in der Dreierabwehrreihe auflaufen und die doppelte Halbraumpenetration als Waffe forcieren. Der eine tut dies als Ballführender, der andere als ballferner Balancespieler. Allerdings müsste sich in diesem Fall ein Sechser zur Absicherung nach hinten bewegen. Oder aber die rechte Flügelläuferposition wird beispielsweise von einem defensivstärkeren Akteur besetzt, der nicht weiträumig aufrückt, sondern in Vidals Rücken läuft.

2015-07-28_Bayern-Halbraum-Alaba-Vidal

Sowohl Alaba als auch Vidal können über die Halbräume vorrücken. Martínez beziehungsweise der Sechser ist eine absichernde Option. Der tiefere rechte Flügelläufer, in diesem Fall Kimmich, könnte ebenso in der Tiefe verharren.

Ein anderer Aspekt, der in der Bastelstube Guardiolas zu finden ist, wurde nun bereits erwähnt. Es betrifft Robbens Rolle als Flügelverteidiger, die aber genauso gut von Douglas Costa oder links von Ribéry ausgeführt werden könnte. Denn die offensive Ausrichtung ist gewiss spannend, wenn man zum Beispiel auf einen Mechanismus wie die rechtslastigen Überladungen in Kombination mit Alabas halblinken Vorstößen blickt. Doch eine andere spannende Facette ergibt sich mit inversen oder falschen Flügelläufern (inverted false wingbacks). Normalerweise werden gerade die äußeren Akteure, sofern ansonsten keiner nominell die Außenbahn besetzt, als sehr lineare Spieler eingesetzt. Doch sowohl die beiden Linksfüßer Robben und Douglas Costa auf rechts, als auch Ribéry als Rechtsfuß auf links können genauso gut mit diagonalen Bewegungen überraschen. Die Frage, die sich aber stellt, ist, inwiefern diese Läufe vom Rest der Mannschaft eingebunden und auch entsprechend beantwortet werden.

Es geht dabei übrigens weniger um Dribblings am Ball, als vielmehr um das Freilaufen – meist vor der eigentlichen Entwicklung des Angriffs. Ähnlich wie beim falschen Außenverteidiger wird versucht die gegnerische Pressingbewegung auszuhebeln. Dies kann geschehen, indem sehr schnell von hinten heraus auf den eingerückten Flügelspieler gepasst wird. Bevor zum Beispiel der vorderste Pressingspieler des Gegners wirklichen Zugriff auf den ballführenden Innen- oder Halbverteidiger entwickelt, erfolgt ein schnelles Zuspiel. Insbesondere Boateng, der den Laserpass in den letzten Jahren weiter kultivierte, hätte so die Möglichkeit einen konkreten Zielspieler zu fokussieren. Anders als beim falschen Außenverteidiger würde sich der falsche Flügelverteidiger in der Regel hinter die Mittelfeldlinie des Gegners bewegen.

2015-07-28_Bayern-inversFlügel_1

Robben rückt bereits an der Mittellinie ins Zentrum und bietet sich in der Gasse an. Optional kann sich der ballnahe Sechser, hier Lahm, nach außen bewegen, um die Bahn für den Pass zu vergrößern oder eine alternative Passoption anzubieten.

Folglich können ihn Linien schneidende Pässe vom Halbverteidiger erreichen, sofern dieser noch nicht direkt zugestellt ist. Optional bewegt sich der ballnahe Sechser noch nach außen, um entweder die Gasse zu verbreitern oder eben selbst den nächsten Pass zu erhalten. Eine andere effektive Maßnahme zur Nutzung des Flügelläufers würde infolge der Isolation des Halbverteidigers an der Außenlinie geschehen. Mit der Nutzung des richtigen Deckungsschattens sollte das bloße Einrücken allerdings nicht genügen. Vielmehr lockt der Flügelläufer erst den direkten Gegenspieler des Halbverteidigers in eine gewisse Verteidigungshaltung und im besten Fall verleitet er den ballnahen Außenverteidiger des Gegners noch dazu aggressiv herauszurücken, weil dieser seinen Gegenspieler verliert. Schlussendlich sollte sich eine kurze Überzahl im Halbraum ergeben, die Bayern mit Lewandowski und Co. für einen Schnellangriff nutzen kann.

2015-07-28_Bayern-inversFlügel_2

Alaba droht am Flügel isoliert zu werden. Der Flügelläufer vor ihm kann in diesem Fall nicht einfach in die Mitte rücken, damit er sich der direkten Manndeckung des Linksverteidigers entzieht, sondern er lässt sich im Halbraum zurückfallen.

Doch müssen überhaupt Außenbahnen besetzt werden? Was beim 3-3-1-3 als Grundformation bereits anklang, ist eine ernsthafte Überlegung wert. Blanke Flügel zugunsten einer kompakteren Besetzung der Halbräume beziehungsweise des Zentrums sind im defensiven Kontext keine Neuheit. Doch im Ballbesitz wird immer wieder die Breite gesucht, sobald es keine passenden Strukturen in der Mitte gibt oder es an Vertrauen in die eigenen technischen Fähigkeiten mangelt. Gerade Letzteres sollte bei den Bayern natürlich nicht der Fall sein. Nicht selten leben Teams davon, dass sie die gegnerische Mannschaft auf die Außenbahnen leiten und dort anschließend lokale Isolationen initiieren. Mit Hilfe der Seitenauslinie funktioniert dies selbstverständlich viel simpler und mit geringeren taktischen Mitteln als im Zentrum. Da die Münchener über hervorragende Akteure verfügen, die in Engen dribbeln können und anschließend diese Situationen geschickt auflösen, bietet sich der Zentrumsfokus an. Ein Halbverteidiger könnte von halbaußen den jeweiligen Spielzug mit einem Diagonalpass nach innen eröffnen und anschließend würden die Bayern nur noch situativ, als eine Art Notfalloption, nach außen rücken. Durch den Verzicht auf Flügelspieler werden zudem die orthodoxen 4-4-2-Verteidigungen mit den typischen Mannorientierungen vor Entscheidungszwänge gestellt. Außerdem sind diese Umformungen in eine verengte Grundordnung nicht unbedingt einstudiert und damit abgestimmt. Häufig werden die Mannorientierungen dadurch noch stärker. In diesem Moment kommen schnelle Positionswechsel, Raumöffnungen und engmaschige Dribblings ins Spiel.

Reißen wir kurz noch weitere Elemente an. Dabei kommt mir eine alternative Verwendung von Boateng in den Sinn. Bayerns Testspiel gegen Internazionale vor kurzem, als Alonso zentral vor der Abwehr agierte und Benatia den Ausputzer gab, war womöglich ein Fingerzeig, welche taktische Variante Guardiola unter anderem in Betracht zieht. In diesem Zusammenhang wäre Boateng als weiträumiger Sechser mit seinem großen Zugriffsradius denkbar. Anders als Alonso ist der 26-Jährige allein aufgrund seiner Athletik und technischen Fertigkeit pressingresistent und kann notfalls das Spielgerät mit seinem Körper abschirmen. Doch viel interessanter wären Boatengs Bewegungen gegen den Ball beziehungsweise zur Absicherung der vorstoßenden Halbverteidiger. Denn er wäre passend, um Alaba sowie Vidal über die Halbräume aufrücken zu lassen. Andererseits kann Boateng in etwas höherer Positionierung zur Waffe im Gegenpressing werden. Ähnlich wie einst Javi Martínez hätte er die Möglichkeit, mit richtigem Timing herauszurücken und frühe Ballgewinne zu erzwingen. Allerdings wäre dies natürlich recht gefährlich, wenn er im gleichen Atemzug die beiden Halbverteidiger absichern müsste. Insofern wäre nur das eine oder das andere möglich. Aber Boateng als Sechser, der zudem im Ballbesitz hin und wieder bis in den gegnerischen Strafraum vordingen würde, sollte keine Utopie sein.

2015-07-28_Bayern-Boateng-Sechs

Die Bayern drohen in aufgerückter Position den Ball zu verlieren. Sie stehen dabei recht flach im Angriffsdrittel und ballnah gibt es nahezu keine Gegenpressingmöglichkeiten. In diesem Fall würde der große Zugriffsradius von Boateng auf der Sechs helfen.

Ähnliches gilt für Arturo Vidal und die Zehner-Neuner-Hybridrolle. Der Chilene hat bereits bei La Roja eine solche Position ausgefüllt. In der jüngeren Vergangenheit übernahm dies aber eher Valdivia, der jedoch klassischer als Zehn agiert. Vidal hingegen könnte im offensiven Zentrum effektive Läufe einstreuen und wäre auch als Ballverteiler im Sechzehner brauchbar, wie er bei Juventus unter Beweis stellte. Vidals dynamische, teils aber auch wilde Art vereint Pro- und Kontrapunkte, die seine theoretische Effektivität in dieser Rolle abbilden. Wenngleich er mit seiner Spielweise für Durchschlagskraft und auch Raumöffnungen in der Mitte sorgen kann, stimmt sein Timing bei diesen vertikalen Läufen nicht durchgängig. Hin und wieder neigt Vidal zu aktionistischem Verhalten, was im schlimmsten Fall dazu führt, dass die Verbindungen zum Mittelfeld abreißen würden und er sich unnötig selbst isoliert. Nichtsdestotrotz ist die Vidalsche Neun mit entsprechendem Training von Guardiola eine interessante Möglichkeit, um Partien auch ohne Lewandowski in der Startelf zu bestreiten. Da die Münchener zudem über spielstarke und flexible Flügelstürmer verfügen, die sich sowohl von ganz außen als auch eingerückt vor Vidal positionieren könnten, ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Theorie in der kommenden Spielzeit noch in die Praxis umgesetzt wird.

Zum Schluss geben wir doch einmal den Begriff Raumdeuter in die Suchmaschine ein. Nicht gerade verwunderlich taucht sofort das Bild eines jungen Mannes auf, der vielleicht diese Rolle im Fußball nicht erfand, aber in den letzten Jahren anscheinend salonfähig machte. Sprechen Experten oder auch einfach nur interessierte Fans über Thomas Müller, so können sich die Wenigsten ein paar flapsige Sprüche über seine dünnen Beine, über seine teils ungelenke Art oder sein nicht unbedingt herausragendes Tempo verkneifen. Müller ist vielleicht manchmal die Slapstick-Version eines Weltklassefußballers – aber er ist ein Weltklassefußballer. Und zugleich ist Müller der Schleicher schlechthin. Jemand, der vor allem abseits des Balles die freien Räume perfekt liest, der Laufwege erkennt und im besten Fall unter dem Radar des Gegners entlang fliegt. Jedoch geht er im zumeist ultradominanten Ballbesitzsystem hin und wieder unter. Unter Heynckes mutierte Müller zum nahezu perfekten Diagonalläufer, der aber auch vor sich genügend Platz aus der offensiven Dreierreihe heraus fand.

Als Alternative wäre in meinen Augen sogar eine Rolle als schleichender, raumdeutender Achter unter Guardiola vorstellbar. An der Seite von Thiago, der jeweils auf der stärker fokussierten beziehungsweise überladenen Seite den Gegner auf sich zieht und folgerichtig Räume für Müller öffnet, erscheint dies nicht komplett unrealistisch. Rein vom taktikpsychologischen Aspekt her gibt es immer wieder Teams, die sich vornehmen, Bayern aggressiv und hoch zu pressen. Immerhin hat selbst der deutsche Ligaprimus dabei ab und zu Probleme. Allerdings wird dieses Pressing nicht bis zum Äußersten durchgezogen. Vielmehr verharrt die letzte Abwehrlinie vergleichsweise tief, um unter anderem eine Absicherung gegen Schnittstellenpässe zu bieten. Ziehen die Münchener also den Gegner auf eine Seite, öffnen sich fast automatisch Räume im gegenüberliegenden Halbraum. In diesem Fall wird zum Beispiel ein vorstoßender Halbverteidiger zur wichtigen Waffe, weil er diese freie Zone besetzen beziehungsweise anlaufen kann. Jedoch könnte der eigentlich ballferne Halbverteidiger genauso ins Zentrum kippen, um wiederum eine vermeintliche, kurze Anspielstation zu imitieren und somit den Gegner zu manipulieren, indem Raumdeuter Müller das eigentliche Ziel ist. Man sollte meinen, dass diese Aufgabe doch jeder übernehmen könnte, aber Timing und Gespür für den richtigen Lauf, sodass die Verteidiger auch nicht auf die Falle aufmerksam werden, vereint vor allem Müller.

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Viele Spieler versammeln sich auf der rechten Seite. Alaba rückt im Halbraum nicht einfach auf, sondern bewegt sich ebenso in Richtung des Pulks. Müller entfernt sich von der flachen Abwehrreihe des Gegners.

Ein zweiter Punkt, der für ihn spricht, deutet auf seine Fähigkeit hin, quasi im Pulk zu verschwinden. Befindet sich ein tiefer Ballführender in offener Stellung zum Feld, so gibt es die breiten Anspielstation mehr oder weniger in der Peripherie, die offensichtlichen Passoptionen auf dem kurzen Weg direkt vor ihm und die weiträumigen in längeren Gassen am anderen Ende der Formation. Der raumdeutende Achter hingegen könnte sich im Rücken der Sechser oder auch hinter den kurzen Anspielstationen verstecken. In diesen Momenten strahlt er angeblich überhaupt keine Gefahr aus. Doch wenn die anschließenden Bewegungen gut antizipiert werden oder zuvor gut einstudiert wurden, dann können so blinde Pässe in scheinbar verwaiste Räume erfolgen und ankommen.

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Wen soll Boateng denn hier anspielen? Er könnte den kurzen Weg zu Thiago wählen oder aber steil auf Robben oder Vidal passen. Wo ist eigentlich Müller abgeblieben?

Fazit

Natürlich sind hier viele Gedankenspiele enthalten, die entweder durch bereits bekannte Beispiele inspiriert wurden oder aber noch rein theoretischer Natur sind. Abgesehen davon hoffe ich, dass der Text als gute Einstimmung auf die dritte Guardiola-Saison Bayern Münchens dient. Der Kader ist selbst ohne Schweinsteiger phänomenal und bietet für einen taktischen Tüftler wie Guardiola derart viele Möglichkeiten, dass man sogar aufpassen muss, nicht die Übersicht zu verlieren.

Wieso der BVB gerade so geil ist

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Borussia Dortmund ist wieder da – und zwar in einem Stil wie nie jemand zuvor. Was Thomas Tuchels Mannschaft zur Zeit einzigartig macht und wieso die Offensive plötzlich überragt.

Nach der Ära Klopp und zwei Jahren mit einigermaßen schwerwiegenden taktischen Defiziten übernahm Thomas Tuchel vor drei Monaten das Ruder bei den Schwarzgelben aus Dortmund. Sein erklärtes Ziel war, die alten Stärken beizubehalten und im Spiel nach vorne klare Fortschritte zu machen. Am 3. Spieltag grüßt der BVB wieder von der Tabellenspitze, hat in 8 Pflichtspielen 30:6 Tore erzielt, alles gewonnen und begeistert wieder.

Besonders beeindruckend dabei: Dortmund spielte bisher ausschließlich gegen Gegner, die sich mehr oder weniger hinten rein stellten. Alle versuchten es mit dieser Strategie, die angeblich „für jeden unangenehm“ ist und die immer wieder „zum Geduldsspiel“ wird. Die Strategie, die normalerweise immer die Lösung sein soll gegen extrem dominante Mannschaften. Aber der BVB hat sie bisher alle dominiert und abgeschossen.

Dabei folgt die neue schwarzgelbe Spielweise im Grunde einer alten Spielverlagerung-Weisheit: „Der Ballbesitz ist als Philosophie überschätzt, aber als Werkzeug unterschätzt.“. Der BVB hat Elemente des Juego de Posicion übernommen und hat meist hohe Ballbesitzanteile (zwischen 60 und 70%, keine barcahaften 75-80%). Aber sie spielen nicht „auf Ballbesitz“. Sie spielen einfach bei Ballbesitz sehr gut.

Das neue Positionsspiel

Das aktuelle Grundsystem der Borussia bei eigenem Ballbesitz.

Das aktuelle Grundsystem der Borussia bei eigenem Ballbesitz.

Die Basis der rapiden Weiterentwicklung in diesem Bereich ist das systematischere Bewegungsspiel. Besonders in den ersten beiden Aufbaulinien verhalten sich die Borussen sehr gut strukturiert und positionieren sich mit viel Weitblick. Das ‘Juego de Posicion’ von Pep Guardiola, bei dem Tuchel in seinem Sabbatical ja hospitierte, dürfte die entscheidende Inspiration dafür gewesen sein und findet sich besonders im Verhalten der Sechser wieder.

Diese bewegen sich auf den zentralen Verbindungspositionen deutlich zurückhaltender als noch unter Klopp, wo es sehr viele, weiträumige Freilaufbewegungen gab, die in manchen Phasen – vor allem mit Gündogan und Kehl – balanciert und effektiv waren, in anderen Phasen jedoch hektisch und schlecht eingebunden, was dann zu unguten Strukturen, Verbindungsproblemen und letztlich fehlender Präsenz im Zentrum führte.

Überhaupt ist der strategische Fokus nun systematisch auf das Zentrum ausgerichtet. Die Flügel werden in der Ballzirkulation lediglich als Ausweichposition verwendet, wenn der Gegner sich stark im Zentrum zusammenzieht, und anschließend wird der Ball über klare Dreiecke wieder ins Zentrum zurückgebracht. Das war unter Klopp in den besten Phasen auch so, aber eben nicht immer und auch nicht ganz so sauber und konstant. Das frühe Anspielen der Flügel mit folgenden linearen Angriffen entlang der Seitenlinie gibt es – zurecht! – nicht mehr.

Flexibilität im Hybridsystem

Die Ballzirkulation durch die Positionen ist umso effektiver, da die Positionen selber eine gewisse Anpassungsfähigkeit haben. Mit einem recht simplen Kniff gelang es Tuchel, dass seine Spieler ihre Struktur unkompliziert und effektiv an die Situation anpassen können.

Bisschen seltsames Zeug im Pokal. Aber das war ein wichtiger erster Ansatz.

Bisschen seltsames Zeug im Pokal. Aber das war ein wichtiger erster Ansatz.

Nachdem in der Vorbereitung noch zwischen 4-3-3 und 4-2-3-1 gewechselt wurde, wurden mit dem Pokalspiel die beiden Systeme verschmolzen. In der ersten Hälfte gegen Chemnitz sah das im Angriffsdrittel noch ein bisschen unbeholfen aus, da auch die Angriffspositionen noch relativ stark gehalten wurden und dabei schlecht verbunden waren. Castro und Mkhitaryan ballten sich halblinks, Aubameyang und Reus nahmen Stürmerrollen halbrechts ein – siehe Grafik.

In der zweiten Halbzeit wurden dann die Flügelpositionen getauscht und gegen Gladbach gab es dann freiere Bewegungen in der Offensive, die vor allem zonal und nicht positionell organisiert waren – gleich mehr. Wichtig war außerdem, dass Kagawa auf die halblinke Achter-Zehner-Position kam. Er brachte eine etwas freiere und aktiver verbindende Spielweise in diese sehr vielfältige Rolle ein. Während Castro eher auf halblinks festgelegt war, rochiert Kagawa häufig durch die ganze Offensive wie ein Zehner und hält sich eher bei situativem Bedarf an die Achterposition. So sind es tatsächlich eher zwei Systeme, die im Wechsel gespielt werden, und nicht so sehr ein festes (nur eben asymmetrisches) System. Das führt zu einer guten Anpassungsfähigkeit, nicht nur schematisch sondern auch strategisch.

Die diagonale Achse Gündogan-Hummels

Hummels kommt von links…

Die horizontale Ballzirkulation in den hinteren Linien kann dann von allen Seiten aus nach vorne getragen werden, auch weil das System hervorragend an das Personal angepasst ist: Durch die nach rechts hängende Doppelsechs kann Gündogan von rechts in seiner typischen Art das Spiel diagonal ins Zentrum ankurbeln. Die Innenverteidigung ist oft etwas gegen die Sechser verschoben, Hummels nimmt also auf links eine relativ breite Position ein. Wenn der Gegner dann versucht, das Zentrum zu versperren – wie Gladbachs eng agierende Doppelspitze – wird er einfach von halblinks und von halbrechts mit herausragenden Pässen zugeballert.

Die diagonale Ausrichtung ist dabei eine zusätzliche Erschwernis für die meisten Pressingsysteme, die üblicherweise horizontal und vertikal angelegt sind, wie schon an anderer Stelle ausführlich dargelegt. Dementsprechend hatte der BVB bisher auch die größten Probleme in Norwegen, als Odds BK sich auf die diagonalen Passwege fokussierte. Die Stürmer agierten sehr breit vor der Mittelfeldkette, sodass die Pässe vertikal aus dem Zentrum hätten kommen müssen. Das konnte Bender nicht liefern und wurde dann mit der Einwechslung Weigls besser.

…und Gündogan von rechts.

Interessant ist dabei auch, dass Gündogan meist innerhalb seiner Zone nach außen ausweicht, anstatt wie früher auf die Außenverteidiger-Position herauszukippen. Er schiebt dann nach außen in den Halbraum, sodass der Gegner keinen Zugriff mehr aus dem Zentrum hat, gleichzeitig bleiben die eigenen Verbindungen aber weitestgehend bestehen. So wird der Vorteil des Herauskippens simpler erzeugt, Gündogan kann seine Pässe aus einer höheren Grundposition spielen und hat in der Folge mehr Präsenz im Kombinationsspiel und Gegenpressing.

Der Vorteil der asymmetrischen Positionsstruktur

Diese diagonal angelegte Asymmetrie half aber nicht nur in Bezug auf die Spielerfähigkeiten, sondern unterstützt auch wieder die Anpassungsfähigkeit im Positionsspiel. Wenn die – symmetrisch angelegten – gegnerischen Defensivsysteme versuchen, die Borussen auf einer Position zu isolieren oder zuzustellen, kann sich der isolierte Spieler intuitiv in ein Loch freilaufen und die abbrechende Verbindung kann harmonisch wiederhergestellt werden. Wenn beispielsweise Hummels seitlich angelaufen wird, kann er sich etwas breiter positionieren und aufrücken, dann kann Weigl in das entstehende Loch zurückfallen und Gündogan schiebt auf die zentrale Sechserposition.

Das funktioniert alles recht spontan und dadurch vielfältig und komplex, ohne zu fordernd zu sein. Gegen Gladbach gab es sogar Abkippbewegungen von Kagawa auf die Linksverteidiger-Position – und die waren sinnvoll. Wenn man in einer symmetrischen Struktur mit gleichmäßigen Abständen solche anpassenden Bewegungen versucht, führt das immer wieder zu, dass man den Gegner dabei einfach mitzieht, Mitspieler zuläuft oder dass Verbindungen abbrechen. Durch die Asymmetrie entstehen viele Zwischenpositionen und dadurch intuitive Möglichkeiten, Ausweichbewegungen auszubalancieren und wieder ein sauberes Positionsnetz zu schaffen.

Linker Halbraum größer alles

Kleiner Kniff übrigens: Dieser Artikel ist aufgebaut wie ein BVB-Angriff. Aus der tiefen Ballzirkulation kommen wir über das defensive Mittelfeld nun in die Offensivräume – und bevorzugt dann erst mal in den linken Halbraum. Den hat Tuchel nämlich zum Hauptspielplatz ausgerufen, was aus diversen Gründen schlau ist (und übrigens auch unter Klopp oft – in anderer Form – so praktiziert wurde).

Wieso der Halbraum grundsätzlich die vielleicht wertvollste Offensivzone ist, hat Kollege RM in aller Ausführlichkeit schon argumentiert. Für einen Rechtsfuß ist dementsprechend der linke Halbraum die tollste Zone. Und die BVB-Offensive besteht zur Zeit ausschließlich aus Rechtsfüßern. Mkhitaryans Distanzschuss-Treffer am Donnerstag sei als ein Musterbeispiel für diesen Faktor genannt. Auch beim Eindringen in den Strafraum – mit und ohne Ball – sind die Abschlusswinkel passender.

Halbraumüberladung gegen Gladbach (Mit Klick auf’s Bild geht’s zur Analyse.)

Im Kombinations- und Passspiel ist das aber noch entscheidender. Besonders Kagawa ist halblinks bedeutend stärker als halbrechts; passend also auch, dass seine Präsenz dort durch die Hybridrolle noch gefördert wird. Dort findet er nun auch mehr Partner für das Kombinationsspiel; gleiches gilt für Mkhitaryan. Die beiden werden nicht mehr so häufig in isolierten Situationen oder gar an der Seitenlinie angespielt, um Einzelaktionen zu starten, sondern haben viel mehr Kontext, Komplexität und Zusammenspiel um sich herum. Das ist das, was ihrer Natur entspricht. (Zudem sind beide viel häufiger in Strafraumnähe eingebunden, da die Überwindung des Mittelfelds nun von Weigl, Positionsspiel und Co. übernommen wird, was wohl der wichtigere Faktor bei ihren verbesserten Scorerwerten ist.)

Zudem passt der Halblinksfokus zu den Außenverteidigern. Nach einer Verlagerung ist der rechte Außenverteidiger – mit Piszczek also der durchschlagskräftigere – in einer relativ isolierten, offenen Situation, was seinen Fähigkeiten entgegenkommt. Schmelzer hingegen wird seltener ohne direkte Unterstützung angespielt, sondern direkt mit leicht zu verarbeitenden Flachpässen an die Strafraumseite geschickt, wo er dann eine kurze Distanz zum Tor hat und die Mitspieler etwas näher bei sich.

Die Strukturgeber

Neben der systematischen Basis für diese flexible Spielweise ist aber auch das Personal beim BVB hervorragend dafür geeignet. Besonders Gündogan, Weigl und Mkhitaryan haben außergewöhnliche taktische (und nebenbei auch technische) Fähigkeiten, die sie zu Eckpfeilern des Systems machen. Gündogan hat sich vor allem in der Saison 2012/13 als überragender Verbindungsspieler unter Beweis gestellt, der eine Mannschaft nicht nur antreiben sondern gleichzeitig auch ausbalancieren kann. Auch Mkhitaryan und Weigl sind außergewöhnlich gut im Schaffen von Verbindungen.

Mkhitaryan wittert die Isolation, geht in den Zwischenraum und öffnet damit das Spiel wieder für die folgende Verlagerung. Interessant auch wie Weigl und Kagawa zuvor auf Hummels' Vorstoß reagieren und dass Gündogan durch das Positionsspiel den Flügelspieler von Ginter wegzieht.

Mkhitaryan wittert die Isolation von Hummels, der in Unterzahl gestellt wird, geht in den Zwischenraum und öffnet damit das Spiel wieder für die folgende Verlagerung. Effektiv werden durch diese simpel wirkende Ablage sechs Gegenspieler überspielt! Interessant auch wie Weigl und Kagawa zuvor auf Hummels’ Vorstoß reagieren und dass Gündogan durch das Positionsspiel den Flügelspieler von Ginter wegzieht.

Mkhitaryan kann seine strukturelle Intelligenz nun perfekt einbringen; die gute und doch flexible Ballzirkulation in Verbindung mit der relativ spontanen Überladungsstrategie in der Offensive schaffen ihm einen passenden Rahmen und ermöglichen ihm zugleich Freiheiten. Er verhindert Isolation durch strukturelle Löcher und bindet dabei extrem viele Gegenspieler. So schafft er im ganzen Mittelfeld permanent Raum für seine Mitspieler und balanciert außerdem die weniger strategisch angelegten Bewegungen von Kagawa.

Eine Spielmacher-Dreierkette steuert auf den überladenen Halbraum zu. Mkhitaryan bildet ein großräumiges Dreieck mit den beiden Strukturgebern dieser Kette. Hummels hat quasi neben diesem Dreieck eine Freirolle. Oft gab es diese Dreierkette übrigens sogar auf einer Höhe mit Sokratis als eine Art Libero dahinter.

Die Grundstruktur passt: Eine Spielmacher-Dreierkette steuert auf den überladenen Halbraum zu. Mkhitaryan bildet ein großräumiges Dreieck mit den beiden Strukturgebern dieser Kette. Hummels hat quasi neben diesem Dreieck eine Freirolle. Oft gab es diese Dreierkette übrigens sogar auf einer Höhe mit Sokratis als eine Art Libero dahinter.

Weigl hat sich als Schnellentwickler herausgestellt. Während er bisher eher als antreibender, sehr aktiver und dribbelnder Achter oder als ankurbelnder Spielmacher unterwegs war, hat er in Dortmund sehr schnell in eine neue Funktion hineingefunden. Im Grunde hat er die Busquets-Rolle inne als hundertprozentig zuverlässiger Kontrollspieler im Epizentrum des Spiels. Er hält die gegnerische Pressingstruktur unter Kontrolle, agiert als Anker zwischen den Zonen und bestimmt passiv den Rhythmus. Seine Entscheidungsfindung im Pressing und Gegenpressing, sowie sein individualtaktisches Verhalten sind in kurzer Zeit bedeutend sauberer geworden.

Dass diese drei Schlüsselakteure positionell um den offensiven Ballungsraum herum formiert sind, macht das ganze sicher noch effektiver. So bilden sie ein balancierendes und verbindendes Netz, dass sich quasi um das ganze Spiel herum legt, während es aber dennoch ziemlich dicht ist. So eine Wurzel kann viele Äste tragen. (Ein bisschen erinnert die Struktur ja schon an den FC Barcelona, wenn Iniesta links agierte und Busquets mit Xavi das Zentrum kontrollierte…)

Spielmachen ist das beste Gegenpressing

Durch die permanente Strukturiertheit und Balanciertheit – Moment, das will ich hier kurz mal übersetzen: Strukturiertheit heißt in diesem Zusammenhang vor allem, dass sehr viele Verbindungen zwischen den Spielern bestehen, viele Dreiecke und damit viele Möglichkeiten zusammenzuarbeiten. Spieler werden nicht im Zweikampf isoliert, sondern bekommen sofort Unterstützung. Balanciertheit heißt, dass dabei auch das Feld so abgedeckt wird, wie es zur Situation passt; dass die Abstände untereinander stimmen, ausreichend Spieler in Ballnähe sind, positionelle Löcher nicht bespielbar sind, dass man nicht zu hoch oder zu tief steht.

Diese beiden Faktoren also, die wohl die entscheidendsten Faktoren bei eigenem Ballbesitz sind, führen dazu, dass die Borussen auch im Moment des Ballverlustes sehr stabil sind. Sie haben eigentlich immer sofortigen Zugriff im Gegenpressing, da sie das Feld beherrschen. „Strukturdominanz“ haben wir zuletzt mal intern verwendet: Die dominantere Struktur haben und dadurch das Spiel dominieren. Das macht der BVB.

Nennen wir es Kontrollraumanalyse: Der BVB hat dominanten Zugriff auf fast alle Räume.

Nennen wir es Kontrollraumanalyse: 14. Minute im Rückspiel gegen Odds, der BVB hat dominanten Zugriff auf fast alle Räume. Der einzige Freiraum ist im Deckungsschatten, die anspielbaren Sechser könnten vom dichten Netz sofort gepresst werden. Man beachte die Abstände und Dreiecksbildung zwischen den Dortmunder Spieler: Nirgendwo stehen mehr als drei Borussen in der gleichen Linie. Zwischen benachbarten Spielern ist ausnahmslos eine Distanz von cirka 10 bis 20 Metern.

Durch die gute Besetzung und Bespielung der Räume muss sich der Gegner zurückziehen und ist dann von den Borussen umstellt. Wenn der Ball nicht kontrolliert erobert wird – was sehr schwer ist -, sondern im Zweikampf oder nach einer Klärungsaktion wegspringt, landet er meistens sofort wieder bei einem Dortmunder. Ansonsten ist zumindest einer in der Nähe, der sofort Druck machen kann. Weitere sind gut gestaffelt dahinter, versperren Passoptionen und setzen nach verlorenen Zweikämpfen nach.

Stell dir vor, du bist hier der FC Ingolstadt, gewinnst den Ball und musst dann da rauskommen…nur geil, wenn man wirklich sehr, sehr gegenpressingresistent ist. PS: LINKER HALBRAUM!!! (Spielanalyse wieder per Klick auf’s Bild!)

Ich schreibe im Bezug auf den ersten Umschaltmoment gerne davon, dass die Kontermannschaft sich „aus der Umklammerung befreien muss“. Das ist natürlich umso schwerer, je fester die Umklammerung ist. Je enger man zusammengedrückt ist und je weniger Lücken das Gitter hat, aus dem man entflüchten muss, umso schwerer kommt man raus.

Das Gitter, das der BVB um den Ball spannt, hat zur Zeit kaum Schwachstellen. Der Gegner wird durch das Positionsspiel ins Gefängnis gepackt. Jürgen Klopp mag zwar Recht gehabt haben, als er sagte, das Gegenpressing sei der beste Spielmacher, aber gleichzeitig gilt auch: Das Spiel zu machen, ist die beste Voraussetzung für Gegenpressing. Wenn man es richtig macht.

Stabile Positionsstruktur als Gegenpressingnetz

Ein unscheinbarer aber nicht zu unterschätzender Effekt der asymmetrischen Positionsstruktur ist in diesen Momenten außerdem die Raumaufteilung und daraus resultierende Rollenverteilung in der Ballrückeroberung: Vor allem Schmelzer kann seine Genialität im Gegenpressing voll einbringen, da er die offene Zone neben Weigl dynamisch zupressen kann. Wenn der Gegner sich aus der Überladung halblinks lösen kann, wird er förmlich in dieses Loch hineingesogen – und dann kommt Schmelzer und das war’s.

Wer Schmelzer umgehen will, wird auf Weigl gedrückt, der von Gündogan abgesichert ist. Alternativ muss man vertikal spielen, wo Hummels dann seine Antizipation im Herausrücken einbringt und direkt gefährlich den Gegenkonter einleiten kann. Dabei wird er auf der Innenseite von Weigl abgesichert und in der Tiefe vom schnelleren Sokratis.

Angriffsfußball als taktisches Konzept

Ballzirkulation, Eindringen in die Offensivräume, Absicherung der ganzen Geschichte durch das Gegenpressing und nun zur Pointe der Geschichte: Das Angriffsspiel der Borussen ist zur Zeit eine Augenweide. Und auch das hat taktische Gründe. Ich behaupte sogar, dass es noch nie eine Mannschaft gab, deren offensive Durchschlagskraft auf diesem Niveau so wenig von individuellen Fähigkeiten abhing wie bei der Borussia zur Zeit.

Selbstverständlich sind Technik und Co. immer die Basis aller offensiven Aktionen, aber der Weltfußball schlussfolgert oftmals falsch: Daraus kann man nicht ableiten, dass Durchschlagskraft keine taktischen Aspekte hat. Es gibt gegen jede Art der defensiven Organisation eine Reihe offensiver Antworten. Dass diese Antworten kaum diskutiert und gesucht werden, führt dazu, dass sie von fast niemandem auf der Welt fokussiert werden. Tuchels BVB liefert gerade im Sturmlauf eine Gegendemonstration ab.

Kollektives Movement, kohärenter Rhythmus

Anstatt sich nur auf spontane Ideen zu verlassen, wird zum einen ein guter Rahmen für die Kreativität der Individualisten geschaffen. Neben der permanenten Unterstützung, die in Ballnähe gegeben wird, versuchen auch die anderen Offensivspieler Bewegungen anzubieten. Sobald man mit dem Ball in den gegnerischen Block eindringt und dort einigermaßen Kontrolle hat, werden Läufe gestartet; kreuzend, in die Tiefe, ausweichend. Immer wieder werden dadurch Löcher geschaffen und wieder besetzt.

„Am meisten freut mich, dass wir auch in der zweiten Halbzeit in unserem Rhythmus geblieben sind.“
– Marco Reus nach dem 7:2 gegen Odds BK

So kann sich der Gegner nicht auf einen Spieler oder den Ball konzentrieren, sondern muss sich permanent umordnen und umorientieren. Immer wieder entstehen dadurch kleine Dynamikvorteile und Ungenauigkeiten im gegnerischen Stellungsspiel, die ausgenutzt werden können. Auch die Strafraumbesetzung der Borussen ist in der Folge hervorragend.

Das klare Tempo und die kollektive Beteiligung in den Angriffen hat wiederum eine strukturierende Wirkung auf die Spielzüge. Der Ballführende hat mehr Ruhe am Ball und die Spieler können ein besseres Gefühl entwickeln, wann und welche Pässe gespielt werden können. Und auch ein Gefühl dafür, wann ein Gegner so passiv reagiert, dass man lieber noch mal verlagert, um im nächsten Versuch vor das Tor zu spielen. Letzte Saison fehlte diese Klarheit und Kreativität, was immer wieder zur Brechstange führte, dadurch zu etlichen hektischen Abschlüssen unter Druck und letztlich einer schlechten Chancenverwertung.

Verlagerungsangriffe und Tororientiertheit

Dass innerhalb der Angriffe oft noch einmal abgebrochen und verlagert werden kann, ist auch strategisch ein sehr wichtiges Element, zumindest wenn es so umgesetzt wird wie vom BVB. Durch das kollektive und tororientierte Nachrücken der hinteren Spieler können die Verlagerungen nämlich meist sehr aggressiv in Richtung Tor platziert werden, sodass der Gegner sich nicht noch einmal hinter den Ball zurückziehen kann.

Hypothetische Situation nach Eindringen im Zehnerraum ohne passende Tororientiertheit der Spieler ohne Ball: Ein Durchbruch ist quasi nicht möglich, da die Gegner beliebig das Spiel verdichten können. Der entstehende Raum kann nicht genutzt werden. Dieses Problem gilt auch nicht nur für fehlende Breite, sondern auch für fehlende Bewegungen innerhalb des Zentrums.

Hypothetische Situation nach Eindringen im Zehnerraum ohne passende Tororientiertheit der Spieler ohne Ball: Ein Durchbruch ist quasi nicht möglich, da die Gegner beliebig das Spiel verdichten können. Der entstehende Raum kann nicht genutzt werden. Dieses Problem gilt auch nicht nur für fehlende Breite, sondern auch für fehlende Bewegungen innerhalb des Zentrums.

Beispielhaft war Mkhitaryans Vorlage für Ginter zum 0:1 gegen Ingolstadt. Der Rechtsverteidiger wurde so angespielt, dass sein Gegenspieler sofort ins 1-gegen-1 gezwungen wurde und die Bahn zum Tor anschließend frei war. Wenn er später nachgerückt wäre oder an der Seitenlinie statt zum Tor hin, wäre dies nicht möglich gewesen. Der Ball wäre aus der torgefährlichen Zone raus gewesen, Ingolstadt hätte wertvolle Sekunden bekommen und wieder mehr Spieler zwischen Tor und Ball.

Womöglich hätte dann sogar die Verlagerung nicht geklappt: Wenn der Ball in den zentralen Zonen vor dem Tor ist, versuchen viele Mannschaften, sich erst mal extrem zusammen- und zurückzuziehen. Wenn man nun nicht risikoreich durch diesen engen Riegel durchmarschieren will, muss man zuweilen abbrechen und die zuvor überspielte Linie des Gegners kann sich neu formieren. Wenn aber sofort Läufe an die Seiten des Blocks gestartet werden, kann dieses Zusammenziehen bestraft werden oder es wird sogar verhindert, weil der gegnerische Außenverteidiger lieber breiter bleibt.

So geht Offensive

In diesem starken Rahmen fokussieren die Borussen auch diverse Angriffsaktionen, die im Fußball normalerweise arg unterrepräsentiert sind. Nachdem sie in der Vorbereitung noch viel über die Flügel angriffen und auch klassische Flanken häufig nutzten, wurde das Repertoire in den letzten Wochen rapide erweitert.

  • Flache Hereingaben gegen die Dynamik

Die hohen Hereingaben von der Seitenlinie sind durch das bessere Ausspielen erst einmal näher ans Tor gerückt. Durch die Präsenz im Zwischenlinienraum wird der Gegner verengt und die Außenverteidiger können häufig von der Strafraumseite oder sogar innerhalb des Strafraums rüberspielen. Aber nicht nur das: Die Hereingaben wurden gegen Odds auch anders gespielt. Nur noch im Einzelfall kamen sie hoch in den gegnerischen Pulk, meist wurden sie flach und scharf gegen die Bewegung in den Rücken der Abwehrspieler gefeuert. Solche Bälle sind schwieriger zu klären und nutzen die flache Kettenorganisation des Gegners. Die Offensive kann sich bei guter Strafraumbesetzung besser staffeln und erreicht dadurch mehr Raum. Häufig wurden drei bis vier Verteidiger direkt vor dem Tor von ein oder zwei Borussen gebunden und die Überzahl rückte dann nach und bekam die Bälle zwischen Torraum und Elfmeterpunkt. Wenn doch hoch geflankt wird, ist das häufig gut vorbereitet – wie beim 1:0 gegen Hertha, vor dem eine Ecke erst kurz ausgeführt wurde.

  • Lupfer
Wieder Überladung im linken Halbraum, dann gute Läufe - und dann ein vernichtender Lupfer von Gündogan.

Das 2:1 gegen Odds: Wieder Überladung im linken Halbraum, dann gute Läufe – und dann ein vernichtender Lupfer von Gündogan.

Auffällig sind auch Lupfer – eine völlig unterschätzte Kunstform. Wenn die Borussen im Raum vor dem Strafraum nicht unter Druck gesetzt werden, sondern die gegnerische Abwehr versucht sich zu verdichten und so einen etwaigen Pass zu blocken, fliegt der Ball zuletzt öfter mal im Bogen über die Köpfe der Abwehrspieler und kommt mitten in den Deckungsschatten wieder herunter; frei nach dem alten BVB-Motto von Marcel Reif: “Lupfen, jetzt!!!” Gündogan leitete am Donnerstag ein Tor auf diese Weise ein, Herthas Neunerriegel wurde von Kagawa beim 2:0 so geknackt. Aubameyang spielte zuletzt mal innerhalb weniger Minuten zwei Lupferpässe hinter die gegnerische Abwehr auf Kagawa. Wie viele spielte er in zwei Jahren unter Klopp?

  • Cutbacks

Zudem werden Pässe in die „Cutback-Zone“ immer wieder punktuell sehr gut genutzt. Die Cutback-Zone ist die Zone im Strafraum an der Grundlinie, von der man flache Horizontalpässe direkt vor das Tor feuern kann. Die bringen nicht nur die Außenverteidiger, sondern eben auch andere Spiele, die immer wieder diese Zone anvisieren. Der Vorteil dabei ist, dass man die gegnerische Abwehr mit einem Pass durchdringen kann, ohne dass der Torwart diesen direkt abfangen kann. Der „Cutback“-Pass vor das Tor ist außerdem durch das Sichtfeld und die Bewegungsrichtung besonders leicht zu verwerten und besonders schwer zu verteidigen. Nicht in allen Phasen fokussierte der BVB dieses Mittel, aber man konnte es schon erahnen. Auch großräumige Durchbrüche (etwa bei Kontern) werden sehr oft mit herübergelegten Bällen finalisiert.

  • Zwischenraumdribblings

Selbiges gilt für Dribblings, die gemäß der Spielerfähigkeiten kaum im 1-gegen-1 genutzt werden. Die Dortmunder Offensivkräfte sind hauptsächlich Zwischenraumspieler; besonders für Mkhitaryan, Gündogan und Kagawa gilt das, aber bedingt auch für Reus. Sie profitieren von den sauberen Zuspielen in den gegnerischen Block und den vielen Bewegungen um sie herum. Sie werden meist nicht bei der Ballannahme gestört, sondern müssen angelaufen werden, sodass sie die Dynamik des Gegenspielers mit Richtungswechseln gegen ihn einsetzen können. Auch die Passwege, die durch die Läufe in die Spitze entstehen, ermöglichen horizontale Dribblings gegen die gegnerische Orientierung. Besonders Mkhitaryan kann auch immer wieder überraschende Durchbruchsansätze erzeugen, indem er sich mit der Ballannahme sofort in einen zuvor unzugänglichen Raum dreht. Solche Dribblingaktionen in engen Räumen werden häufig als zu riskant angesehen, sind es aber bei passender Struktur und gutem Gegenpressing keineswegs. Sie nehmen jedoch Gegner aus dem Spiel und öffnen neue Winkel für den tödlichen Pass oder überraschende Abschlüsse.

Interessant ist übrigens die Tatsache, dass extrem viele Dortmunder Abschlüsse direkt durch Pässe vorbereitet werden. Der Statistik-Dienstleister InStat zählte bei allen Pflichtspielen der Saison bisher über 30 „Key Passes“, am Donnerstag kam man auf irre 47 Stück. Zum Vergleich: Bayern rangiert bisher durchgängig bei etwa 20, selbst beim 5:0 gegen Hamburg waren es nur eben so viele, gegen Hoffenheim hatten sie nur 14. Bei den anderen Bundesliga-Topteams sieht das ähnlich aus. Bedeutet: Der BVB erzwingt Chancen nicht, sondern spielt sie heraus. Und das ist auch das Gegenteil vom Stil der vergangenen Saison.

Fußballfitness und Training mit Gegnerdruck

Eine weitere Änderung unter Tuchel ist der Ansatz in der Trainingsmethodik. Tuchel lässt spielnäher trainieren als Klopp, setzt auf taktische Periodisierung mit sehr genauer Belastungssteuerung und verzichtet auf klassisches Konditionsgebolze. Im Training fokussiert er intensive Spielformen mit wenig Raum. Er wolle damit „die Spieler überfordern“, formulierte er. Der permanente Gegnerdruck im Training sorgt für Ruhe, wenn man im Spiel unter Druck gerät. Auch die Athletik und Fitness werden durch viele Richtungswechsel und Antritte fußballspezifischer ausgebildet. Taktische Ziele werden durch entsprechende Modifikationen innerhalb der Spielformen eintrainiert, statt sie ohne Gegnerdruck einzuschleifen.

Ein auffälliger Effekt dieser veränderten Trainingsmethodik ist – zumindest dem Anschein nach – eine hervorragende Souveränität der Spieler in Drucksituationen. Hummels hat in dieser Hinsicht sein ohnehin überragendes Niveau noch mal auf einen neuen Peak bringen können, was sich vor allem in Umschaltsituationen und nach langen Bällen bezahlt macht. Schmelzer hat in dieser Hinsicht einen immensen Schritt gemacht und befreit sich neuerdings regelmäßig mit kleinräumigen Dribblingaktionen zur Mitte. Mkhitaryan hat seine Pressingresistenz stabilisiert, Weigl hat seine guten technischen Anlagen weiter perfektioniert und Gündogan ist auf sein altes Niveau zurückgekommen. Auch Aubameyang scheint sich in engeren Zwischenräumen nun etwas wohler zu fühlen und ist im Dribbling durchschlagskräftiger geworden. Diese individuellen Aspekte sind natürlich auch ein wichtiger Faktor, um die Spielweise auf ein derart überlegenes Niveau zu bekommen.

„Ganz nebenbei“ führt dieser Ansatz zu einer bisher ganz hervorragenden Verletzungsbilanz. Das „Verletzungspech“ der vergangenen beiden Spielzeiten ist offenbar beendet. Könnte Zufall sein. Aber eher nicht. Wir haben jüngst erst die ganze Thematik in einer Artikelserie behandelt.

Wo wir bei Eigenwerbung sind: Unser Trainingshandbuch „Fußball durch Fußball“ erscheint in einem Monaten und erklärt ausführlich einen trainingsmethodischen Ansatz, der weitgehend mit dem übereinstimmt, was unter Tuchel praktiziert wird. Theoretische Grundlagen dazu finden sich auch in unserer Serie zur (taktischen) Periodisierung.

Wie gut ist dieser BVB?

Das Fazit hat an dieser Stelle zwei Tonlagen. Erstens: Holy Mkhischmoly, wie gut ist dieser BVB!? Ich war selten von einer Mannschaft so begeistert wie von dieser Borussia gerade. Da passieren so viele gute Sachen gleichzeitig, das ist so hohes Niveau, ein so guter Rhythmus, so viel Bewegung und Kreativität – ich weiß ehrlich nicht, ob ich sowas überhaupt schon einmal gesehen habe. Das ist im Grunde genau der Fußball, den ich mir seit zwei, drei Jahren vom BVB wünsche.

Die zweite Tonlage: Wie erfolgreich wird dieser BVB auf Dauer sein? Wie stark ist er wirklich und wo sind die Schwächen? Da muss man trotz allem wohl noch abwarten. Zum einen schon deshalb, weil der Kader nicht optimal auf das System zurechtgeschnitten ist und es daher schwer werden könnte, bestimmte Ausfälle auf gleichbleibendem Niveau zu kompensieren. Gerade das Triumvirat der Strukturgeber ist nach dem ominösen Verkauf von Oliver Kirch nicht so leicht zu ersetzen wie die erste Hälfte gegen Odds schon zeigte. Sahin, Park und Castro hätten aber das Potential.

Das Defensivspiel wurde an dieser Stelle ebenfalls übergangen – aber auch das sieht ziemlich gut aus. Leitend zuschiebendes Angriffspressing, das viele Fehler provoziert und eine gute Dynamikwirkung hat. Auch wenn die Kompaktheit zur Abwehr teilweise noch leichte Defizite hat und das Zugriffs- und Absicherungsverhalten nicht ganz so perfekt sind wie in den besten Klopp-Phasen – vorerst geschenkt. Kein Gegner kam bisher zu einer ernstzunehmenden Anzahl von Abschlüssen. Odds hatte viel Glück.

Ansonsten stellt sich die Frage, wie gut das alles im Vergleich mit anderen Topteams ist und wie viel besser es noch werden kann. Tatsächlich seh ich im Dortmunder Offensivspiel schon jetzt, einen Monat nach Saisonbeginn, kaum mehr Luft nach oben. Vielleicht kommen ja auch noch lockende kleinräumige Kombinationen, gezielte Unterzahldribblings oder tiefe Überladungen dazu, wobei ich das eher nicht erwarte. (Überrasch mich, Thomas!) Wichtiger wird aber sein, dass man es schafft, dieses Niveau zu konservieren. Vor allem die Konsequenz im Rhythmus und die Klarheit der Entscheidungen im Angriffsdrittel sind Aspekte, die von instabiler Natur sind. Insofern – das was Franz Beckenbauer sagen würde.

Was man aber auf jeden Fall sagen kann, ist, dass Tuchels Borussen schon jetzt Fußball gezeigt haben, der in gewisser Hinsicht mustergültig ist. Ich für meinen Teil hoffe, dass das einen ähnlichen Hype auslösen kann wie Klopps Pressingfußball vor fünf Jahren. Wenn es im Offensivfußball deutschlandweit nämlich eine ähnlich massive taktische Entwicklung gäbe, wie es sie im Spiel gegen den Ball jüngst gegeben hat, dann wird hier vielleicht doch noch irgendwann Fußball richtig gut gespielt. Aktiv, kreativ und flexibel. Nicht nur 90 Minuten Verlustaversion und Pseudo-Willensduelle. Los, Deutschland, mach mal geilen Fußball!

 

PS: Einige der Grafiken sind von Tom Payne, der für  Spielverlagerung.com die meisten Dortmunder Partien sehr lesenswert auf Englisch analysiert hat.

SmallBall in der NBA

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Jedes Jahr gibt es am 1. April viele pseudolustige falsche Berichte, absurde Meldungen und eine Handvoll gelungener Späße. Da bei Spielverlagerung außer Martin Rafelt niemand Humor hat, dessen Humor aber wiederum niemand versteht, haben wir uns entschlossen auf eine andere Art und Weise an den 1. April heranzugehen: Wir werden jedes Jahr eine Analyse aus einer komplett anderen Sportart verfassen. Dieses Jahr geht es um Basketball; um genauer zu sein – die Small-Ball-(R-)Evolution in der NBA.

Was ist Small Ball und woher kommt es?

„Small Ball“ ist eine Bezeichnung, welche man in den letzten Monaten und Jahren immer wieder in der NBA hört. Grundsätzlich heißt es prinzipiell nur, dass vermehrt kleinere Spieler aufgestellt werden; insofern man in einer Sportart, die sich so stark über Größe definiert, davon reden kann.

Interessanterweise galten zu Beginn des Basketballs sehr große Spieler als untauglich; ihre Koordination und Wurffähigkeiten wurden belächelt. Doch in den Anfangsjahren der NBA Mitte/Ende der 40er sollte sich dies mit George Mikan ändern. Der „gigantische Center“ (für heutige Verhältnisse wäre er mit 2.08m unterdurchschnittlich) dominierte das Spiel und auf ihn folgten mit Bill Russell und natürlich Wilt Chamberlain zwei weitere Center, welche das Klischee des spielschwachen „Big Man“ ad absurdum führen sollten. Russell galt als hochintelligenter Defensivspezialist, Chamberlain verband (oft unterschätzte) Finesse  mit für jene Zeit herausragender Physis.

In den nächsten Jahrzehnten waren es Kareem Abdul-Jabbar, Bill Walton, Moses Malone, David Robinson, Hakeem Olajuwon und Shaquille O’Neal, welche als hochgewachsene Center das Spiel dominierten; wenn auch als teils ganz unterschiedliche Spielertypen. Desweiteren spielte in all diesen Jahren nicht nur ein meist enorm groß gewachsener Center im sogenannten Frontcourt, sondern auch ein Power Forward, der sich ebenfalls primär über seine Bewegungen nahe am Korb (so genannte Post Moves) definierte. Robinson gewann mit Tim Duncan, der heute bei den Spurs selbst als Center spielt, gemeinsam die NBA Ende der 90er. Olajuwon spielte sogar selbst häufig als Power Forward.

"Three Out Set"; zwei Big Man im Frontcourt, ein Small Forward mit zwei Guards außen. Vielfach genutzt. Übrigens wie die Grundformation im Fußball: Gibt eine gewisse Grundorientierung und Ausrichtung wieder, die Bewegungsmöglichkeiten sind aber unendlich.

„Three Out Set“; zwei Big Man im Frontcourt, ein Small Forward mit zwei Guards außen. Vielfach genutzt. Übrigens wie die Grundformation im Fußball: Gibt eine gewisse Grundorientierung und Ausrichtung wieder, die Bewegungsmöglichkeiten sind aber unendlich.

Doch seit der Jahrtausendwende hat sich dies verändert. Der Power Forward ist bei vielen Mannschaften verstärkt zu einem Spieler geworden, der auch den Sprungwurf aus der Distanz hervorragend beherrscht und dafür auch Abstriche im Spiel mit Rücken zum Korb machen kann. Regelveränderungen in den 80ern und 90ern – u.a. die Erlaubnis einer Raumdeckung und der Verbot des Handchecking am Perimeter – sorgten neben der Dreierlinie (seit Ende der 70er, 79-80) für diese Entwicklung.

Ansätze dafür gab es schon in den 80ern im College-Sport, ebenso wie in der NBA. In den 80ern war es Don Nelson mit „Nellie Ball“ bei den Milwaukee Bucks und später Golden State Warriors, in den 90ern kamen kurzzeitig Denver Nuggets hinzu (doppelt so viele Dreierversuche als der Gegner in der Saison 90/91, meisten Ballbesitze pro Spiel unter Paul Westhead). Don Nelson nutzte Anfang der 2000er-Jahre sogar Dirk Nowitzki als Center.

Am populärsten wurde Small Ball allerdings durch Mike D’Antoni bei den Phoenix Suns. 2003 bis 2008 ließ er enorm schnellen und auf Dreier fokussierten Basketball nutzen, wo er eine vergleichsweise kleine Aufstellung nutzte. Wirklich erfolgreich und konstant wurde Small Ball allerdings in den letzten Jahren erst.

Das Four Out Set, welches von den meisten Teams heutzutage genutzt wird, obgleich natürlich viel variiert wird und die einzelnen Spielzüge im Verbund mit der Ausführung und individuellen Qualität entscheidend sind.

Das Four Out Set, welches von den meisten Teams heutzutage genutzt wird, obgleich natürlich viel variiert wird und die einzelnen Spielzüge im Verbund mit der Ausführung und individuellen Qualität entscheidend sind.

Die Miami Heat gewannen ihre Titel mit Shane Battier und LeBron James als Forwardpärchen, beide trafen ihre Dreier in den Titeljahren mit hoher Trefferquote. Chris Bosh, ein nomineller Power Forward, der ebenfalls aus der Distanz treffen kann, ging häufig auf die Center-Position. Das öffnete Räume für sogenannte „Drives“ der „Slasher“. Dwyane Wade und James konnten immer wieder vom Perimeter in die Mitte zum Korb ziehen und abschließen oder den Ball wieder nach außen auf die dort positionierten Werfer spielen.

Deren Fähigkeit von der Dreierlinie hatte eine raumöffnende Wirkung für die Läufe zum Korb, die wiederum die Dreierwerfer öffnen sollten. Ein Geben und Nehmen, welches teilweise durch sehr unkonventionelle Grundformationen und Spielzüge in einem „5-out“-Set umgesetzt wurde. Alle fünf Spieler – im Gegensatz zu früher mit einem, zwei oder gar drei Spielern unter dem Korb – positionierten sich außerhalb der Zone und von dort aus begannen die jeweiligen Spielzüge.

Das Five Out Set, welches die Heat für einige Spielzüge 2012-13 nutzten. Viel Raum in der Mitte, viele Möglichkeiten zum Eindringen, viele Rotationen.

Das Five Out Set, welches die Heat für einige Spielzüge 2012-13 nutzten. Viel Raum in der Mitte, viele Möglichkeiten zum Eindringen, viele Rotationen.

Meistens gab es hier typische Pick’n’Roll und Pick’n’Pop-Spielzüge: Einer der Spieler ohne Ball blockte den direkten Gegenspieler des Ballführenden und ermöglicht dadurch Raum oder zwingt den Gegner zum Übergeben des Gegenspielers. Dadurch kann der Ballführende in Richtung Korb ziehen oder direkt ohne Druck abschließen oder auf den geöffneten Blocksteller spielen. Beim Pick’n’Pop zieht der Blocksteller nicht zum Korb, sondern lässt sich für einen offenen Wurf zurückfallen. Dazu kommen viele Bewegungen der anderen Spieler oder weitere Screens abseits des Balles.

Und hier ist auch die Ursache zu finden, wieso Small Ball immer populärer wird und letztes Jahr mit den Golden State Warriors bei deren Titelgewinn eine Schlüsselrolle spielte.

Skill Ball, not Small Ball

Bei M94.5 hatte ich mich schon mit Christopher Meltzer über Basketball unterhalten und dort kam auch das Thema Small Ball zur Sprache. Ich zitierte dabei Zach Lowe, den womöglich besten Taktikjournalisten im gesamten Sportbereich, der in diesem tollen Artikel über das Thema schrieb und für die Bezeichnung „Skill Ball“ eintritt. Einfach nur „klein“ zu gehen, also mit kleineren Spielern zu agieren, hilft nämlich nicht. Das ist eine Korrelation, aber keine Kausalität. Insbesondere die Fähigkeiten ohne Ball sind hier wichtig in puncto Blocken von Schüssen, Versperren der hochprozentigen Abschlüsse in Korbnähe oder schlichtweg das Erreichen von ballfernen Abschlussspielern.

Small Ball wird nur erfolgreich, wenn man die passenden Spieler besitzt. Die Golden State Warriors haben diese. Mit Draymond Green als Power Forward können sie diesen jederzeit auch als Center aufstellen. Er ist beim Holen der Rebounds (aka Abpraller oder zweite Bälle nach Würfen) und beim Blockieren von gegnerischen Würfen gerade noch gut genug, aber dazu ein herausragender Athlet mit hoher Reichweite, Dynamik und einem guten Wurf.Dadurch können sie mit Steph Curry, der ohnehin als Dreierwerfer alles ad absurdum führt, Klay Thompson, Andre Iguodala und Harrison Barnes auf den restlichen Positionen ebenfalls starke Werfer mit guter bis herausragender Athletik aufbieten.

Ein möglicher Spielzug bei Small Ball, weil alle werfen, passen und sich dynamisch bewegen können. Der Point Guard steht diagonal zum Korb, es gibt ein Pick and Roll von der Seite, nicht von hinten (riskant, weil der Verteidiger es kommen sieht). Danach gibt es weitere Bewegungen bzw. Bewegungsmöglichkeiten, die Abschlüsse in der roten Zone generieren können sollten.

Ein möglicher Spielzug bei Small Ball, weil alle werfen, passen und sich dynamisch bewegen können. Der Point Guard steht diagonal zum Korb, es gibt ein Pick and Roll von der Seite, nicht von hinten (riskant, weil der Verteidiger es kommen sieht). Danach gibt es weitere Bewegungen bzw. Bewegungsmöglichkeiten, die Abschlüsse in der roten Zone generieren können sollten.

Das ist schwer zu kopieren; eine solche Mischung aus spielintelligenten, wurfstarken und athletischen Spielern zu finden ist nahezu unmöglich. Am ehesten waren es die erwähnten Miami Heat 2014, die das geschafft haben. Deren Coach Erik Spoelstra nannte sein System „positionslos“ und „Pace and Space“. Letzteres trifft des Pudels Kern. Dies ist nämlich die Ursache, wieso diese Aufstellungen so stark sind.

Warum es funktioniert

Traditionalisten streiten vehement ab, dass Small Ball funktionieren kann; erst seit den Erfolgen der Warriors und deren „Line up of Death“ (Curry/Thompson/Iguodala/Barnes/Green) mit fünf Shootern ist diese Meinung etwas aufgeweicht. Dabei ist es nur allzu logisch, wieso dieses System in der Offensive so hervorragend funktioniert.

Durch die vielen Werfer kann keiner der Gegner sich sammeln. Jedes schlechte oder unsaubere Übergeben bei einem Pick’n’Roll führt dazu, dass jemand gut werfen kann. Bei wurfschwächeren Spielern – oftmals eben Center oder klassische Power Forward – kann man sich häufig darauf beschränken, diese nicht zum Korb ziehen zu lassen. Kommen sie am Perimeter an den Ball, muss man sie nicht wirklich decken und deren Abschlüsse, wenn sie überhaupt versucht werden, fallen nicht oft genug in den Korb, um ein Problem über ein gesamtes Spiel hinweg zu werden.

Desweiteren ermöglicht dieses Spielermaterial viele taktische Spielereien mit dem Ball. Hat man sehr viele starke Werfer, kann man für sehr viele Werfer Raum öffnen; man muss sich nicht unbedingt auf einen oder zwei Werfer konzentrieren. Dadurch ist das Team weniger ausrechenbar. Außerdem kann man über die Anzahl der Screens/Blocks den Gegner stören.

Currys "Gravity". Wird er so verteidigt, wirft er einfach nach dem Pick'n'Roll (Stellen des Blocks und Folgebewegungen), was bei seiner Quote ein Todesurteil ist. Insofern ergeben sich Probleme, wer auf Curry herausrotiert. Sobald jemand dies tut, bewegen sich die anderen. Curry bespielt diese Lücken herausragend.

Currys „Gravity“. Wird er so verteidigt, wirft er einfach nach dem Pick’n’Roll (Stellen des Blocks und Folgebewegungen), was bei seiner Quote ein Todesurteil ist. Insofern ergeben sich Probleme, wer auf Curry herausrotiert. Sobald jemand dies tut, bewegen sich die anderen. Curry bespielt diese Lücken herausragend.

Überall laufen Spieler mit hohem Tempo, laufen ihrem Gegenspieler weg und sind somit schwieriger zu verfolgen; gleichzeitig laufen diese Spieler anderen Gegenspielern in die Quere, blockieren deren Laufweg und öffnen ihren Mitspielern die nötigen Räume für Würfe. Mit Portland stellen die Warriors noch weit vor den ebenfalls sehr pass- und blockaffinen Spurs (die eine klassischere Aufstellung mit zwei Bigs präferieren) die meisten Screens abseits des Ballführenden. Dass die Passqualität im Schnitt bei kleineren Spielern ebenfalls etwas höher ist, erhöht diesen Aspekt nur noch.

Insofern hat man hier schon zwei Vorteile; der Gegner muss deutlich mehr Raum konstant abdecken und die eigene Wurfquote ist höher, wenn es vom Gegner nicht gerade herausragend verteidigt wird. Ein großer Spieler beim Gegner kann mit seinen Post Moves am Korb nur in Ausnahmefällen so viele Punkte erzielen, dass er seinen kleineren Gegenspieler am anderen Ende des Feldes diesbezüglich übertrumpft.

Einerseits ist es Mathematik: Drei Punkte sind mehr wert als zwei. Andererseits spielt das Regelwerk eine Rolle. So ist das Handchecking am Perimeter wie erwähnt verboten; das erleichtert das Werfen aus der Distanz ebenso wie das Ziehen zum Korb. Die Raumdeckung wiederum wurde in den 90ern erlaubt, wodurch man den Spieler mit Rücken zum Korb einfach doppeln kann. Durch sein Sichtfeld weg vom Korb kann er auch die andere Seite schwierig überblicken und sieht den Korb unter Druck nicht; das verringert natürlich die Effizienz solcher Spielzüge.

Der gleiche Spielzug wie oben, allerdings im sogenannten Triangle; vor dem Dreierwahn wurde dieses sehr erfolgreiche System Tex Winters und Phil Jacksons relativ eng ausgeübt. Die Fragezeichen sollen eines aufzeigen: Wieso ist von dort der Wurf drei Punkte wert, einen Meter davor aber nur zwei Punkte? Wieso? Meine angeblichen Damen und Herren Leser, ich bitte Sie, eine letzte Sache zu berücksichtigen. (zeigt ein Bild von Chewbacca) Dies ist Chewbacca. Chewbacca ist ein Wookiee vom Planeten Kashyyyk, aber Chewbacca lebt auf dem Planeten Endor. Denken Sie darüber nach. Es ergibt keinen Sinn! Warum sollte ein Wookiee – ein zwei Meter großer Wookiee – auf Endor leben wollen, zusammen mit einem Haufen winziger Ewoks? Es ergibt keinen Sinn! Aber was noch wichtiger ist: Sie müssen sich ernsthaft fragen: Was hat das mit diesem Artikel zu tun? Gar nichts. Meine Damen und Herren, es hat nichts mit diesem Fall zu tun. Es ergibt keinen Sinn! […] Nichts von alledem ergibt einen Sinn. […] Wenn Chewbacca auf Endor lebt, müssen Sie die Regeln ändern! Oder Dreier werfen! Das Caption ist abgeschlossen.

Der gleiche Spielzug wie oben, allerdings im sogenannten Triangle; vor dem Dreierwahn wurde dieses sehr erfolgreiche System Tex Winters und Phil Jacksons relativ eng ausgeübt. Heutzutage nicht mehr. Die Fragezeichen sollen eines aufzeigen: Wieso ist von dort der Wurf drei Punkte wert, einen Meter davor aber nur zwei Punkte? Wieso?
Meine angeblichen Damen und Herren Leser, ich bitte Sie, eine letzte Sache zu berücksichtigen. (zeigt ein Bild von Chewbacca) Dies ist Chewbacca. Chewbacca ist ein Wookiee vom Planeten Kashyyyk, aber Chewbacca lebt auf dem Planeten Endor. Denken Sie darüber nach. Es ergibt keinen Sinn! Warum sollte ein Wookiee – ein zwei Meter großer Wookiee – auf Endor leben wollen, zusammen mit einem Haufen winziger Ewoks? Es ergibt keinen Sinn! Aber was noch wichtiger ist: Sie müssen sich ernsthaft fragen: Was hat das mit diesem Artikel zu tun? Gar nichts. Meine Damen und Herren, es hat nichts mit diesem Fall zu tun. Es ergibt keinen Sinn! […] Nichts von alledem ergibt einen Sinn. […] Wenn Chewbacca auf Endor lebt, müssen Sie die Regeln ändern! Oder Dreier werfen! Das Caption ist abgeschlossen.

Kombiniert mit aktuellen Trends in der Liga (wenige herausragende Big Men im Post Play, die vielen Pick’N’Roll-Spielzüge und ein geringer Fokus auf das Rebounden am gegnerischen Korb nach eigenen Würfen) ist Small/Skill Ball enorm vielversprechend, passendes Spielermaterial vorausgesetzt.

Die nächste Generation?

Natürlich gibt es auch in der Theorie bei dieser Spielernutzung Schwächen. Neben den Rebounds ist auch das Abwehren von Dunks und Korblegern ein Problem. Größe hilft beim Verteidigen unter dem Korb nämlich auch in der heutigen Zeit massiv. Die nächsten Jahre könnte sich aber auch hier etwas verändern. Es scheint nämlich die Zeit der Allround-Big-Men zu kommen.

Die Moves im Post gehören zum Dreier dazu und sollten diesen aufsetzen bzw. ohne Dreier gibt es heutzutage keine effektiven Post Moves. Das Sichtfeld ist unangenehm; nicht nur zum Werfen, auch zum Passen. Dazu kann der Gegner von unterschiedlichen Richtungen doppeln, oft eben aus nicht-gesehenen Räumen. Hat man keine Dreierwerfer, steht man enger und der Gegner kann noch einfacher doppeln oder Folgeaktionen verteidigen.

Die Moves im Post gehören zum Dreier dazu und sollten diesen aufsetzen bzw. ohne Dreier gibt es heutzutage keine effektiven Post Moves. Das Sichtfeld ist unangenehm; nicht nur zum Werfen, auch zum Passen. Dazu kann der Gegner von unterschiedlichen Richtungen doppeln, oft eben aus nicht-gesehenen Räumen. Hat man keine Dreierwerfer, steht man enger und der Gegner kann noch einfacher doppeln oder Folgeaktionen verteidigen.

Im letztjährigen Draft gab es nämlich gleich drei solche vielversprechenden Allzweckwaffen. Kristaps Porzingis, Karl-Anthony Towns und Nikola Jokic treffen allesamt ihre Dreier ziemlich gut – und sind nebenbei zwischen 2.10m (Jokic) und 2.21m (Porzingis) groß. Sie sind zwanzig Jahre alt und sind sowohl statistisch als auch nach dem eigenen „eye-test“  herausragende Talente, die sich überraschend schnell an die NBA angepasst und viel Potenzial haben. Dazu kommen mit den Supertalenten Anthony Davis und DaMarcus Cousins oder auch weniger klingenden Namen wie z.B. Kelly Olynyk weitere junge Big Men, die ihren Wurf bis zur Dreierlinie ausweiten.

Insbesondere Towns könnte mit seiner herausragenden Athletik und Spielstärke alles verbinden; das Abdecken der Zonen unter dem Korb, das geschickte Verteidigen des Pick’n’Rolls des Gegners am Perimeter, das Blockstellen bei eigenen Pick’n’Roll und das Werfen aus allen Lagen und Distanzen, inkl. sogar der verschmähten Post Moves.

Der banalste Vorteil beim Dreier: Das Sichtfeld zum Korb, wo man viele Spieler überblickt. Trainer wie Zeljko Obradovic konzentrieren sich auch darauf, wie sich die anderen Spieler mit dem Ballhandler mitbewegen; immer sollen sie zumindest im peripheren Sehen vorhanden sein. Direkte oder indirekte Verbindungen über die visuelle Wahrnehmung zu halten, ist enorm wichtig. Interessant, wenn Big Man Dreier werfen können: Sie überblicken das gesamte Feld, haben enorme Kraft und überragen Gegenspieler. Weite Verlagerungen oder einfache Lobpässe in die Mitte werden plötzlich einfacher.

Der banalste Vorteil beim Dreier: Das Sichtfeld zum Korb und übers Feld, womit man viele Spieler überblickt. Trainer wie Zeljko Obradovic konzentrieren sich auch darauf, wie sich die anderen Spieler mit dem Ballhandler mitbewegen; immer sollen sie zumindest im peripheren Sehen vorhanden sein. Direkte oder indirekte Verbindungen über die visuelle Wahrnehmung zu halten, ist enorm wichtig. Interessant, wenn Big Man Dreier werfen können: Sie überblicken das gesamte Feld, haben enorme Kraft und überragen Gegenspieler. Weite Verlagerungen oder einfache Lobpässe in die Mitte werden plötzlich einfacher.

Taktisch ist die Zukunft im Basketball also spannend. Wird es einen Kompromiss geben? Die Warriors nutzen ihre Small-Ball-Aufstellung nur situativ. Wird es eine konstantere Nutzung bei mehr Teams geben? Ein paar Franchise haben damit bereits experimentiert in dieser Saison. Und die Warriors könnten im Sommer Kevin Durant von den Oklahoma City Thunder holen, was für ein konstanteres und noch stärkeres Small-Ball-System sprechen könnte. Oder wird die Zukunft den Big Men zum Allrounder machen? Karl-Anthony Towns sagt: Ja.

Interview mit Nikos Overheul

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Das Thema Statistikanalyse im Fußball wird immer größer, wichtiger und relevanter. Sogar viele Medien haben sich bereits damit auseinandergesetzt; manche positiv, manche negativ. Bisher galten der FC Brentford und der FC Midtjylland als Vorreiter dieser Bewegung. Das erstreckt sich nicht nur auf die reine Datenanalyse. Auch viele andere Bereiche wurden und werden modernisiert und mit Innovationen versehen. Darunter: Standards.

RM, selbst ein Jahr lang dort aktiv, hat sich mit einem seiner früheren Arbeitskollegen zusammengesetzt und ein Interview gemacht.

Hallo Nikos. Könntest du dich für unsere Leser vorstellen?

Nikos Overheul

Nikos Overheul. Experte für Standards und Spielerscouting.

Ich bin Nikos Overheul und habe bei Brentford und dem FC Midtjylland als Teil ihres Analysteams gearbeitet. Meine Verantwortlichkeitsbereiche waren die Verpflichtung neuer Spieler – also das Spielerscouting – und Standardsituationen. Bei Letzterem ging es vorrangig um Forschung und Analyse, teilweise durch Daten, primär aber durch Stunden und Stunden von Videoanalyse. Ich habe mir diese Saison mehr Standards angesehen, als irgendeine Person machen sollte! Dazu habe ich natürlich mit den Trainern Gianni Vio (Brentford) und Brian Priske (Midtjylland) zusammengearbeitet, welche für die Standards zuständig sind.

Desweiteren bin ich Redakteur bei Catenaccio: Das niederländische Spielverlagerung.

Das klingt überaus interessant. Auf Spielverlagerung fokussieren wir uns meist stärker auf das Spiel außerhalb der Unterbrechungen. Bisher gab es nur wenige Analysen zu Standards (sh. hier zu Einwürfen und hier zu den Defensivstandards des BVB 13/14). Was hast du bei deiner Recherche zu Standardsituationen herausgefunden?

Persönlich glaube ich, dass Standardsituationen im Fußball unterschätzt sind. In diesem Aspekt starke Mannschaften sind meistens Abstiegskandidaten, welche Standards nutzen, um noch den Klassenerhalt zu nutzen. Viele sehen Standards als einen „billigen Trick“ zum Sieg. Viele reden über Standards, als wären sie weniger wert als Tore aus dem Spiel heraus. Das kommt vermutlich wegen der Verbindung zu schwächeren Mannschaften.

Denkst du dies liegt daran, dass diese tabellarisch schwächeren Teams besonders kreativ in puncto Standards sein müssen, um überhaupt eine Chance zu haben?

Klar. Wenn man sich nicht auf Talent verlassen kann, müssen die Tore von woanders kommen!

Gibt es besondere Beispiele für solche Trainer oder Teams?

Am meisten mit Standards verbunden sind in England die Trainer Tony Pulis und Sam Allardyce. In der Serie A war Hellas Verona abgeschlagener Letzter in der Tabelle diese Saison, aber erzielten mehr Tore nach Standards als alle anderen Mannschaften. In der Bundesliga ist Darmstadt das klar beste Team nach Standardsituationen. Ohne diese würden sie mit relativ hoher Sicherheit absteigen. Normalerweise gilt es also wie erwähnt als eine Waffe der Außenseiter, der Kleinen, die auf diesem Wege mangelnde Fähigkeiten kompensieren.

Spitzenmannschaften machen das also nicht oder kaum?

In den letzten Jahren haben einige sehr gute Mannschaften begonnen Standards hochwertig zu nutzen und holten sogar Titel damit. Eigentlich sind Standards für dominante Mannschaften sogar mehr wert als für schwache Mannschaften. Training erhöht die Wahrscheinlichkeit für ein Tor nach einem Standard. Und je mehr Standards man erhält – es gibt eine hohe Korrelation mit dem Ballbesitz –, desto größer ist der Vorteil.

Atlético Madrid ist das vielleicht beste Beispiel dafür. Ecken und Freistöße waren ein großer Teil ihres Angriffssystems in 2013/14. Passenderweise erzielten sie das Ausgleichstor zum Titelgewinn in dieser Saison nach einer Ecke durch Diego Godin!

Godin trifft gegen Barcelona. Eine Woche später erzielt er auch ein Tor im CL-Finale.

Godin trifft gegen Barcelona. Eine Woche später erzielt er auch ein Tor im CL-Finale. Hier wird für ihn geblockt, er kommt aus dem Rückraum mit einem Lauf in Richtung Ball zum Kopfball.

In Analystenkreisen ist der Titelgewinn Manchester Uniteds unter Sir Alex Ferguson ein großes Mysterium. Sie gewannen die Liga, obwohl die zugrundeliegenden statistischen Werte schwach waren und die Mannschaft suboptimal. Teil ihres Titelgewinns ist durch ihre enorm starken Ecken zu erklären. So erzielte Patrice Evra vier Tore in der Liga in dieser Saison, alle nach Ecken. In den anderen siebeneinhalb Jahren bei United erzielte er drei Tore in der Liga. Das ist enorm; vier Tore mehr als man normalerweise von einem Spieler erwarten  kann.

Wobei ich das auf einer deutschen Webseite eigentlich nicht erwähnen müsste. Die deutsche Nationalmannschaft hatte bei der Weltmeisterschaft laut Löw einen großen Fokus auf den ruhenden Ball. Sie haben in 5 der 7 Spiele ein Tor nach einem Standard erzielt.  Die Standards spielten auch eine große Rolle bei FC Midtjyllands erstem Titelsieg in der Vereinsgeschichte. In dieser Saison kamen in der EL-Gruppenphase vier der sechs Tore ebenfalls nach einem ruhenden Ball. Kleine Anekdote: Nach unserem Hinspiel gegen Manchester United „stahl“ Louis van Gaal einen unsere Freistöße für das FA-Cup-Spiel gegen Shrewsbury.

Was benötigt man denn für einen guten Standard?

Das Wichtigste ist das Training. Ich kenne mindestens ein CL-team, welches im Schnitt keine fünf Minuten pro Woche für Standards aufwendet. Mit einer so geringen Anzahl an Trainingseinheiten kann man nicht gut sein, das sollte klar sein.

Dass der Cheftrainer und die Spieler dies akzeptieren, ist ebenso entscheidend. Die Mannschaft muss daran glauben, dass Standards und das dazugehörige Training wichtig sind. Das kann man auf viele unterschiedliche Arten machen. Ein Beispiel: Vor dem ersten Standardtraining in dieser Saison sagte ein bekannter Trainer, dass er bei zwei gleich guten Spielern jenen vorziehen würde, der besser bei Standardsituationen ist.

Auf einer theoretischen Ebene muss natürlich jeder gute Standard die Qualitäten der Spieler und das Deckungssystem des Gegners miteinbeziehen. Das Ziel sollte es sein, ein Problem für den Gegner zu kreieren. Man entwickelt grundsätzliche Strategien je nach verfügbaren Spielern und passt die Ausführung an den jeweiligen Gegner an.

Atléticos Spiel mit den Sichtfeldern. Einige Spieler laufen Richtung Ball, werden von Gegnern verfolgt. Es öffnet Räume am zweiten Pfosten. Ein Spieler setzt sich im Rücken seines Gegenspielers ab. Er erhält eine Weiterleitung und trifft.

Atléticos Spiel mit den Sichtfeldern. Einige Spieler laufen Richtung Ball, werden von Gegnern verfolgt. Es öffnet Räume am zweiten Pfosten. Ein Spieler setzt sich im Rücken seines Gegenspielers ab. Er erhält eine Weiterleitung und trifft.

Es gibt hier natürlich keine eierlegende Wollmilchsau. So war Empoli letztes  Jahr enorm erfolgreich mit Screens, also Blocks, um Räume zu kreieren. Damit opfert man in gewisser Weise Angriffsspieler, um eine Chance für einen bestimmten Spieler zu kreieren. Darum benötigt diese Strategie natürlich eine sehr präzise Hereingabe! Das funktioniert nur bei einem Spieler wie Mirko Valdifiori. Ansonsten würde ich dies nur wenigen Mannschaften empfehlen.

Es hilft natürlich auch, wenn man starke Kopfballspieler und einen guten Ausführenden hat, aber dennoch ist das Training enorm wichtig. Wenn ein Team enorm gute Standards treten kann, muss man diesen Effekt maximieren. Hakan Calhanoglu ist ein gutes Beispiel für einzigartiges Talent, welches von Leverkusen nicht optimal bei ruhenden Bällen genutzt wird.

Welche Alternativen gäbe es den außer dem Stellen von Blocks? Gibt es hier noch besondere Konzepte und Ideen, mit denen man Vorteile schaffen kann? Z.B. das Überladen bestimmter Zonen gegen Raumdeckungen?

Ja, es gibt viele unterschiedliche Konzepte diesbezüglich. Das Überladen von bestimmten Zonen ist eines davon. Atlético Madrid nutzt dies z.B. mit großem Erfolg.

Atlético überlädt tornahe Zonen.

Atlético überlädt tornahe Zonen.

Bist du der Einzige deines Faches? Oder hast du andere getroffen, die das machen?

Gianni Vio bei Brentford (ehemals Fiorentina und Milan u.a.) ist ein Spezialist für Standards, von ihm habe ich viel gelernt. Außerdem weiß ich, dass Montpellier einen Performance Analyst hat, der ausschließlich an Standards arbeitet. Ansonsten habe ich noch niemanden mit dieser expliziten Berufsbeschreibung getroffen.

Wie kommst du auf neue Ideen bzw. wie genau baust du neue Spielzüge für Standards?

Ich stehle sie! Wenn ich etwas Interessantes sehe, speichere ich sie sofort für künftige Nutzung. So hatte AZ Alkmaar letzte Saison eine sehr gute Eckenvariante, die sie seither nicht mehr nutzten. Diese ist nun in meinem Repertoire. Es gibt überall tolle Varianten zu finden. Ich habe gar eine von der nordkoreanischen Nationalmannschaft! Insgesamt muss man aber herausfinden, welche Mannschaften gut sind – das Bedienen von diesen Mannschaften ist dann fast immer eine gute Idee.

Atlético stellt auch oft eine Anspielstation für Kurzpässe ab. Geht ein Gegenspieler aggressiv mit, ist ein Gegenspieler weniger im Strafraum. Geht keiner mit, kann man zu einem 2-gegen-1, einer aufgelegten, tornäheren Flanke oder einem Durchbruch über die Seite ansetzen.

Atlético stellt auch oft eine Anspielstation für Kurzpässe ab. Geht ein Gegenspieler aggressiv mit, ist ein Gegenspieler weniger im Strafraum. Geht keiner mit, kann man zu einem 2-gegen-1, einer aufgelegten, tornäheren Flanke oder einem Durchbruch über die Seite ansetzen.

Welche Arten von Standards habt ihr analysiert und gebastelt? Nur Offensivfreistöße und –ecken oder auch Abstöße, Einwürfe? Auch gegen den Ball?

Abstöße nicht, diese gehören zu dem Trainer, der das Aufbauspiel abdeckt. Ansonsten in allem, wo man sich einen leichten Vorteil holen kann.

Wie wichtig ist die Gegneranalyse bei Standards und wie genau seid ihr da vorgegangen?

Oh, enorm wichtig. Jede Lösung, auf die man kommt, ist nur eine Lösung für ein einzelnes Spiel. Es geht immer um das Nutzen der Schwächen des Gegners. Was sind die Qualitäten des Teams, gegen welches man antritt? Ihr Deckungssystem? Wie reagieren sie auf bestimmte Bewegungen? Hier wird teilweise die statistische Analyse bedient, aber meistens basiert es auf Videoanalysen.

Eine Konsequenz von geringem Zustellen der Kurzpassoption: Atlético spielt flach heraus, dringt in den Halbraum ein, spielt flach in den Strafraum, Griezmann trifft.

Eine Konsequenz von geringem Zustellen der Kurzpassoption: Atlético spielt flach heraus, dringt in den Halbraum ein, spielt flach in den Strafraum, Griezmann trifft.

Neben deiner Arbeit bei Standardsituationen hast du dich auch in der analytischen Abteilung im Spielerscouting beschäftigt. Wie kommuniziert man Statistiken, Datenanalysen zum Trainerstab und anderen?

Gar nicht! Wenn man mit Trainern über Daten redet, hat man vorher vermutlich etwas falsch gemacht. Man muss die Ideen in eine für alle verständliche Sprache übersetzen: Fußball. Man muss mit dem Trainerstab in einer Art und Weise kommunizieren, mit der sie sich verbunden fühlen. Wieso sollte der Trainer ein neues Vokabular erlernen, um zu hören, was du zu sagen hast?

Ansonsten reden Analysten auch kaum mit Spielern, außer bei alltäglichen Begebenheiten von Performance Analysts. Das ist aber eine ganz andere Arbeit. Taktische Ideen der Analyseabteilung müssen in Aktionen auf dem Spielfeld übersetzt werden. Am besten funktioniert dies ohnehin über Trainingsübungen – eine Form von Kommunikation.

Was ist wichtig beim Scouting und der Spielerauswahl und wie kann man dies spezifisch mit Daten kombinieren?

Es ist enorm wichtig ein klares Spielmodell zu haben und Spieler zu holen, welche bei der Ausführung dieses Spielstils helfen. Das ist natürlich ein konstanter Prozess. Jeder eingekaufte Spieler verändert die Dynamik der Mannschaft. Grundsätzlich sollte die Strategie identisch bleiben, die Taktik aber angepasst werden. Doch auch psychologische Faktoren darf man nicht unterschätzen.

Analysen können in vielen Wegen helfen. Es ist einfacher und günstiger viele Ligen auf einmal zu beobachten z.B. Man erhält verlässliche Informationen aus aller Welt. Man kann Spieler von Kolumbien bis Australien, von Japan bis Norwegen abdecken. Das ist mit einem Scouting ohne Daten kaum finanziell machbar, sogar für viele Mannschaften in der deutschen Bundesliga nicht.

Sofort erkennen zu können, ob ein Spieler schlecht ist, scheint nicht allzu nützlich zu sein, doch in der Praxis ist es das! Wir hatten Tage, wo wir 40 bis 50 Namen erhalten haben. Mit den Daten konnten wir schnell ansehen, was die Spieler geleistet hatten, und die schlechten Spieler filtern. Dadurch konnten wir jeden Spieler genauer mit Videoanalysen ansehen, wodurch wir den einen guten Spieler unter diesen 50, wenn es ihn gab, finden konnten.

Kurzpasskonsequenz

Alternativ kann man auch eine andere Flanke auflegen, wenn kein Gegner kommt. Der Ball dreht sich nun anders in die Mitte und kommt mit einem anderen Winkel.

Wie wird sich deiner Meinung nach die statistische Analyse im Fußball in den nächsten Jahren entwickeln? Welche Sachen werden verstärkt in den Vordergrund treten? Welche neuen Entwicklungen wird es geben? In welchen Bereichen könnte man dies noch nutzen, exkl. des Spielerscoutings?

Es ist klar, dass die Analysen von Medien und Vereinen immer mehr eingebunden werden. Die vielen negativen Artikel über die Nutzung von Daten im Fußball ist ein klares Zeichen, dass es immer mehr Teil der Fußballlandschaft wird.

Außerdem gibt es zurzeit einen Fokus auf schussbasierte Metriken in öffentlichen Analysen. Diese tiefhängende Frucht wurde wohl schon von fast allen aufgelesen.

Ein großer Sprung bei den Analysen sollte kommen, wenn Trackingdaten verfügbar werden. Dasselbe geschah im Basketball mit den Analysen durch SportVU. Insbesondere die defensive Seite des Spiels sollte dann viel klarer werden. Desweiteren können Analysen genutzt werden, um herauszufinden, wie die eigene Mannschaft in den für den Verein relevanten Bereichen agiert. Ich weiß, dass Maurizio Sarri dies bei Napoli in dieser Art nutzt, ebenso wie wir bei Brentford und Midtjylland.

Aktivität und individuell adäquates Verhalten sind sehr wichtig. Hier wird geschickt ein Screen gesetzt, bei welchem die beiden Spieler gut interagieren. Sie drängen den Gegenspieler mit gutem Timing in den Block, ein Spieler kann dadurch frei werden. Auch das Timing mit dem Ausführenden der Ecke ist auf hohem Niveau.

Aktivität und individuell adäquates Verhalten sind sehr wichtig. Hier wird geschickt ein Screen gesetzt, bei welchem die beiden Spieler gut interagieren. Sie drängen den Gegenspieler mit gutem Timing in den Block, ein Spieler kann dadurch frei werden. Auch das Timing mit dem Ausführenden der Ecke ist auf hohem Niveau.

Wen siehst du als wichtigsten Statistikanalysten im Fußball derzeit? Welche Vereine sind federführend, welche Personen relevant?

Arsenal hat bekanntlich StatDNA vor ein paar Jahren geholt. Die Leute, die dort arbeiten, sind sehr, sehr gut. StatDNA sind mitverantwortlich für Arsenals sehr gute Spielverpflichtungen und auch die Verantwortlichen, wieso Arsene Wenger in Pressekonferenzen über Expected Goals redet. Ich habe mit Ted Knutson und Marek Kwiatkowski gearbeitet, die ebenfalls auf sehr hohem Niveau sind. Ted hat z.B. sehr viele gute Ideen in vielen Bereichen des Fußballs, was sehr wertvoll ist. Die besten Analysten beschränken sich nicht auf die Statistik-/Datenanalyse, sondern haben ein sehr breites Wissensspektrum über den gesamten Sport.

Ansonsten weiß ich ehrlich gesagt wenig, was aber eher an meiner Ignoranz liegt, nicht am Mangel an guten Leuten.

AS Rom bewegt sich übrigens in puncto Spielerscouting und –verpflichtung verstärkt zu statistischen Analysen. Es gibt einige Mannschaften, die dies tun. Mehr und mehr Mannschaften aus der englischen Premier League holen sich zurzeit „technische Scouts“. Was dieser Job für Tätigkeitsfelder beinhaltet und wie viel Einfluss sie haben, ist allerdings unklar.

Einige französische Mannschaften scheinen ebenfalls Statistikanalysen im Scouting zu nutzen, was mir aufgrund ihrer Transfers auffiel. Allerdings kann man sich hier natürlich nicht 100%ig sicher sein.

Inwieweit wurde die Blogger-Szene (also StatsBomb, welche ja von Ted Knutson persönlich stammt, aber auch andere Blogs)  beobachtet, um zusätzlich zu den professionellen Angeboten neue Möglichkeiten zu sondieren oder neue Konzepte zu finden?

Ja, das ist natürlich ein großer, wichtiger Punkt. Das Gute ist: Solche Blogs sind wie ein Portfolio. Man kann sofort sehen, wie diese Leute agieren und denken. Darunter gibt es einige, deren Arbeit ich sehr respektiere. Dustin Ward (@SaturdaysOnCouch) und Thom Lawrence (@deepXG) produzieren regelmäßig sehr interessante Werke.

Wir bedanken uns bei Nikos für das interessante Interview. Dieses wurde auf Englisch geführt. Falls ein Verein Nikos kontaktieren möchte, so geht dies über die Mail nikos@catenaccio.nl.


Die falsche Neun im historischen & theoretischen Diskurs

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Immer wieder bekommt man es im Taktiksprech mit dem Begriff „falsche Neun“ zu tun. Für Laien ein relativ nichtssagendes Attribut, welches ihnen nur eines impliziert: „da stimmt doch was nicht.“
Die Woche der falschen Neun

Besonders, wenn man der besseren Hälfte erklären möchte, wieso die Nummer Zehn beim FC Barcelona eine falsche Neun ist. Als Antwort erhält man dann: „klar ist der eine falsche Neun, der hat ja auch die Zehn.“ Und im Grunde ist die Erklärung auch treffender als vieles, was im Internet auffindbar ist. Auch die Engländer dachten sich in den Dreißigern beim Österreicher Matthias Sindelar und in den Fünfzigern beim Ungarn Nandor Hidegkuti vermutlich „da stimmt doch was nicht.“

Zur Geschichte der falschen Neun

das „Schmieranskiteam“ der Österreicher mit Matthias Sindelar als Mittelstürmer

Nominell liefen die beiden als Mittelstürmer im 2-3-2-3 nach Jimmy Hogan auf, dem klassischen Donaufußballsystem. Österreich verlor 1934 im Halbfinale gegen Italien, welche den eingebürgerten Luis Monti auf Sindelar abstellten. Auch sie agierten im 2-3-2-3, aber mit tieferen Halbstürmern, welche eher als Mittelfeldspieler gesehen wurden. Monti hatte dadurch mehr Unterstützung und deckte den generischen Stürmer als defensiver Mittelfeldspieler ab. Auch da „stimmte doch was nicht“. In den folgenden Jahren sollte dies zur Mode werden und sich später zum geistigen Vorvater des Vorstoppers entwickeln. War Monti somit die erste falsche Sechs?

Der Mythos der Neuartigkeit

Die Spielweise Hidegkutis gegen England oder Sindelars gegen ebendiese war jedoch keine bahnbrechende Neuerung, wie es teilweise kommuniziert wird. Vielmehr war es in österreichischen, ungarischen und tschechischen Teams in der Vorzeit des zweiten Weltkriegs üblich, dass meist der zentrale Stürmer sich fallen ließ. Dies lag daran, dass diese Teams eine Mischung aus dem englischen „dribbling game“ und dem schottischen „passing game“ praktizierten. Die zurückfallenden Stürmer stellten dann in der Tiefe einen Mann mehr dar, ließen ihre Position verwaisen und öffneten Räume zum Kreuzen und für Diagonalläufe.

Der Grundgedanke war ähnlich wie heute und gegen englische Nationalmannschaften ließ sich dies auch nach dem zweiten Weltkrieg noch einfach spielen – diese hatten noch weite Züge ihres „dribbling game“ in der Spielweise, der Trainer wurde noch abschätzig behandelt und das Herstellen von Anspielstationen war noch individuell, meist rein in vertikalen Linien, was für Vorhersehbarkeit sorgte. Darum waren die Spielweisen von Sindelar vor und Hidegkuti nach dem zweiten Weltkrieg solche Schocks für die Engländer. Taktisch waren sie aufgrund ihrer Geringschätzung der eigenen Trainer dem Kontinent bereits unterlegen. Einige Ausnahmen wie Chapman hatten in den Dreißigern zwar das WM-System gebastelt, doch dieses wurde auf dem Kontinent adaptiert und konstant erweitert.

die Mannschaft von River Plate Mitte und Ende der 40er gilt als einer der Vorreiter des totalen Fußballs, ihre Spielweise wurde schon als 1-0-10 beschrieben. Pedernera ließ sich fallen und öffnete Räume – auch Di Stefano entstand in dieser Dekade aus der Jugendarbeit just dieses Vereines. Die vorderen Fünf hatten allerdings ohnehin nur lose Positionszuweisungen

Hidegkuti war letztlich nur eine Verknüpfung früherer und moderner Systeme. In Südamerika gab es beispielsweise mit Ademir 1950 und Leonidas 1938 auch mitspielende Mittelstürmer, was auch an dem offenherzigen Umgang mit dem Thema Taktik lag. Fachdiskussionen waren kein Tabuthema und so entwickelte sich auch die Diagonale als Alternative zum WM-System sowie das 4-2-4 der 58er-Mannschaft. Auf dem Kontinent wurde ein WW als Konkurrenz zum WM gebastelt und die Ungarn spielten 1954 gar mit einem asymmetrischen WM und der „falschen Neun“.

Die Begrifflichkeit der falschen Neun entstand jedoch erst im Oktober 2009, als Jonathan Wilson im Guardian Messis Rolle als falsche Neun bezeichnete und ihn mit zahlreichen früheren Akteuren verglich. Wieso ist die falsche Neun jedoch heute eine Rarität, galt vor dreißig Jahren als inexistent und vor achtzig Jahren noch als Gang und Gäbe?

Aufkommen und Wegsterben der falschen Neuner

Die Gründe sind die unterschiedlichen Anforderungen im Bereich der Taktik, des Umschaltens und der Physis. Vor achtzig Jahren gab es noch fünf Stürmer an vorderster Front, es war schlicht logisch, dass sich entweder der zentrale Akteur oder einer der beiden Halbstürmer zurückbewegte. Im Kurzpassspiel nach Trainern wie Hogan, Bukovy, Reynolds und Sebes war es sogar essentiell und im Fußball des Wunderteams war es logisch, um möglichst viele Anspielstationen zu haben. Das Zauberwort ist Dominanz und Dauer des Ballbesitzes.

die Königlichen spielten im Finale von 1960 mit dieser Aufstellung und Di Stefano als „falscher Neun“

Vor der Erfindung des Pressings wurde der Ball bei einem Angriff noch länger gehalten, das Tempo war geringer, der Mittelstürmer konnte sich zurückfallen lassen und Räume für insbesondere weite Bälle öffnen. Ab den Sechzigern ging es zu Systemen mit weniger Stürmern über, zu mehr Defensive und die Zeit des Umschaltens kam. Zeugnis dieser Spielweise war der Catenaccio, den Nereo Rocco populär und Helenio Herrera erfolgreich machte. In dieser Dekade folgte durch Maslov in Osteuropa und Michels in Westeuropa auch das Pressing, das im Verbund mit einer erhöhten Athletik kam. Die Zeit am Ball wurde verringert, die offensiven Mannschaften konnten sich kaum eine falsche Neun erlauben.

Durch die Taktik wird das Kollektiv wichtiger

Di Stefano, Pelé und Cruijff hatten allesamt gemeinsam, dass sie mit ihrer Vereinsmannschaft die spielerisch dominanteste Elf ihres Kontinents stellten sowie zumeist auch taktisch dem Gegner überlegen waren. Dadurch und dank ihrer individuellen Brillanz konnten sie diese Spielweise ausüben. Bei Cruijff und Pelé kam die Eingespieltheit der Mannschaft hinzu, wobei Cruijff dank der Ähnlichkeit der Nationalmannschaft, dem Happel’schen Ansatz bei Feyenoord und der Polyvalenz des Kollektivs diese Rolle auf die nahezu selbe Art und Weise auch außerhalb Ajax‘ bekleiden konnte. Di Stefano hatte bei Real eine spielerisch enorm starke Mannschaft noch bevor das Pressing eingeführt wurde und desweiteren galt er als extrem ausdauernd, was seine Spielweise ermöglichte.

Ajax in den 70ern mit Cruijff als falscher Neun

Später fehlte es an solchen Mannschaften, die alles dominierten. Das Pressing, die hohe Athletik und ein stärkerer Fokus auf Taktik hatten sich europaweit durchgesetzt. Rigide Formationen lösten die Fluidität oder zumindest Flexibilität im Sinne des Positionsspiels ab, viele Topmannschaften glichen einer Schablone und befanden sich in gewissen taktischen Aspekten wie der Raumdeckung oder Raumverknappung noch in einer Umbruchphase. In Deutschland dauerte diese gar noch bis in das neue Jahrtausend hinein. Erst seit der kollektiven Anpassung an einen „weltweiten Defensivstandard“, wie es Christoph Biermann beschrieb, mit Viererkette und Raumdeckung begann wieder die sprunghafte Entwicklung der Taktiken, die verstärkt im Bereich der Umsetzung von vorgegebenen Spielphilosophien zu finden sind.

Eine Rückkehr der falschen Neun ist unmöglich, weil der Begriff nichts mit der früheren Spielweise zu tun hat

Durch die höheren Finanzen, verbesserte Jugendarbeit und die Aufhebung der Legionärsbeschränkungen steigt die Qualität in der Breite. Dadurch kann trotz Pressings und Defensivspiel länger der Ball in den eigenen Reihen zirkuliert werden. Branchenprimus ist hier der FC Barcelona, an deren Ballbesitzzeiten im Angriffsablauf niemand herankommt. Es ist die ideale Lebensgrundlage für die (eigentlich einzige unbestrittene) falsche Neun im Weltfußball, welche vor achtzig Jahren noch häufiger vorkam. Und womöglich sollte man sich deswegen hinterfragen, ob der Begriff „falsch“ nicht irreführend ist.

Viel eher hat sich die Definition der falschen Neun in den letzten Jahren verselbstständigt. Sie ist abgesehen von Messi im Konstrukt FC Barcelona kaum einzuhalten, ähnlich wie es nie den angeblichen weltweiten Konsens über die Spielweise einer klassischen spieldiktierenden Nummer Zehn gab. Historisch gesehen ist die falsche Neun nichts als anderes als ein spielmachender Mittelstürmer – wieso die Position also nicht auch so bezeichnen?

Messi lässt sich nur bei Ballbesitz so tief fallen – doch auch Alves, Busquets (oder Abidal) und Iniesta bespiel(t)en bei längeren Kurzpassstafetten durchgehend andere Positionen, wie man hier gut sehen kann. Sind sie deswegen „falsch“?

Bleibt man bei der Beschreibung „falsch“ und überlegt sich, wieso ausgerechnet diese Eigenschaft als primäres Attribut gewählt wurde, kommt man zu folgendem Schluss: der Mittelstürmer, die Nummer Neun, lässt seine Position über längere Zeit verwaisen und bewegt sich woanders hin, obwohl er auf dem Papier dort spielen müsste. Heutzutage ist dies nur in absoluten Ausnahmefällen möglich und wie es scheint auch nur bei einer Mannschaft, nämlich dem FC Barcelona. Dort müssten jedoch auch Dani Alves als falscher Zweier, Busquets als falscher Sechser und womöglich Iniesta als falscher Achter bezeichnet werden, denn allesamt suchen sie sich andere Räume im Ballbesitz, was schlicht daran liegt, dass es ihnen ihre Mannschaft auf einmalige Weise im modernen Fußball gewährt.

Darum sollte das semantische Konstrukt der falschen Neun abgelegt werde. Es ist nicht nur eine nicht zu verallgemeinernde Beschreibung in der Moderne, welche früheren Spielern nicht gerecht wird; auch diese Spieler würden dieser Definition im modernen Fußball nur vereinzelt gerecht werden können, die Beispiele und eine generelle Erklärung findet man übrigens auch in diesem Artikel von TR.

Desweiteren verhindert der Begriff „falsche Neun“ auch das Entstehen unterschiedlicher Variationen eines solchen Mittelstürmertypus und der passenden Bezeichnung dafür. Hierzu folgt noch ein weiterer taktikhistorischer Artikel, in welchem wir mögliche Alternativen und Variationen der „falschen“ Neun beschreiben. Würden diese nämlich woanders oder in einer anderen Zeit auf diese Art und Weise spielen wollen, würde es wohl ebenfalls heißen – „da stimmt doch was nicht.“

Moderne Varianten des Mittelstürmers

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Ein weiterer Artikel im Zuge unserer „Woche der Falschen Neun“ – diesmal geht es um die verschiedenen Varianten dieses Spielertyps.

Wie bereits im Artikel über die Verwendung und Entstehung des Begriffes „falsche Neun“ angemerkt, beengt diese Definition nicht nur die passende Beschreibung aktueller und historischer Spielertypen , sondern auch die Entstehung unterschiedlicher Ausprägungen des Mittelstürmers abseits der Begrenzung allein auf den Raum um ihre Grundposition herum.

In diesem Artikel zeigen wir die unterschiedlichen Varianten der „falschen“ Neun, ihren Verwendungszweck und einen Ausblick in die Zukunft. Unter anderem auch die Spielweise Karim Benzemas, welcher sich im 4-3-3 der Franzosen zwar „fluid“, aber doch anders als beispielsweise ein Lionel Messi, Johan Cruijff, Rajko Mitic oder Nandor Hidegkuti zeigte.

Wieso überhaupt die falsche / spielmachende Neun?

Die Nutzung der „spielmachenden Neun“ (die klassische „falsche Neun“) hat mehrere Gründe: neben dem Verwaisen der Stürmerposition zum Herstellen von Überzahl im Mittelfeld kann sie auch allgemein zum Ausnutzen der gegnerischen positions- oder mannorientierten Raumdeckung genutzt werden. Bei einer raumorientierten Raumdeckung oder einer klassischen Manndeckung würde die falsche Neun beispielsweise weniger Effekt haben, die generelle Spielweise wäre jedoch schwerer auszuführen und generell anfälliger.

Barcelona im Wandel der Zeiten; mit Kubala und Cruijff hatten sie schon vor Messi eine „falsche Neun“

Im Normalfall wird diese Spielweise aufbauend genutzt. Sie soll Kreativität im Angriffsvortrag und Stabilität im Spielaufbau bringen. Ein weiterer positiver Aspekt ist das Chaos in den gegnerischen Abwehrreihen, das durch die Freirolle entsteht; insbesondere historisch bei Cruijff und Hidegkuti hatte dies fatale Auswirkungen. Ideal zeigte sich dies beim 6:3-Erfolg der goldenen Ungarn auswärts gegen England im Wembley-Stadion.

Bei der modernen Version, allen voran Messi, aber auch früher Totti, sieht man oft, wie die falsche Neun bei hohem gegnerischem Druck (zumeist in Form von Mittelfeldpressing) dabei hilft, zentral Dreiecke zu bilden oder bei einer Manndeckung im Mittelfeld die frei gewordenen Räume zu nutzen, um die Rolle des Spielgestalters zu übernehmen. Dadurch nutzt sie die Starrheit der gegnerischen Viererketten, um Überzahl ab dem zweiten Spielfelddrittel zu schaffen. Selbst bei mannorientierter Raumdeckung traut sich kein Spieler aus der Viererkette, die falsche Neun bis weit in die gegnerische Hälfte zu verfolgen. Im ersten Drittel wäre das Zurückfallen der falschen Neun übrigens kontraproduktiv, da es zu kraftraubend wäre, der Raum noch enger ist und ein moderner Torhüter diese Aufgabe in der Tiefe übernehmen kann.

Allerdings sollte hier unterschieden werden zwischen einer tiefen und einer hohen spielmachenden Neun. Letzteres entspricht eher Totti oder auch Zlatan Ibrahimovic an bewegungsfreudigeren Tagen. Wie bereits im vorherigen Artikel erklärt profitiert Messi enorm von der Spielweise seiner Mannschaft, weswegen er sich auch so tief orientieren kann. Ibrahimovic oder auch andere spielmachende Mittelstürmer können dies nicht, verrichten aber ähnliche Offensivaufgaben im letzten Drittel statt im zweiten. Die „spielmachende tiefe Neun“ wird vorrangig bei längerem Ballbesitz und nicht bei Kontern genutzt, teilweise wird sie sogar erst durch die eigene Sicherheit und daraus resultierende zeitliche Dauer im Aufbauspiel möglich. Mannschaften mit weniger Ballbesitz haben – wenn sie denn mit einem potentiellen Spielgestalter im Sturmzentrum spielen – eine „spielmachende hohe Neun“, wie sie beispielsweise der erwähnte Ibrahimovic darstellt. Umgangssprachlich wird er jedoch kaum als „falsche Neun“ bezeichnet, was daran liegt, dass er sich deutlich näher in und um seine Grundposition in der Formation herum bewegt. Dies ist aber mehr Ausdruck der Spielweise seiner Mannschaft, als seiner individuellen Aufgaben.

Weitere Varianten der Neun

Allerdings muss die moderne Variante der beweglichen Neun nicht zwingend aufbauend und stabilisierend genutzt werden. Sie kann auch zur Verstärkung der Defensive genutzt werden – also ein Mittelstürmer, der seine Position im Defensivspiel verwaisen lässt und seine Abwehrarbeit jenseits des üblichen Rückwärtspressingrahmens ableistet. Ein Thomas Müller in Topform könnte beispielsweise eine solche Position herausragend ausführen, da er die nötige Ausdauer und Spielintelligenz mitbringt, um sich im Defensivspiel effektiv zu beteiligen.

Santos in der Saison 1962-63 – auch Pelé könnte als eine spielmachende Neun gesehen werden, während in der Nationalmannschaft Vavá ansatzweise eine ausweichende und/oder eine defensive Neun verkörperte

Eine solche „defensive Neun“ wird aber kaum genutzt. Die Gründe liegen auf der Hand: es fehlt bei Befreiungsschlägen oder schnellem Umschalten eine Anspielstation in der Tiefe und klassische Mittelstürmer disqualifizieren sich oftmals wegen ihrer technischen Mängel in Ballsicherung und Passspiel deswegen. In früheren Systemen mit mehreren Stürmern vorne gab es allerdings die Möglichkeit mit einer defensiven Neun zu agieren; Alfredo Di Stefano war ein solcher Spieler, auch John Charles und Georgi Asparuhov an besten Tagen zeigten Ansätze davon.

Der Waliser Charles war nicht nur als Mittelstürmer Weltklasse, sondern galt als einer der besten Innenverteidiger seiner Zeit und wurde zum besten ausländischen Spieler der Serie A im vergangenen Jahrhundert gewählt, noch vor Platini, Maradona und Co. Er brachte die nötigen defensiven Fähigkeiten mit, um diese Rolle effektiv auszuführen. Außerdem hatte er mit Boniperti und Sivori zwei sehr ballstarke und torgefährliche Halbstürmer im 3-2-2-3 hinter sich, die auch unter Druck Pässe behaupten (Sivori) sowie selbst nach vorne gehen konnten (Boniperti). Ähnliches gab es bei Di Stefano mit Francisco Gento auf links als diagonalem Außenstürmer, Ferenc Puskas im Sturmzentrum, Hector Rial (und später Luis De Sol) neben ihm und noch einigen mehr.

Die dritte große Variante des Nicht-Mittelstürmers ist jene der „umschaltenden Neun“. Mit Erhöhung der Athletik, der Wichtigkeit des Umschaltspiels und des Zusperren des Ballungsraumes offensives Zentrum, was für das Sterben der klassischen Zehn ursächlich war, könnte die Zeit für diesen dritten Ableger der falschen Neun kommen. Der bereits erwähnte Karim Benzema ist ein solcher Stürmer. Er lässt sich weder bei eigenem noch bei gegnerischem Ballbesitz fallen, sondern im Umschaltmoment, also dem Wechsel des Ballbesitzes. Nicht nur, dass er sich am Gegen- und Angriffspressing beteiligt, was ohnehin zum Standard für einen Mittelstürmer wird, auch im offensiven Umschaltspiel spielt er eine Schlüsselrolle.

Real im Umschaltmoment mit Benzema auf Raumsuche und aufrückenden Flügeln

Durch seine Spielintelligenz und hervorragende Technik kann er sich in die richtigen Räume fallen lassen und sich dadurch anspielbar machen. Er bietet seinen Mitspielern in der Defensive somit eine weitere Anspielstation in der Mitte. Zumeist entstehen durch die Begrenzung des Abseits auf die Mittellinie gewisser Löcher zwischen den Linien bei hohem gegnerischem Aufrücken. Es war exakt jener Raum, welchen Özil bei der WM 2010 entlang der gesamten Horizontale beackerte – eine ähnliche Rolle übernimmt Benzema auf allerhöchstem Niveau. Durch sein dynamisches Anbieten in freien Räumen zieht er entweder einen Verteidiger mit und öffnet eine Lücke oder er besitzt ausreichend Zeit, um sich zu drehen und angriffseinleitend tätig zu werden.

Eine weitere Möglichkeit, meist im Verbund mit der umschaltenden Neun ist das Ausweichen auf die Flügelpositionen. Dies liegt zumeist daran, dass durch die geöffnete Lücke in der eigenen wie der gegnerischen Formation und das schnelle Konterspiel sich die Flügelstürmer diagonal Richtung Sturmzentrum orientieren. In weiterer Folge übernimmt der nominelle Mittelstürmer die Position eines der eingerückten Mittelstürmer und spielt als „ausweichende Neun“. Agiert die Mannschaft mit viel Ballbesitz weit vorne im Feld und der Mittelstürmer passt sich den Bewegungen seiner Außenstürmer an, öffnet Räume durch horizontale Bewegungen oder das Kollektiv spielt offensiv-fluid, dann entstehen solche Ausweichbewegungen isoliert vom Zurückfallen im Umschaltspiel.

Zukunftsaussichten

Im Zeitalter der taktischen Neuerungen und der exorbitanten Dynamik verändern sich viele Aufgabengebiete. Die Mannschaften suchen nach Möglichkeiten bislang isolierte Spieler verstärkt miteinzubeziehen – das begann beim Stopper, ging über den Torwart bis zum Mittelstürmer. Doch auch die Möglichkeiten solcher Anpassungen verändern sich stetig. Immer wichtiger wird das Pressing und die Idee der defensiven Neun hat ihre Möglichkeit vor einigen Jahren verpasst, könnte aber als „pressende Neun“ in einigen Jahren Erfolge feiern.

Inwiefern die falsche Neun, wie sie beispielsweise Messi darstellt, einen Siegeszug feiern wird, bleibt abzuwarten. Zu hoch scheint ihre Abhängigkeit von längeren Ballbesitzphasen und somit einer individuell starken Mannschaft. Allerdings könnte sich durch die bessere Technikschulung von klein auf, die verbesserten Spielweisen im Aufbauspiel und den hohen Professionalismus, der sich auf die Eingespieltheit auswirkt, durchaus ein Trend zum Ballbesitzfußball entwickeln. Dann würde die tiefe spielmachende Neun ihren Siegeszug erst beginnen und sich an den Erfolgen aus der fußballerischen Urzeit orientieren können. Welche beweglichen Neuner sich letztendlich durchsetzen werden, wird also das Resultat einer der kollektiven Entwicklungen im Weltfußball. Voraussichtlich wird es einmal mehr auf eine Mischung herauslaufen, wie es auch TR in seinem Artikel erläutert.

Die starre / feste / klassische Neun wird also höchstwahrscheinlich die positiven und verwirklichbaren Aspekte der beweglichen / fluiden / falschen Neun und ihrer Untervarianten aufnehmen, wodurch sich unterschiedliche Stürmertypen mit Möglichkeit zur Anpassung an den Gegner entwickeln werden.

Taktische Mittel gegen die falsche Neun

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Das Konzept der falschen Neun gilt im modernen Fußball als enorm schwer zu verteidigen. Der Gegner kann Überzahl im Mittelfeld herstellen, reißt die Kette auseinander und öffnet somit Löcher für seine Mitspieler. Außerdem erhöht er den Ballbesitz und in indirekter Folge die Möglichkeit des Herausspielens von qualitativen Chancen sowie geringerer Gefahr durch Konter aufgrund der möglichen Distanz des Gegners zum eigenen Tor.

Sich selbst bringt er mit Dynamik und somit einem Vorteil gegenüber den Verteidigern in die nötigen Zielräume der Abwehr, was die Torgefahr erhöht. Desweiteren kann er sich flexibel an die Passmuster seiner Mannschaft und die Löcher in der gegnerischen Formation anpassen. Die Positionierung in der Offensive ist somit „richtiger“ und kann individuell problemlos angepasst werden.

Diese Faktoren machen die falsche Neun bei richtiger Umsetzung sehr gefährlich. Insbesondere bei der weitgehend gängigen Spielweise der mannorientierten Raumdeckung und des starren Kettenspiels der Abwehrreihe ist es fatal, wie beispielsweise das 5:0 Barcelonas gegen Real Madrid 2010 eindrucksvoll beweis. Darum sollte man aus einer taktiktheoretischen Perspektive verschiedene Lösungsansätze diskutieren, welche zur Neutralisation genutzt werden könnten.

Raumorientierte Manndeckung

Eine Möglichkeit wäre es, die Kette und das Spiel mit der Raumdeckung zu verändern. Die Kette würde dann je nach Szenario aus drei eher zentralen Akteuren bestehen, welche den Raum verdichten. Die Seiten  werden je nach Überlegung von höheren Spielern, also den Flügelverteidigern oder Außenstürmern, besetzt oder gar verwaisen lassen. Durch drei zentrale Spieler ist der Raum geringer, man steht kompakter und kann die falsche Neun stärker in die Mangel nehmen sowie flexibel Zugriff auf sie erhalten. Insbesondere der zentrale Spieler kann sich nach vorne bewegen und sie nach vorne verfolgen.

hier ein Beispiel, wie man gegen die falsche Neun (personifiziert durch eine symmetrisierte Aufstellung Barcelonas mit Messi) mit wechselnden Manndeckern vorgehen könnte. Der Manndecker wechselt je nach Zone, das Mittelfeld kann ähnliches bei der gegnerischen Doppelacht betreiben. Die dargelegte Variante ist natürlich sehr defensiv, am Grundprinzip ändert es nichts – es kann auch mit zwei Innenverteidiger oder nur zwei Sechsern oder beidem gespielt werden mit daraus resultierender höherer Offenheit

Eine Alternative wäre es, wenn die falsche Neun auch nur in einer bestimmten Zone von dem dazugehörigen Spieler manngedeckt werden würde. Bewegt sie sich aus der Zone heraus, dann wird Übergeben. Allerdings ist dies riskant, da es nur geringen Schutz vor dem Überladen bietet und der Moment der Übergabe von anderen Spielern genutzt werden könnte. Jedoch ist das Grundprinzip gut und kann in Kombination mit einer flexiblen Raumaufteilung des Kollektivs funktionieren. So wäre es eine Idee, dass sich das Mittelfeld tiefer stellt, wenn die falsche Neun ins Mittelfeld zurückgeht. Der Raum zwischen den Linien wird verringert, die raumorientierte Manndeckung kann nun von den Mittelfeldspielern mit zusätzlicher Absicherung übernommen werden. Ganz nach dem Prinzip der Absicherung wäre die nächste Variante.

Rückkehr zum Libero

Den (vermeintlich) modernen Trend der falschen Neun lässt sich womöglich auch mit der Rückkehr zu einem freien und vertikal hinter der Kette verschobenen Mann in der Defensive entgegen wirken. Beispielsweise könnte eine Viererkette mit zusätzlicher Absicherung dahinter oder ein Manndecker in einer Dreierkette mit zusätzlichem Libero gespielt werden. Die Mannschaft könnte dann aggressiv herausrücken und pressen, während der Ausputzer absichernd agiert und die von der falschen Neun geöffneten Räume sichert.

hier sieht man die jeweiligen Systeme mit Libero, einmal mit 1-3-4-2 und einmal im 1-4-4-1. Der Kreis symbolisiert in diesem Fall den jeweiligen defensiven Aktionsradius

Allerdings gibt es bei dieser Variante viele Probleme. Der Libero bedeutet einen weiteren Mann in der Mittelfeld weniger und somit noch stärkere Unterzahl im Mittelfeld. Geht man jedoch von einer auf Konter angelegten Spielweise aus, dann wäre der Libero durchaus eine interessante Idee. Er kann das Spiel mitaufbauen und nach unterbrochenen Angriffen sofort Konter initiieren, bei denen er im Normalfall mehr Zeit und Raum haben sollte, als ein klassischer Innenverteidiger oder Sechser. Womöglich könnte er gar eine Hybridrolle übernehmen, in welcher er nicht durchgehend als Stopper agiert, sondern sich selbst in die Kette einordnet und einen Spieler daraus befreit. Dieser würde dann eine flexible Deckung auf die falsche Neun übernehmen und somit wäre das Problem des freien Spielers und der Unterzahl in der Mitte zumindest in Ansätzen beseitigt.

Eine weitere Möglichkeit wäre ein „Mittelfeldlibero“, beispielsweise eine Art freier Mann in einem 4-1-4-1-System. Dieser kann dann bei Bedarf ein besonders Augenmerk auf die tiefe spielmachende Neun legen, ansonsten aber als klassischer Staubsauger und Defensivorganisator vor der Viererkette agieren. Problematisch ist hier, dass er keine Absicherung hinter der Abwehr bietet und somit Lochpässe nicht aufhalten kann, außerdem durch eine eingespielte Mannschaft einfach entblößt werden kann. Die Halbräume werden durch das zusätzliche Band im Mittelfeld geöffnet, was gegen eine Mannschaft wie Barcelona oder eine falsche Neun wie Messi fatal sein kann.

Allerdings könnte man eine ähnliche Spielweise auch auf weniger komplexe Art und Weise haben.

Der Kettenhund

Generell wäre es eine Möglichkeit der gegnerischen falschen Neun schichtweg einen Sonderbewacher entgegen zu stellen. Die restliche Anordnung würde dann quasi auf Zehn gegen Zehn in der taktischen Planung und Analyse hinauslaufen, während der Manndecker die falsche Neun möglichst im Alleingang ausschalten soll. Die große Frage ist hierbei immer, wer dafür geopfert wird. Im Prinzip wird meistens aus der gängigen Formation ein Spieler aus dem Defensivverbund herausgerissen und soll eine Manndeckung übernehmen. Gegen Messi taten dies beispielsweise einmal Pepé als nomineller Sechser und ein anderes Mal Carvalho als Innenverteidiger. Sie lösten sich aus der Position in ihrer Grundformation heraus und spielten dann gegen Messi bei dessen Ballannahme.

Die Formation und Anordnung als solche blieb aber gleich. Eine Anpassung an das defensive 10-Mann-Spiel hätte jedoch dieses taktische Mittel noch interessanter gemacht. Man könnte beispielsweise ein 4-3-2 spielen, ein 4-4-1 oder ein 4-2-3, wie es Real in dieser Hinsicht tat. Eine isolierte Betrachtung der Formation mit ausgeblendeten Manndecker sowie der offensiven Phase mit ihm in der Formation ist dennoch unumgänglich. Dadurch wird es möglich, die Mannschaft besser anzupassen und mehrere Szenarien durchzuspielen, in welcher Probleme durch die falsche Neun aufgeworfen und Lösungen gefunden werden können.

Besitzt man nicht nur einen zweikampfstarken und bissigen Manndecker, sondern einen intelligenten Defensivspieler, kann der Kettenhund zum Abdrängen genutzt werden. Er verfolgt dann keine aggressive und oftmals riskante Spielweise, sondern soll die falsche Neun schlicht von ihren idealen Wegen abdrängen und dadurch das Spiel der gegnerischen Mannschaft nachhaltig schädigen. Indem er ihn in schwache Schusspositionen bringt oder von Mitspielern isoliert, verringert er die ausgehende Gefahr enorm.

Das passive Abwehrpressing

Eine kollektive – und umstrittene – Möglichkeit wäre es, die falsche Neun ohne explizite Zuteilung normal agieren zu lassen, allerdings in den resultierenden Zweikämpfen durch die Bank passiv zu agieren. Dies stellt einen Kompromiss dar, in welchem man niemanden opfert und die normale Formation wie Aufstellung spielen lassen kann. Aber dafür verändert sich das Zweikampfverhalten, was in gewisser Weise einer Art Schadensbegrenzung entspricht. Durch das passive Abwehrpressing soll der Laufweg des Gegners geleitet werden und sein Dribbling weniger erfolgreich gestaltet werden.

Ziel sollte es sein, dass der Gegner nur unter akut einsetzender Bedrängnis sowie aus ungünstigen Positionen abschließen kann. Indem man weder in den Zweikampf geht noch eine Grätsche ansetzt, kann die falsche Neun verfolgt und beim Abschluss behindert werden. Dies kann jedoch auch ins Auge gehen – es ist letztlich ein Tanz auf Messers Schneide, wie die Halbfinale von Chelsea in der vergangenen Saison (aber auch im Finale und unter Hiddink 2009) gezeigt haben. Sowohl Roberto di Matteo als auch Guus Hiddink verhängten in Ansätzen ein Grätschverbot, wiesen ihre Akteure zu Spielbewegungen an und verlangten sichere Defensivaktionen. Der Zweikampf sollte so lange hinausgezögert werden, bis er möglichst erfolgreich bestreitet werden kann.

Im Spiel gegen die falsche Neun ist dies besonders interessant, weil sie nicht nur viel von ihrer Wirkung verliert, sondern die gegnerische Mannschaft in ihrer eigenen Spielweise einsperrt. Sie verschieben den Ball dank ihrer Überzahl, werden aber von den gefährlichen Zonen isoliert und besitzen keine Sturmspitze als Ersatz. Dadurch entsteht quasi ein Spiel in Trance, in welcher die gleichen Bewegungen wiederholt werden, ohne dass Erfolgswahrscheinlichkeit steigt.

Isolation & Pressing

Die nächste kollektivtaktische Idee ist das Versperren von Passwegen, was sich allerdings wegen der enormen Beweglichkeit der falschen Neun schwierig gestalten dürfte. Wichtig ist eine präzise Analyse der Bewegungsabläufe des gegnerischen Kollektivs, um die Passmuster zu erkennen und eine mögliche Anordnung zu schaffen, in welcher der Mittelstürmer isoliert werden kann.

ein mögliches Pressingszenario mit den drei wichtigen Deckungsschatten – es verhindert ein direktes Anspiel auf Messi, ein indirektes Anspiel über Pedro und erhöht durch die Deckung auf Busquets den generellen Druck

Interessant wäre es hierbei, wenn lokales Pressing betrieben wird, um mögliche Passgeber spezifisch unter Druck zu setzen und mit dem Deckungsschatten die Passwege zur falschen Neun zuzustellen. Das lokale Pressing kann dabei auch auf die falsche Neun praktiziert werden, natürlich im Verbund mit einer Pressingfalle. In bestimmten Situationen oder Positionen werden Räume zur falschen Neun offen gelassen, um Pässe auf den Zielspieler in der Offensive zu provozieren. Sobald der Pass gespielt wird, klappt die Falle zu und es wird attackiert.

Rückwärtspressing als weitere Alternative des Pressings

Ähnliche Attacken in Intervallform mit einem festgelegten Auslöser könnten auch vom Mittelfeld praktiziert werden. Im Normalfall wird Rückwärtspressing von den Stürmern nach Angriffspressing ausgeübt, welche ihre Außenverteidiger in der klassischen Defensivarbeit unterstützen. Gelegentlich gibt es auch Mittelstürmer, welche den gegnerischen Spielaufbau in dessen zweiter Phase im Mittelfeld stören, beispielsweise Tevez‘ Pressing auf Yaya Toure gegen Barcelona in der Saison 2007/08. Auch Mario Gomez zeigte dies in Ansätzen, in einer Partie gegen den BVB oder Inter Mailand in der Van-Gaal-Ära sogar auf großem Niveau.

Das gleiche Grundprinzip liegt einem solchen Rückwärtspressing auf die falsche Neun zugrunde. Befindet sie sich vor der Mittelfeldkette, dann kann sie auf die übliche Weise gepresst werden, sobald sie sich in den gefährlichen Zonen zwischen den Linien aufhält, dann wird die Kette des Mittelfelds nach hinten gezogen. Sie zieht sich nach dem Prinzip der Raumverknappung Richtung Ball und soll möglichst eng um die ballführende falsche Neun agieren.

durch Rückwärtspressing des Mittelfelds wird der Raum zwischen den Linien komprimiert

Dies sorgt dafür, dass die falsche Neun darunter leidet, dass sie als einziger Stürmer agiert – die Bälle aus dem Mittelfeld können zwischen den Linien angenommen werden, doch die beiden Ketten können dank des mangels an einem zweiten zentralen Stürmer problemlos eng gezogen werden. Die Gefahr liegt dann über den Flügeln, bei einer vor dem Zusammenziehen gegebenen Kompaktheit ist die Bedrängnis auf die falsche Neun aber im Normalfall ausreichend hoch, um präzise Anspiele oder gar Kombinationen zu verhindern.

Dadurch könnte auch das Raumfressen in neuer Ausführung praktiziert werden. Beim Raumfressen lassen sich die Spieler der Mittelfeldkette zumeist bei inversen Ausflügen der gegnerischen Flügelstürmer antizipativ nach hinten fallen und leiten die Bewegung des Ballführenden nach vorne, während sie zeitgleich den Raum zwischen den Linien verschlossen haben. Dank des Rückwärtspressing könnte bei einer passenden Zuteilung das aktive Pressing mit dem passiven Raumfressen kombiniert werden.

Defensivfluidität

Es gibt auch zwei weitere und etwas skurrile Möglichkeiten gegen die falsche Neun vorzugehen. Die erste Variante wäre eine fluide Besetzung von Räumen in der Defensive. Die Mannschaft passt sich durchgehend an die neuen durch die falsche Neun geschaffenen Begebenheiten an und nimmt danach die ideale Position ein. Wie bei der Offensivfluidität erfordert dies ein exorbitantes Maß an hervorragenden und spielintelligenten Akteuren, das Risiko ist auch enorm hoch – ein minimaler Mangel an Konzentration in einem hochkomplexen taktischen Gebilde reicht aus, um das gesamte Konstrukt in sich einstürzen zu lassen.

In der Theorie erhält man aber durch eine solche Spielweise ideal Zugriff auf flexible Ballbesitzmannschaften, welche normalerweise die Grundlage für eine falsche Neun darstellen. Mit der fluiden Bewegung im Raum und passender Eingespieltheit kann man die Bewegungen des Gegners ideal verfolgen und dagegen vorgehen. Ein Kompromiss zwischen dem hohen Risiko und den Stärken wäre das Einsetzen von gewissen Stützpfeilern: beispielsweise einem festen Spieler im defensiven Zentrum oder ähnlichem.

Auf eine gewisse Art und Weise hat dieses Prinzip Arsenal unter Wenger gegen Barcelona bereits umgesetzt und auch Getafe konnte damit Erfolge erzielen, während Leverkusen im Hinspiel trotz einer guten Leistung scheiterte.

Hier ist die „feste“ Komponente die Viererkette, die fluide Komponente befindet sich davor und wird abgesichert. Es wird jener Raum flexibel attackiert, in welchem die Pässe auf die falsche Neun kommen und wo sie selbst agiert, was diese teilweise Fluidität als sicherste und effektivste Spielweise prädestiniert.

Ansätze von Fluidität sind hier zu sehen:


Veränderung des Kettenspiels

Es gibt ein großes Dogma im Fußball, welchem ich mich in einem gesonderten großen Artikel eines schönen Tages widmen werde: nämlich die Horizontalität des Kettenspiels. Die Bänder in einer Mannschaft werden in der Abwehr nahezu immer und oftmals auch noch im Mittelfeld als Kette organisiert, welche bei Herausrücken eines Spielers horizontal auf dessen Position einrückt oder als gesamte je nach Ballposition verschiebt.

Als spezielle Variante gegen die falsche Neun, wäre eine Veränderung des Kettenspiels eine innovative wie riskante und komplexe Lösung. In gewisser Weise wird dies bei der fluiden Dreifachsechs sogar genutzt, sie organisiert sich teilweise als eine Dreieckskette, wo der Sechser, der keinen Zugriff auf Ball und Gegner hat, auf eine nicht mehr besetzte Position seiner Partner verschiebt.

Interessant wäre der Faktor „Kompression“ durch eine Nutzung einer vertikalen Kette im Zuge der Kompaktheit im spezifischen Raum der falschen Neun. Das bedeutet, dass in der Formation, welche auch immer dies sein mag, eine vertikale Linie vom Verteidiger bis nach vorne gezogen wird. Die Formation kann danach ausgerichtet werden, beispielsweise ein 3-3-3-1 mit zwei engen Anordnungen der drei Akteure in Mittelfeld und Angriff. Gegen Barcelona wäre dies ohnehin ein interessantes System, weil es sehr eng gespielt werden kann, was die Mitte überlädt.

Falls die falsche Neun nun im Mittelfeld attackiert wird, verschiebt einer der Akteure aus seiner Grundposition heraus. Zumeist wird sich einer der drei Sechser aus dem zweiten Band in einem hypothetischen 3-3-3-1 auf eine Seite bewegen, woraufhin die vertikale Kette greift. Die Position des Sechsers ist verwaist, doch sowohl der Akteur davor als auch jener dahinter schiebt den Raum zu.

Dieser ist kompakt, kann nicht bespielt wird; wie oft sieht man bei Messi Situationen, wo er nach einem erfolgreichen Dribbling scheinbar endlose Räume zwischen den Linien vor sich hat? – auch Pässe auf aufgerückte Nebenmänner wie Raumsucher Iniesta sind bekanntlich gefährlich.

Riskant bei einer solchen Spielweise ist natürlich der Raum dahinter sowie die geöffnete Schnittstelle. Im Zuge dessen sollte das horizontale Kettenspiel beibehalten sowie eine Abseitsfalle genutzt werden. Sobald der Sechser einrückt, schiebt nicht nur der Innenverteidiger dahinter nach vorne, sondern auch die Partner. Die Abseitsfalle sollte Tiefenläufe neutralisieren, danach kann dann das horizontale Kettenspiel zur Versperrung der Schnittstelle ebenfalls genutzt werden.

Weniger riskant und damit realisierbar(er) ist das vertikale Kettenspiel im Angriff und Mittelfeld. Wenn der Stürmer attackiert, sollten der Sechser und der Innenverteidiger dahinter nach schieben, ansonsten bieten sich wieder jene Räume, welche Mannschaften wie Barcelona mit ihren sich anpassenden Passmustern bespielen wollen. Dadurch wird die Kompaktheit beibehalten und der gegnerischen Mannschaft das Spiel mit der falschen Neun als Akteur zwischen den Linien erschwert.

Formative Voraussetzungen der spielmachenden Neun

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In den bisherigen Artikeln der Serie haben wir bereits kurz erklärt, dass im modernen Fußball die die tiefe spielmachende bewegliche Neun deswegen nur sporadisch auftauchte, weil durch die erhöhte Athletik eine gewisse Dominanz in Form von Ballbesitz nötig war.

Früher gab es diese Athletik und das daraus resultierende kompakte und kollektive Pressing über das gesamte Spielfeld nicht, weswegen die spielmachende Neun noch Gang und Gäbe war. Doch ein gewisses Grundmaß an kontrolliertem Ballbesitz ist nicht die einzige Soll-Voraussetzung für dieses taktische Mittel.

Es fällt auf, dass im nach-dem-WM-System-Zeitalter des Fußballs vorrangig ein Dreiersturm und seine Variationen dafür genutzt wurden. Ajax Amsterdam und der FC Barcelona in den 70ern mit Johan Cruijff, Lionel Messi bei den Katalanen seit 2009 sowie Francesco Totti bei der Roma Mitte der letzten Dekade. Hierzu sei gesagt, dass Totti eher eine hohe spielmachende Neun war, welche oftmals als umschaltende Neun fungierte.

Auch die Roma spielte auf Ballbesitz und mit drei Stürmern – von der Rollenverteilung her

Trotzdem hatten die Römer in 32 von 38 Ligaspielen mehr Ballbesitz als der Gegner und kamen im Schnitt auf fast 59% Ballbesitz, was eine starke Quote ist; in der Folgesaison lagen sie sogar nur vier Mal unter 50%, einmal zu zehnt, dreimal ohne falsche Neun. 59% bedeutet auch einen höheren Ballbesitz als Mannschaften wie Gladbach, Dortmund, Bilbao, Real, City, Swansea und United in der vergangenen Saison. Neun Mal lagen die Roma der 06/07er-Saison sogar über 65% Ballbesitz; Barcelona hatte in der gleichen Spielzeit mit Ronaldinho, Deco und Co. elf Mal über 65% Ballbesitz, in der siegreichen CL-Saison von 2005/06 waren es sogar nur sechs bei einem Durchschnittswert von knapp unter 60%.

die Roma 2007 im Spiel gegen Inter. Davor war es noch Mancini oder Tavano, der auf links agierte und auf rechts spielten Taddei oder Wilhelmsson

Eine Übersicht über die Partien mit weniger Ballbesitz klärt auch auf, wie es in jenen Spielen dazu kam:

  • Zwei Spiele ohne falsche Neun, einmal gegen Parma mit zwei Stürmern und einmal gegen Catania mit Vucinic vorne
  • Zwei Spiele gegen den späteren CL-Finalisten AC Mailand, wo sie beide Male früh in Führung gingen und sich aufs Kontern verlegten
  • Ein Spiel gegen Reggina mit 28 Torversuchen
  • Ein Spiel gegen Inter unter Roberto Mancini mit Ibrahimovic, Adriano und Figo vor einer defensiven, aber sehr spielstarken Dreierkette aus Stankovic, Zanetti und Cambiasso im 4-3-1-2, was in 51% Ballbesitz resultierte
  • Das letzte Saisonspiel, ein spektakuläres 4:3 gegen Messina

Die Formation war dennoch weitestgehend von der Rollenverteilung einem Dreistürmersystem entsprechend. Neben Totti agierten in diesem 4-3-3-0-System nämlich mit Rodrigo Taddei oder Christian Wilhelmsson einen dribbelstarken und vertikalen Flügelstürmer, der auch diagonal in die Mitte ziehen konnte. Dazu gesellte sich ein inverser Flügelstürmer in Amantino Mancino oder gar ein verkappter Mittelstürmer, wie es Francesco Tavano darstellte.

Dies ähnelt stark der Aufstellung Barcelonas mit Messi im Zentrum, dazu einen wie David Villa oder Thierry Henry auf links und einen wie Pedro oder Sanchez auf rechts. Unterschiede gab es in der Spielstärke dennoch, doch drei Akteure mit Stürmeraufgaben waren es dennoch, auch wenn die Roma mit einem nominell zentraloffensiven Akteur auflief. Zentral hatten sie mit Simone Perrotta einen zusätzlichen Mittelfeldspieler, welcher sich primär über seine Laufarbeit definierte – nicht über die Offensive oder eine Rolle als Stürmer.

Wieso der Dreiersturm für die falsche Neun wichtig ist

Die spielgestalterische und tiefe Interpretation des Mittelstürmers sorgt bekanntlich nicht nur für Überzahl im Mittelfeld, sondern auch für eine fehlende Besetzung des Mittelstürmers. Diese vakante Position sorgt oftmals dafür, dass ein stürmerloses System viel Kritik erhält – beispielsweise bei der Europameisterschaft, wo Spanien medial einstecken musste, ob ihrer Spielweise und der fehlenden Durchschlagskraft.

Doch Spanien tat sich immer dann schwer, wenn sie neben der falschen Neun zwei weitere Mittelfeldspieler auf den Flügeln hatten, die auch von der Aufgaben- und Rollenverteilung her so agierten. Dadurch fehlte es ihnen trotz hoher Außenverteidiger an der Breite im letzten Drittel, das Zentrum war sogar zu sehr überladen und nach vorne gab es keine Anspielstationen in der Tiefe.

ein 4-2-3-1 mit tiefer spielmachender Neun hängt immer davon ab, wie sich der zentraloffensive Akteur dahinter und die Flügelstürmer verhalten. Hier sieht man ein hypothetisches ineffektives Beispiel gegen ein 4-4-1-1

Vicente Del Bosque versuchte dies durch eine flexible Besetzung des Mittelstürmerposten zu beheben oder eben durch eine Einwechslung eines Stürmers auf dem Flügel. Andere Ansätze wie die schon erwähnten sehr hohen Außenverteidiger oder ähnliches funktionierten nur in bestimmten und seltenen Situationen, sind aber nicht konstant anwendbar.

Bei einem Dreiersturm hat die falsche Neun die passenden Freiheiten. Die beiden Mitspieler bieten Anspielstationen in der Breite und in der Tiefe, sie binden die gegnerischen Außenverteidiger und bei richtiger Positionierung oder in späteren Angriffsphasen (bspw. wegen überladender Außenverteidiger) die gegnerischen Innenverteidiger.

Die falsche Neun ist somit beim Zurückfallen in das Mittelfeld nicht zu verfolgen, hat dort ausreichend Räume zwischen den Linien und kann im Angriff bei richtigem Timing ungedeckt zum Abschluss aus dem Rückraum oder in bespielbaren Zonen vor dem Tor kommen. Anders sieht es bei alternativen Systemen aus.

Wenn man das Attribut „stürmerlos“ wörtlich nimmt …

… hat man ein großes Problem. Stellt man die Mannschaft in einem 4-2-3-1 (als Variante des 4-5-1 und nicht des 4-4-2, 4-3-3 oder 4-2-4) oder auch einem 4-1-4-1 auf, dann gibt es mit einer Spielweise des Mittelstürmers als falsche Neun fast nur Nachteile. Ohne die Flügelstürmer fehlt die Bindung der gegnerischen Viererkette in die Breite und auf Außen, das Isolieren des Innenverteidigers zur Verfolgung ins Mittelfeld funktioniert einfach.

bei einem 4-1-4-1 haben die beiden Innenverteidiger Vorteile gegen die falsche Neun, können sie verfolgen und die Flügel können nur schwer überladen werden, FALLS die Außenspieler ihre Rollen als Mittelfeldspieler und nicht als Stürmer interpretieren

Der Gegner kann auch durch die mangelnde Bindung nach hinten problemlos aufrücken, die Kompaktheit erhöhen und dadurch den Bewegungsraum der falschen Neun einengen. In gewisser Weise erzeugt das Zurückfallen der falschen Neun einen Mechanismus, welcher der gegnerischen Abwehrkette ein ideales Signal zum Aufrücken bietet und auch schwer durch Tiefensprints auszuhebeln ist.

Ist ein Stürmer wirklich genug?

Sogar bei zwei Stürmern kann die falsche Neun eine kontraproduktive Taktik bei einer erfahrenen Abwehrkette des Gegners sein. Wichtig ist hier, ob der zweite Stürmer entweder mit seiner Athletik und seiner Bewegung die Kette tief halten oder gar eine Rolle wie Alexis Sanchez beim FC Barcelona verkörpern kann.

Der Chilene läuft nominell als Flügelstürmer auf, aber beackert die gesamte Horizontale. Dadurch bindet er die Abwehr hinten und kann jederzeit mit einem Vertikalsprint in den Raum dahinter eindringen. Dadurch verkörpert er durchgehend Gefahr, welche eine starre und zentrale positionierte Neun nicht vermag.

Dennoch sollte man bedenken, dass bei einer Spielweise aus falscher und starrer Neun zumeist die letztere die Laufwege und das Ankommen mit Geschwindigkeit an den idealen Plätzen beengen wird. Ähnlich verhält es sich auch bei einem Vier-Stürmer-System, wobei diese Spielweise aufgrund der durchgehend breitegebenden Flügelstürmer etwas besser zu spielen ist.

Neben dem System mit drei Stürmern ist auch die Anordnung mit deren fünf interessant, weil sie durch die räumliche Nähe zu zwei Halbstürmern jederzeit mit Rochaden überraschen kann sowie die Flügelstürmer die nötige hohe Breite geben. Dies war auch die Mitursache für die vielfach vorkommenden spielmachenden Neuner in den Zeiten des Fußballs vor Pressing und Co.

Zusammenfassend sei gesagt, dass die Formation als solche nicht wichtig ist – es ist die Anzahl der Stürmer im Sinne der Rollenverteilung, nicht ihrer genauen Position; was sich dann auch auf eine mögliche Installation der fluiden Neun auswirkt.

Wie Vicente del Bosques und Josep Guardiolas Alternativen mit der flexiblen Besetzung durch David Silva und Co., dem Einsatz von Alexis Sanchez als horizontaler oder auch Cesc Fabregas als vertikaler Ersatz gibt es natürlich wie immer Ausnahmen von der Regel. Dennoch ist es aus einer taktischen Sichtweise ideal, wenn es drei oder fünf Akteure gibt, wovon der zentrale Akteur die falsche Neun bekleidet.

Guardiolas Dreistürmersysteme und die fluide Neun

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Ein Artikel über die taktischen Anpassungen von Pep Guardiola, der seine Mannschaft durchgehend veränderte und unberechenbar machte. Jener Trainer, der in seiner Zeit beim FC Barcelona nicht nur die wohl bekannteste tiefe spielmachende Neun installierte, sich immer wieder neu erfand, aber dennoch konstant mit ähnlichen Schlüsselspielern und einer gleichbleibenden Spielphilosophie zu agieren.

Wie wir bereits im vorherigen Teil unserer Serie erläutert haben, benötigt man für die tiefe spielmachende Neun neben einer passenden Spielphilosophie und der dazugehörigen Umsetzung auch die passende Formation – idealerweise ein Dreistürmersystem, mit welcher Anordnung dahinter auch immer. Doch diese Formation muss keineswegs starr bleiben, sondern bietet selbst bei einer Fixierung auf drei Angreifer großen Spielraum für mikrotaktische Anpassungen.

Das Schlüsselspiel

Wirklich ins Rampenlicht trat die fluide Neun erst am 2. Mai 2009. Der FC Barcelona hatte sich am 15. Spieltag mit einem 2:0 im Clásico abgesetzt, doch Real Madrid konnte mit einer beeindruckenden Aufholjagd von 17 Siegen und einem Unentschieden in 18 Partien Druck auf die Katalanen ausüben. Die Meisterschaft schien wieder nahe, doch Pep Guardiola und sein Protegé aus Argentinien sollten diesen Traum zerstören.

13 Schüsse auf das Tor, 63% Ballbesitz und sechs Treffer mit vier Scorerpunkten von Xavi, drei von Messi sowie nur neun begangenen Fouls zeichneten das Bild eines an offensiver Perfektion grenzenden Spektakels. An jenem schicksalsträchtigen Tag in Madrid zerstörte Lionel Messi die mannorientierte Raumdeckung vor 100 Millionen Zusehern auf der ganzen Welt.

Ungarn 1953

Am 25. November 1953 hatte Nandor Hidegkuti in einer ähnlichen Position die Manndeckung ad absurdum geführt – vor etwas kleinerer Kulisse gelang der goldenen Mannschaft der Ungarn („aranycsapat“) im Wembley-Stadion gegen das Mutterland des Fußballs ebenfalls ein Auswärtssieg mit sechs erzielten Treffern. Wie einst Harry Johnston wussten weder Christoph Metzelder noch der ehemalige Weltfußballer Fabio Cannavaro, ob sie Messi verfolgen sollten oder nicht. Was tat er auch in ihrem Sichtfeld, während sich Eto’o und Henry wo anders bewegten? Da stimmte doch was nicht.

An jenem Samstag, in dem Edin Dzeko und Grafitè unter Felix Magath die Hoffenheimer mit 4:0 und 45% Ballbesitz abschossen und Bayern sich unter Interimstrainer Heynckes mit 69% Ballbesitz zu einem 2:1 gegen Gladbach quälte, schienen die Katalanen nicht nur ein ganz anderes Spiel zu spielen, sondern es bereits zu revolutionieren.

Was war geschehen?

Bis heute gilt Lionel Messis Aufstellung als falsche Neun in dieser Partie als überraschend und riskant. Doch Pep Guardiola wusste exakt, worauf er sich einließ. Bereits im Alter von 17 Jahren hatte Messi auf dieser Position Luft in der ersten Mannschaft Barcelonas sammeln sollen, auch unter Frank Rijkaard erhielt er einige Kurzeinsätze auf dieser Position – wie es der Niederländer auch mit Ronaldinho und Eidur Gudjohnsen versuchte. In diesen Kurzeinsätzen erzielte Messi einige Tore, wurde aber zugunsten von Stürmerstar Samuel Eto’o auf den rechten Flügel geschoben. Auch bei der U21-Weltmeisterschaft lief Messi nominell als Mittelstürmer auf.

Guardiola wusste also genau, worauf er sich einließ – riskant, aber nicht unmöglich. Nur wenige Wochen zuvor wurde auch Bojan Krkic auf dieser Position probiert, die Mannschaft sollte sich bereits an die Laufwege eines anderen Stürmers anpassen. Gegen Real dann der Schock für Juande Ramos, ähnlich, wie es Guardiola später mit Cristian Tello gegen José Mourinho versuchen sollte. Es funktionierte, aber etwas überraschend wurde die falsche Neun wieder ad acta gelegt.

Im Sommer 2009 kam Zlatan Ibrahimovic und ersetzte Samuel Eto’o. Der großgewachsene Schwede sollte mit Messi, Krkic und Co. harmonieren, doch im weiteren Saisonverlauf spielte er sich nach guter Anfangsphase selbst aus der Mannschaft. Zum Saisonende hin wurde Messi abermals als falsche Neun gegen Valencia und Real Madrid genutzt, es bahnte sich also der Formationswechsel der nächsten Saison an.

Lionel Messis Idealposition

Statt der zusätzlichen Option eines kopfballstarken und kräftigen Hünen im Zentrum verlangte Guardiola nach mehr Beweglichkeit. David Villa wurde verpflichtet, noch bevor Ibrahimovic gegangen war; zugegeben, es hätten im bevorstehenden Rauten-4-3-3 beide als Halbstürmer neben beziehungsweise vor Messi agieren können, doch Villa war wohl nie als Konkurrent oder Ersatz für Ibrahimovic eingeplant.

die Aktionsradien der jeweiligen Akteure zu Beginn des Rauten-4-3-3

In der Saison 2010/11 folgte letztlich ab dem dritten Spieltag die endgültige Umstellung des Systems.  Nach der Niederlage gegen Hercules im zweiten Saisonspiel lief Lionel Messi nun als falsche Neun auf. Im weiteren Saisonverlauf sollte Pedro Rodriguez sich in die Mannschaft spielen, die Experimente mit Bojan Krkic oder Andrés Iniesta auf dem Flügel scheiterten ebenso wie Villas Aufstellung als Mittelstürmer.

Stattdessen entwickelte sich ein 4-1-2-1-2 mit zwei relativ eng agierenden Flügelstürmern. Nach sechs Siegen in Folge bei einem Torverhältnis von 23:3 empfingen die Katalanen zuhause Real Madrid. Das 5:0 war ein weiteres Schlüsselspiel, Messi legte Villa innerhalb von drei Minuten zwei Tore auf unnachahmliche Weise auf – gleichzeitig schloss Barcelona seine Aufholjagd ab, überholte die Madrilenen und gab die Tabellenführung nicht mehr her.

Der detaillierte taktische Plan dieses anfänglichen Systems

Die Voraussetzungen für den theoretischen Part sind nun gegeben. Guardiola griff immer wieder gerne in seine Trickkiste mit Messi als falscher Neun, stellte in vielen Spielen im Spielverlauf um oder implementierte gar ein 4-2-4 in den Schlussphasen. Aber erst eineinhalb Jahre später wurde die falsche Neun zur Norm und ab da begannen die vielfältigen Anpassungen.

In der anfänglichen Spielweise banden die beiden Stürmer vor / neben Messi jeweils zwei Mann. Sie agierten sehr tornah und bewegten sich zwar in der Nähe des Außenverteidigers, okkupierten in ihren Bewegungen aber auch die Innenverteidiger und hinderten diese an der Verfolgung von Lionel Messi.

Die Breite gaben da noch die Außenverteidiger im letzten Spielfelddrittel. Auch ohne seinen kongenialen Partner Messi sorgte Alves für Wirbel auf der gesamten rechten Außenbahn, auf links übernahm Iniesta die Rolle, da Abidal zu Beginn noch etwas unpassend im System Barcelona erschien: zu groß, zu defensiv, zu langsam. Die Flügelposition auf links übernahm deswegen situativ Andrés Iniesta, welcher dort ebenfalls seine Idealposition fand.

Immer wieder wich er zwischen seiner nominellen Position als halblinker Achter auf den Flügel und schob von dort wieder hinein. Er infiltrierte die Räume zwischen den Linien, ergänzte Messi und sorgte für die nötige Ballsicherheit, wo es am engsten war. Als Nadelspieler ließ er schon beinahe abgestorbene und in Sackgassen manövrierte Spielzüge mit seiner einmaligen Technik und Spielintelligenz wiederauferstehen, gleichzeitig öffnete er für die Stürmer Räume, bespielte die Schnittstellen und zog Gegenspieler von Xavi weg. Dieser hatte alle Zeit der Welt, um das Spiel zu kontrollieren – wie bei seinen vier Assists im Mai 2009.

Anpassung durch veränderte Asymmetrie

Im Laufe der Zeit suchte Guardiola aber nach Verbesserungen und insbesondere nach etwas anderem: mehr Raum und mehr Kontrolle. Nicht umsonst waren Maxwell und Adriano im Kader, langfristig sollten sie wohl die nötige Höhe und Breite auf links geben, um die Asymmetrie zu beseitigen.

Abidal spielte im weiteren Verlauf höher (alternativ auch Maxwell oder Adriano) und dies wirkte sich auf die Bewegungen der anderen Spieler positiv aus

Sie sollten Iniesta entlasten und die Flügel wie Alves auf rechts beackern, doch es sollte letztlich doch Abidal sein, der einen Sprung nach vorne machte und diese Position im Laufe der Zeit hervorragend interpretierte.

Zurückhaltend genug, dass die Synergien und Bewegungen von Iniesta nicht abstarben; ausreichend genug, dass der schmächtige Europameister aus Fuentealbilla bei Bedarf woanders hin orientieren könnte, ohne das Spiel einzuengen. Die Abhängigkeit von Iniesta wurde verringert, seine Verletzungen hatten noch gegen Inter in der Vorsaison ein mögliches CL-Finale gekostet. Allerdings sollte Guardiola sich damit nicht zufrieden geben, es wurden weitere Anpassungen vorgenommen.

Das Vorwegnehmen gegnerischer Anpassungen

Eine große Stärke des Trainers der Blaugrana war die unentwegte Veränderung seines Systems, weswegen sein Team schwierig zu berechnen war. Bevor sich der Gegner durch das Isolieren eines Defensivspielers nach vorne, die Umstellung auf eine Dreierkette oder eine extrem enge Viererkette anpassen konnte, schob Guardiola Stück für Stück seine Flügelstürmer in die Breite.

Damit erhielt Messi mehr Raum in der Zentrale, der Gegner musste sich neu anpassen und die Außenverteidiger wurden entlastet, da man nun durchgehend ausreichend Breite im letzten Spielfelddrittel hatte. Es war kein Wunder, dass Guardiola später die Position des Flügelstürmers als laufintensivste bezeichnete, denn die beiden mussten nicht nur die Breite geben, sondern immer wieder in die Mitte ziehen und Schnittstellenpässe verwerten. Dazu kam die enorme Arbeit im Pressing, welche letztlich mit Villa, Pedro und Messi enorm gut funktionierte.

die Außenstürmer agierten breiter, die Rollen veränderten sich abermals und Messi erhielt (noch) mehr Zugriff auf den effektiven Raum vor dem Tor

Um diese Arbeit zu verringern, wurden die Pressingphasen verkürzt und die Ballbesitzphasen erhöht, was dank der Anpassungen gut funktionierte. Hinzu kamen neue Akteure wie Sergio Busquets, welche dabei halfen. Jener spielt auch bei der Nutzung der falschen Neun eine enorme Rolle.

Wie Sergio Busquets auf die tiefe spielmachende Neun wirkte

Diese Spielweise von Guardiolas Mannen kam in eine Zeit, wo viele Mannschaften sich generell stärker an den Gegner anzupassen begannen und viele nur noch mit einem Stürmer agierten. Der Raum war dadurch enger, die Kompaktheit geringer und die falsche Neun von mehr Gegner eingeschlossen. Mit dem breiten Flügelstürmern öffneten sie zwar die Wege nach vorne, aber im Mittelfeld wurde es durch die vielen Spieler eng.

Busquets half dabei, die gegnerischen Pressingzonen peu à peu nach hinten zu schieben. Wie im Blog von AllasFCB zu lesen, gab es beispielsweise am 20. Februar 2011 eine Partie, wo Busquets sich defensiv als Linksverteidiger präsentierte, dann aber wiederum ins Mittelfeld aufrückte. In unserer Mannschaftsanalyse vor einem Jahr zeigten wir auch, dass sich Busquets im Aufbauspiel wie auch bei der Absicherung zwischen die Innenverteidiger fallen ließ. Die Außenverteidiger konnten nicht nur im Angriffsverlauf höher aufrücken, sondern sich längerfristig hoch positionieren.

Dadurch gab es mit den abgesicherten Innenverteidigern, den hohen Außenverteidigern und den Flügelstürmern, welche nun je nach Gegner eng, breit oder asymmetrisch agieren konnten (siehe den Verweis auf obiges Spiel), in allen drei Dritteln auf beiden Seiten breitegebenden Spielern. Die horizontale Kompaktheit des Gegners war somit trotz fünf Mittelfeldspielern ungemein schwer zu halten, dazu wurden Konter besser abgefangen und die Defensive konnte bei Bedarf zu einer Fünferkette umgestellt werden.

Dies war in gewisser Weise auch die Reaktion auf sehr tiefe Systeme, in welchen Busquets teilweise in Manndeckung von einem der Angreifer oder einem hängenden Stürmer genommen wurde. Um dies zu neutralisieren und in die Zonen bis zu Messi zu kommen, rückte einer der Innenverteidiger auf. Das war aber riskant und sorgte für Instabilität, Risiko sowie eine Asymmetrie. Der Innenverteidiger konnte auch nur die frontalen Räume, also nur eine Seite, ansteuern und bespielen, weswegen sich ein abermaliger Formationswechsel anbahnte.

Guardiola belebt die Dreierkette wieder und besetzt das Sturmzentrum flexibel

Die situative Spielweise mit tiefem Busquets wurde dann in der Folgesaison zur Norm. Barcelona implementierte ein 3-3-4/3-4-3-System, in welchem auch jemand anders als Busquets zentral agieren konnte. War es Busquets in der Mitte, dann konnte sogar mit einer Art Zweierkette oder asymmetrischer Dreierkette gespielt werden. Aber auch andere Aspekte wurden variiert, wie zum Beispiel mit welcher Intensität und Ausrichtung gespielt wurde.

Durch diese Dreierkette konnten sie starkpressende Zwei-Stürmer-Systeme besser auseinandernehmen, hatten überall Breite gegen ein System mit Raute und ermöglichten die flexible Besetzung des Sturmzentrums durch Neuzugang Cesc Fabregas, welcher verhindern konnte, dass Messi von einem direkten Gegenspieler aus der Abwehr einfach verfolgt wurde oder ein Fehlen von Iniesta in eventuellen 4-3-3-Aufstellungen so schwerwiegend wie in der Saison 2009/19 war.

in der Folgesaison wurde die Dreierkette installiert – um die Veränderungen des Systems (ohne veränderte Spielertypen) darzulegen, nutzen wir die gleiche nominelle Aufstellung

In diesem System gab es bei perfekter Spielweise fünf Spielgestalter, eine sattelfeste Abwehr mit zwei breiten Innenverteidigern, situativer Breite im Mittelfeld und breiten Flügelstürmern trotz möglicher Doppelbesetzung des Sturmzentrums; kurz gesagt, es war der ideale Verbindung zwischen den unterschiedlichen 4-3-3-Systemen, dem früheren 4-2-4-Alternativsystem und der situativen Dreierkette, welche überarbeitet wurde.

Die fluide Neun hatte somit noch mehr Freiheiten, weil sie theoretisch gar nicht mehr die Sturmspitze okkupieren musste und dennoch nicht im Ansatz verfolgt werden konnte. Außerdem hatte sie mehr Mitspieler und Kombinationspartner bei gleichbleibender Breite. Die Anzahl der Kombinationspartner wurde dann noch erhöht, indem weitere Stürmer ins Mittelfeld gezogen wurden.

Alexis Sanchez, die fluide Neun und das Zweistürmersystem

Wichtig dafür war die Verpflichtung von Alexis Sanchez. In jenen Spielen, wo sich immer mehr Akteure im Mittelfeld versammelten, schien er mit seinen Horizontalläufen die gegnerische Viererkette nahezu alleine in die Tiefe zu drücken. Immer wieder brach er seine Horizontalläufe ab, startete in die Tiefe und setzte sie wieder fort. Die Abwehr des Gegners hatte beim Aufrücken eine Barriere, weil sie immer wieder Acht geben mussten, ob nicht einer Sanchez hinterherlief, ein gefährlicher Pass in die Tiefe kam oder jemand schlecht aufrückte. Auch das kommunikative Übergeben an den Nebenmann verlangsamte das Aufrücken, die Kompaktheit war somit weniger schnell hergestellt und Barcelona hatte mehr Raum.

Dies sorgte für einen Mann mehr in der Mitte sowie Experimente mit Iniesta oder gar Thiago und Fabregas auf dem Flügel. Messi hatte immer mehr Kombinationspartner bei weniger Gegenspielern, was nötig war, weil viele Gegner vom 4-2-3-1 auf ein 4-3-3 umstellten, in welchem sie mit fluider Dreifachsechs agierten. Diese flexible Spielweise sollte von Barcelona einfach noch komplexer gemacht und mit zahlreichen Überladungen ineffektiv gemacht werden.

Später reagierten sie auch noch mit aufrückenden Halbspielern der Dreierkette und einem tieferen (statt höheren) zentralen Abwehrspieler, was dann für die viel diskutierte umgekehrte Pyramide sorgte. Auch hier sollte die falsche Neun, welche ein zunehmend großer Faktor für das eigene Team und das gegnerische Defensivspiel wurde, aus dem Klammergriff der immer kollektiv defensiver werdenden Teams befreit werden.

Guardiola verband dies auch mit einem aufrückenden zentralen Spieler aus dem Mittelfeld heraus, wodurch er bereits vor del Bosque bei der spanischen Nationalmannschaft die Position des Mittelstürmers flexibel besetzen ließ. Es waren auch die stärksten Partien von Fabregas im blau-roten Trikot, eines der hervorragendsten Spiele sollte mit diesem System auch dargelegt werden – jenem fulminanten 8:0 gegen Osasuna, welches in meinen Augen bis heute die Krönung von Guardiolas Trainerleistung darstellt.

Es sollten schließlich die letzten Anpassungen Guardiolas sein, welcher im Sommer 2012 sein Amt niederlegte. Seine Veränderungen waren taktisch immer interessant und schlüssig, er erhöhte nicht nur konstant die Torquoten seines Mittelstürmers, sondern auch den kollektiven Ballbesitz und beweist die Verbindung zueinander.

Und womöglich können wir in einigen Monaten oder Jahren auf die Veränderungen seines Nachfolgers, Tito Villanova, und das Weiterführen dieser Anpassungen zurückblicken und diesen Artikel ergänzen. Mit der schablonierten flexiblen Stürmerbesetzung im 4-3-3 hatte er schon eine Idee, welche bei uns Analysten Hoffnungen aufleben lässt.

Im nächsten Teil unserer Serie beschäftigen wir uns passenderweise damit, was für einen Spieler man benötigt, um die falsche Neun maximal bespielen zu können – in Form einer Spieleranalyse von Lionel Messi.

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